gottesdienst im festzelt – zirkus- und schaustellerseelsorger horst heinrich

Wiesn und Wasen – nix als Bespaßen?
Aus dem Alltag von Zirkus- und Schausteller-Seelsorger Horst Heinrich

Wenn sich vor der Achterbahn Menschenschlangen bilden, Kellnerinnen die Göckeles-Teller durchs Bierzelt jonglieren und die Meute auf den Tischen tanzt, ist Horst Heinrich eher selten zu treffen. Aber wenn mittags an der Schießbude gerade nichts los ist, hält er gern ein Schwätzchen mit der Budenbesitzerin. Dann kommt’s vor, dass sie nach dem Smalltalk übers Wetter gleich fragt, wie sie einer Bekannten bei einem Problem helfen kann und Horst Heinrich ist klar: Besagte Bekannte steht genau vor ihm. Seit sechs Jahren reist der Balinger Pfarrer im Auftrag der evangelischen Kirche als einer von zwei Zirkus- und Schausteller-Seelsorgern durch die Republik und kennt seine „Gemeinde“ mittlerweile ziemlich genau: „Zirkusleute und Schausteller sind sehr unabhängige Menschen, nahe am Leben, geschäftstüchtig, erfinderisch und gleichzeitig aufgrund vieler Erfahrungen auch sehr vorsichtig dabei, wem sie ihr Vertrauen schenken“, hat er heraus gefunden. Da komme es ihm und seiner Arbeit zugute, dass er eigentlich ein Mensch der leisen Töne sei und vor allem gut zuhören will.

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Im vergangenen Jahr fuhr Horst Heinrich etwa 70 000 Kilometer und verbrachte rund 213 Tage auf den Rummelplätzen Deutschlands, vermählte Artisten im Zirkuszelt oder hielt Gottesdienste am Auto-Scooter, denn seine „Schäfchen“ sind moderne Nomaden, reisen mit leichtem Gepäck und können sich deshalb keiner festen Kirchengemeinde anschließen. Missionieren sei außerdem auch völlig fehl am Rummelplatz, vielmehr vertrauen die fahrenden Leutle ihrem Pfarrer ganz normale Alltagsprobleme an – von den schlechten Noten des Jüngsten über finanzielle Notsituationen bis zu Eheproblemen und der oft drängenden Frage: Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Eine Art pragmatische Religion könnte man das nennen, denn die Kommunikation verläuft hier in erster Linie von Mensch zu Mensch und erst an zweiter Stelle vom Pfarrer zum Gläubigen.

„Ich habe nicht auf jedes Problem einen schnellen Bibelspruch und schon gar keine schnelle Lösung parat“, so Heinrich. Konventionen spielen also eher keine Rolle in der vordergründig so glitzernden Welt von Kirbe, Zirkus und Volksfest und so dauern Hochzeiten schon mal drei Tage oder ein Schießbudenbesitzer ruft nachts um halb zwei auf dem Handy an, weil er mit Horst Heinrich einen Tauftermin für seine neugeborene Tochter ausmachen will. Auch Beerdigungen seien selten planbar und fast immer muss sich der Seelsorger auf einen für ihn fremden Friedhof einstellen. Für Horst Heinrich dennoch kein Problem, schließlich sei er sowieso ein spontaner, risikofreudiger Typ und das zieht sich auch durch seine eigene Biografie: Da sein Vater als Schornsteinfeger arbeitete, war es gar keine Frage, dass auch der junge Heinrich Kamine reinigen wird. Unwillig beugte er sich dem Berufsdiktat, machte eine Schornsteinfeger-Ausbildung und arbeitet auch sieben Jahre als solcher, bis ihm die Bundeswehr als Chance erschien, etwas anderes zu machen. Horst Heinrich verpflichtet sich auf zwölf Jahre Bund, machte dort die Mittlere Reife und das Abitur, studierte BWL und freundete sich mit einem Militärpfarrer an, der ihn nachhaltig beeindruckte. So nachhaltig, dass er nach neun Jahren von heute auf morgen kündigte und ein Theologiestudium in Tübingen begann – weniger um Pfarrer zu werden, sondern eher, um vielen Fragen und ihren Antworten nachzugehen.

Nach dem Studium folgten Jahre als Gemeindpfarre in Bad Rappenau und Wiernsheim und schließlich sechs Jahre als Militärpfarrer, in denen er deutsche Kampfpiloten während des Kosovo-Krieges betreute. „Dann hatte ich aber genug vom Militär. Ich wollte den Rest meines Lebens nicht in Oliv sondern mit bunten Farben zu bringen und kündigte. Ich war überzeugt, dass ich eine andere Stelle bekomme. Es war mir im Grunde aber auch egal, ich hätte auch eine Tangobar aufgemacht“, erinnert sich der fast 60-Jährige. Kaum gekündigt stößt er – „Wie durch ein Wunder“ – nach 30 Jahren auf die zweite Stellen-Ausschreibung „Zirkus- und Schausteller-Seelsorger“ , bewirbt sich und wird gleich genommen. „Heute bin ich Zirkus- und Schausteller-Seelsorger mit ganzem Herzen und möchte auf keinen Fall mit jemandem tauschen, auch nicht mit dem Landesbischof. Ich habe viel erlebt in all meinen Berufsjahren, von diesen Erfahrungen profitiere ich immer noch jeden Tag“, sagt Horst Heinrich überzeugt. Vor kurzem übernahm er sogar die Leitung der evangelischen Zirkus- und Schausteller-Seelsorge.

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In seiner Freizeit trainiert Horst Heinrich mit geistig behinderten Kindern und ihren Müttern Taekwondo – immerhin ist er ein Großmeister der asiatischen Kampfsportart – oder holt ein bisschen Familien-Leben nach: „Morgen löse ich ein Versprechen ein und gehe mit meiner Frau ins Sole-Bad“, lacht Horst Heinrich. Am nächsten Tag geht’s allerdings gleich wieder zum Rummel nach Bochum und dann steht diesen Monat noch das Stuttgarter Frühlingsfest auf dem Plan. „Eventuell sieht man sich“, sagt Horst Heinrich zum Abschied, „zum Gottesdienst beim Grandl im Festzelt.“

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