nichts ist vergessen

Gerade in religiösen Kreisen ist oft von Vergebung die Rede. Doch in der Wiener Pfarre Canisius scheint ein Schäflein das Vergeben noch ein bisschen üben zu müssen: „Nichts ist vergessen“ ist ein neuer Krimi von Johannes Gönner und offenbar das Motto eines Spray-Attentäters, der seine knallroten Spuren immer drastischer in und um die Kirche hinterlässt.

pfarrkrimi Auch die äußerst spendablen Geschenke, die der Gemeinde neuerdings anonym zugespielt werden, geben Pfarrer Stefan Rätsel auf. Als dann noch ein Mann vom Kirchturm fällt, ist das Maß voll – die Polizei ermittelt in alle Richtungen. Und muss dafür bis nach Kreta reisen.

Ein Pfarrer der Krimis schreibt, das hat mich doch interessiert und zumindest in dieser Hinsicht wurde ich nicht enttäuscht: die etwas verarmte Wiener Gemeinde gibt eine so heimelige wie in diesem Fall auch skurille Kulisse für einen komplexen und charmanten Pfarr-Krimi ab. Pfarrer, Mesner, Haushälterin und einige andere höchst originelle Gemeindemitglieder verleihen der Story einen familiären und unterhaltsamen Charakter. Da passen die höchst überraschenden Auflösungen der verschiedensten „Vor-Fälle“ prima dazu, keine Frage.

Einzig die Dramaturgie des Autors war mir – zumindest die ersten Kapitel – fast ein bisschen zu anstrengend. Es ist derzeit zwar trendy, dem Leser komprimierte Lesehäppchen vorzusetzen, doch die Aufteilung des Krimis in äußerst kurz gehaltene Kapitel, die zudem aus zwölf wechselnden Perspektiven erzählt sind, ermöglichten natürlich einen ungewöhnlichen und temporeichen Panoramablick aufs Geschehen, sind aber bei längeren Plots einfach nicht ganz mein Geschmack.

Ich hatte schon befürchtet, der rote Faden wird durch die extrem knappen Kapitel fast völlig zerhackt, doch der versierte Autor führt die verschiedenen Stränge gerade noch rechtzeitig und raffiniert zusammen, das muss man auch mal anerkennen.

Ich bin jedenfalls froh, an der Geschichte dran geblieben zu sein, denn Johannes Gönners Pfarr-Krimi entwickelte sich auch für mich zu einem außergewöhnlichen Ermittlungs-Vergnügen mit viel Wiener Schmäh. „Nichts ist vergessen“ – erfrischend anders und ganz klar ein Lesetipp. Amen.

Dr. Johannes Gönner „Nichts ist vergessen“, 312 Seiten, broschiert, 12 Euro 99, styria books

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