der stuttgarter bopser. häuser. familien. geschichten.

Sonnenverwöhnt, ruhig, zentral und doch naturnah und gefühlt immer ein bisschen frischere Luft als im Kessel: am Bopser wohnt sichs ohne Zweifel privilegiert. Kein Wunder zog es seit je her Ärzte, Professoren, Architekten, Künstler und Geschäftsleute an den Bopser.

Oder wie Anwohner „Herr Nonnenmacher“ es ausdrückt: am Bopser wohnen „Individualisten und liberale Freidenker, die sich durch hohe Mobilität, ein breit angelegtes Denken und offene Weltsicht, Weitsicht und Authentizität auszeichnen“. Außerdem seien sie familiär und gut vernetzt. Für manche Bewohner ist „ihr“ Bopser die schönste Gegend der Stadt.

bopser Lange bevor der Bopser zur begehrten Stuttgarter Halbhöhen-Wohnlage wurde, war hier schon einiges los. Wer auf der Bopserstraße durch das waldreiche Gebiet unterwegs ist, nutzt einen über 2500 Jahre alten keltischen Fernweg, der von Hohenasperg über den Bopser bis zum Hohen Neuffen verlief. Woher ist das weiß? Aus Jörg Menno Harms neuem Buch „Der Stuttgarter Bopser. Häuser. Familien. Geschichten“.

Gemeinsam mit Ulrike Barth, Eberhard Goeser, Saby Lazi, Horst Reichert, Klaus Steinke und Barbara Ströbel hat der Herausgeber interessante Fakten und Geschichten rund um den Bopser zusammen getragen und im reich bebilderten Buch zur vergnüglichen und infogespickten Lektüre aufgearbeitet.

Bis 1930 transportierten beispielsweise Bauersfrauen und Milchmädchen ihre Waren von Sillenbuch über den Bopser in die Stadtmitte. An der heutigen Stadtbahnhaltestelle Ruhbank erinnert eine „Ruhbank“ aus Stein an dieses anstrengende Unterfangen. Heute würden sie wohl mit dem Auto oder der Stadtbahnlinie U7 fahren, die unter anderem an der Haltestelle „Bopser“ hält. Von dort ist freilich nur ein kleiner Teil des Bopsergebietes zu sehen, das sich von der Weinhalde über Reichelenberg und Weißenburg bis Stafflenberg und nach Sonnenberg rankt.

Im Buch gehts los mit Vorworten von Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Herausgeber Jörg Menno Harms, dann folgen einige historische Betrachtungen – auch zum Friedrich-List-Denkmal in den Bopseranlagen – und schließlich nach Straßen sortiert, die Geschichten einzelner Gebäude und ihrer Bewohner.

Saby Lazi beispielsweise blättert die innere und äußere Architektur der Villa in der Hohenheimer Straße 93 auf. Das Architekturbüro Eisenlohr & Weigle erbaute das schmucke, aus roten Ziegeln gebaute und mit weißen Wandpfeilern versehene Wohnhaus zwischen 1890 und 1892 für den Champagnerfabrikant Eduard Geisler. Zwar wurden die Nebengebäude im Krieg zerstört und Anfang der 50er Jahre abgerissen, das Hauptgebäude ist noch heute, eben direkt an der Hohenheimer Straße zu bewundern.

Das älteste Wohnhaus am Bopser steht übrigens an einer der steilsten Straßen der Stadt, Am Bopserweg 4, und entstand sozusagen direkt im Weinberg. Man nimmt an, dass zu Zeiten des Baugesuchs im Jahr 1875 noch kein Wasser und Strom zur Verfügung stand, weshalb Bauherr und Wasserbautechniker Christian Friedrich Münzenmayer zudem einen Antrag auf Genehmigung eines „Pumpbrunnens“ gestellt hat. Warum das Gebäude auch als Milchhäusle bezeichnet wird, ist bis heute nicht geklärt.

Zwar schmiegten sich im Lauf der Jahrzehnte auch zahlreiche moderne Wohngebäude an die steilen Hänge des Bopsers – zum Beispiel im Rottannenweg 15 oder in der Wernhaldenstraße 42 – ein besonderes Schmuckstück blieb die Villa Am Bopserweg 5: Architekt Paul Gessinger baute das Wohnhaus für Professor Julius Chenaux-Repond, zahlreiche illustre Eigentümer folgten.

Zum Beispiel bewohnten der Architekt Carl Ludwig Nowotny und seine Frau Barbara – eine ehemalige Primaballerina der Zürcher Oper – für eine Weile das prächtig ausgestattete Gebäude mit seinem aussichtsreichen Salon, bevor es 1997 von der Gymnasiallehrerin Claudia Stilz und Verleger Dietmar Stilz erworben wurde und die ehemalige Leitende Direktorin der Stadtbibliothek das Dachgeschoss bezog.

Überhaupt die Bewohner: sie schreiben die wechselvollen Geschichten der Häuser und kommen spannenderweise auch im Buch zu Wort.

Auch Geschichten zum Bopser als Verkehrsknoten, über seine Parks und Plätze, Brunnen, zum Teehaus, zur Bopserhocketse oder auch zu stadtplanerischen Details sind zwischen die Häuserportraits gestreut. Die Bopserquelle galt als wohlschmeckend und heilkräftig, diente den Hausfrauen zum Kochen und Spaziergängern als willkommene Erfrischung.

Eine Bleistiftskizze von Eduard Mörike zeigt 1859 die Säulenhalle, ein Pavillon, der Besucher vor der Witteung schützen sollte, 1939 abgerissen und durch eine schlichte Brunnenschal ersetzt wurde. Leider hat sich die Qualität des Quellwassers durch die steigende Bevölkerungsdichte so verschlechtert, dass heute stattdessen Leitungswasser aus dem Brunnen fließt.

Um den Bopserwald ranken sich spannende Geschichten, so soll Friedrich Schiller hier seinen Freunden den ersten Entwurf der „Räuber“ vorgelesen haben. Ein längst verschwundenes Freilichtheater war lange eine Stätte der Schiller-Verehrung. Heute erinnert noch ein einsamer „Schillerstein“ an die höchst poetische Vergangenheit. Auch die so genannten Bopserhöhlen sind Räume, in denen zahlreiche Geheimnisse und Vermutungen Platz finden.

„Der Stuttgarter Bopser“ ist kein Buch, das man an einem Nachmittag gelesen hat: Viele, viele Abbildungen, historische und neue Fotografien und die dicht recherchierten, charmanten Geschichten machen das hochwertig ausgestattete und schwergewichtige Buch zu einem stets neuen Blätter- und Lesevergnügen.

Jörg Menno Harms (Hrsg.) „Der Stuttgarter Bopser. Häuser. Familien. Geschichten.“, 276 Seiten, gebunden, 29 Euro 90, Silberburg-Verlag

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