Sportpilgern

Trendverdächtig: Zwei Sportpilgerer auf großer Fahrt
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Spätestens seit Hape Kerkeling ist Pilgern schick. Die meisten gehen den Jakobsweg zu Fuß, wenige fahren ihn mit dem Rad, noch seltener trifft man allerdings Sportpilger auf der Strecke. Genau genommen gab es deutschlandweit erst zwei. Einer davon, Kristijan Widmann, träumte schon als Kind von der Pilgerreise. „Ich hatte allerdings nie sieben Wochen Urlaub dafür“, erzählt der 33-Jährige aus Stuttgart. Trotzdem will Kristijan Widmann den Traum wahr machen und findet in Malte Busch (28) aus Leipzig, einen ambitionierten Mitpilger. Im Rennradsattel wollen die beiden 3000 Kilometer in 21 Tagen schaffen. „Ihr spinnt“, sagen Freunde und Kollegen einstimmig. Trotzdem: Im Frühjahr 2007 starten die Vorbereitungen.

Kristijan baut bequeme und stabile Pilgerräder, Malte plant die Route. Mit je acht Kilo Gepäck – darunter Regenjacke, Nivea, Schlafsack, Zelt, Stirn- und Taschenlampe, Ledertuch und Seife – geht’s schließlich im September los. Rund 200 Kilometer strampeln die beiden pro Tag, im Genfer See wird zum ersten Mal gebadet. „Wer Sportpilgern will, muss mit einigem klar kommen“, lacht Kristijan. „Wir sind schon mal ne Nacht lang durch gefahren oder 90 Kilometer ohne was zu Essen, wachten morgens im eigenen Schweiß auf oder wussten vor Schmerzen kaum weiter, aber die Auseinandersetzung mit dem inneren Schweinehund ist schon ein geiler Scheiß. Zwischendurch fühlten wir uns so frei und glücklich, dass wir gar nicht mehr nach Hause wollten – Wir hatten alles was wir brauchten, jeder Tag war neu und spannend.“ Foto: Club Mont Tonnere

Wann immer möglich suchen die beiden in der Dämmerung eine feste Behausung, nur in Notfällen müssen die Einmannzelte herhalten. „Mit dem Pilgerpass gibt es ja eine freie Übernachtung pro Herberge, was wir einmal auch genutzt haben. Die versifften Betten und schimmligen Wände waren mir aber echt zu eklig.“ In Le Puy kam dann der erste moralische Schock: „In der Sakristei saßen die Nonnen an Scannerkassen, dahinter Regale voller Kruzifixe, Muscheln und sonstigem Kram – Dieses Mega-Merchandising und dass man den Weg derart dem Tourismus preisgeben kann, hat uns echt betroffen gemacht“ sagt Kristijan. Erst als sie am Abend alleine in der Kathedrale sitzen und das seltene Orgelspiel hören, sind die beiden wieder mit ihrer Pilgerwelt versöhnt. Obwohl sich weder Malte noch Kristijan als christlich bezeichnen, hatten beide subtile Erwartungen an die Extrem-Tour. „Wir haben nie unsere Religion in Frage gestellt oder erwartet, Gott zu treffen,“ sagt Kristijan, der dennoch Ungewöhnliches erlebt: „Da kamen zum Beispiel Geschichten hoch, von denen ich dachte, sie seien längst abgehakt. Ich kam zu völlig neuen Erkenntnissen. Ob das an den Kraftlinien des Weges liegt oder an der ungewohnten Anstrengungen? Ich weiß es nicht.“

Die Pyrenäen waren körperlich ein harter Brocken für die zwei trainierten Sportpilger. „Man sieht die Berge ja schon von weitem und kann lange ahnen, was da auf einen zukommt“, erzählt Kristijan. „Nachdem wir die Gipfel dann hinter uns gelassen haben, sind wir erst mal mit einigen Spaniern durch die konspirativen Bars und Clubs von Bilbao gezogen, bevor die Ziel-Etappe nach Santiago de Compostella anstand.“ In der dortigen Kathedrale holen sich die beiden den letzten Stempel für den Pilgerpass und radeln weiter nach Porto, wo die Sportpilger mitsamt Pilgerkarren in den Flieger steigen und nach Hause fliegen. Zurück in Stuttgart wird erst mal auf dem Wasen gefeiert, denn: Pilgern kann man auch von Tresen zu Tresen ist Kristijan überzeugt.
400 Euro kostete der Trip auf dem Jakobsweg, einen Großteil bekamen die Radler von einem Freund, dessen Logo sie durch halb Europa fuhren. „Von dieser Erfahrung, vollkommen loszulassen, aus eigener Kraft quer durch den Kontinent gefahren zu sein, zehre ich heute noch.“ Dieses Jahr folgte Sportpilgern Teil zwei. Kristijan Widmann: „Geplant ist dieses Mal eine Tour die in Hof startet. Von da fahren wir in die Tschechei, Slowakei, kurz über Wien nach Rumänien und über die Ukraine und Polen wieder zurück nach Berlin. Wir wollen einfach mal eine neue Pilgerstrecke weil wir sind Pilger aus dem Herzen und brauchen keinen geguideten Pilgerweg sondern suchen unsere eigene Strecke. Unser Ziel ist dieses Mal die Lützowbar, eine edle, altehrwürdige Westberliner Coktailbar mit 20 Meter Bar und zehn Barkeepern die alle geniale Cocktails mixen können. Wir wollen dort am Donnerstag zur Happy Hour eintreffen, wenn sich die Schickeria grade selbst feiert und wir am besten mit Bärten bis zum Arsch. Es wird dieses Mal auch kein Gepäck geben. Außer Taschenmesser und –lampe und einer Brusttasche werden wir ausschließlich in selbst entworfenen Spezialanzügen radeln und auch schlafen. Wir wollen einfach mal wissen: Was geht wirklich?“ Kontakt (z.B. Sponsoren): krischew@gmx to be continued… ncf

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