der duft der götter

Hier kommt eine gute Nachricht für alle, die schon immer wissen wollten, wie Gott riecht: er duftet nach Weihrauch! Katholiken erzähle ich nichts Neues, aber die meisten wissen wahrscheinlich trotzdem nicht, dass diese Tatsache bereits in der Pyramidenzeit der alten Ägypter bekannt war. Ich habs erfahren, als ich Christine Fuchs‘ neues Buch „Räuchern – Rhythmus des Jahreskreises“ gelesen habe.

raeucherkreisNachdem ich mit ihrem ersten Buch „Mein Räucherkistchen“ regelrecht ins Thema reingeschnuppert habe, war ich gespannt aufs neue Werk: „Die Kraft der Natur durch achtsam gestaltete Räucherrituale im Jahreslauf erfahren“ – das war genau das, worauf ich brannte! „Natur und Kosmos sind rhythmisch geformte Harmonie“ schreibt die Räucher-Expertin von Labdanum gleich am Anfang ihres Buches und erläutert Wesen und Ausprägung von Rhythmen und wie sie unser Leben beeinflussen.

Was dann kam, habe ich so nicht erwartet: noch nie wurde ich so leichtfüßig, undogmatisch, modern und dabei ganz und gar hintergründig mit dem Thema Spiritualität überrascht. Doch der Reihe nach: Ob Mondaufgang, Sonnenuntergang, Blutkreislauf, Atmen oder Jahreszeiten: alles folgt kosmischen Impulsen. Ist der Rhythmus gestört oder fällt der Mensch aus diesen natürlichen Kreisläufen raus, entsteht zum Beispiel Krankheit:

Wir klonen Lebenwesen und haben doch so viele Burnout-Patienten wie nie zuvor. Dank Elektrizität machen wir die Nacht zum Tag und leiden jeden Tag an Reizüberflutung, halten Stille und Dunkelheit nur schlafend aus oder schlafen gleich gar nicht mehr. „Wir fühlen uns scheinbar unabhängig und kennen zumindest in der westlichen Welt kaum Mangel. Dennoch ist zu beobachten, dass viele Menschen unter einer ständigen Übersättigung leiden – körperlich wie seelisch. Das Seltsame dabei: Diese macht nicht satt. Im Gegenteil, der Hunger und Durst der modernen Seele nach geistig-spiritueller Anbindung wird immer größer. Um diese wieder zu finden, hält die Natur einiges für uns bereit…“ lockt die Autorin in weitere Kapitel.

Diese Unabhängigkeit des Menschen von den Gesetzen der Natur begann vermutlich mit Entstehung des Ackerbaus, veränderte sich in der Bronzezeit durch den Gebrauch von Metallen und beschleunigt sich durch unseren rasanten technischen Fortschritt, dass einem schwindlig werden kann. Wo bleiben Raum und Zeit für eine bewusste geistige Entwicklung? Was nährt die Seele, was gibt Lebenskraft? Und vor allem: wie gelingen Achtsamkeit und Entschleunigung?

Kirchen sind bei diesen Fragen nur bedingt hilfreich, im Gegenteil: wie sehr diese Institutionen urchristliche Bräuche und Ursrpünge für sich vereinnahm(t)en, verfremde(te)n und uns dadurch fast „entwurzelten“, wurde mir erst durch dieses Buch so richtig klar. Opferkulte, Götterverehrung, heilige Feste, Brauchtum – von all diesen Begriffen haben wir meist nur noch den Hauch einer – dämonisierten – Vorstellung. Oft halten wir sie für nichts anderes, als rückständige Spinnereien unserer Vorfahren.

Vor allem unsere germanischen und keltischen Wurzeln interessierten mich seit einigen Monaten und ich wusste nicht so recht, wo ich nach Antworten suchen sollte. Dieses Buch gab sie mir und es verbindet sie auch gleich konzentriert und schlüssig mit meinem Lieblingsthema Natur im Alltag. Jetzt wollte ich aber wirklich wissen, was Räuchern mit all dem zu tun haben soll.

Davon abgesehen, dass gemeinsam Essen und ins Lagerfeuer schauen als archaische Erfahrungen in unseren Zellen gespeichert sind, und dass dabei fast immer ein Gefühl von Gemeinschaft und Geborgenheit entsteht: Räuchern hilft, uns mit der geistigen Welt zu verbinden – ja mehr als das: Räuchern unterstützt uns, aus „eigener Verantwortung in die Veränderung zu gehen“ behauptet Christine Fuchs und erklärt auf den folgenden Seiten auch wieso.

Warum die eigene (geistige) Entwicklung so wichtig ist? „Eigene spirituelle Impulse setzen, sich auf den Weg machen, auf Grundlage unserer so reichen Kultur eine zeitgemäße Form der Spiritualität entwickeln, gibt unserer Seele die Nahrung, die sie braucht“, schreibt Christine Fuchs.

Von einer naturnahen Lebensweise lernen, alte Feste neu beleben, die Naturgeister ins eigene Leben einladen, sich einer höheren Bewusstseinsebene öffnen und nicht zuletzt das Weibliche wieder entdecken und mit dem Männlichen versöhnen – all das ist mit Räuchern ganz leicht möglich. Egal ob sich jemand als Heide, Christ oder Buddhist fühlt.

Wesentlich für ein spirituelles Erleben sei am Ende die innere Haltung der geistig-göttlichen Welt gegenüber. Was voraus setzt, dass man diese als höhere Wirklichkeit akzeptiert hat, aus der wir alle geschöpft wurden, so Christine Fuchs.

Was zählt ist „die Verbindung, die man in ganz persönlicher Weise in diese (geistige) Welt pflegt, ohne dabei anderen Menschen Vorschriften zu machen oder eine elitäre Hoheit über religiöse Fragen für sich zu beanspruchen. Der Garant für spirituelle Unabhängigkeit und den eigenen Entwicklungsweg ist das klare Bewusstsein über das, was man fühlt, denkt und als Handlung in die Welt bringt – sowie die Hingabe an die natürlichen Rhythmen des Kosmos und den darin wirkenden geistigen Kräften“.

Muss man erst mal mehr wissen, um sich mit dem Thema Natur und Spiritualität zu beschäftigen? Ich finde: es ist die Essenz, ist Weg und Ziel zugleich!

Mit dem Kapitel darüber, wie Duft und Rauch uns schon immer begleiten, uns an die geistige Welt und unser ursprüngliches kulturelles Erbe anbinden, leitet die Autorin schließlich zu den Jahreskreisfesten über. Waren Ostern, die Walpurgisnacht oder die Sommersonnwende bisher vor allem Feiertage im Kalender, an denen die entsprechende Deko aus dem Speicher geholt wird, erhalten diese markanten Daten mit Christine Fuchs‘ neuem Buch eine ungeahnte Tiefe, sie füllen sich mit Sinn und Substanz.

Im letzten Kapitel portraitiert Christine Fuchs 60 Räucherpflanzen, erklärt ihre Merkmale und Besonderheiten, ihre Wirkung und Anwendung und erfreulicherweise auch ihre kulturellen Hintergründe.

Samhain – eher bekannt als Allerheiligen – ist ja nun schon vorbei, aber kurz vor der Wintersonnwende werde ich mich wieder ins Buch vertiefen und schauen, welches Ritual sich für mich stimmig anfühlt und welche Kräuter, Harze oder Hölzer mich an diesem Tag begleiten sollen. Ich freu mich jetzt schon drauf und bin gespannt, welche schlummernden Fähigkeiten und Impulse frei werden und vielleicht lade ich ein paar Freundinnen dazu ein?! Die Auswahl der passenden „festlichen“ Farben stammt übrigens von der Farb- und Stilberatin Andrea Maucher, die tollen Fotos im Buch kommen vom Stuttgarter Fotograf Roberto Bulgrin.

Ein mutiges, spannendes und kreatives Buch, kurz: für mich eine der beräucherndsten Neuerscheinungen in diesem Jahr! 😉

Christine Fuchs „Räuchern – im Rhythmus des Jahreskreises. Die Kraft der Natur durch achtsam gestaltete Räucherrituale im Jahreskreislauf erfahren“, 176 Seiten, laminierter Pappband, 29 Euro 99, Kosmos Verlag

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