stadt – land – kunst

Wenn Künstler die Stadt entdecken: Spannende Interventionen verändern Stuttgart

Nicht nur im Osten viel Neues: Unter dem Label „Distriktost“ toben Studierende der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und der Hochschule der Bildenden Künste Saar noch bis Juli 2010 gemeinsam durch den östlichen Stadtteil Stuttgarts. Home- und Forschungsbase der „wild gemischten Truppe aus aller Welt“ ist das im Juli 09 eröffnete Performance Hotel in der Gablenberger Hauptstraße. Im künstler-besetzten Winzerhaus gibt’s kostenlose Übernachtungen gegen Performances und die laufen quasi Non-Stop. Zuschauer und Gäste zahlen zwischen 3 und 15 Euro, je nachdem ob’s ein Platz auf dem Schlafsack, eine Liege oder eine Matratze mit Bettzeug sein darf. Das Frühstück am nächsten morgen kostet für alle fünf Euro. Auch Hyun-Hee Im wird wohl gratis wohnen: Sie wartet in Kürze mit der Koch-Aktion „Erotik Restaurant“ auf. Wer jetzt glaubt, dass sich nur abgedrehte Avantgarde-Künstler zu den Performances treffen, der irrt: Beim Europanopanik-Picknick vorm Kulturinstitut der Republik Ungarn begrüßte Ministerialrat Joachim Urban die Besucher und im Oktober lud die Stadtplanerin Nicola Poppitz zum Werkstattgespräch über „Viele Autos, viele Menschen – was bewegt die Stadt?“.

Auch eingesessene Vierteles-Schlotzer aus der Nachbarschaft wagen einen Blick über den kulturellen Tellerrand. „Beim Stadtfest gab es großes Interesse an unserem Haus und den Aktionen“, erzählt Prof. Georg Winter von der HBK Saar. Zur Langen Ostnacht eröffnete beispielsweise Arne Menzel die Pekingnesische Botschaft und Byung Chul Kim lud zum offiziellen Mirabellen-Weitspucken.

Einige Wochen später installierten Franz Helffenstein und Nikolaus Schrot das Solidarecycling: Mit 20 gut sichtbar befestigten Farbeimern reagieren die beiden Studenten auf die „Sammlerkultur“, die nach Einführung des Flaschen- und Dosenpfands entstanden sei. „Alle unsere Projekte setzen sich ganz klar mit den Vor-Ort-Bedingungen der Stadt auseinander. Wir hoppeln nicht am Kunstmuseum rum, sondern wollen den geschützten Museumsbereich verlassen und uns bewusst in Alltagsrealität integrieren, denn da gehört Kunst eigentlich auch hin. Künstler sind ja auch Menschen, die oft mit wenig Geld zurecht kommen müssen“, so Georg Winter. „Dabei erfahren wir auch, welche Probleme gesellschaftlich tatsächlich relevant sind und können dazu beitragen, dass die Gesellschaft selbst Ideen und Lösungen entwickelt. Damit appellieren wir auch, nicht an Kunst und Kultur zu sparen, will man der Angstgesellschaft nicht Tür und Tor öffnen – es sind meist totalitäre Systeme, die auf experimentelle Kunst verzichten.“

Ganz so politisch sieht das Stuttgarter Observatorium Urbaner Phänomene, kurz seine Mission nicht, folgt aber ebenfalls dem Trend, Nischen der Stadt für künstlerische Intervention zu nutzen. Zehn Jahre lang wollen die fünf Initiatoren das ober- und unterirdisch stattfindende Großprojekt S21 beobachten und dazu in einem Hochhaus am Rande der Baustelle ein Begleitbüro einrichten. Dort soll ein Archiv entstehen, in dem alles gesammelt und dokumentiert wird, was in der Nachbarschaft während der Bauphase auffällt. Auch Künstlerkollegen sollen hier einen Aktionsraum finden. „Im Mittelpunkt steht immer die Frage, inwiefern sich solche Konversionsprojekte auf Stadt und Bewohner auswirken“, sagt Michael Gompf, Künstler und Kurator.

Zweite Auftaktveranstaltung war die „Platzbeleuchtung“ mit drei Laternen, die die Abbrucharbeiten überlebt haben – eine „Würdigung des wundersamen Ortes“, an dem nach Londoner Vorbild auch ein „speaker`s corner“ entstehen soll. Wichtig ist der Soup-Group, dass sie weder von Befürwortern noch von Gegnern instrumentalisiert werden. „Klar haben wir den Vorteil, dass Kunst kritisch sein darf, unsere Intention zielt aber auf eine Art Parallelbohrung: Wir wollen die Veränderungen jenseits der polaren S21-Diskussion beobachten.“ Wer mehr erfahren möchte: Am 10. November stellt das Observatorium sein Projekt an der Akademie Schloss Solitude vor.

Auch Einzelkünstler zieht die Brache hinterm Bahnhof magisch an. So startete die Stuttgarter Künstlerin Justyna Koeke im Oktober eine Regenbogen-Performance, bei der skurile schwarze Gestalten einen farbenfrohen Regenbogen schufen. „Als Symbol des gnostischen Gedankens, dass aus `Schlechtem`- in diesem Fall das Brachland – viel Gutes entstehen kann“, sagt Justyna Koeke, die abends auch im Interventionsraum in der Marienstraße zu erleben war. (Die Stadtbücherei zeigt in der Infogalerie übrigens Fotos und Filme der Performance). Auch hier, im ehemaligen Ladengeschäft wird bürgernah performt und ausgestellt, werden Passanten und Beobachter in künstlerische Diskurse einbezogen – Ein Trend der immer beliebter wird. Michael Gompf weiß wieso: „Künstler zieht es seit je her in Off-Locations, dazu sind Stadtplaner in Paris und Stuttgart klug genug und schaffen bewusst Anreize um Künstler in bestimmte Stadtgebiete zu locken. Sie wissen: Wo Künstler hinkommen, verändert sich die Umgebung nachhaltig.“ distriktost.wordpress.com, performancehotel.wordpress.com, www.justynakoeke.com, www.interventionsraum.de Fotos: distrikt ost

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s