integration ist keine einbahnstraße

Karl-Heinz Meier-Braun und Reinhold Weber erforschen die „Kleine Geschichte der Ein- und Auswanderung in Baden-Württemberg“

Spaghetti, Cappucchino, Chevapcici, Döner und Souvlaki haben deutsche Restaurants und Küchen nachhaltig erobert. Sie gehören so selbstverständlich zu unserem Alltag, dass sich kaum jemand Gedanken darüber macht, wie die Importe den Weg in unsere kulinarische Landschaft gefunden haben. „Dabei ist es gerade mal 50 Jahre Jahre her, dass das Landesarbeitsamt die Pressemitteilung herausgab `Wie kocht man Spaghetti für Italiener?“, sagt Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun mit einem Schmunzeln. Für sein neuestes Buch „Kleine Geschichte der Aus- und Einwanderung in Baden-Württemberg“ wühlte der Integrationsbeauftragte des SWR und Leiter der Redaktion „SWR International“ in zahlreichen Quellen und Archiven. kleine geschichte der aus- und einwanderung bawü Dabei wurde ihm und seinem Co-Autor Reinhold Weber klar, dass die perfekte Adaption ausländischer Küche keineswegs symbolisch für Integrationsprozesse fremder Menschen steht.

Rund 2,7 Millionen Baden-Württemberger und fast 40 Prozent aller Stuttgarter haben einen Migrationshintergrund, sind also „zugewanderte oder hier geborene Ausländer, Spätaussiedler, Eingebürgerte oder Kinder dieser Personengruppen“. Damit liegt das Ländle deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Dass Baden-Württemberg aber nicht erst seit Gastarbeiter-Wirtschaftswunderjahren ein Aus- und Einwanderungsland ist beweisen unter anderem Orte wie Perous oder Pinache – bei Pforzheim – die am Ende einer langen Wanderung um 1700 von Waldensern gegründet worden sind. Auch Auswanderung war immer ein Thema: So wanderten beispielsweise im 18. und 19. Jahrhundert fast ganze Dörfer per Schiff in ihre neue Heimat USA aus. Seit je her sorgen also religiöse, politische sowie wirtschaftliche Nöte für massenhafte Zu- und Abwanderungen in Südwestdeutschland. Zwar profitierten Baden-Württemberger schon immer vom Know-How und der Arbeitskraft der Zugewanderten – vor allem nach Kriegen wäre ein wirtschaftlicher Aufbau ohne sie nicht möglich gewesen – demgegenüber standen und stehen aber auch zahlreiche Probleme, die nicht zuletzt aus Angst vor dem Fremden entstehen. Als Kind einer Flüchtlingsfamilie erlebte Karl-Heinz Meier-Braun am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, nicht mit offenen Armen empfangen zu werden. Außerdem wurde dem Honorarprofessor durch seine ehrenamtliche Jugendarbeit und sein soziales Engagement klar: „Multikulti ist nicht mehr zu ändern. Jetzt geht es nur noch darum, wie wir das Zusammen leben sinnvoll gestalten.“ Auch wenn die Eingliederung von Millionen Spätaussiedlern recht erfolgreich verlief, zeige 50 Jahre Migrationsgeschichte, dass gelungene Einbürgerung mindestens zwei bis drei Generationen dauere. So haben Migranten immer noch pro Kopf weniger Wohnraum als Deutsche, sind öfter arbeitslos und gerade 3,7 Prozent der ausländischen Schüler schaffen das Abitur. Karl-Heinz Meier-Braun: „Die größten Probleme haben wir deshalb, weil die Gastarbeiter in einer Rückkehrillusion lebten und Deutsche die Tatsache leugneten, dass wir ein Einwanderungsland sind. Während die einen also in fünf Jahren zurück in die Heimat wollten und heute in deutschen Altersheimen leben, glaubten die anderen, die Probleme regeln sich von selbst. Hätten wir vor 30 Jahren schon Sprachunterricht für Migranten gehabt, wären uns sicher viele Probleme erspart geblieben.“ Statt dessen lebten Ausländer und Deutsche Jahrzehnte lang nebeneinander her. Zwar gelte Stuttgarts Integrationspolitik bundesweit als mustergültig – 2004 gab’s von der UNESCO den „Cities for Peace“-Anerkennungspreis sowie 2005 den ersten Preis beim Wettbewerb der Bertelsmann-Stiftung und des Bundesinnenministeriums „Erfolgreiche Integration ist kein Zufall“ – trotzdem sei deshalb die soziale und kulturelle Integration nicht nur für die Landeshauptstadt eine der größten Herausforderungen. „Immerhin haben wir seit 2005 ein Integrationsgesetz und sind insgesamt auf einem guten Weg, müssen aber weiter nach Lösungen suchen – vom Kindergarten bis zum Altersheim. Dazu gehören auch ganz klare Einwanderungs- und Integrationsgesetze.“ Denn ebenso klar ist: Baden-Württemberg braucht aufgrund der demografischen Entwicklung dringend hochqualifizierte ausländische Facharbeiter. Aber Karl-Heinz Meier-Braun weiß: „Es kommt fast keiner mehr, denn andere Länder bieten attraktivere Voraussetzungen. Dabei sollten wir diesen Leuten eigentlich den roten Teppich ausrollen.“ Kleine Geschichte der Aus- und Einwanderung in Baden-Württemberg, DRW Verlag, ISBN 978-3-87181-725-0, www.swr.de/international, www.rat-fuer-migration.de

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