revolutionskinder in der stadtbibliothek

Im vierten Obergeschoss der Stadtbibliothek fliegen Steine, Menschen ballen die Fäuste und skandieren „Wir sind das Volk“ – was im Keller als Führung durch das neu eröffnete Gebäude begann, erreicht mehrere Stufen höher einen vorläufigen Höhepunkt: eine Revolution bricht aus. Natürlich eine rein fiktive: am 25. September ging das Stück „Revolutionskinder“ von Theater Lokstoff in die dritte „Staffel“ und verwandelt den Büchertempel am Mailänder Platz bei laufendem Betrieb für einige Termine in einen öffentlichen Schauplatz großer Emotionen.

lokstoff2 Treffpunkt für die aufrührende Inszenierung ist am Liefereingang des Gebäudes: hier starten die Besucher mit dem Präsident – gespielt von Frank Deez – zu einer Führung durch die „neu eröffnete“ Bibliothek – gleichsam ein Prestigeobjekt für den Staatsmann, der sich in der Eröffnungsrede für seine Verdienste in Sachen Sicherheitspolitik rühmt. Doch schon wenige Stufen weiter nimmt das Drama seinen Anfang: in zwei Lastenaufzügen spielen vier Jugendliche parallel die tragische Liebesgeschichte von Phyramus und Thisbe und werden zum Symbol für Unterdrückung und die Sehnsucht nach Freiheit. Zwei Liebespaare deshalb, weil das Lokstoff-Ensemble mit dem Stück Revolutionskinder die friedliche ostdeutsche Revolution 1989 mit den Ereignissen auf dem Tahrir Platz in Kairo 2011 verbindet. Als „Revolutionskinder“ Premiere feierte, war der arabische Frühling noch zum Greifen nah und tatsächlich spielen vier der jungen Mimen fast ihre eigene Geschichte: „Wir hatten großes Glück, dass zwei Jugendliche im Grunde direkt vom Tahrir-Platz nach Stuttgart kamen. Zwei weitere sind aus Tunesien zu uns gekommen und alle waren sehr dankbar, dass sie im Rahmen des Stückes von ihren Erlebnissen erzählen konnten. Man selbst sitzt dann da, hat schon einige Berichte oder Filme zu dem Thema gesehen und plötzlich gibt es mit diesen Jugendlichen ein Gesicht zu dieser Revolution. Das nimmt einen schon mit“, so Wilhelm Schneck, Schauspieler, Regisseur und künstlerischer Leiter von Lokstoff.

Der Präsident drängelt im Untergeschoss zum Weitergehen! Mit Audioguide und farbigen Fähnchen ausgestattet, bewegen sich die rund 60 Zuschauer nach oben: die „rote“ Gruppe fährt mit dem Aufzug direkt in den achten Stock, die blaue Gruppe bleibt vorerst in einem Kellergang, wo die jugendlichen Schauspieler ihre Biographien murmeln. Immer öfter fließen Zeitzeugenberichte, Interviews, Twittertexte, Blogbeiträge oder Zitate von Milke und Assad in den Originaltext der babylonischen Liebes-Sage ein – zwei Stuttgarter Poetry-Slammer brachten die zeitgenössischen Texte ins passende Versmaß.

„Wir erzählen mit unserem Stück die Geschichte der Diktatur und arbeiten uns an den Moment heran, an dem Menschen – vor allem Jugendliche – gegen herrschende Strukturen aufbegehren“ bringt Wilhelm Schneck die Handlung auf den Punkt. „Im Mittelpunkt der Inszenierung stehen die revolutionären Entwicklungen sowie die Träume, Wünsche, Hoffnungen, ihre Ängste und Reaktionen der jungen Leute – ihre Eltern haben es verpasst, gegen das System zu revoltieren.“

lokstoff3 Dramaturgisch sieht das so aus, dass die Jugendlichen im Stück, von Stockwerk zu Stockwerk selbstbewusster werden – sie merken, dass sie Teil von etwas Großem sind und motivieren die Zuschauer, selbst ein Teil dieser Bewegung zu werden. Im vierten Stockwerk treffen die verschiedenen Gruppen das erste Mal wieder aufeinander und der Diktator erlebt den Verfall seiner Macht – das Volk bestimmt jetzt die Ereignisse, die nach etwas mehr als einer Stunde Spielzeit im Erdgeschoss in einem gemeinsamen Finale münden. Flugblätter regnen von oben ins Atrium, Thisbe ist tot am Ende bleibt ein einsamer Präsident in einem Meer von Kleidern, der sicher ist: „Ohne mich würde hier nur Gewalt und Chaos herrschen!“

Eine packende Vorstellung gibt Lokstoff am 31. im Oktober in der Bibliothek und ist mit „Revolutionskinder“ für den Deutschen Engagementpreis nominiert. www.lokstoff.de Fotos: Lokstoff

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