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Schwarzweiß-Fotografie vom Taxi aus – Wolfgang Urban fotografiert seine Stadt

Bei ihm steigen alle ein – ob Promi, Abteilungsleiter oder Sozialhilfe-Empfänger: Als Taxifahrer hört und erlebt Wolfgang Urban so einiges. Weil er zudem fast jeden Winkel der Landeshauptstadt kennt, sieht er mindestens genau so viel Interessantes. „Ich sollte eigentlich immer einen Fotoapparat dabei haben“, sagte sich der 43-Jährige aus Möglingen eines Tages. Gesagt – getan. Fortan begleitete ihn eine kleine kompakte Yashica T4, von der er jede Menge Ersatzkameras in der Schublade hat. Schließlich sind die kaum mehr zu bekommen. Und so knipst Wolfgang Urban seit einigen Jahren die schönsten Plätze, die skurrilsten Momente und stimmungsvollsten Motive der Landeshauptstadt: „Es gibt fast nichts was ich nicht kenne. Beim Taxifahren erlebt man die unterschiedlichsten Geschichten und ich dachte mir, vielleicht kann ich die auch fotografieren.“ In erster Linie will er mit seinen Schnappschüssen aber Kontraste zeigen und festhalten – ihn begeistert vor allem „die Mischung unkonventioneller Menschen auf der einen Seite und die vielen klar strukturierten Gebäude der Stadt“.

Eugensplatz

Foto: Wolfgang Urban

Geknipst wird meistens durch die Scheibe – außer im Sommer – und Aussteigen gilt nicht, schließlich ist Wolfang Urban kein Tourist. „Ich schaue auch nie durch den Sucher bevor ich abdrücke“, witzelt Wolfgang, trotzdem sind sein Bilder so hübsch und beliebt, dass sich Foto-Kalender und Postkarten davon zigfach verkaufen. Auch die Ausstellung im Anna-Haag-Haus Cannstatt war ein voller Erfolg. Allerdings: Das erste Farbfilm-Ergebnis war enttäuschend“, erinnert sich Wolfgang, der deshalb auf Schwarzweiß-Filme umgestiegen ist. Auch die Stadt selbst setzt Grenzen: „Stuttgart ist halt nicht so riesig und da ich ganz auf lokale Motive setze, gibt es einfach Zeiten, in denen alles gezeigt wurde. So knipse ich an einem Tag mal einen ganzen Film, dann wieder nur einen oder zwei pro Woche“, erzählt Wolfgang. „Ich habe ein Jahr gebraucht bis ich genug wirklich gute Fotos zusammen hatte – pro 36er-Film sind vielleicht fünf Bilder verwertbar.“ Und trotz „unfassbar“ hoher Ausschussrate wuchs Wolfgangs Bildarchiv in der Zwischenzeit auf rund 5000 Fotos. Von Nachbearbeitung am Rechner hält er nicht allzu viel, seine Fotos sollen so authentisch wie möglich sein.
Zum Beispiel das von der großen britischen Bulldogge, die ein Fahrgast mal kurz allein im Taxi ließ. Seine denkwürdigste Geschichte hat Wolfgang allerdings nicht geknipst: „Ich hatte eine völlig betrunkene Frau zum `Nachschub´ holen an die Tanke und wieder nach Hause gefahren. Nachdem sie mir aus dem Taxi gefallen ist, brachte ich sie in die Wohnung und sah, dass ein Mann – es war wohl ihrer – tot auf den Tisch gesackt ist. Nachdem die Frau nicht mehr in Lage dazu war, hab ich die Polizei gerufen. Die meinten zwar, dass sie zu dieser Adresse nicht mehr kommen, da sei ständig was. Ich konnte sie überzeugen, dass es diesmal einen ernsten Grund gibt“ erzählt Wolfgang. Deshalb träumt der Taxi-Fotograf davon, ein Buch zu machen, in dem zu seinen Bildern einige Erzählungen und Erklärungen zur Entstehung der Fotos eingestreut sind. „Auch über eine Ausstellung im Rathaus würde ich mich sehr freuen. Ich zeige gern, was ich mache und interessiere mich sehr für das, was andere tun. Sehr beeindruckend finde ich zum Beispiel den Typ, der seit 30 Jahren in einer Halle Stuttgart im Kleinformat nachbaut.“

Nach seinem Realschulabschluss absolvierte Wolfgang eine Ausbildung zum technischen Zeichner, danach seinen Zivildienst besuchte anschließen die technische Oberschule Stuttgart. Außerdem tourt er erfolgreich mit seiner damaligen Band Zar. Um Geld zu verdienen macht er irgendwann seinen Taxischein und als der Beruf eines Tages keinen Spaß mehr macht steigt Wolfgang um und für immer ins Taxi. Obwohl also kein Kindheitstraum, will er für kein Geld der Welt in einen 9-to-5-Job wechseln, denn heute ist er überzeugt: „Taxifahren ist wie ein Psychologiestudium.“ Und davon kann er sich jeden Tag ein Bild machen. www.urban-foto.de

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