autos, dübel, teddybären – wirtschaftssammelsurium baden-württemberg

Was macht ein Völkchen, das kaum nennenswerte Bodenschätze besitzt, weder vom Tourismus, noch vom Fischfang oder vom Verkauf landwirtschaftlicher Produkte leben kann und dessen Topographie für flächendeckende Industriestandorte einfach zu eigenwillig ist? Richtig: es erfindet, was das Zeug hält!

autos_duebel_teddiesDer Titel von Astrid Schlupp-Melchingers neuem Buch „Autos, Dübel, Teddybären – Das Wirtschafts-sammelsurium Baden-Württemberg“ lässt bereits vermuten, was dabei heraus kommt, wenn Schwaben Hirnschmalz einsetzen: Erfindungen von Auto bis Zeppelin, von (Matrosen-)Anzug bis „Zwirn“ für Windkraftanlagen, von Ahoij-Brause bis Zigarren aus Hockenheim.

Aufgeteilt in die Kapitel Schick&Strick, Achse&Schraube, Genuss&Geschmack, Geld&Wohltat, Hexenküche&Co., Bewegt&Unterwegs sowie Dies&Das streift die Journalistin, Autorin, Kunsthistorikerin und „schwäbische Wirtschafts-Expertin“ durch die vergangenen zwei Jahrhunderte, fördert Skurriles und Bahnbrechendes, rasante Erfolgsgeschichten und auch so manche Pleite zu Tage.

Die Auswahl ist „bewusst subjektiv“ gesteht die Autorin sympathischerweise, dennoch erwartet den Leser ein durchaus repräsentativer „Querschnitt durch die wichtigsten Branchen“ Baden-Württembergs – in kleinen Lesehäppchen, von gestern und heute. Erfreulicherweise hat Astrid Schlupp-Melchinger den Schwerpunkt mal nicht auf die „üblichen Verdächtigen“ gelegt, deshalb sind Daimler und Porsche vergleichsweise selten erwähnt.

Auch von der Firma Bosch ist ja bestens bekannt, dass sich der Globalplayer microsoft-mäßig aus der Garage raus entwickelte – und es gibt noch mehr solcher Beispiele im Ländle, über die man gern mal in so einem Buch sprechen kann: so verhüllte das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude den Reichstag mit Tüchern aus Gütermann-Garn, das seit 1867 in Gutach im Schwarzwald hergestellt wird. Auch exklusive Stoffe von Marc Cain kommen geradewegs aus der schwäbischen Provinz und verdanken ihren Erfolg guten Ideen und klugen unternehmerischen Entscheidungen statt einem fetten StartUp-Kredit.

Überhaupt die Textilindustrie: „Nirgendwo sonst sind auf so engem Raum so viele Top-Textilunternehmen zuhause wie rund um die Südwestalb und im Land insgesamt. Baden-Württemberg kleidet den Rest der Welt in edles Tuch und wirkt auch im Bereich der technischen Textilien ganz vorne mit“, schreibt die Autorin und anscheinend sind manche dieser Textilien leichter und langlebiger als eine konventionelle Stahlbrücke. Gerade bei der Firma Gütermann werden seit 2008 zukunftsweisende Synthetikfasern gesponnen und im vielfach ausgezeichneten Unternehmen „Trigema“ entstand übrigens das erste kompostierbare T-Shirt – wobei sich vermutlich jedes Baumwollshirt irgendwann mal auflöst, wenn man es lange genug im Freien liegen lässt…

Noch ein Beispiel für besondere Garne sei gestattet: wenn Stahlwerker, Feuerwehrmänner oder Formel-1-Piloten an die Arbeit gehen, tragen sie Spezialfasern von Amann am Leib. Gilt auch für viele Luftakrobaten, die ihren Fallschirm ins Flugzeug tragen.

Praktisch, dass der Weltmarktführer für industrielle Maschinennadeln, Werkzeuge und Systeme rund um die Textilherstellung, die Groz-Beckert KG, gleich um die Ecke sitzt.

Eine ganz und gar indiskrete Anektdote aus früheren Tagen überliefert, dass Robert Vollmoellers bequeme „Reformunterwäsche“ – von 1881 bis 1971 in Stuttgart-Vaihingen produziert – auch von Oscar Wilde und George Bernard Shaw getragen wurde. Ich mag Reformware und Wollenes ja, aber ob die zahlreichen Verehrerinnen dieser Intellektuellen mit Bequemunterwäsche gerechnet haben, als es an die selbige ging?

Im Kapitel Achsen&Schrauben spielt natürlich die Firma Würth in Künzelsau eine bedeutende Rolle – ebenso die Firma Festo, die sich kürzlich hoch überm Nekartal mit einem weithin sichtbaren,  verglasten Turm ein Denkmal setzte oder die Firma Herrenknecht, deren Tunnelvortriebsmaschinen sich durch den gesamten Globus fräsen.

Motorsägen und Gabelstapler der Firma Stihl aus Waiblingen sind weltweit ein Qualitätsbegriff und die Trennschleifer der Firma Flex-Elektrowerkzeuge gehören längst zur deutschen Sprache: die „Flex“ ist so selbstverständlich geworden wie „Tempo“ für Taschentuch. Schwarzwälder Uhren sind fast ein Kapitel für sich und auch kreative Erfinder wie Philipp Matthäus Hahn passen prima hier rein.

Das Filderkraut, die größten Nudelhersteller, Seitenbacher Müsli, Schokolade im quadratisch, praktisch, guten Format sowie bekannte Bierbrauer, Winzer, Sekthersteller und der Weltmarktführer für Glückskekse tummeln sich im Kapitel Genuss&Geschmack, bevor es zur Erfolgsgeschichte der Bausparkasse Wüstenrot im Kapitel Geld&Wohltat geht.

Dass es Capri-Sonne neuerdings auch in Bio-Qualität gibt, hab ich unter anderem im Kapitel Hexenküche&Co. erfahren, auch dass der Pharma-Riese Pfizer mit Know-How und Manpower aus Ludwigsburg entstanden ist. Der Drogeriemarkt-Gründer Götz Werner reformiert die Unternehmenskultur von Karlsruhe aus und Stars in Hollywood schwören auf Naturkosmetik von Dr. Hauschka in Bad Boll.

Last but not least trat der Teddybär von Gingen aus seinen Siegeszug um die Welt an, in Schwäbisch Gmünd wird die noch älteste erscheinende Tageszeitung gedruckt und dass der Pustefix-Schaum für luftig-schillernde Seifenblasen ebenfalls aus Baden-Württemberg kommt, fand ich so herzig wie interessant. Ich glaube, ich hab schon genug verraten – wer neugierig geworden ist, kann ruhig zugreifen: „Autos, Dübel, Teddybären“ ist bestes Infotainment im Buchformat.

Astrid Schluss-Melchingen „Autos, Dübel, Teddybären – DAS Wirtschaftssammelsurium Baden-Württemberg“, 176 Seiten, Klappenbroschur, 19 Euro, südverlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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