Zeuglesweber

Beengte Wohnverhältnisse, Nahrungsknappheit, hohe Kindersterblichkeit, Arbeitstage mit 12 Stunden und mehr – auch in der „guten alten Zeit“ war natürlich vieles gar nicht gut: Ines Eberts neuer Roman „Zeuglesweber“ spielt um 1850, als der junge Bernhardt Schroth seine Lehrzeit als Weber an- und damit in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters tritt. Bei seinem Lehrherr in Lauterbach trifft ers gut: er bekommt genug zu essen, lernt sein Handwerk von der Pike auf und sein Lehrherr gibt ihm sehr umsichtig ein paar Lebensweisheiten mit auf den weiteren Lebensweg, der den Gesellen nach Stuttgart führt.

zeugles In der d’Amblyschen Korsettfabrik sattelt Bernhardt eine Ausbildung zum Korsettweber drauf und wohnt mit zwei weiteren Webern in einer Kammer bei einer geldgierigen Pensionswirtin. Als das Heimweh nach Heubach allzu groß wird, kehrt Bernhardt zum verwitweten Vater zurück. In der neu gegründeten Korsettfabrik findet Bernhardt eine Anstellung, auch der Vater blüht wieder auf und einige Jahre lang scheint das Glück vollkommen. Zwar erlebt die Korsettindustrie in diesen Jahren ein ständiges Auf- und Ab. Als Webstühle schließlich immer öfter durch Nähmaschinen ersetzt werden, ändert sich die Situation grundlegend.

Nicht nur wenn Ines Ebert die damaligen Szenarien an der Börse beschreibt, fühlt sich der Leser ganz nah am Protagonisten Bernhardt und seinen ständig lauernden Existenzängsten. Detailgetreu und sehr berührend beschreibt die Autorin das Leben einer Heubacher Weberfamilie, das eng mit der Entwicklung der württembergischen Textilindustrie verknüpft ist. Hochzeiten, Sterbefälle, kleine und größere Familiendramen sowie der Bankrott der nahen Verwandschaft geraten dabei zu Nebenschauplätzen: das Leben im Sog der Industrialisierung duldet keine Rührseligkeiten, jeder muss schauen, wo er bleibt.

So leise der Historische Roman aus dem Silberburg-Verlag daher kommmt, so packend ist die Geschichte durch ihre fühlbare Authentizität: Vorbild für Bernhardt Schroth war der Ururgroßvater der Autorin und da Ines Ebert zudem in Heubach aufgewachsen ist, musste sie Straßen und Topografie der Umgebung nicht erfinden. Entsprechend realistisch zeichnet sie ein Bild zunehmender Verzweiflung, für die es scheinbar keine Alternative gibt.
Dennoch hinterlässt einen „Zeuglesweber“ nicht depremiert sondern eher bereichert.

Wer noch tiefer und hautnah in die Geschichte der Korsettweberei eintauchen mag, kann sich im Heubacher Miedermuseum umschauen: rund 150 Exponate dokumentieren 200 Jahre Mieder-Geschichte und Korsettweberei – nicht nur in Heubach.

Ines Ebert „Zeuglesweber“, 320 Seiten, kartoniert, 14 Euro 90, Silberburg-Verlag

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