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Mit Schüler-Mentoren ins Berufsleben – Mentoring-Programme für Stuttgart

„Auf einer Forschungsreise nach sich selbst“
Adrien ist 14 und macht nächstes Jahr seinen Hauptschulabschluss. Was er danach machen will? Davon hat er noch keinen blassen Schimmer, zumal Adrien nicht gerade zu den Klassenbesten zählt und als Hauptschüler auf dem Bewerbermarkt keinen Imagevorteil mitbringt. Michael Forster ist 18 und auf dem Gymnasium, hat aber einiges mit Adrien gemeinsam: Auch er fängt gerade erst an, über seinen späteren Beruf nachzudenken, auch ihm hilft ein Mentor beim Ausloten, welche Ausbildung geeignet sein könnte. Der heißt Christian Hoelzel und ist von Berufs wegen bestens informiert, weil bei der Daimler AG zuständig für Personalentwicklung – Michael und Christian sind zusammen eins von rund 50 Tandems bei „Die Komplizen“, einem Mentoring-Netzwerk aus München, das sich seit Ende Oktober auch um Stuttgarter Schüler kümmert. Das Prinzip ist einfach: Schüler und Mentor lernen sich rechtzeitig vor Schulabschluss über „Die Komplizen“ kennen und treffen sich danach regelmäßig – zum Beispiel im Café, im Zoo oder im Museum, um gemeinsame Hobbies zu teilen, schulische oder private Probleme zu besprechen und um sich mit der Berufswahl auseinander zu setzen.

„Ich sehe großen Bedarf für solche Programme – die Schüler bekommen immer mehr Druck und in vielen Fällen immer weniger Unterstützung und das nicht nur an Hauptschulen. Wenn über die Hälfte aller Gymnasiasten nach dem Abi planlos rumsteht und nicht weiß, was sie beruflich machen möchte, ist das ebenfalls ein soziales Problem“, so Chef-Komplize Dr. Philip Scherenberg.

Er glaubt sogar, Gymnasiasten sind am schlechtesten auf die Zeit nach der Schule vorbereitet – 40 Prozent aller Gymnasiasten mache nach dem Abi gar nichts, ein Drittel der anderen breche die Ausbildung ab. Deshalb wenden sich die Komplizen mit High-Potential-Mentoren ausschließlich an Elftklässler. „Ich sehe Mentoren auch als unglaubliche Bereicherung, weil sie eine ganz spezielle Rolle einnehmen und durch ihre unterschiedlichen Berufe und Interessen völlig andere Themen mit Jugendlichen besprechen können als Eltern oder Freunde. Sie geben keine Noten, fordern keine Rechenschaft und nehmen ihre Schützlinge mit auf eine Forschungsreise nach sich selbst.“

Auch Ralph Benz von Big Brothers Big sieht die Zielrichtung des Mentorings darin, „Schülern zwischen sechs und sechzehn zu fördern, indem die Mentoren ihnen Aufmerksamkeit geben, ihr Selbstbewusstsein stärken und sie möglichst noch nach dem Schulabschluss begleiten. Für viele Schüler ist es eine neue Erfahrung, die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Erwachsenen zu bekommen“, erklärt der Regionalleiter der unabhängigen, gemeinnützigen Organisation. „Wir sehen uns als Ergänzung zu Eltern, Schule, Freunden und anderen Peergroups.“

Auch die „großen Geschwister“ starteten erst im Herbst diesen Jahres in Stuttgart und haben ihre Qualitätsstandards vom amerikanischen Original übernommen, wo das Big Brothers Big Sisters seit mehr als 100 Jahren erfolgreich läuft.
Bevor Schüler und Mentor zusammen treffen, wird in den Organisationsbüros erst mal gematcht – wer hat welche Interessen, welches Tandem hätte die kürzesten Wege, wer passt ganz einfach am besten zu wem? Johann Besler jedenfalls ist glücklich: „Ich kannte das Programm bereits aus Ludwigshafen und konnte es kaum erwarten, bis es nach Stuttgart kam. Ich habe mich gleich als Mentor angemeldet und freue mich sehr, dass mein Mentee genau die selben Interessen hat wie ich als Kind“, so der Mitarbeiter bei der Agentur für Arbeit und erster BBBS-Mentor der Stadt.

Mit welcher Motivation er antritt? „Ich hatte als Kind keinen großen Bruder, dafür viele Fragen. Deshalb sehe ich mich fast in der Pflicht, einem `kleinen Bruder` meine Unterstützung anzubieten.“ Jetzt will er seinen Mentee, den achtjährigen Marvin, und seine Autosammlung erst mal näher kennen lernen, seine Technik-Begeisterung teilen und auf keinen Fall „feste Gleise fahren“. Das sind die wichtigsten Voraussetzungen die ein Mentor mitbringen kann, meint Ralph Benz – neben der Bereitschaft, sich für ein Jahr lang, zwei bis viermal im Monat für seinen Mentee zu engagieren.

Nicht bei allen Programmen sind die Altersvorgaben für Mentoren gleich, trotzdem fungieren die Mentoren immer als Zuhörer, Rollenvorbilder, Rat- und Impulsgeber. Sie werden sorgfältig ausgesucht und in Seminaren gewissenhaft auf ihr Ehrenamt vorbereitet. Ein psychologisch geschultes Mentoringteam steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite, begleitet die Aktivitäten des Tandems. „Die Schüler melden sich entweder selbst an oder die Anmeldungen kommen von Lehrern, Eltern oder Sozialarbeitern mit denen wir zusammen arbeiten“ so Ralph Benz. „Um ins Programm aufgenommen zu werden, muss ein Bedarf erkennbar sein. Das können Kinder von Alleinerziehenden sein, Kinder mit Migrationshintergrund oder Kinder, die neu in die Stadt gezogen sind. Dann können sie mit ihrem Mentor beispielsweise eine Stadtsafari machen. Wir glauben, dass man Kinder vieles vermitteln kann, wenn sie Spaß dabei haben.“

Neben regelmäßigen Tandemtreffen stehen bei den meisten Projekten Betriebsbesichtigungen am Arbeitsplatz der Mentoren auf dem Programm.

Auch die Stadt Stuttgart engagiert sich im Schülermentoring: So übernahm OB Schuster die Schirmherrschaft für „Die Komplizen“ und die Stabsabteilung für Integrationspolitik koordiniert seit 2004 das Projekt STARTklar für Hauptschüler mit Migrationshintergrund. An mittlerweile sechs Stuttgarter Hauptschulen begleiten so genannte SeniorPartner Achtklässler und geben in kleinen Gruppen nicht nur ihre beruflichen Erfahrungen an die Schüler weiter. Einer von ihnen ist Günter Königsdorf. Er nennt sein Engagement Patenschaft und weiß: „Man darf diese Verpflichtung nicht unterschätzen, deshalb fängt mein Engagement mit dem Schulabschluss erst richtig an.“

Zwölf Schützlinge betreut der Inhaber einer Marketingfirma und ehemalige Leiter der Sindelfinger Jugendfarm, darunter vom Krieg schwer traumatisierte Jugendliche aus dem Kosovo. Auch Schülern, die von der Schule geflogen sind, bleibt er ein verlässlicher Ansprechpartner. „Gerade die Problemfälle darf man nicht fallen lassen. Diese Jugendlichen sind oft unfassbar einsam, viele haben keine Eltern und das fünfte Heim hinter sich oder die Eltern arbeiten den ganzen Tag, sprechen kein Deutsch und die Kinder übernehmen dazu noch die Übersetzer-Rolle – wen sollen diese Schüler fragen wenn sie in der Schule und im Leben Problemen haben?“, so Königsdorf, der für seine Schützlinge auch jederzeit telefonisch erreichbar ist.

Und während viele seiner „Kollegen“ die Betreuung hauptsächlich auf den Computerraum beschränken, nutzt der weit gereiste Unternehmer seine Kontakte zu Ausbildungsbetrieben, nimmt Rückschläge und Frustrationen in Kauf, plant sogar ein eigenes Erziehungscamp für schwierige und straffällig gewordene Jugendliche, die dank seiner Unterstützung nicht selten zu besonders guten Berufsschülern geworden sind. Günter Königsdorf: „Wenn wir Erwachsenen nicht so viel fordern, junge Leute ernst nehmen und flexibel bleiben, profitieren auch wir enorm von Erfahrungen der Jugendlichen.“

Speziell für türkische Schüler bietet das Deutsch-Türkische Forum übrigens das Nachhilfe-Programm Agabey-Abla. www.die-komplizen.org, stuttgart.bbbsd.org, www.stuttgart.de/startklar , www.dtf-stuttgart.de

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