mit blauen augen

U_Gralle_Mit-blauen-Augen_02.inddDeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg – das kann sich meine Generation gar nicht so richtig vorstellen: das Brot war knapp, der Hunger groß, die Häuser glichen in den meisten großen Städten Ruinen.

Die Männer und Väter waren fast alle gefallen oder in Kriegsgefangenschaft, die Mütter und Frauen bemühten sich, die Kinder satt zu bekommen, Geld zu verdienen und den Alltag wieder zu strukturieren.

Auch 1957, als der kleine Frank gerade sieben Jahre alt geworden ist, sind die Nachwehen des grausamen Krieges noch deutlich zu spüren, während amerikanische Besatzer den Kindern Kaugummi und Schokolade von den Ladepritschen ihrer Militärlaster aus zuwerfen.

An immer mehr Ecken sprießt aber auch der Wohlstand – vergleichsweise bescheiden, natürlich, aber er ist nicht mehr aufzuhalten. Trotzdem hat das Schicksal für das „Nachkriegskind“ Frank – so nennt ihn seine Familie – noch eine unerfreuliche Lektion parat: nachdem der Vater glücklich aus dem Krieg zurück gekehrt ist, stirbt er augenscheinlich an einer Grippe.

Tatsächlich beendeten verkapselte Bakterien einer Kriegsverletzung das Leben von Franks Vater – durch die Infektion freigesetzt, gelangten sie unbemerkt in den Blutkreislauf und sorgten für den letalen Ausgang. Damit beginnt Albrecht Galles neuer Roman „Mit blauen Augen“, für gerade das erste Kapitel erhielt der Autor den Schwäbischen Literaturpreis der Stadt Augsburg.

„Frank weint nicht, obwohl er doch traurig sein müsste“, beschreibt Albrecht Galle den Gemütszustand des zurück gebliebenen Sohnes, der sich zwar wundert, dass jemand an einer Grippe sterben kann, aber doch viel lieber an Martinas Zöpfen riecht, die am liebsten aufessen möchte.

Der Roman lebt zum einen von Rückblenden in die Vorkriegszeit, in der sich Franks Eltern Elisabeth und Arnold in Berlin kennen lernten, zum anderen in die Kriegsjahre selbst. Dazwischen verleihen Kapitel, die aus Franks Sicht geschrieben sind, dem Roman eine ungewöhnliche humorige Komponente, ohne dabei kindisch zu wirken – im Gegenteil. Franks zum Teil absurde Philosophien sind nicht nur oft zum Schreien komisch, sondern zeugen auch von fast erwachsener Eloquenz.

Vor allem aber verleihen sie der Geschichte die nötige unbeschwerte Leichtigkeit. Denn gerade in Zeiten, in denen vielen Erwachsenen das Leben leicht erschien – es waren die nationalsozialistischen Vorkriegszeiten und die siegestrunkenen ersten Kriegsjahre – schwanken wir als Leser des 21. Jahrhunderts zwischen amüsiertem Erstaunen und grässlichem Erkennen:

so leicht ist es also, Menschen in ihrem Alltag zwischen Kindererziehung, Brötchen kaufen und verkaufen, zwischen Klavier spielen und erster Liebe ideologisch zu instrumentalisieren. Fast immer mit fatalen Folgen! Wer die Augen aufmacht, erkennt diese Versuche ganz aktuell ebenfalls deutlich bzw. kann einen chaotischen Clash der Kulturen beobachten, der durch eine Art Einheitsideologie „gelöst“ werden soll. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht dazu sagen, es bleibt die Hoffnung, dass die Menschheits-Geschichte neue Kapitel aufschlägt, statt sich zu wiederholen.

Deshalb kommt „Mit blauen Augen“ gerade zur richtigen Zeit. Durch die lokale Färbung – der Großteil der Geschichte spielt in und um Stuttgart – bekommen Stoff und Plot zumindest für mich eine besonders berührende, individuelle Nähe und Intensität.

Der mehrdeutige Titel passt meiner Meinung jedenfalls perfekt: mit blauen Augen verlieben sich die Protagonisten und schreiten gleichzeitig auf den Abgrund zu und wer am Ende mit einem blauen Auge davon bekommen ist, kann sich glücklich schätzen. Ein wirklich lesenswerter, ungewöhnlicher Roman, der hoffentlich nicht nur im Ländle Erfolge feiert!

Albrecht Galle „Mit blauen Augen“, 288 Seiten, kartoniert, 12 Euro 90, Silberburg-Verlag

 

 

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