hoch aufm gelben wagen

Dieter Gaiser restauriert wertvolle Kutschen – Für Sammler und die Nachwelt

Warm scheint die Sonne in die holzvertäfelte Kammer – es riecht nach Leder, im Regal stapeln sich Kartons mit Nägeln, Bordüren und Knöpfen, in einer Nische lagern meterbreite Stoffrollen und an der Wand hängen unzählige Werkzeuge. Hier, in der fast romantischen Sattlerei von Dieter Gaiser weht ein Hauch von großer Geschichte durchs Gebälk, hier entstehen Sitzbänke, Vorhänge, Seidenrollos und Baldachine für wertvolle alte Kutschen – die alte Nähmaschine mit Fußbetrieb schafft sogar zwölf Millimeter dickes Leder. Dieter Gaisser hat sie original verpackt erstanden: Ein Sattler, der sein Geschäft aufgab, hatte sie als Ersatzmaschine gehortet. Solche Gelegenheiten und Erlebnisse zieht der Pliezhausener Kutschenrestaurator fast magisch an, vermutlich, weil er mit Herzblut und Gründlichkeit bei der Sache ist. Bis zu 2500 Stunden arbeitet er an einem Auftrag, das Honorar ist um ein Vielfaches höher und der Aufwand enorm: Bezugsstoffe und Borten lässt Gaiser detailgetreu nachweben, Knöpfe, Wachstuch und Linoleum werden in Handarbeit selbst hergestellt. Auch das holländische und belgische Königshaus schwören auf Material aus Pliezhausen. Die Sitze einer Reisekutsche von Königin Beatrix bezieht Dieter Gaiser selbstverständlich typisch oranjefarben. Fürsten, Sammler und Museen aus ganz Europa vertrauen dem gelernten Feinmechaniker ihre oft jahrhunderte alten Gefährte an, damit er sie mit viel Liebe zum Detail instand setzt. Manchmal ist auch ein motorisierter Oldtimer dabei, meistens kommen aber Ein-, Zwei- und Vierspänner aus privaten Sammlungen in seine zur Werkstatt umgebaute Garage.

Er gilt als ehrlich, erfahren und so professionell, so dass ihm Kunden freie Hand und viele Direktoren gerne mal den Archiv-und Ausstellungs-Schlüssel für Recherchen überlassen. „Wichtig ist beim Restaurieren, dass eine Kutsche nicht neu oder frisch lackiert aussieht – Sammler wollen Originale, also bessere ich lediglich aus und liefere keine komplett renovierten Wagen. Wenn jeder denkt: Diese Kutsche ist nie restauriert worden, dann habe ich ordentlich gearbeitet“, erklärt Gaiser und er weiß wovon er spricht: Bereits als 14-Jähriger liest er sich in die Tradition der Kutschen-Herstellung ein, lernt Manufakturen und Modelle kennen und kann die Wappen auf den Türen den entsprechenden Adelshäusern zuordnen. Seine erste eigene Kutsche war ein Motten zerfressenes Etwas aus einer Scheune des Nachbarn. 50 Euro hat sie gekostet und sollte Vadders neues Pferd entlasten, das vom vielen Reiten schon Rückenbeschwerden bekommen hatte. Auch andere Nachbarn trennten sich günstig von ihren Bauernwagen, die der junge Gaiser reparierte. Vom alten Dorfsattler und beim Schmied lässt er sich die handwerklichen Kniffe erklären und bastelt den ersten neuen Überzug aufs Kutschendach. Zu dieser Zeit fährt er außerdem mit seinem Vater regelmäßig zu internationalen Turnieren nach Frankreich, Österreich und in die Schweiz, lernt Militaristen kennen, die jeden Knopf auf einer Kutschuniform deuten können – Erlebnisse, die sein Berufsleben bis heute prägen. Als 18-Jähriger handelt er bereits professionell mit Antiquitätenhändlern und Zigeunern um gute Preise und lässt in einer alten Farbenmanufaktur Lacke auf den Farbton genau mischen.

Mit 21 restauriert er schließlich die erste Kutsche aus adligem Haus. „Allein der Württemberger Hof hatte einen Fuhrpark mit rund 500 Kutschen, für jeden Anlass eine: Vom Markt- und Kohlewagen über die Postkutsche bis zur Kutsche fürs Duell oder den Theaterbesuch.“ Obwohl Kutschen bis etwa 1920 industriell und in Serie hergestellt wurden, gibt es keine zwei, die identisch sind. „Lampen und Polster sind zum Beispiel Details, die Käufer individuell aussuchen konnten und der Adel ließ die Kutschen natürlich in Familienfarben lackieren. Damit waren sie sofort erkennbar und jeder wusste: Achtung, da kommt die Herrschaft“, lacht Gaiser. „Man muss sich auch den Aufwand mal vorstellen: Ein Bekannter von mir erwarb eine Kutsche aus dem Nachlass von Papst Leo. An diesem Wagen haben 80 Frauen drei Jahre lang gestickt, genäht und gehäkelt.“

Später wurden die Wagen oft auseinander gebaut und in Teilen verkauft und es sind Dieter Gaisers glücklichste Momente, wenn er in irgendeiner Scheune Lampen und sonstige Einzelteile findet, die seriennummern-genau zu einer aufgetauchten Kutsche passen. Je älter und adliger die Kutschen sind, um so strahlender leuchten die Sammleraugen, entsprechend hoch sind die Ansprüche an den Restaurator. Um 1800 kostete eine Kutsche vergleichsweise so viel wie heute eine Villa, bis in die 70er Jahre sind die Sammlerpreise ziemlich hoch. Dann tauchen überraschender Weise immer mehr Kutschen auf und die Preise fallen. Auch historische Schlitten landen dann und wann in die Werkstatt des Perfektionisten und sein absolutes Meisterstück war eine selbst gebaute Hochzeitskutsche für 17 Personen.

Sind an einer Kutsche die letzten Handgriffe getan, wird Dieter Gaiser jedes mal ein bisschen wehmütig – soviel investiertes Herzblut gibt auch er nicht leichtfertig aus der Hand. Deshalb hängt von jeder Kutsche die seine Werkstatt verlassen hat zumindest ein gerahmtes Bild im Arbeitszimmer. Gaisers große Liebe gilt neben seinen zwölf eigenen Kutschen dem Lamborghini, der mitten in der Sammlung steht – flach wie eine Flunder und silbern glänzend, als Kontrastprogramm zur Mormonen-Kutsche aus den USA und als kleines Indiz dafür, dass er in Deutschland keinen ernst zunehmenden Mitbewerber hat. Gefragte Kollegen sitzen weit weg in England, Belgien und Österreich. Zu allen pflegt Gaiser aber gute Kontakte. Man tauscht sich aus, unterstützt sich bei Recherchen und trotz aller Mühen: „Klar ist, dass jede Kutsche früher oder später verfällt. Aber bis es soweit ist, möchte ich dieses schöne historische Erbe gern für unsere Kinder und Enkel erhalten,“ bringt Dieter Gaiser seine Arbeit auf den Punkt. Die Chancen dafür stehen im eigenen Haus ganz gut: Nicht nur Ehefrau Anita arbeitet im Betrieb mit, auch Lauritz, Dieter Gaisers achtjähriger Sohn begeistert sich jetzt schon für die Leidenschaft seines Vaters. www.kutschen-restaurierungen.de

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