der arme konrad

„Der Arme Konrad“ war im Mittelalter sowas wie „Der Kleine Mann“ heutzutage: jemand der sein Leben lang buckelt und doch nie auf den sprichwörtlichen grünen Zweig kommt. Im neuen Roman „Der Arme Konrad“ von Jürgen Seibold wird auch schnell klar, woran das lag: Herzog Ulrich von Württemberg und sein Gefolge leben in Stuttgart ein aufwändiges Leben, das sich aus steigenden Abgaben der Landbevölkerung finanziert. Auch im Remstal kommt es deswegen zu Unruhen und schließlich formiert sich „Der Arme Konrad“ zu einem landesweiten Aufstand gegen eine nimmersatte, arrogante Obrigkeit.

konrad Was so plakativ in einigen Sätzen auf den Punkt kommt, ist Jürgen Seibold mehr als 500 Seiten wert: der Autor lebt im Rems-Murr-Kreis und setzte seiner Heimat mit den „Dorfgeschichten“ ein kleines literarisches Denkmal. Tatsächlich wachsen einem die teils fiktiven, teils authentischen Bewohner des historischen Beutelsbach, Winterbach, Heppach und Schorndorf schnell ans Herz.

Der bauernschlaue und zuweilen doch sehr diplomatische Schultes und Gastwirt Heinrich Huetlin, die heilkundige Dora, die Bauern Hans und Vincenz Vollmar, vor allem aber der moralische Held der Geschichte Hannes Gais und seine Familie: Peter Gais, Vater und Tagelöhner sowie seine Frau Anna Gais sowie die Geschwister von Hannes. Klar, dass er das schönste Mädle aus Beutelsbach zur Frau nimmt, Katharina Schreiner, Tochter des wohlhabenden Wengerters Eberlin Schreiner. Viele der Figuren sind historisch überliefert, was den Geschichten einen herrlich wahrhaftigen Anstrich gibt.

Wie es vor der Industrialisierung nun mal so war, entwickelt sich das Leben langsam. Die Arbeit auf dem Feld und im Handwerk ist hart und alle sind froh, wenn sie abends mit vollem Bauch im Bett liegen. Die Mägde flirten mit den Gästen und ihren Chefs, Kinder werden geboren und viele sterben bald nach der Geburt, harte Winter raffen Alte und Kranke dahin, jeder Tag ist eine spannungsreiche Herausforderung. Doch es gibt auch schöne Momente: Hannes Liebe zu Katharina wird erwiedert, es gibt Dorffeste und gute Ernten und als die Dorfbewohner erfahren, dass die Kirche renoviert werden soll, rechnet sich jeder seine eigenen gewinnbringenden Perspektiven aus.

Doch der Herzog dreht die Daumenschrauben weiter an, fordert bald Abgaben auf Metzgerei-Produkte, führt neue Gewichte ein und seine Jagdgesellschaften fügen den Dorfbewohnern ständig neuen Schaden zu, so gerät das bisherige Gleichgewicht durcheinander: es kommt zu offenen Aufständen, bei denen sich plötzlich auch frühere Freunde feindselig gegenüber stehen.

Mit viel Liebe zum Detail und fundierten Kenntnissen blättert Jürgen Seibold ein Stück Zeitgeschichte auf, an das selbst im Remstal nicht viel mehr als der Jazzclub „Armer Konrad“ erinnert. Um so schöner, dass sich hier ein Autor ausgiebig alten Schriften gewidmet und einem historischen Roman viel Herz und Lokalkolorit verliehen hat.

„Der Arme Konrad“ verflicht eigentlich trocken datiertes Geschichtswissen mit persönlichen Schicksalen und offenbart die meist dialektischen Entwicklungen von Landespolitik und Bewegungen an der „Basis“. Außerdem beweist Jürgen Seibold, dass gesellschaftlicher und politischer Wandel seinen Ursprung nicht nur in großen Metropolen hat. So gesehen ein Plot, der von seiner Grundstruktur ohne weiteres ins 21. Jahrhundert verlegt werden kann. Falls man das möchte. Schließlich hat die gute alte Zeit als Schauplatz von großen und kleinen Dramen ihren ganz eigenen Charme. Grade in Baden-Württemberg, gell?

Jürgen Seibold „Der Arme Konrad“, 512 Seiten, kartoniert, 16 Euro 90, Silberburg-Verlag

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