er ist im besten sinne ein bunter hund – kurt weidemann biografisch

Wer kennt sie nicht, die Logos von coop, Zeiss, Merck und das der Deutschen Bahn? Nicht nur als Designer und Grafiker hat Kurt Weidemann das Erscheinungsbild der Bundesrepublik mitgestaltet – Als Lehrer, Berater, strenger Beobachter, Juror und nicht zuletzt als schillernder Charismatiker ist der Wahl-Stuttgarter immer noch gefragt. Erfahrung und eigener Stil sind eben zeitlos, genau so wie Weidemanns Typografien.

Die biografischen Gespräche Weidemanns mit den Journalisten Arne Braun und Heike Schiller sind keine Draufsicht auf einige Jahrzehnte Leben, sie sind vielmehr die lebendige, unzensierte Geschichte eines Freigeistes, der sein Leben meistert – grundehrlich und nie verzweifelt trotz aller Widrigkeiten die es zu überwinden gilt. Auch im Krieg, den Weidemann ohne Schuldzuweisungen und falsche Scham freiwillig als Soldat absolviert und aktuell in’s biografische Gespräch bringt.

Durch die Interview-Form des Buches, erhalten Weidemanns Kriegsschilderungen den Anstrich einer ungewöhnlichen Täter-Opfer-Dialektik, die zum Teil völlig lapidare Einsichten zu einem grausamen Kapitel vermittelt. Auch wenn sich Kurt Weidemann in diesen Jahren mehr als einmal fast am Ende sieht, geht die Erfolgsgeschichte weiter. Nicht zuletzt durch seinen unbedingten Willen zum Fach-Wissen. Larmoyanz kommt in Weidemann’s Vokabular nicht vor und so ist er sich nicht zu schade, sein Handwerk von der Pike auf zu lernen.

Vor allem will er die Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft „nachholen“ und beherrscht am Ende nicht nur die Kunst der Schrift sondern auch das der freien Rede. Konservative, praxisferne Lehrmethoden sind nichts für den Dozenten, der sich in den späten 60ern immer wieder auf die Seite seiner Studenten stellt. Disziplinarverfahren und Eklats nimmt er dafür standhaft in Kauf.

Auch auf Du und Du mit Persönlichkeiten wie Alfred Biolek oder Edzard Reuter verliert Kurt Weidemann nie die Bodenhaftung, seinen Humor, seine Menschlichkeit und Geradlinigkeit. Sie alle mögen ihn nicht trotz sondern wegen seiner Ecken und Kanten.

Die Kurt Weidemann-Biografie ist ohne Zweifel eine spannende Lektüre. „Nicht immer chronologisch, auch nicht immer logisch“, aber eben genau so, wie Kurt Weidemann wurde, was er heute ist. Einer der von sich sagt, dass er wie jeder andere auch ein echtes Arschloch nicht nur sein kann, sondern manchmal auch ist. „Er ist im besten Sinne ein bunter Hund“, resümiert Arne Braun. Empfehlenswert, nicht nur für Designer und Stuttgarter.

Kurt Weidemann
Biografische Gespräche
erschienen bei merz & solitude

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