margarete

Meine Großmutter hieß Margarete. Und wie die Hauptfigur in Wolfgang Stahnkes neuem Roman „Margarete“ wuchs auch sie in den Wirren des Zweiten Weltkriegs ins Leben. Meine Großmutter war ein „Stadtkind“, Stahnkes Frauenfigur ist eher eine Heldin vom Land. Als Karl-Friedrich Buchsbaums jüngere Tochter lebt sie irgendwo bei Heilbronn auf dem elterlichen Hof. Im Dorf haben sie einen guten Stand und als Margarete beim Dorffest mit dem Musiker Willi in eine gemeinsame Zukunft tanzt, ist die Welt eigentlich noch in Ordnung.

margarete Doch Nachbar Kurt Kalkbrenner steht bereits für eine Bewegung, die schnell viel Kummer unter alle Dächer bringen wird. Beim Mittagessen läuft der Volksempfänger und Margarete und ihre Familie erfahren, dass der Propagandaminister in Berlin auf einer Großveranstaltung über die „jüdische Weltverschwörung“ sprach. Bald darauf verschwindet der jüdische Dorfarzt und in seinem Haus wohnt sein jüngerer, selbstverständlich arischer Nachfolger.

Auch Margaretes Mann verschwindet. Zuerst im Krieg, dann als Deserteur auf der Flucht. Und bei allen alltäglichen Sorgen und Nöten welche die junge Bäuerin bald allein zu bewältigen hat, steht immer die Frage nach dem Verbleib des geliebten Mannes, die sich erst viele Jahre nach dem Krieg, als Margarete sich einen Traktor, einen Schlepper und ein Telefon leisten kann, beantworten lässt.

Bis dahin behauptet sich die Protagonistin tapfer gegen allzu aufdringliche Parteigenossen, gegen Klatsch und Tratsch, gegen Hunger, Vorurteile und Nazipropaganda und bringt zwei Töchter durch die magersten Jahre ihres Lebens, reift zu einer klugen, herzenswarmen Frau.

Eindringlich, meist leise, dafür mit viel Liebe zum Detail zeichnet der Autor das Portrait einer jungen Frau auf dem Lande, erzählt eine fesselnde Familiengeschichte und malt das Landleben der 30er- bis 50er-Jahre so nüchtern wie farbenfroh – trotz aller Schicksalschläge und Unmenschlichkeiten, die der Krieg so mit sich brachte.

Meine Großmutter hat so gut wie nie etwas aus dieser Zeit erzählt. Um so spannender war für mich dieser bodenständige und gleichzeitig lebendige Roman, der ohne moralische Wertungen, überlebensnotwendige Verdrängung oder aufgebauschte Grausamkeit auskommt. Ein kluges Stück Zeitgeschichte. Empfehlenswert!

Wolfgang Stahnke „Margarete“, 416 Seiten, kartoniert, 14 Euro 90, Silberburg-Verlag

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