außergewöhnliche frauen und männer aus baden-württemberg

braun_frauen_bawueSie waren besonders, eigenwillig, fortschrittlich oder tragisch – so beschreibt Adrienne Braun mutige Weiber, die sie in ihrem neuen Buch „Künstlerin, Rebelling, Pionierin – 20 außergewöhnliche Frauen aus Baden-Württemberg“ portraitiert.

Nun sind historische Daten, Fakten und Jahreszahlen oft trocken und fade, doch die Stuttgarter Kunstkritikerin und Kulturjournalistin schafft es mühelos, den Biografien ihrer Protagonistinnen Leben einzuhauchen – zum Beispiel indem sie sich hier und da eine Spekulation erlaubt.

Tatsächlich finde ich die Frage hochinteressant, wie sich beispielsweise die resolute und erfolgreiche Bankerin Karolin Kaulla fühlte, als sie 1770 den Posten des gerade gehängten Joseph Süß Oppenheimer übernommen hat? Wie viele Liebschaften gab es im Leben dieser herausragenden Frauen, die in keinem Geschichtsbuch, in keiner Korrespondenz oder mündlichen Erzählung überliefert sind? War es diesen Frauen bewusst, dass sie mit ihren Kämpfen und mit ihrem Wirken „Geschichte schreiben“?

Adrienne Braun lässt zum einen bekannte Damen wie Berta Benz,  Gretel Bergmann oder Margarethe Steiff lebendig, einzigartig und mutig vor den Kulissen ihrer Zeit agieren und widmet sich zum anderen auch ungewöhnlichen Frauen, deren Lebenswege mittlerweile fast vergessen sind.

Agathe Streicher zum Beispiel, eine unerschrockene Ärztin die sich an des Kaisers Krankenbett traute, obwohl die männlichen Kollegen deshalb Gift und Galle spuckten. Die Ulmer Bürger mögen sie und Agathes Praxis floriert – ihr guter Ruf reicht weit über die Stadtgrenze hinaus. Nicht nur die Adligen – darunter die Prinzessin von Hohenzollern – auch die Geistlichkeit bevorzugt es, von der Ulmer Ärztin behandelt zu werden. So der Bischof von Speyer oder der Probst von Trient.

Agathe Streicher vertritt ihre Überzeugungen nicht nur in Sachen Naturmedizin, sondern in allen Lebensbereichen, setzt sich beispielsweise für Religionsfreiheit ein: in ihrem Haus treffen sich Anhänger des verbannten Luthergegners Caspar von Schwenckfeldund und am liebsten würde man die Ärztin gleich mit verbannen. Doch keiner traut sich so recht. Als sie in ihrem Testament die wenigen Verbliebenen der vertriebenen Streichersekte sowie Waisenkinder und Obdachlose bedenkt, wird sie nach ihrem Tod allerdings hemmungslos als Ketzerin gebrandmarkt und ohne kirchlichen oder städtischen Segen einfach verscharrt.

Katharina Kepler, die streitsüchtige, aber auch gebildete und vielseitig interessierte Mutter des berühmten Astronomen, war dagegen nie beliebt. Trotzdem stand ihr der Sohn zur Seite, als sie jahrelang als Hexe denunziert und tatsächlich auch verurteilt wird. Vermutlich ein wichtiger Grund, warum sie nach 14 Monaten Gefängnis frei kommt – die meisten ihrer Leidensgenossinnen starben auf dem Scheiterhaufen.

Auch Maria Andreae war ein „Kräuterweib“: die Apothekerin erzieht ihre Kinder alleine und experimentiert mit Arzneien, Säften und Heilgetränken. Sie sei eine Frau wie ein Mann gewesen, herzensgebildet, arbeitsam und hart im Nehmen und als die Kinder aus dem Haus sind startet sie „karrieremäßig“ durch. Herzogin Sybilla holte sie als Apothekermagd nach Stuttgart und Maria war vermutlich die erste baden-württembergische Apothekerin mit Festanstellung.

Maria und die Herzogin verstehen sich gut, teilen gleiche Werte und die Apotheke avanciert zur fürstlichen Wohlfahrtseinrichtung, in der Arme kostenlos behandelt werden. Durch ihre strenge Frömmigkeit und ihr soziales Engagement sei sie im Lauf der Zeit jedoch hart und kalt geworden, erzählten die Leute. Zumindest habe sie beim Tod ihres ermordeten Sohnes Jakob keine einzige Träne geweint.

Pünktlich, gründlich, bodenständig – auch Friederike Luise Löffler machte Karriere. Als Kochbuchautorin. Sie ist erste Köchin am herzoglich-württembergischen Hof und ihr Kochbuch wird 38 mal neu aufgelegt.

1700 Rezepte hinterlässt die passionierte Hausfrau und Autorin bei ihrem Tod im Jahr 1805 und ich erinnere mich genau: auch bei meiner Mutter stand noch lange ein dunkelgrünes Löffler-Kochbuch im Bücherregal.

Ebenfalls spannend: die Geschichte der erfolgreichen Portraitmalerin Ludovike Simanoviz, die hart erarbeitete Erfolgs-Story der satirischen Scherenschneiderin Luise Duttenhofer, die Charakterstudien von der originellen und raffinierten Starautorin Ottilie Wildermuth oder der Kleinkrieg einer ganzen Stadt gegen die emanzipierte Dichterin Isolde Kurz.

Tragisch enden allerdings die schwermütige Dichterin Karoline von Günderrode – sie erdolcht sich aus enttäuschter Liebe – sowie die abenteuerliche Kriegsfotografin Gerta Taro und Widerstandskämpferin Sophie Scholl.

Mit einem Portrait der Sopranistin Anneliese Rothenberger – 1924 in Mannheim geboren, einer der ersten Fernsehstars und nach dem Krieg eine der berühmtesten deutschen Frauen überhaupt – endet Adrienne Brauns lesenswerte Spurensuche. Und wir Leserinnen sind erleichtert, dass es heutzutage für Frauen um vieles einfacher ist, die ureigene Berufung zu finden und leben zu können – mit Sicherheit auch ein Verdienst der vielen Künstlerinnen, Rebellinnen und Pionierinnen früherer Zeiten.

20_maenner_bawueErgänzend zu Adrienne Brauns Heldinnen erzählt Beate Karch in ihrem neuen Buch vom „Erfinder, Schöngeist, Visionär“ und portraitiert „20 außergewöhnliche Männer aus Baden-Württemberg“.

Obwohl es Männer allgemein ein bisschen einfacher hatten ihren Lebensweg zu gehen, steckten auch sie oft genug in gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit oder kämpften gegen kleingeistige Vorurteile – zum Beispiel der vom Pech verfolgte Flugpionier Albrecht Ludwig Berblinger, der ausdauernde Autoerfinder Carl Benz, der ehrgeizige Astronom Johannes Kepler, eigenwillige Avantgardist Oskar Schlemmer oder der sendungsbewusste Sozialreformer Georg Kropp. Ein Buch über berauschende Höhenflüge und tiefe Niederlagen, über bescheidene Anfänge und großartige Erfolge.

Übrigens: Adrienne Brauns Lesung startet heute abend um 19.30 Uhr wegen Unwetterwarnung nicht wie angekündigt im Lapidarium, sondern im Kulturzentrum Merlin.

Adrienne Braun „Künstlerin, Rebellin, Pionierin – 20 außergewöhnliche Frauen aus Baden-Württemberg, 158 Seiten, Hardcover, 18 Euro

Beate Karch „Erfinder, Schöngeist, Visionär – 20 außergewöhnliche Männer aus Baden-Württemberg“, 172 Seiten, Hardcover, 18 Euro

beide Bücher erschienen im südverlag

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