tryin‘ to be wild

Shorty von Thomas Putze

Tryin` to be wild

Bei meinem letzten Besuch in der Wilhelma, dem Stuttgarter Zoo traf ich meine Mutter. Sie raunte mir die Botschaft durch die Gitterstäbe des Gorilla-Geheges zu. Der Glanz in den Augen des altersschwachen Primaten-Weibchens ließ mich keine Sekunde an dem was sie sagte zweifeln. Es dauerte mehrere Besuche, bis sie mir die Geschichte meiner Herkunft erzählt hatte, da mich die Wärter zum Weitergehen aufforderten kaum dass ich mein Ohr an das Gitter gepresst hatte.

Mein Vater spielte E-Gitarre in einer ambitionierten Rockband. Höhepunkt seiner Karriere war der Auftritt als Vorgruppe in einem Bob Dylan-Konzert in der Stuttgarter Schleyerhalle. Der lockige Meister konnte nach dem Gig noch zum Bier trinken überredet werden und verzapfte Bier um Bier obskurer werdende Theorien über die Entstehung und Entwicklung der Rockmusik. Fasit, nein Prosit, Entschuldigung: Fazit des Abends war, dass Rock-Nachwuchs, der die Leistung der amtierenden Väter übertrumpfen wolle, nicht von dieser Welt sein könne. Einziger Ausweg: Man gehe genetisch zu den Ursprüngen von rhythmanbluss, schulliung, äh Rhyth`m un blues, heck, zurück.
Da die Gentechnik unähnlich der Musik damals noch keine Blütezeit hatte, lag der direkte Zugriff auf vorhandene Träger der ersehnten Wildheit nahe. Die Wilhelma lag ebenfalls nahe und so wurde noch in der selben Nacht das Affenhaus heimgesucht. Hier lies Dylan den einheimischen Akteuren jedoch den Vortritt. Da sich mein Erzeuger aber vor den blanken Schimpansen-Ärschen ekelte, wechselte man größenwahnsinnig zum Gorilla-Käfig über. Bevor der damals amtierende Silverback die musikalische und auch alle anderen Karrieren meines Vaters beendete, war die Tat aber bereits vollbracht und Monate später gab es die erste Geburt in Stuttgarts Zoo, deren Ergebnis vor der Öffentlichkeit streng geheim gehalten wurde.
Ich wuchs nach einigem Hin und Her zwischen Jugendamt und Bund Naturschutz wegen Sorgerecht und pi pa po in einem Internat auf, welches sogar einen Bandproberaum hatte. Allerdings nur bis zu dem Tag, an dem ich mit einigen Kumpels unsere erste Probe abhielt. Wie meine Mutter andeutete, gab es parallel zum Zeugungsakt im Primaten-Trakt noch fruchtbare Ausflüge weiterer Bandmitglieder in die Gehege anderer Tiere.

thomas putze - elefantenrunde

Unter anderen waren zwei erfolgreiche Würfe aus dem Nilpferd-Becken damals meine Bandkollegen, die sich den Namen Fleischklöße gegeben hatten, später aber die Namensrechte an einen englisch singenden Kollegen verkauften. Danach nannten sie sich „Die Hypo-Popos“, hatten aber keinen Erfolg damit. Damals im Internatsproberaum brach die wilde Tierenergie aus uns hervor und suchte sich instinktiv musikalische Bahnen. Nach der Zerstörung des Schlagzeugs und der Lautsprecher-Anlage droschen wir auf Ziegelwände und Heizungsrohre ein, was man guten Gewissens als erste wirkliche Hausmusik bezeichnen kann. Wir wollten so lange auf den Putz hauen bis Elvis beim lieben Gott ein gutes Wort einlegte und wir einen Plattenvertrag bekämen. Doch wie es schien hatten sich sowohl Elvis als auch Gott aus dem Musikbusiness zurück gezogen. Es dauerte einige Jahre bis wir kapierten, dass die Welt auf alles mögliche wartete, außer auf uns. Zum Beispiel auf Bands, die ihr zum 100.sten Mal die selben Kamellen vorjaulten. Auflehnungsmusik war zu Schlafliedern von bierwampigen Ex-Hippies geworden. Schnell war die Band in alle Winde zerstreut.
Ein paar von uns unterzogen sich einer Hormonbehandlung, ließen sich ganzkörper rasieren und zogen nach Konstanz. Andere verdingten sich in Tanzbands und gründeten viel zu große Familien. Ich glaube, ich bin der einzige, der irgendwie versucht hat über die Jahre seine Mission zu erfüllen auch wenn aus der Musiker-Karriere nichts geworden ist. Der Krieg für den ich konzipiert wurde, wird nicht mehr gekämpft. Aus mir ist eine fehlgesteuerte Rakete geworden, die am falschen Ort zur falschen Zeit detoniert.
Aber ich habe eine Menge Spaß dabei.

erschienen in (t)Ex(t)pEdition2009

thomas putze - father and son

father and son – foto: thomas putze

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