hanna – eine kurze liebe in zeiten der gentechnik. roman von matthias grabow

In Matthias Grabows Roman „Hanna“ verschwimmen „Träumen und Wachen, Mythen und Wissenschaft zu einem magischen Realismus, wie ihn die deutschsprachige Literatur lange nicht mehr erlebt hat“ verspricht der Verlag und tatsächlich fordert die Parabel Verstand, Gefühl und Sinne.

Weil aber der Magische Realismus als Strömung kaum mehr als den Begriff an sich als Erklärung anbietet bzw. in Zeiten spiritueller Polverschiebungen fast alles zum Magischen Realismus wird, lässt sich „Die Geschichte einer kurzen Liebe in Zeiten der Gentechnik“ denk ich am besten beschreiben, wenn man ihren Protagonisten vorstellt:

M. ist Pflanzengenetiker, forscht in Stuttgart-Hohenheim und fühlt sich im Grunde allein seiner Ratio verpflichtet.

Weil er außerdem Wohlbefinden und naturwissenschaftliche Arbeit professionell trennen kann, bringt ihn ein Überfall auf sein Versuchsfeld genau so wenig aus der Fassung wie die Tatsache, dass ein paar Gentechnik-Gegner anschließend von der Polizei abgeführt werden. Er hält sie schlicht für gestrige Spinner und glaubt fest daran, dass sich der notwendige Fortschritt seinen Weg bahnen wird. Ist sogar bereit, das Recht auf freie Forschung zu verteidigen, denn „Forschen heißt Fragen stellen und vor möglichen Antworten nicht zurückschrecken“.

Deshalb liest M. auch gern „die alten Griechen“, weil es dort „fast immer um den Kampf zwischen Freiheit und Unfreiheit, insbesondere um die Freiheit der Wissenschaft“ geht. „Die lebenden Philosophen , die gelegentlich in den besseren Zeitungen Artikel veröffentlichten, unterschieden sich für mich durch nichts von den normalen Redakteuren“, gesteht M.

Moral sieht er als eine Angelegenheit der Ahnungslosen: wenn man das Warum des Lebens kennt, verträgt man sich fast mit jedem Wie! Trotzdem – oder gerade deshalb? – hängt ein Bild der Göttin Muttergöttin Demeter an M.’s Arbeitsplatz.

Sicher, manches musste er entscheiden, ohne es verantworten zu können, aber „tagsüber, wenn man beschäftigt ist, merkt man es nicht so, der Mensch ist schon mit der Fähigkeit ausgestattet, unter sich selbst nicht allzu sehr zu leiden, was erstaunlich ist, doch nachts, wenn man im Bett liegt und nicht einschlafen kann, dann werden einem diese Zusammenhänge sehr wohl bewusst“.

Allerdings: „Was wir eine Ursache nennen, auf die eine Wirkung folgt – das ist alles Interpretation“, ist M. überzeugt.

Von Konsum besessene Teenager hält er für genau so irrig wie Gefühlen und „Irrationalitäten“ und er prophezeit sogar, dass alle, die der Werbung vertrauen und auf ganz große Zeiten warten, nicht merken, wie sie ihre Zeit vergeuden, und wie ihnen die Startlöcher langsam zu Eisenkugeln an den Füßen mutierten.

Zu wissen, dass sich Plasmide als Vektoren in der DNA-Transformation einsetzen lassen und man bei Getreide nicht mit Agrobakterien arbeiten kann, scheint ihm Sinn und Legitimation genug für sein eigenes Leben. „Die Zeit der Helden war eben vorbei, man wusste nicht mehr, woran man anknüpfen sollte.“ Die gemischte Sauna indes hält M. Für „nachgerade friedensstiftend: man sieht sich nackt und die Männer fallen trotzdem nicht über die Frauen her. Das ist eine kulturelle Leistung der besonderen Art.“

Es war M. gelungen, ein Gen, das für Alterung und Tod der Pflanze zuständig ist, zu transformieren und damit die Widerstandsfähigkeit einer Gerstenart deutlich zu erhöhen. Diese Tatsache führt ihn auf einen Kongress nach Dijon, wo er zum ersten Mal im Ausland auftreten wird. Und gerade als, wir M. näher kennen gelernt haben und wenigstens auf ein bisschen Lampenfieber hoffen, tritt Hanna in sein Leben. Die amerikanische Wissenschaftlerin ist spontan und „wie ein Kind, das sich über jedes neue Wort (Französisch) freut, das es lernt“.

Dass sie sofort mit M. Ausgeht, ist wirft die erste Frage auf und es wird nicht besser. Nachdem Hanna in den folgenden Tagen und Wochen ungestüm, voller Lebenslust, Neugier und sehr liebevoll M.’s Leben Gefühlsleben den Kopf stellt, zwingt ihn seine Maxime „man kann nicht zugleich Idealist und Realist sein“ in größte emotionale Konflikte, die größtenteils unterbewusst bleiben. Zumindest spricht es für sich, dass er in einem Tagtraum sogar gegen eine Horde von „Killer“-Brennesseln kämpft, die ihm plötzlich extrem bedrohlich erscheinen.

Ist unsere gegenwärtige Welt nichts anderes als ein Irrtum des kollektiven Unterbewusstseins, der durch Wissenschaft geheilt werden muss? Sollte es tatsächlich so sein, dass „wir dereinst auf die Menschen, die sich noch von Gefühlen leiten ließen, blicken würden, wie einst die europäischen Entdecker auf die schriftlosen Wilden geblickt hatten“, ist M.’s emotionaler Konflikt eigentlich weniger quälend als er sich liest. und fast wünscht man sich beim Lesen dieser Seiten, es würde so werden. Ob die Welt dann auch eine bessere sein würde?

Obwohl „Hanna“ gehandelt wird und damit die ethischen Fragen wichtiger sind als finale Antworten, soll das Ende auch für alle künftigen Leser spannend bleiben.

Deshalb gehört das letzte Wort an dieser Stelle Carl Gustav Jung, dessen Zitat die Roman-Rückseite ziert und der die Pole Traum und Wirklichkeit, Gefühl und Ratio durchaus auf einen wissenschaftlichen Nenner brachte: „Wenn man einen Traum verstehen will, dann muss man ihn ernst nehmen und muss voraussetzen, dass er meint, was er offensichtlich sagt, denn es gibt keinen triftigen Grund für die Annahme, dass er etwas anderes sei, als er ist.“

Ein kluges, streitbares und für mich trotz aller gewollten Sachlichkeit ein zutiefst poetisches Buch!

Für Hartmut Finkeldey ist es sogar „die schönste Liebesgeschichte der deutschsprachigen Literatur seit…ja, seit wann? Seit Meckels „Licht“. Mindestens.“

Renneritz Verlag, 209 Seiten, broschiert, 14 Euro

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