die höhle. schicksal einer deserteursfamilie.

Klettern, Radfahren, Skifahren, Wandern, Langlaufen oder Paragliden: keine Frage, die Schwäbische Alb bietet reizvolle Möglichkeiten für aktive Freizeitgestaltung und nicht zuletzt ihre Vielfalt an geologischen Besonderheiten und faszinierenden Höhlen macht das schwäbische Mittelgebirge zu einem beliebten Naherholungsgebiet.

höhle

Als Eugen Löhrer drei Jahre lang eine dieser Höhlen bewohnte, geschah das weder in Ausübung eines exotischen Hobbies noch aus Forschungsgründen: Eugen Löhrer war Wehrmachtsdeserteur und in einer normalen Behausung seines Lebens nicht mehr sicher.

Alles was Leser und Fernsehzuschauer normalerweise in Romanen, Filmen oder Dokumentationen über Deserteure der Wehrmacht erfahren, zeichnet ein recht stereotypes Bild: Fahnenflüchtige werden erschossen, kaum dass sie entdeckt werden oder zum Minensuchen abkommandiert. In „Die Höhle“ erzählt Elfriede Suhr nach all den Jahrzehnten zum ersten Mal die Geschichte ihres Onkels, der keine andere Überlebenschance hatte, als in einer Albhöhle zu hausen. Eine Geschichte, zwischen größter Bedrängnis und noch größerer Hoffnung.

In einfachen Worten fächert die Autorin einen atemberaubenden Augenzeugenbericht auf, in dem nicht nur der tägliche Überlebenskampf der Familie, sondern auch dörfliche Strukturen unterm Regime des Faschismus hautnah erlebbar werden. Denn nicht nur Onkel Eugen wurde nach seiner Desertation gründlichst gesucht, auch für seine nächsten Angehörigen, Bruder Georg Löhrer und seine Familie, wurden die drei Jahre zum Spießrutenlaufen unter Lebensgefahr: ständige Beobachtung sowie Befragungen durch überzeugte Nationalsozialisten in der Nachbarschaft setzen der kleinen Elfriede und ihren Eltern zu.

Vor allem die Wintermonate werden für Eugen Löhrer und seine Familie zur Zerreißprobe: war die Lebensmittelversorgung im Frühjahr, Herbst und Sommer schon eine logistische Meisterleistung im Verborgenen, bedeuteten Schneespuren im Winter eine zusätzliche Gefahr, entdeckt zu werden. Von monatelanger Einsamkeit und Kälte in der Höhle gar nicht zu reden.

Auch Bruder Georg Löhrer wird schließlich zum Wehrdienst eingezogen, für die zurückbleibende Elfriede und ihre Mutter überschlagen sich die Ereignisse.

Durch die Augen einer Achtjährigen schrieb Elfriede Löhrer ihre Erinnerungen auf, beschreibt für Nachkriegsgenerationen kaum vorstellbare Belastungen. Wir erfahren, dass der Mensch an sich ein Überlebenskünstler ist und ein bisschen Menschlichkeit in der Not einfach unbezahlbar. Als Tante Anna aus Angst vor Bombenangriffen ihre Stuttgarter Wohnung verlässt und für einige Monate beim nur mehr weiblichen Teil ihrer Verwandtschaft in Oberndorf unterkommt, wird die Situation geradezu aberwitzig: Der nervlich wenig strapazierfähige Überraschungsgast darf selbstverständlich nichts vom Höhlenarrangement erfahren und sorgt zusätzlich für einigen Wirbel.

Ein ganz besonderes Buch über ein außergewöhnliches Schicksal, das in seinen Grundzügen allerdings exemplarisch für viele Deserteursfamilien sein dürfte. Absolut empfehlenswert!

Elfriede Suhr „Die Höhle. Schicksal einer Deserteursfamilie“, Silberburg-Verlag, 160 Seiten, gebunden, 14 Euro 90, www.silberburg.de

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