stuttgart, die „erzählte stadt“

Vergangenes Wochenende verwandelte sich Stuttgart in einen literarischen Salon: Stuttgarterinnen und Stuttgart aus „Kultur, Politik und Gesellschaft“ führten im Rahmen des Projektes „Erzählte Stadt“ an literarische Orte zwischen Cannstatter Kurpark und Gänsheide. Schillerplatz, Hegel-Haus, Hermann-Lenz-Höhe – ganz Stuttgart ist voller Hinweise und Erinnerungen an Poeten, Literaten und Salonlöwen, die mit dem „Kessel“ mal mehr, mal weniger anfangen konnten. Auch das Hutzelmännle an der Fassade des Fruchtkastens ist eine Hommage an einen Dichter, der heute noch populär ist: der gebürtige Ludwigsburger Eduard Mörike zog innerhalb von Stuttgart anscheinend zehnmal um.

Viele Straßen in denen Mörike lebte, heißen heute anders und auch die zahlreichen Gasthöfe und Hotels, in denen beispielsweise Honoré Balzac, Ferdinand Freiligrath oder Joachim Ringelnatz zeitweise weilten, lebten oder arbeiteten sind zum Teil nur noch imaginär vorhanden, trotzdem sind die Geschichten zu Stuttgarts literarischen Orten eine Erinnerung wert.

erzählte_stadt Wer am vergangenen Samstag keine Lust oder keine Zeit hatte, die verschiedenen Stationen des Projektes „Erzählte Stadt“ zu besuchen, kann mit dem gleichnamigen Buch von Irene Ferchl trotzdem auf literarische Spurensuche durch Stuttgart gehen. Das Buch ergänzt das Kirchentag-Projekt und erzählt unter anderem, wie Goethe im ehemaligen Hotel Römischer Kaiser „eines seiner schlimmsten Wanzenabenteuer“ erlebte, dass Ludwig Börne geradezu besessen von gerösteten Spätzle und Träubleskuchen war, wie Giacomo Casanova aus dem „Goldenen Bären“ fliehen konnte und Emma von Suckow im Pavillon der Neuen Infanteriekaserne an der Rotebühlstraße einen literarischen Salon betrieb, den neben Eduard Mörike auch Clemens Brentano und Nikolaus Lenau besuchten.

Stuttgarts Literaten, Redakteure und Schriftsteller der neueren Zeit arbeiteten zum Beispiel im Tagblatt-Turm – Jella Lepman war in den 1920er Jahren die erste Redakteurin beim Tagblatt -, Josef Eberle prägte lange Jahre die publizistische Leitlinie der Stuttgarter Zeitung und in der Neckarstraße konnte man beim ehemaligen Süddeutschen Rundfunk öfter mal Samuel Becket und Martin Walser treffen, außerdem schrieb hier Helmut Heißenbüttel mit seinem „Radio Essay“ tatsächlich Radiogeschichte.

Insgesamt 75 kurze Geschichten halten Erinnerungen an literarische Menschen und Ereignisse fest, vier Kartenausschnitte erleichtern den Überblick über die einzelnen Viertel und Stadtteile und sind gute Begleiter für alle, die vor Ort selbständig auf Entdeckungstour gehen möchten. „Erzählte Stadt“ ist unterhaltsames Lesebuch, außergewöhnlicher Stadtführer und spannende Zeitgeschichte(n) in einem.

Irene Ferchl „Erzählte Stadt“, 135 Seiten, gebunden, 12 Euro 90, Silberburg-Verlag

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