kaltfront. oder: leben und sterben in salzburg.

Soviel kann ich jetzt schon verraten: es lohnt sich, ab und zu bei den österreichischen Nachbarn reinzulesen – selten hab ich ein Buch derart verschlungen wie „Kaltfront“ von Manfred Koch. Und das, obwohl Psychothriller nicht mein Lieblingsgenre sind.

Layout 1 Auf alles war ich gefasst: auf einen Nerven zerfetzenden Plot, der mehr aufbauscht, als die eigentliche Handlung hergibt. Auch zahllose bluttriefende Splatter-Szenen hätten mich nicht überrascht. Mit was ich allerdings gar nicht gerechnet hatte, war dieses tiefsinnige und gleichzeitg fesselnd-faszinierende Spiel mit Schuld und Sühne. Doch ich hätte es wissen müssen: Nicht umsonst ist „Kaltfront“ für den begeherten Friedrich-Glauser-Preis nominiert.

Statt plumpem Schaudern serviert Manfred Koch eine Milieustudie vom Feinsten, entwirrt sozusagen subtiles Karma im Zeitraffer. Manche sehen es eher wie Manfred Kochs Protagonist im Krankenzimmer: „Denn wenn schon das ganze Leben nur nach dem Zufallsprinzip abläuft, warum sollte dann ausgerechnet fürs Sterben eine Ausnahme gelten? Wir spielen alle bloß Roulette im Casino der Herren Leben & Tod. Und die lachen schallend über jeden, der behauptet, es gäbe einen Plan, ein sicheres System, mit dem man irgendwann auf der Seite der Gewinner steht.

Manchmal gönnen sie uns aus einer Laune heraus einen kleinen Zwischenerfolg, eine kurze Glückssträhne, aber am Ende schauen wir immer durch die Finger. Und Gott ist nur der Croupier, der ungerührt die Kugel wirft und alle paar Minuten `Rien ne va plus` ruft. Die einzige Wahl, die einem bleibt: das Spiel vorzeitig zu beenden, freiwillig aussteigen. Aber was soll das bringen?Also weitermachen und schauen, wohin das alles führt.“ Nichts anderes bleibt dem Leser übrig, denn einmal in der Geschichte drin, lässt einen das „dunkle Labyrinth aus Selbstbetrug und Obsessionen“ einfach nicht mehr frei.

Die Story beginnt zwar dramatisch mit dem Suizidversuch einer jungen Frau und der Leser bleibt nicht im Unklaren: dieses Ereignis war der endgültige point of no return, den Hauptdarsteller Markus unter Lebensgefahr überschritten, vielmehr in einer eiskalten Nacht mit dem Auto schwungvoll überschlittert hat. Doch nach dem ersten Crash gleitet die Erregungskurve auf ein scheinbar ruhiges und alltägliches Niveau.

Die Salzburger High Society geht in der Galerie von Markus und seiner Frau Claudia ein und aus. Zwar ist weder die Branche noch die Ehe seine ganz große Leidenschaft, doch Weinliebhaber Markus hat es sich in der Bussi-Bussi-Gesellschaft gemütlich eingerichtet, keine Frage. Einziger Ströfaktor ist sein Bruder Thomas, der sich zwar für den ganz großen Künstler hält, im Grunde aber nur eine ganz große Meise hat. Mit extremen Aktionen und bar jeglicher Vernunft jagt er seinen Mitmenschen und dem Leser regelmäßige Schauer über den Rücken und auch Galeristin Claudia fürchtet sich vor dem meist ungewaschenen, ständig provozierenden Schwager. Der einzige, der nachvollziehbar schier unerschöpfliche Geduld für den befremdlichen Spinner aufbringt ist sein Bruder Markus.

Und so wird der illustre Galeriebetrieb anfänglich nur durch Rückblenden unterbrochen: wir erfahren, wie sich die beiden Brüder in jungen Jahren nach dem Unfalltod ihrer Eltern durch die Liebe und das Leben schlagen mussten. Doch unter der bürgerlichen Fassage beginnt es zu brodeln. Damals wie heute. Und so schiebt sich das Unheil langsam, dafür um so dichter wie eine Kaltfront in die erzählerische Gegenwart, bevor das fulminante Crescendo für ein Finale sorgt, das so absolut nicht vorhersehbar ist und dennoch eine fast zwingende Logik erkennen lässt.

Nicht zuletzt ist Manfred Kochs Schreibe an vielen Stellen typisch österreichisch gefärbt – last but not least ein weiterer Grund, warum „Kaltfront“ für mich ein literarischer Hochgenuss war. Von mir gibts volle Punktzahl plus Sternchen für diesen Psychothriller aus dem Molden Verlag.

Manfred Koch „Kaltfront“, 336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 19 Euro 99, Molden Verlag

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