zeugen der geschichte

Beim Stichwort „Ausgrabungen“ denkt fast jeder an endlose, öde Geröllhalden im Nahen Osten, an Städte wie Rom oder Köln oder an Höhlen in Frankreich.

Dass auch Baden-Württemberg bedeutende archäologische Schätze zu bergen hat, beweist eine schöne Neuerscheinung von Theiss, dem Fachverlag für Landeskunde und Archäologie: „Meilensteine der Archäologie in Württemberg. Ausgrabungen aus 50 Jahren“ ist ein üppig ausgestatteter Band, der die bedeutendsten Funde in Württemberg „hebt“.

Dazu gehören die Steinzeithöhlen auf der Schwäbischen Alb genau so wie Pfahlbausiedlungen am Bodensee oder das keltische Fürstinnengrab bei der Heuneburg.

theiss

Im Limesmuseum in Aalen, im Federseemuseum Bad Buchau, im zentralen Archäologischen Landesmuseum in Konstanz, mit dem Keltenfürst von Hochdorf oder den zahlreichen Römerkastellen, besitzt Baden-Württemberg wertvolle Relikte, die spannende Geschichten erzählen. Die „Meilensteine der Archäologie in Württemberg“ laden zu spannenden Zeitreisen durch verschiedenste Epochen.

Dirk Krausse gibt einen Überblick über „Fünf Jahrzehnte archäologische Forschung und Denkmalpflege in Baden-Württemberg“ und Jörg Bofinger nimmt seine Leser mit zu den „Stationen auf dem Weg der Landesarchäologie Baden-Württemberg ins 21. Jahrhundert“.

Zwar wird vielfach noch traditionell gegraben und gepinselt, doch schon lange ergänzt modernste Technik die Ausgrabungsmethoden der alten Schule: Luftbildarchäologie, Kartomaten, Fotodrohnen, digitalisierte Datenbanken, DNA-Untersuchungen, lasergestützte 3D-Dokumentationen von Fundstellen, Grabungsergebnissen und der Funde selbst sowie archäologische Restaurierung mittels 3D-Computertomographie erleichtern die Arbeit der Forscher heute erheblich.

Martin Kemkes zeigt, wie Vermittlungsarbeit die Archäologie in Museen, Parks, Freilichtmuseen, begehbaren Rekonstruktionen, Ausstellungen und historischen Festivals erlebbar macht.

Unterm Motto „50 Jahre – 50 Fundorte“ laden die Herausgeber schließlich zur spannenden Schatzsuche quer durch Württemberg. Eine Übersichtskarte zeigt die Fundstellen. Los gehts im Jahr 1963, als Rektor Gottlieb Stockinger aus Niederstotzingen im Amt für Denkmalpflege anrief und den Fund alamannischer Gräber meldete.

Gleich am nächsten Tag rückten Ausgräber an, um den Schatz zu besichtigen: sie fanden ein ganzes Adelsgräberfeld mit kostbaren Beigaben, silbernem Zaumzeug und Beschlägen, die dank Röntgenvorlage sorgfältig und ohne Verlust frei gelegt werden konnten. Auch bei der Restaurierung leisteten die Ausgräber Pionierarbeit.

Das Jahr 1964 stand für die archäologische Gesellschaft im Zeichen des Fürstengrabes vom Grafenbühl in Asperg – mit griechischen und syrischen Importen eines der bedeutendsten späthallstattzeitlichen Fürstengräber.

Ein Jahr später stieß man beim Bau eines Pfarrhauses in Unterregenbach auf eine rätselhafte Krypta, 1966 brachten Ausgrabungen in Heidenheim bedeutende Erkenntnisse für die Rekonstruktion römischer Militärarchitektur.

Die Entdeckung der römischen Thermenanlage auf dem Nikolausfeld in Rottweil – mit die größten römischen Bäder in BaWü – markierte 1967 den Beginn der modernen, systematisch betriebenen Bodendenkmalpflege.

Die römische Siedlung von Bad Wimpfen, die ersten Häuser der Ältesten Bandkeramik Süddeutschlands in Gerlingen, die Burghöhle bei Dietfurt waren sensationelle Funde der Folgejahre und brachten überregional bedeutsame Forschungserkenntnisse.

Einer der bekanntesten Fundplätze des mitteleuropäischen Paläolithikums ist das Geißenklösterle: die Höhlenruine über dem Blaubeurener Stadtteil Weiler offenbarte nicht nur Knochen von Höhlenbären, Knochenflöten, eine Mammutfigur aus Elfenbein sowie neue Formen von Steinwerkzeugen, sondern auch Zeugnisse für eine komplexe Religiösität der Eiszeitmenschen und dafür, dass aus Afrika stammende „moderne“ Menschen sehr früh entlang der Donau nach Mitteleuropa einwanderten.

Von 1979 bis 1981 fanden am Limesmuseum Aalen große Flächengrabungen statt, bei denen ein Stabsgebäude vollständig untersucht und in seinen Grundmauern konserviert wurde. Das Limesmuseum und der Archäologische Park sind bedeutende Vermittlungsorte am UNESCO-Welterbe „Obergermanisch-Raetischer Limes“.

Ein Meilenstein jüngeren Datums war die bis dahin größte Stadtkernerhebung Baden-Württembergs: beim Rückbau der mehrspurigen Stadtautobahn „Neue Straße“ wühlten sich Archäologen in der Stauferstadt Ulm durch 13 000 Quadratmeter verschüttete Geschichte und gewannen tiefe Einblicke in die Stadtentwicklung. Grubenhäuser aus Holz, steinerne Gebäude, Straßen und Märkte erzählen, wie aus einer frühen Siedlung die Reichsstadt Ulm wurde.

2003 kam es zu einer der spektakulärsten Entdeckungen der Luftbildarchäologie der vergangenen 50 Jahre: die römische Stadtanlage bei Neuenstadt am Kocher war zwar schon länger bekannt, doch erst die systematische Befliegung und anschließende Neugrabungen fördertern ihre Bedeutung als lang gesuchtes, städtisches Verwaltungszentrum des Imperium Romanum östlich des Neckars zutage.

2007 entdeckten Archäologen auf dem merowingischen Friedhof Hessigheim einen Klappstuhl aus Metall. Nein, den hat kein Spaziergänger achtlos weg geworfen: das eiserne Sitzmöbel aus dem 6. Jahrhundert war zu seiner Zeit ein Luxusartikel der römischen Oberschicht und er ist der einzige antike Klappstuhl – noch dazu in gesichertem Zusammenhang – der in Deutschland bisher gefunden wurde.

Seit 2008 im Hohlen Fels bei Schelklingen die älteste Frauenfigurine entdeckt wurde, kann sich die Venus von Willersdorf nur mehr auf Platz zwei sonnen: das Elfenbeinweib aus dem Alb-Donau-Kreis bringt es auf stolze 40 000 Jahre und ist damit das derzeit älteste figürliche Kunstwerk weltweit.

Die aktuellsten Ausgrabungsorte befinden sich im Moment entlang der ICE- und A8-Trasse auf der Schwäbischen Alb. Der geplante Neubau der Strecken stellt die württembergischen Archäologen vor große Herausforderungen: bereits 2010 begannen die Rettungsgrabungen, bei denen beispielsweise eisenzeitliche Grabhügel und spätkeltische Gehöfte ans Tageslicht kamen.

Für alle, die nach soviel Ausgrabungsgeschichten Lust auf eigene Entdeckungen bekommen haben, sind im Register Tipps fürs weiterführende Literaturstudium gelistet, Ausflugs-Adressen ergänzen den Anhang.

„Meilensteine der Archäologie in Württemberg“ ist der zweite Geburtstagsband der Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern. Mit mehr als 3200 Mitgliedern – darunter archäologisch interessierte Privatpersonen, Städte und Gemeinden, Wirtschaftsunternehmen und andere Institutionen – eine der größten archäologischen Vereinigungen in Deutschland.

Zum 50. Jubiläum „galt es Bilanz zu ziehen, um aufzuzeigen, welch enormen Fortschritt und welche Entwicklung die Landesarchäologie in fünfzig Jahren des Bestehens [der] Gesellschaft zu verzeichnen hat“, so Prof. Dr. Dieter Plank im Vorwort der Neuerscheinung.

Hauptziel der 1963 gegründeten Gemeinschaft ist die Erforschung von Vor- und Frühgeschichte des württembergischen und hohenzollerischen Landesteiles im Rahmen der Kultur- und Heimatgeschichte. Archäologische Kulturdenkmale sollen erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

Tatsächlich bestehe in Württemberg ein „alt eingewurzeltes Interesse der Bevölkerung an ihrer heimischen Vergangenheit“, wusste der frühere Ehrenvorsitzende Prof. Wolfgang Kimmig. Auch Tagungen, Exkursionen und Ausstellungen gehören zum Aufgabengebiet der Gesellschaft.

Dieter Planck, Dirk Krausse und Rotraud Wolf „Meilensteine der Archäologie in Württemberg. Ausgrabungen aus 50 Jahren“, 256 Seiten mit 250 Abbildungen und Karten, gebunden mit Schutzumschlag, Theiss-Verlag, 29 Euro 95

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