zu dir oder in mich? weltwoche über sinnsuche im osho-ashram

Zu dir oder in mich?

Bhagwan zeigte seinen Jüngern, wie sie mit Gruppensex ganzheitlich weiterkommen. Die Weisheit des Gurus ist natürlich ewig – auch wenn im indischen Pune heute zuerst die Erleuchtung gesucht wird, bevor man das Licht löscht. Ein spiritueller Quickie im Edelresort der Erkenntnis.

Von David Signer

Ich baue mich vor dem Iraner auf und schreie: «Du bigotter Vollidiot, steck dir deine Atombombe doch in den Hintern. So ein beschissenes Babygesicht wie deines ist mir noch nie begegnet – geh nach Bagdad und spreng dich in die Luft!»

Von Ekel geschüttelt, wende ich mich von ihm ab und widme mich der Französin. «Du verdammte Nutte», keife ich, «du verlogenes, hinterhältiges Weibsstück, hau ab in dein Pariser Bordell, wo du herkommst.» Tränen treten ihr in die Augen.

Da tritt ein bulliger Araber auf mich zu, Schweissperlen auf der Stirn, und brüllt auf Englisch: «Was hast du hier überhaupt verloren, du Sau-Nazi? Vierteilen sollte man dich, du deutscher Abschaum!»

Dann schlägt die Kursleiterin den Gong, und alle machen ein paar Lockerungsübungen.

Wir befinden uns im Workshop «AUM-Meditation», wo innerhalb von drei Stunden alle wesentlichen Lebensebenen – wie Hass, Liebe, Wahnsinn, Lachen, Sex – durchquert werden. Dieser Selbsterfahrungskurs ist Teil des Angebots im «Osho International Meditation Resort» im indischen Pune, früher besser bekannt als Ashram des «Sex-Gurus» Bhagwan (ja genau, der mit den Rolls-Royce).

Der Sannyasinn des Lebens
Die Zeiten haben sich natürlich geändert seit den siebziger Jahren, als die Europäer zu Tausenden hierher pilgerten, orange Kleider überwarfen, eine Holzperlenkette mit dem Bildnis des langbärtigen, listig dreinschauenden Meisters trugen und sich fortan Sannyasin nannten. Heute tritt das ehemals wilde Kloster als «Resort» oder «Club Med» (für «Meditation») auf. Poona wurde zu Pune, Bhagwan zu Osho, und seit er 1990 gestorben ist, geht es nicht mehr darum, sich dort niederzulassen, um tagein, tagaus zu Füssen des Erleuchteten zu sitzen. Die meisten Gäste kommen heute für zwei, drei Wochen, um zu meditieren, Kurse zu belegen, aufzutanken, dann gehen sie zurück in ihre Welt. «Ein spirituelles Disneyland für unzufriedene Erste-Welt-Yuppies» nannte es das Wall Street Journal. Das Osho-Resort ist wohl das grösste Therapie- und Meditationszentrum der Welt. Pro Jahr kommen rund 200000 Besucher aus hundert Ländern, und sie sind bereit, hundert Franken pro Tageskurs hinzublättern. Noch einmal so viel kostet das Gästehaus. Das Osho-Resort lebt davon, dass es einerseits Ich-Vergessen und Sichgehenlassen lehrt, sich andererseits aber an Menschen richtet, die in der globalen Leistungsgesellschaft top funktionieren und sich gerade deshalb nach ganzheitlicher Lockerung sehnen. Diese Klientel hat es gerne spirituell, aber das Essen sollte doch pünktlich und das Interieur geschmackvoll sein. Mit anderen Worten: Das Resort ist eine postmaterialistische Einrichtung; es geht nicht wie beim klassischen Eremiten darum, sich aus der modernen Welt in die Höhle zurückzuziehen, sondern um Höhenflüge vom sicheren Boden der Grundversorgung aus. Nur der Wohlhabende realisiere, sagte Osho, dass die innere Leere nicht mit Geld aufgefüllt werden könne. Und: «Alle kümmern sich um die Armen; ich kümmere mich um die Reichen.»

Einfach nur «Gott»
Das «Samadhi» ist eines der Meditationsgebäude im Resort, ganz aus grauem Marmor, mit einem gigantischen Kristallleuchter. Hier findet sich Oshos Bibliothek aus etwa 100000 Büchern (von Laotse über Nietzsche bis zu Tolstoi) und sein Grabstein mit den eingemeisselten Worten: «Never Born, never Died. Only visited this planet Earth between December 11, 1931 and January 19, 1990.» In der Eingangshalle steht einer seiner berühmt-berüchtigten neunzig Rolls-Royce. Dazu gibt es die Anekdote von Sai Baba, einem andern berühmten indischen Guru. Er fragte Osho eines Tages mit einem kritischen Unterton: «Willst du mir nicht einen deiner Rolls-Royce geben?» Osho antwortete: «Aber nur, wenn du alle nimmst!» Damit stürzte er den guten Sai Baba in ein Dilemma. Was hätten die Leute gedacht?

Zur Welt kam der erfolgreichste Guru des 20. Jahrhunderts als Rajneesh Chandra Mohan in einem Dorf in Madhya Pradesh. Er studierte Philosophie und wurde Professor an der Universität Jabalpur. 1966 gab er seine Stelle auf, um als gefragter Vortragsreisender durch Indien zu touren. Nach und nach scharte er Jünger um sich und gab sich selbst den Sanskrit-Namen Bhagwan, «Gott». 1974 gründete er den Ashram in Pune. Der Prinz von Hannover kam, die Schauspielerin Eva Renzi, Freistildenker Peter Sloterdijk bezeichnete den Guru als «eine der grössten Figuren dieses Jahrhunderts», und Jörg Andrees Elten, der als Starreporter gekommen war, um für den Stern eine süffige Story zu schreiben, ersetzte kurzerhand seinen Anzug durch die rote Robe, nannte sich fortan Satyananda und schrieb den Bestseller «Ganz entspannt im Hier & Jetzt» über seine Erweckung.

Den Indern war das alles etwas suspekt, insbesondere vermutlich die Verbindung von «Kloster» und Sex und das dauernde Umarme und Geknutsche in aller Öffentlichkeit. Nach Konflikten mit dem Finanzamt nahm Bhagwan 1981 schliesslich den Hut, beziehungsweise die Wollmütze, und setzte sich in den US-Bundesstaat Oregon ab, wo er einen zweiten Anlauf nahm, seine Kommune zu realisieren. Aber wieder überschlugen sich die Skandale. Eine Hauptrolle spielte dabei seine Sekretärin, die Inderin Ma Anand Sheela, die schliesslich für drei Jahre ins Gefängnis wanderte (und jetzt in der Schweiz Alte pflegt). Auch Bhagwan selbst sass zwölf Tage in Haft, wegen Verletzung von Immigrationsbestimmungen. Danach wurde er ausgewiesen und landete nach einer internationalen Odyssee abermals in Pune, wo er den verwaisten Ashram wieder aufbaute. Kurz vor seinem Tod sagte er: «Sprecht nie von mir in der Vergangenheit. Meine Präsenz hier wird um einiges grösser sein ohne die Bürde meines Körpers.»
Er behielt Recht. Das Osho-Resort ist heute, nach dem Taj Mahal, die zweitwichtigste Besucherattraktion in Indien. Vier Millionen seiner Bücher werden jährlich verkauft, in 53 Sprachen. Die Website osho.com hat mehr als fünf Millionen Besucher jährlich. Die Sunday Times in London listete die «1000 Macher des 20. Jahrhunderts» auf, Osho war dabei, und Bestsellerautor Tom Robbins bezeichnete ihn einmal als den «gefährlichsten Menschen seit Jesus Christus». Und auch in Indien selbst dreht der Wind. Die Sunday Mid-Day zählte Osho kürzlich, zusammen mit Gandhi, Nehru und Buddha, zu den zehn Leuten, die Indiens Schicksal prägten. Und inzwischen werden auch Tata-Konzern-Manager und Punes Polizeioffiziere zu Kursen ins Resort geschickt.

Liebe den Nächsten
Die Welcome-Halle erstrahlt im coolen Glanz von poliertem Marmor und Chromstahl; im Hintergrund plätschert Wasser über eine Schiefermauer, Chill-out-Sound, während der Blick über den Park mit dem weissen Buddha vor dem Weiher schweift. Hier bekommt jeder Neuankömmling ein High-Tech-Gerät in die Hand gedrückt, das ihn mit Vibrationen und Leuchtzeichen zielgenau durchs Eintrittsprozedere navigiert: Datenerfassung am Computer, Digitalfoto, HIV-Test, die obligate bordeauxrote Robe kaufen, umgerechnet sieben Franken zahlen, Vouchers für Verpflegung, Bücher und Gebrauchsartikel aus dem internen Laden kaufen (Bargeld hat im Resort nichts zu suchen) und Eintagespass mit Magnetstreifen entgegennehmen. Dann geht’s zur Welcome-Tour, zusammen mit rund zwanzig andern Novizen. Dort kriegt man eine Einführung in die verschiedenen Meditationen, die angeboten werden, das «Multiversity» (im Gegensatz zu «University») genannte Kursprogramm und Oshos Botschaft, durch die all das zusammengehalten wird.
Osho, der – gemäss eigener Aussage – 1953 erleuchtet wurde, merkte, dass den Westlern allein durch traditionelle Meditation (inneres Stillwerden oder zumindest Abstandnehmen vom unaufhörlichen Gedankenfluss) nicht zu helfen war. Um die Vorherrschaft des Verstandes, die Kontrollwut, das Leistungsprinzip, die jahrhundertelange Einschüchterung durch die Religion und die körperliche Verkrampfung aufzulösen, bedurfte es anderer Methoden. So entwickelte er das, was er «chaotische Meditation» nannte, eine Kombination von wilden Atemtechniken, entfesseltem Tanz und klassischer Versenkung. Früh schon nahm er auch Anregungen aus verschiedenen westlichen Psychotherapien auf. Legendär waren in den siebziger Jahren seine «Encounter»-Gruppen, wo die Mitglieder – nach dem Motto «Alles rauslassen!» – abwechslungsweise mit den Fäusten aufeinander losgingen (der interne Arzt wurde zum Rippenbruch-Spezialisten) und amourös übereinander herfielen. Wie Freud war Osho der Ansicht, alles, was unterdrückt werde, kehre nur um so obsessiver wieder. Erleuchtung hiess für ihn, total zu sein, das heisst, alles an sich zu akzeptieren, nichts zu verdrängen, auch nichts Sexuelles. (Einem Sannyasin riet er, erst mal seine latente Homosexualität auszuleben und dann wiederzukommen). Die meisten Priester waren für ihn pseudoabgeklärt: Sie haben die Sexualität nicht überwunden, sondern unterdrückt – weil sie ein Problem damit haben; sie sind nicht jenseits der körperlichen Liebe, wie sie selbst meinen, sondern diesseits.

Sex wurde in Pune nicht nur als Selbstzweck zelebriert, sondern als Mittel zur Befreiung. Das Ziel war – klassisch buddhistisch – die Ich-Auflösung. Aber Vorbedingung war für Osho das Niederreissen von inneren und äusseren Barrieren, von eingeprägten Denk- und Verhaltensmustern, von emotionalen, intellektuellen und eben auch körperlichen Blockaden: Deprogrammierung, Dekonditionierung.

Atmen verbindet
So muss man sich bei der «Welcome-Tour» zum Beispiel einen Partner suchen und ihm einen Tanz aus dem eigenen Land vorführen. Danach gibt es eine Einführung in die «dynamische Meditation», bei der man unaufhörlich und heftig durch die Nase ausatmet und diesen Prozess durch Bewegungen des ganzen Körpers unterstützt. Diese Technik führt man seinem Partner vor, worauf dieser einen dann – zum allgemeinen Gelächter – überzeichnet imitieren muss. Schliesslich demonstrieren die Teilnehmer noch, wie man sich in ihrem jeweiligen Herkunftsland begrüsst: vom britisch-absurden «How do you do?» – «How do you do?» bis zur schwelgerischen kolumbianischen Umarmung.

Die Übungen sind vor allem dank der globalen Durchmischung lehrreich: Dass das, was wir gemeinhin als natürlich, normal oder spontan erachten, gesellschaftlich gemacht ist, wird gerade im Kontrast der kulturspezifischen Verhaltensweisen augenfällig. Natürlich fördern solche Exerzitien nicht nur die Selbsterkenntnis, sondern auch die Kommunikation. Und da es zur Regel gehört, sich jeweils einen gegengeschlechtlichen Partner zu suchen, liegt immer eine gewisse Erotisierung in der Luft. So verlässt fast jeder die Einführung mit einer neuen Bekanntschaft («wir haben uns connected», wie man das im internen Jargon nennt), hinüber zum vegetarisch-organischen Buffet, um sich bereits ein bisschen ganzheitlicher zu fühlen.

Alles ist bestens organisiert, fast zu gut. So muss sich jeder am Eingang des Restaurants die Hände mit Seife waschen. Beim Selbstbedienungsbuffet ist Folgendes wichtig: Den gefüllten Schöpflöffel muss man herausnehmen, über das Serviertablett halten und sich erst dann schöpfen. Keinesfalls darf man den Teller in die Vitrine halten, um ihn sich dort zu füllen. Es könnte sonst nämlich etwas, das bereits vom eigenen Teller oder einer Berührung kontaminiert wurde, ins Buffet zurückfallen und auf einen Schlag alle Osho-Anhänger dahinraffen.

Besonders streng sind die Vorschriften für die Abend-Meditation im «Auditorium», der grossen Marmorpyramide (sie fasst 5000 Leute). Vorgeschrieben ist eine weisse Robe, auch sollte man frisch geduscht erscheinen, aber ohne Seifen-, Shampoo-, Parfüm oder After-Shave-Duft. Bis vor kurzem gab es noch einen Aufpasser am Eingang, der jeden beschnupperte und Unangepasste zurückwies. Diese Sensibilitäten gehen zurück auf Osho, der an allen möglichen Allergien litt. Bei der Abendmeditation darf auch nicht geniest, gehustet oder geschnäuzt werden. Fehlbare werden freundlich, aber bestimmt hinausgeleitet. Erkältete, Vergrippte oder alte Männer mit chronischem Raucherhusten werden gebeten, stattdessen am Abendtreffen auf der Omar-Kayyam-Veranda teilzunehmen. Zehn Minuten vor Beginn werden die Tore geschlossen. Natürlich reizen diese Vorschriften zur Übertretung. Am Eingang hängt ein Informationsblatt mit dem Titel: «A robe is a robe is a robe» und «White is white is white». Anhand von Fotos («falsch» – «richtig») wird auch dem letzten Deppen klar gemacht, dass «weiss» nicht sandfarben, cremefarben oder golden heisst und «Robe» nicht Sari und nicht Pluderhose und auch nicht Nachthemd. Am Pool sind nur weinrote Badekleider zugelassen. Mit meiner zwar dunkelroten, aber weissgestreiften Badehose hatte ich keine Chance; ich musste eine klubeigene erstehen.

Lauter Gibberisch
Aber ansonsten ist der normative (oder «Sekten»-)Aspekt in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Auch Oshos Stuhl wird nicht mehr jeden Tag auf den grossen Platz hinausgetragen. Am ehesten weht der alte Geist noch im besagten Abendtreffen, auch «Osho White Robe Brotherhood» genannt. Es beginnt mit freiem Tanzen zu energiegeladener Musik. «Die Tanzphase beinhaltet zwei oder drei laute ‹Osho›-Rufe und endet mit drei ‹Osho›-Rufen», instruiert das Info-Heft. «Die Arme den Sternen entgegenzurecken, ist Ausdruck unserer Sehnsucht nach einem höheren Bewusstsein. Der Ruf ‹Osho› sollte kurz und knapp sein und wie das Brüllen eines Löwen aus dem Bauch aufsteigen. Dein Zentrum liegt vier Zentimeter unterhalb des Nabels. Achte darauf, wo der Ruf entsteht. Gehe nach innen zu dieser Quelle. Der Ruf hämmert nicht nur dein Zentrum, dein Sein, sondern weckt in dir zudem ein enormes Gefühl von Freude, Lachen, Tanz. Es ist ein Fest. Je totaler du tanzt, desto leichter fällt es dir anschliessend, still zu sitzen.»

Nach der Stille-Phase wird eine Video-Kassette mit einem Osho-Vortrag abgespielt. Anschliessend gibt es «gibberish» (Kauderwelsch): «Du sitzt, schliesst die Augen und fängst an, unsinnige Laute von dir zu geben – Gebrabbel, Geräusche, Gibberisch. Erlaube dir, alles auszudrücken, was aus dir herauskommt, aber nicht in einer Sprache, die du kennst. Wirf alles heraus.» Anschliessend gibt es wieder tiefe Entspannung.

Das alles klingt reichlich schräg. Aber das Überraschende ist, dass es wirkt. Nach ein paar Tagen mit dem vollen Programm fühlt man sich wie neugeboren. Das brachte sogar den Reporter des Adac-Reisemagazins dazu, kürzlich zu konstatieren: «Aus dem einst umstrittenen Ashram des Bhagwan in Poona wurde eins der aufregendsten Wellness-Center der Welt – mit Wohlfühl-Angeboten für Körper, Geist und Seele.»

Alles bleibt anders
Schwierig zu sagen, was der Meister dazu gemeint hätte. Nach seinem Ableben kam es in der Führungsriege zu heftigen Auseinandersetzungen über den zukünftigen Kurs, bis sich die Reformer schliesslich durchsetzten. Für die Abgesprungenen ist das aktuelle Resort «Osho light», Kommerz, Touristenkram, der mit Spiritualität und «totaler Hingabe» («Surrender», eines von Oshos Schlüsselwörtern) nichts mehr zu tun hat. Aber eines ist sicher: Osho war für stete Veränderung – im Hier und Jetzt sein, nicht an Vergangenem hängen. Und er verstand sich nie als Guru, der eine Doktrin verkündet. Eher stand er in der Tradition der Zen-Meister, die ihren Schülern durch unaufhörliche Verwirrung die Augen öffneten. Der Ashram war für ihn kein Kloster, kein Sekten-Zentrum, sondern ein alchemistisches Labor. Und so ist es vielleicht nicht nach seinem Buchstaben, aber nach seinem Geist, dass es in Pune heute nicht mehr wie in den siebziger Jahren um «Aussteigen» geht, sondern jeder frei ist, auf seine persönliche Art mit Oshos Hinterlassenschaft umzugehen. Vielleicht wird der Name «Osho» sogar nach und nach aus dem Resort verschwinden. Na und? Schliesslich geht es um Auflösung des Ego im Kosmos, Nirwana, und schliesslich leitet sich der Name «Osho» aus «oceanic» ab.

Später am Abend findet in der grossen Pyramide noch «Celebrating Sannyas» statt, die Feier zu Ehren der neuen Sannyasin. Das Licht ist gedämpft; die Novizen werden mit ihrem neuen indischen Namen aufgerufen, setzen sich in die Mitte, Osho spricht ab Konserve, dann geht das Licht wieder an, die hauseigene Band spielt auf, man umarmt, umtanzt, umschwärmt die Neuen, lässt sie hochleben, feiert mit ihnen.

Mensch, lass nach
Eine derjenigen, die heute «Sannyas genommen» haben, wie man sagt, ist Marina aus der Ukraine. Sie ist 19, studiert Anglistik. Sie war zuerst mit ihrem Freund in Goa, jetzt verbringt sie zwei Wochen hier. Die Ideen von Osho waren wie eine Offenbarung für sie, und sie entschied sich nach wenigen Tagen einzutreten. Sie ist fasziniert von Schamanismus und eine begeisterte Leserin von Carlos Castaneda. Ein paar Tage später treffe ich sie wieder an der Samstagabend-Party auf der Plaza. Sie ist erstaunt, dass einer der ersten Effekte ihrer neuen Mitgliedschaft ist, dass sie wieder zu rauchen begonnen hat. (Eine Frau am Nebentisch erzählt dazu eine Anekdote, die Oshos Esprit illustriert. Einer seiner Jünger sagte ihm, er wolle aufhören zu rauchen. Osho riet ihm, stattdessen Rauchen als Meditation zu pflegen: sich jeweils voll auf die Zigarette zu konzentrieren und nichts anderes daneben zu tun oder zu denken. Daraufhin reduzierte sich die Sucht rasch und verrauchte schliesslich ganz.)

Eine neueingeweihte Türkin, die ich nach ihrer Geschichte frage, sagt schlicht und ergreifend: «This is heaven.»

Was es praktisch nicht hat, sind Afrikaner. «Loslassen können» ist vielleicht nicht ihr vordringliches Problem. Hingegen stammen auffallend viele der Resort-Besucher aus Taiwan und andern asiatischen «Tigerstaaten». Man sieht sie oft in Gruppen von Gebäude zu Gebäude hetzen, ein Auge auf das Programm in der Hand gerichtet, das andere auf die Uhr. Sie absolvieren die Meditationsangebote wie einen Vita-Parcours. Sie kommen vermutlich her, weil sie materialistisch und leistungsorientiert sind, es aber nicht sein wollen. Vielleicht sind sie in einer ähnlichen Verfassung wie bei uns die Hippies in den Sechzigern und Siebzigern. Viele der Taiwaner sprechen von einer «inneren Leere» und einem Gefühl der Sinnlosigkeit.

Einer von ihnen ist Jimmy, der an diesem Abend auch Sannyas nimmt. Er ist dreissig, Programmierer und sagt von sich, er habe die vergangenen zehn Jahre praktisch nonstop zwölf Stunden pro Tag gearbeitet, ohne Wochenende, ohne Ferien. Er hat offenbar eine Art Zusammenbruch erlitten und bleibt jetzt vorläufig hier, «vielleicht ein paar Wochen, vielleicht ein paar Monate».

Ebenfalls aus Taiwan stammt Li Mei-Ling. Ihr neuer indischer Name lautet Prem Pramada, «Liebe und Freude». Sie ist Mitte dreissig, Akademikerin, erfolgreiche Geschäftsfrau. Vor ein paar Jahren traf sie auf Osho-Gruppen in Taipeh und nahm an ihren Meditationen teil. Auch sie spricht von einem spirituellen Vakuum in ihrem Leben.

Vorsichtiger war Jutta. Die 60-jährige Deutsche ist schon seit zwanzig Jahren dabei, hat aber erst vor ein paar Monaten, anlässlich eines Kurses in Italien, Sannyas genommen. Ein Grund für ihr langes Zögern war, dass man früher die rote Robe und den indischen Namen auch ausserhalb des Ashrams tragen musste, was heute nicht mehr der Fall ist. Ihre Begegnung mit Osho hatte in Ostjerusalem begonnen. Anlässlich einer Ehekrise mit ihrem palästinensischen Mann (sie fand das dauernde Zusammensein mit seiner arabischen Grossfamilie unerträglich) hatte sie eine Therapie bei einem Psychologen begonnen, der sich als Sannyasin herausstellte. Er machte offenbar einen guten Job: Das Paar ist immer noch zusammen.

Dies ist Juttas erster Aufenthalt im Pune-Resort. Gleich in der ersten Gruppe, die sie hier besuchte, machte sie eine seltsame Erfahrung. Man bildete Zweiergruppen, und sie wurde einer Israelin russischer Herkunft zugeteilt. Erst waren sie sich überhaupt nicht sympathisch. Die Deutsche weckte bei der Israelin Nazi-Assoziationen, während sich umgekehrt herausstellte, dass der Mann der Israelin Polizeichef in Bethlehem war. Juttas Mann kam aus Bethlehem und kannte den Mann bestens. Schliesslich kamen sie darauf, dass die Paare beide in French Hill, einem Jerusalemer Quartier, praktisch Haus an Haus gewohnt hatten. Auf die Frage, ob es für sie nach all den Jahren noch bedeutungsvoll gewesen sei, Sannyasin zu werden, oder bloss noch eine Formalität, sagt Jutta: «In der Nacht danach war es plötzlich schmerzlich für mich: als ob ich vom bisherigen Leben getrennt sei. Aber jetzt überwiegt das Gefühl, eine neue globale Gemeinschaft gewonnen zu haben.»

Tatsächlich ist einer der faszinierendsten Aspekte des Resorts die Leichtigkeit, mit der man Kontakte mit Leuten aus aller Welt knüpfen kann, und oft trifft man genau die Menschen, die man braucht. Für einen Sannyasin sind das natürlich nicht Zufälle. Das Resort ist für ihn ein magisches, magnetisches Feld, wo passiert, was passieren muss, wenn man bloss offen genug ist, innerlich leer, damit etwas eintreten kann.

Eines Abends esse ich mit einem Software-Händler aus São Paulo. Wir sprechen über die Frustrationen in seinem Beruf, über das Leben in der Grossstadt, und schliesslich sage ich ihm, dass ich gerne einmal nach Bahia reisen würde. In diesem Moment tritt eine Brasilianerin an unsern Tisch, um ihn zu begrüssen. Er stellt sie mir vor und sagt: «Sie kommt aus Bahia, sie kann dir alles erzählen.»

Der rote Korsar
Das bessere der beiden Restaurants im Resort heisst «Zorba the Buddha» – die Kurzformel für die neue Totalität, die Osho vorschwebte. Er liebte das Buch von Nikos Kazantzakis über den lebensfrohen Griechen und träumte davon, dessen Ausgelassenheit mit asiatischer Versenkung zu verheiraten. Von dieser Spannung der Gegensätze leben die meisten Angebote im Resort. So gibt es zum Beispiel regelmässiges «Whirling» am Vormittag; dabei dreht man sich, wie die tanzenden Sufi-Derwische, endlos zu meditativer Musik im Kreis, bis man abhebt. Ich stellte mir immer vor, dass mir nach wenigen Minuten übel würde. Aber es funktioniert. Man muss bloss ganz langsam beginnen, vorsichtig beschleunigen, die Hände ausgestreckt halten und immer seine eigene Hand fixieren. Dann könnte man stundenlang kreisen und kreisen. Hat man sich trotzdem entschieden, wieder auf der Erde zu landen, muss man das Tempo gaaanz langsam drosseln, sonst kippt man gleich um. Dann legt man sich hin, schaut in die Bäume und den Himmel und staunt darüber, wie man zugleich nach innen und nach aussen gehen kann. Alexis «Buddha» Sorbas eben.

Am Abend werden jeweils «Mini-Sessions» angeboten. Ich buche ein paar Einzelsitzungen, bei denen Massage und Hypnose kombiniert werden. Einmal mache ich dabei einen innerlichen Blitzbesuch bei den Zwetschgen- und Mirabellenbäumen im Garten meines Elternhauses. Das ist wahrscheinlich der Anlass, warum ich mich für eine «Tree-Session» einschreibe. Ich weiss nicht, was mich erwartet, aber das «Bäumige» daran hat meine Neugierde geweckt. Die Sitzung ist auf 22.30 Uhr angesetzt. Ein kleiner Italiener mit Rossschwanz und einer tiefen, aber sehr sanften Stimme erwartet mich. Er erklärt mir andeutungsweise, worum es geht: Er wird vorausgehen und mich, mit Taschenlampe, zu Oshos Lieblingsbaum führen. Wir werden nicht reden, sondern auf dem ganzen Weg zusammen summen. Okay.

Über Schleichwege geht’s in einen privaten Teil des Resorts. Auf einem schmalen Steg überquert man vorsichtig einen Teich, durchquert einen Bananenhain und landet in einem Wäldchen mit einem Mandelbaum, vor dem ein Stuhl mit einer brennenden Kerze steht. Ich setze mich und kann jetzt aufhören zu summen. Der Italiener versetzt mich in eine leichte Hypnose. Wieder steige ich in Erinnerungen auf einen immensen Baum; das war in meiner Kindergartenzeit mein Schiff und ich der rote Korsar. Lustig, das habe ich vor mindestens zwanzig Jahren vergessen. Dann sagt der Italiener: Der Baum hat eine Botschaft für dich. Ich gehe zum Mandelbaum, berühre ihn und warte. Dann sagt mir der Baum, ich müsse keine Angst haben. Er hat Recht, denke ich. Irgendwann steht der Italiener neben mir, wir umarmen uns alle drei, und neben meinem Ohr läuft ein Tonbandgerät. Osho spricht über die Sprache der Bäume. Dann gehen wir summend zurück. «Tut mir leid wegen der Moskitos», sagt der Italiener. – «Nicht dein Fehler», sage ich und lache.

Auf dem Nachhauseweg treffe ich noch Frank, einen vierzigjährigen Journalisten aus Basel. Morgen fliegt er nach Hause. Er ist seit drei Wochen hier und die vergangenen Tage immer unruhiger geworden, weil sich rund um ihn Herz- und andere Chakras wie wild öffneten, während er einsam im Lotussitz auf seiner Matte hocken blieb. Aber im letzten Moment ist ihm jetzt doch noch ein «Date» geglückt, mit einer Japanerin. Er kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus und stammelt von «perlmutterweisser Haut», «mädchenhaftem Körper» und etwas von wegen «diese Asiatinnen – so zart und zurückhaltend und wissen doch so genau, was sie wollen». Anfangs hat er immer gespöttelt über das Resort, aber jetzt will er unbedingt so schnell als möglich wiederkommen – «um noch mehr über die vielfältigen Meditationstechniken, die hier angeboten werden, zu erfahren».

«Fucking with the cosmos»
Es mangelt nicht an originellen Angeboten: «Lach-Meditation», «Alchemie des 3. Chakra», «Im Dunkeln sitzen», «The Power of Love», «Wer bin ich ohne meine Geschichte?», «Zennis» (Zen-Tennis), «Lachende-Trommeln-Meditation», «Indischer Tempeltanz», «Neutral Mask», «Hip-Hop-Class», «Fusion Fitness», «Gurdjieff Bewegungen», «Opening to Intimacy», «Die Before You Die», «Neo-Reichianische Körperarbeit», «Chi Gong», «Bauchtanz», «Reiki», «Yoga», «Familienaufstellung», «Intuitives Tarot».Es gibt auch diverse Tantra-Gruppen. Aber es ist nicht, was sich viele vorstellen. Gleich am Anfang wird als Hauptregel mitgeteilt: keine sexuelle Aktivität während der nächsten fünf Tage. Es geht um Sublimation und Atemtechniken. Viele kommen dann nicht mehr am zweiten Tag.

Etwas vom Extremsten ist «Mystic Rose». Die Radikal-Meditation dauert drei Wochen. Jeden Tag von neun bis zwei. Die erste Woche wird nur gelacht, die zweite geweint, die dritte geschwiegen. Ich spreche mit einem 60-jährigen Belgier darüber, der vor zwei Jahren nach Pune gekommen und geblieben ist. «Das erste Jahr machte ich nichts, jetzt arbeite ich ein bisschen als Berater für Wasser-Aufbereitung. Nichts tun ist schwieriger, aber man erlebt mehr dabei. ‹Mystic Rose› ist eine Reise in deine Vergangenheit. Am Ende bist du etwa auf der Stufe eines Zweijährigen.» Das scheint mir etwas riskant. Ich melde mich stattdessen für den dreitägigen Kurs «Male/female – The Inner Merger» an.

Die Idee dahinter ist, wenn ich’s recht verstanden habe, dass es nicht primär Männer und Frauen gibt, sondern männliche und weibliche Energie. Oft haben Männer mehr männliche Energie, aber nicht zwangsläufig. In der Liebe und beim Sex findet ein Austausch dieser polaren Kräfte statt. Diese Energien können positiv oder negativ umgesetzt werden. Offenheit ist eine gute weibliche Eigenschaft, aber sie kann zu Passivität und Opferhaltung werden, so wie Entschiedenheit in Brutalität umschlagen kann. So besteht eine Übung darin, dass die Teilnehmer um einen Kreis herumstehen, der durch einen Wollfaden abgegrenzt ist. Dann muss man sich auf die «pervertierten» Formen der eigenen Männlichkeit konzentrieren und sie in den Kreis werfen. Anschliessend steigt man in die unsichtbare, giftige Brühe und lässt sich von den dort versammelten Negativenergien mitreissen.

Besonders gut bei solchen Übungen ist ein etwa 30-jähriger Deutscher. Immer, wenn von «Männlichkeit» die Rede ist, beginnt er zu brummen, zu grunzen und eine Art Brunftschreie von sich zu geben. Ist hingegen von «Weiblichkeit» die Rede, lässt er seiner «inneren Frau» freien Lauf, ergiesst sich in orgasmischem Stöhnen oder bricht in hemmungsloses Schluchzen aus. Ich frage ihn einmal, wie er das jeweils so spontan hinkriege. «Ich habe schon viele Kurse besucht», sagt er.

Es gibt Typen, die praktisch den ganzen Tag damit verbringen, Leute zu umarmen, dabei die Augen zu schliessen, ganz tief, bewusst und hörbar ein- und auszuatmen, «wahnsinnig positive energies» zu spüren und am Ende das Gegenüber mit einem tiefen Blick in die Augen zu fragen: «In welchem Prozess bist du, beloved?» Es gibt im Resort einen ehemaligen CIA-Agenten, der inzwischen zum Sufi mutiert ist, eine Taiwanerin geheiratet und sich einen Zehennagel rot angemalt hat, «um immer an seine weibliche Seite erinnert zu werden». Es gibt auch eine Inderin, die von morgens früh bis abends spät mit einer Blüte in der Hand tanzt und dabei selig lächelt. Ich spreche eine Kolumbianerin darauf an, die sie offenbar näher kennt. «She is fucking with the cosmos», sagt sie ganz sachlich.

Sinnen und Aussen
Einmal gehe ich zu Fuss vom Resort, das im grünen Villenvorort Koregaon-Park liegt, ins Zentrum von Pune. Das dauert etwa zwei Stunden. Ich drehe fast durch. Die Abgase, der Lärm, die Menschenmassen. Die Bettler, die sich zwischen den Autos auf der Strasse durchzwängen, meist mit einem Baby auf dem Arm (es heisst, sie würden jeweils tagsüber gegen ein kleines Entgelt ausgeliehen, um die Chancen auf dem Almosenmarkt zu erhöhen). Auf der Mahatma Gandhi Road eine Demonstration der Multiple Sklerose-Gesellschaft. Bungee-Jumping ist nichts im Vergleich zum Überqueren einer indischen Strasse. Fahrspuren scheint es nicht zu geben, die Autos, Rikschas, Mofas und Velos kommen aus allen Richtungen zugleich, unmöglich, alles im Auge zu behalten. Fussgängerstreifen, Ampeln oder Gehsteige existieren ebenso wenig, oder sie sind so vollgestellt mit Warenauslagen, dass sie unpassierbar sind. Und überall Götterschreine am Strassenrand, mit Räucherstäbchen, Opfergaben und farbigen Lämpchen, und Tausende von Tempeln, Moscheen und Kirchen. Pune, drei Fahrstunden von Mumbai entfernt, hat vier Millionen Einwohner. Eine indische Kleinstadt.

Akute Überreizung nach Tagen der Versenkung und der Stille. Es ist mein erster und letzter Ausflug. «Sei auf dem Marktplatz», sagte Osho, «aber lasse den Marktplatz nicht in dir sein.» Gut gesagt, aber schwierig umzusetzen, vor allem in Indien. Es gibt im Resort Menschen, die mit einem «Silence»-Button herumgehen. Sie wollen nicht angesprochen werden und verbringen manchmal Wochen schweigend inmitten Tausender von Leuten. Manche tragen sogar eine Augenbinde und müssen von jemandem geführt werden. Mit genug Geld könnte man ganz abtauchen hier und nie mehr rausgehen. Es gibt im Resort Internet-Café, Post, Wäscherei, Bank, Reisebüro und Schliessfächer. Das 17-Hektaren-Gelände ist praktisch autark. Das saubere Wasser kommt aus einem internen Brunnen, das Rohmaterial für die vegetarische Küche wird auf drei Biofarmen angebaut, sogar eine eigene Stromversorgung hat es.

Danach kräht ein Hahn
Am Ende meines Aufenthaltes fühle ich mich weichgeklopft genug für die AUM-Meditation. Aber zuerst gibt es ein obligatorisches Abklärungsgespräch. Ist der Kandidat belastbar genug, oder riskiert er, psychotisch zu werden? Die Kursleiterin erklärt den Ablauf und fragt: «Was denkst du darüber?» Einer sagt: «Ich bin sicher, wir werden viel Spass haben.» Er wird nicht zugelassen.

Jeder muss eine Flasche Wasser mitnehmen, die er im Laufe der drei Stunden trinken soll. Diese Aufforderung ist überflüssig. Nach dem Hass-Teil stürze ich schweissüberströmt und schon ganz heiser zu meiner Flasche. Die Kursleiterinnen haben in der Mitte des Auditoriums aus Matten einen relativ engen Kreis um die vierzig Teilnehmer gezogen. Dieser Kreis darf nicht verlassen werden, ausser zum Pipi-Machen, dann muss man den kleinen Finger in die Luft strecken. So wissen die Leiterinnen, dass, falls jemand plötzlich hinausflüchtet, ohne Pipi-Zeichen, sie sich um ihn kümmern müssen. Unkontrollierbare Weinkrämpfe und Zusammenbrüche mit Zittern am ganzen Körper kommen auch an diesem Abend vor.

Nach dem aggressiven Teil kommt das Gegenteil: Man sucht sich sympathische Gegenüber, schaut sich tief in die Augen, sagt: «I love you», und umarmt sich. Besonders verstörend ist, dass mir ein paar Leute Liebeserklärungen machen, die ich kurz vorher aus vollem Hals beschimpft habe.

Es gibt ein paar Minuten Durchschütteln, und dann wird man aufgefordert durchzudrehen. Ohne Lachen, ohne Theater. Den innersten, beunruhigendsten Wahnsinn hoch- und rauskommen lassen. Es heisst, man solle nicht auf die andern achten. Natürlich schielt man dennoch etwas herum, und, bei Gott, es ist kein hübscher Anblick.

Als Nächstes muss man sich die traurigsten Ereignisse seines Lebens vergegenwärtigen und den Tränen freien Lauf lassen. Aber ich muss offenbar noch etwas am Durchbrechen meines Charakterpanzers arbeiten. Gleich darauf: Lach-Phase. Es ist erstaunlich, wie ansteckend Stimmungen sind. Eben noch das Gesicht im Kissen vergraben und von kosmischer Sinnlosigkeit erfüllt, wälzen sich die Teilnehmer in der nächsten Minute am Boden und schnappen nach Luft wie durchgedrehte Clowns. Schliesslich: Sexualität. Man besinne sich auf die eigene Sinnlichkeit, strotzende Männlichkeit, unwiderstehliche Weiblichkeit und drücke sie durch Bewegungen oder Tanz aus. Dann suche man sich einen Partner, eine Partnerin und gebe sich den erotischen Energien gegenseitig hin. (Bedingung: Die Grenze liegt dort, wo es einem der beiden zu viel wird, und: bitte Roben anbehalten!)

Dann bilden alle zusammen einen grossen Kreis, geben sich die Hand und singen «Aum» zusammen. Darauf sagt man sich «Namaste!» («Grüezi» auf Hindi), faltet dazu in indischer Manier die Hände vor der Brust und umarmt sich. Schliesslich gibt es draussen am Wasser bei Kerzenschein Tee und Bananen. Man wird aufgefordert, nicht zu Fuss oder per Auto nach Hause zu gehen, sondern den Shuttle-Service zu benützen – «wir sind jetzt alle nicht ganz zurechnungsfähig».

Psychischer Muskelkater
Noch Tage nach meiner Rückkehr leide ich an Muskelkater, an Stellen meines Körpers, die ich offenbar bisher kaum bewegt habe. Insbesondere leide ich aber an einer Art psychischem Muskelkater: Es gibt offensichtlich auch geistige und emotionale Orte, die sonst schlafen, jetzt plötzlich aktiviert wurden und sich zum Teil schmerzlich, zum Teil lustvoll bemerkbar machen.

Im Resort gibt es einen elektronischen Hahn, der jede volle Stunde aus den Lautsprechern kräht. Die Idee dahinter: So wie uns der Hahn morgens aufweckt, so sollten wir mehrmals am Tag aus unseren Träumen und unserer Geistesabwesenheit zurückgeholt werden in das, was uns wirklich umgibt. Obwohl wieder weit weg von Pune, kräht dieser Hahn immer noch von Zeit zu Zeit in meinem Kopf und erinnert mich daran, was für intensive und verrückte Bewusstheiten möglich wären.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 13/06</blockquot

3 Gedanken zu “zu dir oder in mich? weltwoche über sinnsuche im osho-ashram

  1. Hallo nic – wie ich sehe fandest du den Artikel amüsant genug um darüber zu bloggen – sind ja auch herzallerliebst die spirituell-tantrisch verwirbelten Sannyasins. :)

    Vielleicht erinnert sich ja noch jemand an das PC-Spiel Pizza-Connection” wo sich ein bärtiger Mann namens “Bruno Backwahn” als Koch bewarb und sein Bewerbungsschreiben mit den Worten begann: “Pssst…nachdem das mit meiner Sekte nicht geklappt hat….” ;)

  2. Es gibt jetzt ein Buch, das die alten Tage in Poona wieder aufleben lässt:
    Wenn meine Leser – auch solche, die mich nicht kennen – nicht so begeistert auf mein neues Buch reagiert hätten, würde ich keine Werbung dafür machen, aber das Feedback ist so, dass viele sagen: „Spannender als ein Krimi und man hat auch noch was davon: nämlich wichtige Erkenntnisse fürs eigene Leben.“
    Also ich empfehle mit gutem Gewissen:

    Erleuchtung in Poona PRINTAUSGABE. Über den Link kann man reinlesen und es gibt auch eine Ausgabe für den Kindle: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B00B76F5RY/websitemoritzboe
    Nach dreißig Jahren ist das Thema immer noch interessant – wer damals dort war oder es in den Medien verfolgt hat, bekommt interessante Einblicke über unglaubliche Vorkommnisse und Möglichkeiten beim damaligen Bhagwan und wer noch nichts darüber weiß, dürfte umso spannender finden, was ich in Poona alles so erlebt habe. Ab 18 Jahren.
    Mit Erfolg vom Autor vorgestellt auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse.
    Moritz

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