stuttgarter lebenswege im nationalsozialismus

Drohnenkrieg in Afghanistan, ein scheinbar endloser Nahostkonflikt oder politische Morde in der Ukraine – aktuelle Beispiele die zeigen, dass territoriale Kriege und die Verfolgung Andersdenkender ein dringendes Thema sind. Trotzdem: der Nationalsozialismus war und bleibt einer der verheerendsten Vernichtungszüge und das Entsetzen ist rund 70 Jahre später nicht aufgearbeitet. Viele Zeitzeugen finden erst gegen Ende ihres Lebens Kraft und Mut über ihre Erlebnisse zwischen 1933 und 1945 zu sprechen. Auch Vereine und Institutionen sind erst mit scheinbar genügend zeitlichem Abstand bereit, sich offener mit der faschistischen Bewegung auseinander zu setzen, die in den eigenen Strukturen Raum und geistigen Boden finden konnte.

Poguntke-Lebenswege_9783878000662-212x300 Besonders anschaulich und lehrreich wird das Unfassbare – und 50 Millionen Tote sind eine monströse, anonyme Bilanz – anhand persönlicher Schicksale, noch dazu von Menschen aus der Nachbarschaft. Deshalb erinnert auch in Stuttgart das Künstlerprojekt „Stolpersteine“ daran, dass in diesem oder jenem Gebäude Menschen gelebt haben, die in der NS-Zeit verfolgt oder auch getötet wurden. Susanne Bouché-Gauger ist eine, die sich in dieser Initiative engagiert und im Buch „Stuttgarter Lebenswege im Nationalsozialismus. Sieben Biographien“ über den Künstler Fred Uhlmann schreibt, der im März 1933 überstürzt nach Paris flieht und sich später in seiner neuen Heimat London für Künstler im Exil einsetzt.

Als einziger Exilant unter den Portraitierten, steht Fred Uhlmanns Geschichte exemplarisch für alle, die während der NS-Herrschaft ihre Heimat aufgaben um ihr Leben zu retten. Die Mehrzahl der Biographierten waren entweder im Widerstand aktiv oder selbst Funktionäre des Systems. So wie Friedrich Mussgay, der als letzter Chef der Gestapo in Stuttgart vorgestellt und von der Kommunistin Lina Haag als „fauchender Zwerg“ und „zappelnder Sadist mit kreischender Stimme“ beschrieben wird.

Neben der Verfolgung und Verurteilung politischer Gegner, gehörten auch Deportationen jüdischer Mitbürger zu seinen organisatorischen Aufgaben. Sein Arbeitsplatz: das Hotel Silber. Privat lebt Mussgay mit seiner Familie ab 1934 in der Rotenbergstraße Stuttgart-Ost. Sein kometenhafter Aufstieg an die Spitze der Stapoleitstelle brachte Mussgay kein Glück: 1946 erhängte er sich im Stuttgarter US-Militärgefängnis. Auch die drei vorherigen Gestapo-Leiter schieden gewaltsam aus dem Leben. „Ob sich damit gewissermaßen der Kreis für die an der Organisation und Ausführung nationalsozialistischer Verfolgung, für Gewalt und Terror Verantwortlichen schloss, mag dahingestellt bleiben. Mußgay entzog sich auf diese Weise jedenfalls einem ordentlichen Gerichtsverfahren“, schließt Jürgen Schuhladen-Krämer, Historiker und Mitarbeiter des Karlsruher Stadtarchivs, seinen Recherchebericht.

Ganz bewusst mischen sich in dem von Peter Poguntke heraus gegebenen Buch die Biographien von Tätern und Opfern, suchen die Autoren Antworten auf die Fragen: „Was ließ den einen zum überzeugten Nazi werden, was den anderen zum entschiedenen Gegner?“ Eine Kurzchronik beschreibt den Verlauf von „Tausend Jahren“ Willkürherrschaft und Dr. Roland Müller, Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs und Autor eines Standardwerkes über Stuttgart im Nationalsozialismus, beschreibt Stimmung und Entwicklung der Stadt von den Anfängen um 1930 bis zum Einmarsch der 1. Französischen Armee in Stammheim und Zuffenhausen.

Zahlreiche Überlieferungen und Dokumente stützen Chronologien und Biografien, zum Teil beleuchten eigene Widerstands-Erinnerungen das Leben zwischen politischen Aktionen und Verfolgung, wie beispielsweise bei Hans Gasparitsch, der seinen kommunistischen Überzeugungen trotz zehnjährigem Leidensweg durch Gefängnisse und Konzentrationslagern ein Leben lang treu blieb.

Ein wichtiges Buch das mahnt, versöhnt, bereichert.

Peter Poguntke (Hrsg.) „Stuttgarter Lebenswege. Sieben Biographien“, 192 Seiten, gebunden, 29 Euro, südverlag

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