vom „machen mit den händen“

Wenn Installateure, Elektriker oder Fliesenleger beim Tschüss-Sagen ihre Rechnung da lassen, muss so mancher erst mal schlucken. Davon abgesehen, dass sie alle Handwerker moderner Zeiten sind, war das zu „Großmutters Zeiten“ ganz anders: der Boden des Handwerks war damals eher selten „golden“, viele Handwerker waren bitterarm und übten ihren Beruf im Nebenerwerb aus. Sie lebten vor allem von der kleinen Scholle, die sie mit ihrer Familie bewirtschafteten.

werkstatt Roland Bauer und Frieder Stöckle stellen in ihrem neuen Buch „Opas Werkstatt. Altes Handwerk im Südwesten“ nicht nur Handwerker-Originale aus dem Ländle vor, sondern geben auch fotografische Einblicke in deren Arbeit und Werkstätten, die so wirken, als ob die Zeit stehen geblieben ist.

„Noch bis in die 1950er-Jahre konnte man sie hören, sehen und vor allem riechen: die Schmiede, die Wagner und die Küfer im Dorf“, schreiben die Autoren im Vorwort und zeichnen ein typisches Bild vom ureigentlichen Handwerk: vor den Türen lagerten Speichenhölzer oder Daubentürme, beißender Qualm lag in der Luft, hier und da waren Hammerschläge zu hören.

„Handwerk war fast immer an eine Werkstatt gebunden, und eine Werkstatt hat man fürs Leben“, so die Autoren weiter. Werken und Wohnen lagen ganz nah beieinander, bestimmten den Rhythmus des Lebens. Außerdem gehört das „Machen mit den Händen“ zu den ursprünglichsten und wichtigsten Erfahrungen des Menschen. Wir begreifen die Welt, in dem wir sie be-greifen. Deshalb greifen Babys nach allem, was in Reichweite kommmt. Das Begreifen ist sowohl körperliches als auch intellektuelles Phänomen und so erarbeiteten sich Handwerker oft nicht nur wichtige Griffe und Erfahrungen für ihre Arbeit sondern schlüsselten gleichzeitig eine ganze Weltsicht auf.

Leben und Arbeiten waren nicht getrennt. Beide Bereiche gehörten zusammen und gaben dem Menschen unter anderem durch Ordnungssinn, Ausdauer und Disziplin eine stimmige Identität. Oft waren Handwerker auch Laien-Psychologen, bekamen in der Werkstatt viel Besuch oder arbeiteten vor Ort in Wohnstuben und auf Höfen. Handwerker-Ehen waren fast immer auch Arbeitsgemeinschaften, die Frauen waren mehrfach eingebunden, zum Beispiel als Lehrling, Geselle oder Universalmitarbeiterin. Auch Hund und Katz fühlten sich in der Werkstatt wohl.

„Indem der Handwerker durch seine Arbeit das Produkt formt und hervorbringt, wird er selbst geformt. Gesicht, Körper, Hände der Handwerker sind von der Arbeit gezeichnet“ bringen es die Autoren auf den Punkt. Ein Prozess, der in heutigen Arbeitswelten selten geworden ist. Handwerkliches Können und Wissen wurde fast vollständig durch die elektrische Revolution abgelöst und vor allem in den Freizeit- und Hobby-Handwerkerbereich verdrängt.

Die Folge: kleinteilige Arbeitsprozesse mit Arbeitsanonymität und Eigenleben der Produktionssysteme, verbunden mit unwiederbringlichem Verlust an „Hand-Wissen“. Dass dieser Verlust mit dem Verlust an Kreativität im Umgang mit der Natur einhergeht, der schließlich zur Zerstörung der Natur führen kann, können wir derzeit überall beobachten. Wahrscheinlich erleben Gartenarbeit und die Do-it-Yourself-Bewegung deshalb eine echte Rennaissance.

Um so wichtiger erscheint die Dokumentation des aussterbenden Handwerks: „Opas Werkstatt“ ist so eine Dokumentation, die mit tollen Schwarz-Weiß- und Farbfotos und prägnanten Texten ein berührendes Stück Zeitgeschichte ist. Jahrelang haben die beiden Autoren die „Letzten ihrer Zunft“ besucht, um deren Arbeits- und Lebensgeschichten zu bewahren.

Da ist zum Beispiel der Korbmacher Hermann Bayerlein aus Ilshofen: sein Handwerk ist eine der allerersten menschlichen Handwerkserfindungen. Er brauchte keine dreijährige Lehre, denn die wenigen Handgriffe die man zum Korbflechten braucht, hat man in Kürze verinnerlicht. Erst kommt der Boden, dann wächst der Korb Zug um Zug. Auch die Werkzeugpalette ist überschaubar: Pfriem, Messer, Zange, Schere, Schlageisen – mehr braucht Hermann Bayerlein nicht für seine Arbeit. Allerdings hat er seinen Handwagen, mit dem er Weidenruten und fertige Körbe transportierte, im Lauf der Jahre durch ein Goggomobil ausgetauscht.

Auch wenn er keine lange Ausbildung hinter sich hat und Kunststoff-Produkte an Stelle von Weidenkörben getreten sind: wie alle Handwerker ist auch Hermann Bayerlein stolz auf ein gelungenes fertiges Produkt.

Die Wagner Willy und Ludwig Erb aus Künzelsau „luchsen und lauschen“ ihren Arbeits-Rohstoff ebenfalls der Natur ab. Wagner sind Bildhauer, die nach den Entwürfen der Natur arbeiten: sie fällen Esche, Eiche, Tanne und Fichte immer mit dem Blick auf das fertige Produkt. Sie sehen und hören das Holz wachsen und legen mit ihren Werkzeugen das im Holz schon vorhandene Produkt frei. Wagnerarbeit ist Präzisionsarbeit und in der Werkstatt hat alles seinen Platz! Mit Aufkommen gummibereifter Wagen starb das Wagnerhandwerk fast aus, heute sind die Erbs Holz-Reparatur-Allrounder.

Der angesehenste Handwerker im Dorf war der Schmied: er beherrschte alle vier Elemente meisterhaft und in seiner Schmiede wurde nach der offiziellen Sitzung im Rathaus die eigentliche Lokalpolitik gemacht. Auch der Sattler war unentbehrlich.

Wie sehr Handwerker und ihre Arbeit mit dem gesellschaftlichen Leben verbunden waren, zeigen Redewendungen, mit denen wir heute noch bestimmte Stimmungen und Sachverhalte beschreiben: man muss das Eisen schmieden so lange es heiß ist, jeder ist seines Glückes Schmied und manche haben gleich mehrere Eisen im Feuer. Finden wir was unerhört, schlägt es dem Fass den Boden aus. Viele Angelegenheiten sind ein „Fass ohne Boden“ und ist einer besonders clever, nennen wir in ein „Fässle“. Manchmal reicht auch ein Tropfen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.

„Opas Werkstatt“ weckt die Sehnsucht und gleichzeitig Hoffnung, dass ein paar Schuh- und Korbmacher, Drechsler, Küfer, Töpfer, Zimmermänner, Bürsten- und Besenbinder, ihre Werkstätten und ihr Wissen auch außerhalb von Freilichtmuseen weiter leben.

Roland Bauer, Frieder Stöckle „Opas Werkstatt“, 160 Seiten, gebunden, 24 Euro 90, Silberburg-Verlag

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