stuttgart-album – eine stadt erinnert sich

Stuttgart verändert sich rasant: Kunstmuseum, Europaviertel und Stadtbibliothek sowie zahlreiche neue Zweckbauten prägen das moderne architektonische Gesicht der Stadt und brezeln die Stuttgarter City auf.

Nicht immer erweist sich die aktuelle Stadtplanung als großer Wurf: es mehren sich Stimmen, die einen Ausverkauf charmanter alter Bausubstanz monieren und einige Stuttgarter fürchten um den ureigenen Charakter ihrer Stadt.

Ob der Kleine Schlossplatz vor Kunstmuseum und Stilwerk wirklich schöner war, darüber lässt sich sicher streiten. Fest steht: mit Abriss und Neugestaltung vieler Gebäude und Plätze bleiben nur noch Erinnerungen an bewegte Zeiten.

In einer üppig gestalteten Retrospektive bewahrt das neu erschienene Stuttgart-Album diese Erinnerungen und lässt Stuttgarter Nostalgie aufleben. Und obwohl das Album vor allem Fotos früherer Zeiten zeigt, verbindet die Vorher-Nachher-Schau wertvolle alte Zeitdokumente mit virtueller Kommunikation: das Buchprojekt entstand im World Wide Web. In der Facebook-Gruppe „Stuttgart-Album“ werden auch jetzt noch Erinnerungen und Fotos gesammelt – die markantesten Opfer der Abrissbirne, Stuttgarter Besonderheiten und kultige Charakterköpfe schafften es vor Kurzem zwischen die gepolsterten Buchdeckel.

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Für viele unvergessen: das „Radiohaus“ Lerche. Hier wurde gespartes Taschengeld für die erste CD getauscht, die anschließend stolz in der unverkennbaren blau-weiß-rot-schwarzen Tüte nach Hause getragen wurde. Die eine oder andere Tüte ist angeblich sogar heute noch auf der Königstraße zu sehen. Auch bei Radio Barth fühlten sich Musikfans der Stadt stundenlang wohl. Erst kürzlich verlor die Stadt mit der „Zweitausendeins“-Filiale einen weiteren Medien-Treffpunkt, der einer scheinbar übermächtigen Online-Konkurrenz weichen musste.

Auch das neue Flughafen-Terminal sieht zwar schick aus, die abgerissene und nicht wieder ersetzte Besucherterrasse ist allerdings bis heute ein spürbarer Verlust. Stuttgarts erster Skybeach, das Schwimmbad auf dem Dach des Nobel-Kaufhauses Breuninger, wird ebenfalls und immer noch von vielen vermisst.

Ältere erinnern sich noch an Zeiten, in denen statt Autos die Straßenbahn durch den Schwabtunnel ruckelte und am heutigen Standort eines Fünf-Sterne-Hotels Wulle Bier gebraut wurde. Dass Calwer- und Königstraße mal viel befahrene Verkehrsadern waren, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Das Stuttgart-Album tritt den Gegenbeweis auch in diesem Fall nicht nur mit Fotos sondern auch mit mehr oder weniger wehmütigen Kommentaren der Facebook-User an.

Nicht alle „Erinnerungen“ im Stuttgart-Album sind nur mehr virtuell vorhanden: das Renitenztheater zog zwar schon zweimal um, ist aber lebendiger denn je. Harald Glööckler kommt regelmäßig im Verkaufssender QVC groß raus, Gastrosoph Bernd Heidelbauer trägt seinen Bart heute auf Vernissagen spazieren, Nacktszenen mit Big Tom Yardley sind ebenfalls zeitnah erlebbar und in der Boa, Stuttgarts ältester Disco sowie in der Schwulen- und Lesben-Disco Kings Club wummern immer noch heiße Beats durch die Nacht. Der Club Musicland – von Insidern nur Müsli genannt -, das Zapata, das Bravo Charlie und das legendäre Unbekannte Tier schlossen ihre Türen leider für immer!

Dafür ist Vincent Klink’s Restaurant Wielandshöhe ein gelungenes Beispiel, wie bereichernd es sein kann, brach liegende Spekulationsobjekte wieder zu beleben, fast magische Orte zu gestalten und zu erhalten. Beibt zu hoffen, dass es auch fürs Waldhaus ein solches Happy End gibt!

Uwe Bogen, Thomas Wagner, Manuel Kloker „Stuttgart-Album. Eine Stadt erinnert sich“, 160 Seiten, 200 meist farbige Fotos, wattiertes Hardcover, 24 Euro 90, Silberburg-Verlag, www.facebook.com/Album.Stuttgart

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