eine sehr gegenwärtige medea

Szenisch, gegenwärtig, radikal – die Stuttgarter Medea-Inszenierung von Ulrike Stegmiller und Velemir Pankratov ist das Gegenteil einer heilen Komödie: Die beiden Schauspieler zeigen Medea als Fremde der Gegenwart, als drangsalierte Arbeitnehmerin, hingebungsvolle und einsame Mutter sowie als zivilcouragierte Ehefrau.

Als Gegenspieler treten Staatsoberhäupter, Medien, patriarchische Arbeitgeber und verführte Ehemänner auf und schnell wird klar: „Unsere Inszenierung fragt zum einen nach Fremdbestimmung durch den Staat, zum anderen natürlich auch: Wer oder was bringt unsere Kinder heute um (ihre Kindheit)? Auf jeden Fall nicht primär Medea – die Liste ist lang und reicht vom Bildungsdruck über Umweltverschmutzung bis zu Kinderschändern“, so Velemir Pankratov. Die Inszenierung lässt erahnen, welche Recherche-Arbeit hinter den teils verstörenden, aufklärenden Szenen steckt – vermutlich wurde auch die eine oder andere Beobachtung umgesetzt, die landläufig als Verschwörungstheorie gehandelt wird. Fest steht: Medea zeigt dem Staat die rote Karte und schafft für sich und ihre Kinder immer wieder einen „heilen und menschlichen“ Rückzugsort in einer intriganten, ignoranten, verzweifelten Umgebung.

Klang-Untermalung, multimediale Einspieler sowie Ausflüge ins Figurentheater machen das Stück zu einem rasanten Theater-Erlebnis dem sich Zuschauer schwer entziehen kann, wobei der eine begeistert, der andere irritiert aus der Vorstellung gehen wird. Wer einen sich entwickelnden Plot erwartet, wird enttäuscht sein, doch bleibt der rote Faden trotz alle Collagenhaftigkeit stets erkennbar. Und auch einzelne Szenen lassen sich dramaturgisch zu einem Höhepunkt treiben – oberflächliche Ignoranz, unpersönliche Durchhalte-Parolen, Allgemeinplätze oder halbgare innere Kompromisse lässt diese Inszerierung auf jeden Fall nicht gelten.

Weitere Vorstellungstermine: 24. + 25. September 2011 (20+19 Uhr) im Wilhelma Theater, Neckartalstraße 9, Bad Cannstatt. Kartenvorverkauf und Infos: Tel. 0711 95 48 84 95, www.wilhelma-theater.de

18. + 19. Oktober 2011 (je 20.30 Uhr) in den Wagenhallen, Innerer Nordbahnhof 1, S-Nord. Kartenvorverkauf und Infos an der Abendkasse: Tel. 0711 658 31 36, www.wagenhallen.de

12 € / ermäßigt 10 €

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