der knabe im moor

U_Neidinger_KnabeImMoor_03.inddDer Schwarzwald ist ein beliebtes Wanderrevier – ausgedehnte Wälder, gute Luft und schöne Hochplateaus machen den Schwarzwald zu einem einzigartig schönen Erholungsgebiet. Was viele nicht wissen: im Schwarzwald gibt es Moore – ja, Grinden-Moore werden sie genannt und Wanderer werden durch Schilder gewarnt, wenn sie in die Nähe solch eines morastigen Gebietes laufen.

Und während Sonja Muri ihren Mann mit Gruselgeschichten erschreckt und sich über den Hund eines anderen Wanderpaares ärgert, findet genau dieser eine Moorleiche. Schnell ist die Polizei da – Hauptkommissar Doninger nimmt gleich die neue Kollegin Mertens mit zum Einsatzort. So beginnt Günter Neidingers neuer Baden-Württemberg-Krimi mit dem bezeichnenden Titel „Der Knabe im Moor“.

So poetisch der Titel klingt: er kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Junge sehr wahrscheinlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Für meinen Geschmack ein bisschen zu abgebrüht, sinniert Doninger am Fundort über ein Gedicht der Droste-Hülshoff, in dem sie schaurig-schön das Moor beschreibt.

Überhaupt wäre der Kommissar als Lehrer vielleicht besser geeignet, denn seine Zitierwut und historischen Ausführungen ziehen sich fast stereotyp durch den gesamten Plot und sorgen nicht nur einmal dafür, dass Bilder und Stimmungen durch honorige Monologe unnötig unterbrochen werden.

Ansonsten gehts im Krimi recht gemächlich zu: so wohnen die Doningers fast mitten im Wald und der Kommissar kennt das Gebiet durch unzählige Wanderungen wie seine Westentasche. Frau Doninger sorgt mit Pausenbroten regelmäßig dafür, dass ihr Mann bei diversen Einsätzen nicht verhungert, was hin und wieder auch den Kollegen zugute kommt.

So streift Hauptkommissar Doninger mal mit, mal ohne neue Kollegin durchs oft sonnige Revier und tappt ermittlungstechnisch doch im Dunkeln. Fest steht nur eines: während der Knabe bei Droste-Hülshoff lebend entkommt, hat es der arme Kerl im Krimi nicht geschafft. Warum – dafür gibt es keine handfesten Indizien. Immerhin belegen Schleifspuren, dass der Kleine auf rund 1000 Meter Höhe nicht selbst ins Moor gelaufen ist.

Auch Telefonate mit den Kollegen im benachbarten Elsass führen nicht weiter – den Jungen scheint niemand zu vermissen und auch eine Suchmeldung bringt die Ermittler auf keine heiße Spur. Gerichtsmediziner Dr. Seifert kann im Verlauf der Ermittlungen zwar vorsätzlichen Mord ausschließen, dennoch muss die Polizei von Fremdverschulden ausgehen. Zudem wurde das Opfer offensichtlich misshandelt.

Und nun? Neu-Kollegin Simone Mertens bringt Doninger auf eine Idee: Vielleicht war der tote Junge ein Straßenkind? Tatsächlich tauchen in Doningers Idyll immer wieder rumänische Banden auf, die strafunmündige Kinder zum Stehlen und Betteln losschicken…es ist die einzige Spur, die die Ermittler haben.

Mit der Psychologin Dr. Sigrid Kiesewetter ist eine erfahrene Expertin für Kinder- und Jugenkriminalität und kennt sich mit dem Problem aus: seit dem Beitritt zur EU und Öffnung der Grenzen rekrutieren professionelle Banden Kinder und bringen sie in den Westen, wo sie stehlen und betteln. Die Polizei ist so gut wie machtlos – die Kinder haben keine Papiere und werden durch Schläge so eingeschüchtert, dass die Hintermänner unbekannt bleiben.

Ein großangelegter Undercover-Einsatz in der Bühler Innenstadt und der Besuch in einem Kindererholungsheim blieben zwar erfolglos, aber die Spur wird immer heißer…wenigstens steht fest, dass die Banden in Doningers Gegend operieren. Und dann wird ein DNA-Treffer zum weiteren Mosaikstein: der Knabe im Moor ist nun immerhin genetisch erfasst. Und dann wird noch ein Toter gefunden…

Man mag typisch schwäbische Kommissare mögen oder nicht: Der „Knabe im Moor“ ist ein gut inszenierter Krimi zu einem wichtigen Thema, denn Kindesmissbrauch in allen möglichen Formen ist einfach viel zu weit verbreitet, wie beispielsweise auch der kürzlich bekannt gewordene Pizzagate-Skandal zeigt (wobei ich den Begriff „Skandal“ für diese monströsen Machenschaften maßlos untertrieben finde)  – es ist Zeit, hinzuschauen und darüber zu reden.

Auch dass es vor allem Kommissar Zufall zu verdanken ist, dass der Täter schließlich gefunden wird, scheint mir sehr realistisch zu sein – und genau diese Bodenständigkeit macht den Fall überzeugend.

Günter Neidinger „Der Knabe im Moor“, 192 Seiten, broschiert, 9 Euro 90, Silberburg-Verlag

 

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