mit der wildnis verbunden

wildnisSo, nachdem es die vergangenen Male ums Räuchern und ums Kreativ sein mit Pflanzenmaterial ging, möchte ich heute ein Buch vorstellen, das noch tiefer in die Geheimnisse der Natur führt und mich sehr berührt hat: „Mit der Wildnis verbunden“ von Susanne Fischer-Rizzi.

Ich habe das Buch schon eine ganze Weile, finde es aber gerade zu dieser Jahreszeit besonders spannend, denn der Herbst mit seiner Vielfalt, seinem klar sichtbaren Transformationscharakter und seinem Erntereichtum verbindet mich immer auf ganz besondere Weise mit der Natur.

Zudem eignet sich der großformatige, wunderschön ausgestattete Band mit seinen 240 Seiten ideal, um sich in den kommenden kälteren Monaten mal auf andere Art aufs Frühjahr zu freuen, denn die Autorin ermuntert zu vielen sinnlichen Übungen und Experimenten in der Natur, für die ein bisschen Vorbereitung manchmal nicht schadet.

Schritt für Schritt erarbeitet sich der Leser seinen „Mantel der Wildnis“, mit dem er sich später fast unbemerkt in der Natur bewegen kann, beschreitet „Zwölf Wege in die Natur“ um Kraft zu schöpfen und sich sicher im Draußen bewegen zu können.

Was ist Wildnis für uns eigentlich? Zurecht gehts im ersten Kapitel des Buches erst mal um die „wilden Dinge“, vor denen wir heute – mehr oder weniger bewusst – eine „Heidenangst“ haben und nach denen wir uns doch immer stärker sehnen.

Sabine Fischer-Rizzi machts ganz deutlich: während die Indianer überhaupt kein Wort für Wildnis haben, weil sie gar nicht zwischen der menschlichen Behausung und nicht bewohnter Umgebung trennen, stellen sich die meisten Menschen hochtechnisierter Gesellschaften die Wildnis als Ort voller Unannehmlichkeiten und Gefahren vor.

Ich kenne Menschen, die eine Wiese nur mehr mit Socken über der Hose betreten, weil sie Angst vor Zecken haben. Ich selbst habe mich während eines Entspannungswochenendes im Schwarzwald nicht alleine in den Wald getraut und bei Spaziergängen immer nur die Waldränder gestreift und sogar im eigenen Garten jagen mit manche Tiere auf den ersten Blick einen ziemlichen Schrecken ein – die Erdkröte zum Beispiel, die neulich braun und absolut regungslos einen Nachmittag zwischen Blumenkasten und Hochbeet verbracht hat.

Mal angenommen liebe Leser, Ihr würdet ohne Hilfsmittel der Zivilisation irgendwo in Wald und Flur abgesetzt – wie würdet Ihr eine Woche lang gut gelaunt über die Runden kommen? Ums gleich vorweg zu nehmen: Sabine Fischer-Rizzi gehts in ihrem Buch nicht um hartes Survivaltraining, sondern darum, die Natur wieder als fürsorglichen Ort kennen zu lernen, den wir ständig neu entdecken können und der uns dabei hilft, im urbanen Leben gelassener zu bleiben.

Um diesen Effekt wirklich spüren zu können, gibt es eine Voraussetzung: man muss wirklich hinaus gehen! Es muss nicht Patagonien oder Kanada sein, um die vielen kleinen Praxistipps ausprobieren zu können – für den Anfang reicht es, direkt vor der Haustüre „kleine Wildnisse“ zu entdecken, die vielen „Nischen, in denen noch unverfälschte Natur wohnt“.

Dabei kommt es vor allem auf die eigene Wahrnehmung an, denn die Wildnis fängt mit der Wildpflanze in der Mauerritze an, außerdem eignen sich jeder Baum und jede Krähe im Park, um sich wieder mehr mit der Natur zu verbinden.

Wie kommt es eigentlich, dass wir draußen in der Natur so glücklich sind?

Neurobiologen wissen: „Wenn wir unsere Sinne in der Natur schärfen und die Achtsamkeitsspannen verlängern, dann schüttet unser Hormonsystem Glückshormone, Endorphine, aus. Wir fühlen uns zufrieden und glücklich. In inniger Verbundenheit mit der Natur – so haben neurologische Untersuchungen gezeigt – verändern sich auch unsere Gehirnströme.“

Genau darum geht es in diesem Buch: inneres und äußeres Erleben zu verbinden und zu reflektieren, spielerisch und achtsam zugleich höchste Stufen der Wahrnehmungsfähigkeit zu erreichen – Meditation powered by nature.

Gehirnforscher Gerald Hüther empfiehlt dazu, die Welt nicht nur ständig „abzuscannen“, sondern Bilder, Gerüche und Geräusche wieder mit bestimmten Gefühlen und Gedanken zu verknüpfen. Sabine Fischer-Rizzi kennt dafür jede Menge beglückender Übungen.

Der erste Weg führt also zur Arbeit am „Mantel der Wildnis“, der zweite Weg führt zur „Weisheit der Alten“, zu unseren Ahnen, deren Nachrichten wir erahnen und ins Bewusstsein holen können.

Der dritte Weg erklärt „Die Sprache der Natur“ und befähigt uns, bestimmte Zeichen zu lesen – in jedem Spinnennetz, in jedem Baumstamm oder in den Wellen die ein Stein auf der Wasseroberfläche hinterlässt zeigen sich beispielsweise die „konzentrischen Ringe“, eine Art Kommunikationsnetz der Natur, in dem sich Informationen von einem Mittelpunkt aus wellenartig und ringförmig ausbreiten.

Das können laute Warnrufe von Vögeln sein, aber auch ganz stille Botschaften bahnen sich so ihren Weg. Bäume senden sich beispielsweise bestimmte Botenstoffe, um vor Fressfeinden zu warnen. So kann der Nachbarbaum bereits genügend Abwehrstoffe produzieren, bis der Käfer tatsächlich bei ihm ankommt.

Auf dem vierten Pfad lernen wir „Die Gefiederten“ kennen und lernen die Sprache der Vögel. Sie stehen für die luftige „geistige“ Welt und sind das Internet der Natur. Sie versorgen auch Tiere, die nur kurze Distanzen überbrücken können, mit überlebenswichtigen Informationen.

Gleichzeitig sind sie gute Indikatoren für die zwei Grundstimmungen in der Natur: Harmonie und Alarm. Wer durch den Wald gehen kann, ohne den Warnruf eines Vogels auszulösen, darf sich als fortgeschritten bezeichnen.

Anfänger lernen erst mal die gefiederten Nachbarn kennen, finden mit Geduld ihren Vogelmentor – das geht auch in der Stadt. Wer sichs zutraut kann Vogelstimmen imitieren und die Piepmatze gezielt anlocken – ich nutze dafür ehrlich gesagt lieber ein Futterhäuschen 😉

Eine tolle Übung für die ich allerdings wohl noch nicht mutig genug bin, heißt „Der Tag erwacht“: es geht darum heraus zu finden, wann der erste Vogel zu hören ist, wie seine Stimme klingt und welche Stimmung sie vermittelt.

Am besten übernachtet man dafür eine Nacht in der Natur oder geht eben raus, während es noch stockfinster ist. Wie lange dauert es, bis weitere Vögel singen, wann singt der ganze Morgenchor? Ich stelle mir dieses Erlebnis sehr bereichernd vor, mal schauen, wann ich es wage…

Was wäre ein Naturbuch ohne Pflanzen – um sie geht es im fünften Kapitel. Und weil unsere pflanzlichen Verbündeten recht häufig anzutreffen sind, gibt es zu diesem Thema besonders viele und auch gut machbare Übungen.

Wer sind die ersten „Abgesandten“ vor der Haustüre – welche Arten wachsen im ersten konzentrischen Ring um mein Haus? Welche Pflanzen wachsen von selbst in meinem Garten, welche entdecke ich an der Ampel? Warum gefallen mir manche Pflanzen besser als andere, was vermitteln sie mir und welche Pflanze kann ich sogar mit geschlossenen Augen wahrnehmen?

Manchmal heften sich Pflanzen regelrecht an die Fersen – wie wäre es, beim nächsten Spaziergang Schuhe mit dickem Profil anzuziehen um heraus zu finden, welche Saaten sich dort festsetzen und mit nach Hause kommen? Ich finde diese Übung besonders spannend und möchte auf jeden Fall erleben, welche Pflanzen mir beim nächsten Ausflug „nachlaufen“.

Der nächste Lehrmeister ist das Feuer – es entfacht unsere Lebensgeister und wir entflammen in Leidenschaft. Angeregt durch das Buch, habe ich meinen höchst selten genutzten Wok zur Feuerschale umfunktioniert und war einigermaßen erstaunt, dass es gar nicht so einfach ist, selbst mit Streichhölzern ein gut loderndes Feuer zu entfachen. Um genau zu sein: ich übe immer noch und trockne vor allem jede Menge Holz!

Ein offenes Feuer, ist das beste Mittel, um sich – nicht nur – in der Natur geborgen zu fühlen. Wir spüren instinktiv, dass Feuer „Leben“ bedeutet und unsere Seele geht in Resonanz mit den sich ständig wandelnden Flammen, der Wärme und dem leuchtenden Schein.

Welches Licht spendet Birken- oder Eichenholz? Wie riechen harzreiche Hölzer und wie verändern verschiedene Holzarten den Rauch? Auch beim Feuer gibt es vieles zu erfahren und selbst zu entdecken!

Im sechsten Kapitel gehen Leser auf Spurensuche und fühlen sich schließlich „Mit Tieren verbunden“ – nicht nur Kindern macht es Spaß heraus zu finden, welches Tier vor Kurzem im Schnee oder auf matschigem Waldboden unterwegs war. Mit Sabine Fischer-Rizzi geht die Spurensuche auf Wunsch viel weiter als gewohnt.

Die Erde als Leib der Göttin zu erfahren, ihn zu berühren und gleichzeitig das Lebendige in uns selbst wahrzunehmen, Landschaften zu lesen, seinen Lieblingsplatz zu finden und „heimisch“ zu werden, davon handelt das siebte Kapitel bevor es im achten Kapitel in „Die guten Wälder“ geht.

Sabine Fischer-Rizzi nimmt uns mit in heilige Haine, stellt uns Baumheilige vor, beleuchtet die Fürsorge der Bäume uns Menschen gegenüber, öffnet die Waldapotheke, ermuntert uns, den Puls der Bäume zu spüren und ein Waldmensch zu werden.

Im Kapitel „Auf den Schwingen der Luft“ trainieren wir, die Welt mit unserem Geruchssinn wahrzunehmen. Ein Duft, an den sich vermutlich jeder erinnert, entsteht an einem warmen Sommertag nach heftigen Regenschauer – süß und würzig riecht die Erde dann, nach Blumenduft, Holz und guter Erde.

Diesen Geruch gibt es sogar zu kaufen – er heißt Attar Gill: in Indien wird dazu gebrannte Tonerde mit Wasser benetzt und erwärmt, die aufsteigenden Dämpfe werden in Sandelholzöl aufgefangen. Eine aufwändige Prozedur, kein Wunder ist das Attar Gil selbst übers Internet nicht so einfach zu bekommen.

Es liegt also etwas in der Luft – wie riechen denn Bäume, Städte, Landschaften, Duftbotschaften der Tiere oder Wetterumschwünge? Halten wir doch die Nase wieder öfter in den Wind!

Die beiden letzten Kapitel machen deutlich, worum es im Leben eigentlich geht: um „Die balsamische Zeit“ und „Die kleinen Dinge“ – beide helfen, zu sich selbst zu finden, die Zyklen des Lebens zu spüren und sich in die natürliche Lebensrhythmen einzubinden.

Den Wert des Wenigen zu schätzen wissen, sich in heiterer Gelassenheit üben, die Schönheit im Unvollkommenen und die Eleganz des Subtilen genießen können – ist das nicht Glück und Fülle?

Es gibt also viel zu entdecken auf den von Sabine Fischer-Rizzi inspirierten zwölf Wegen  in die Natur – nicht weniger als uns selbst, eine unendliche Quelle des Lebens und unseren Platz im Kosmos.

Susanne Fischer-Rizzi „Mit der Wildnis verbunden. Zwölf Wege in die Natur: Kraft schöpfen, sich sicher in der Natur bewegen“, 240 Seiten, laminierter Pappband, 29 Euro 99, Kosmos Verlag

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s