wie pilze aus dem boden schießen…

023_08676_175605_xxlHeuer ist ein gutes Pilzjahr meldet die Presse landauf landab – so viele und vor allem so große Exemplare habe es lange nicht gegeben. Als Pilz des Jahres rückte der leckere Pfifferling in den Fokus der Medien. Dabei erfuhren wir, dass der Röhrenpilz neben seinem feinen Geschmack auch eine wichtige Funktion im Ökosystem hat. Nicht nur beim „Recycling“ spielen Pilze nämlich ganz vorne mit.

Robert Hofrichter erzählt in seinem Buch „Das geheimnisvolle Leben der Pilze“ zum Teil unglaubliche Pilz-Geschichten. Fast alle wissenschaftlich fundiert natürlich. Auf einer humorvollen Reise durch die Welt der Pilze kommt Erstaunliches zutage, denn das, was wir im allgemeinen als Pilz erkennen – in der Regel sind es Pilzhüte im Wald – ist nur die halbe Wahrheit. Der viel größere Teil des komplexen Pilznetzwerkes liegt für uns unsichtbar unter der Erde oder im Holz und funktioniert wie das Internet des Waldes.

Pilze sind kein Gemüse wie lange angenommen wurde. Sie haben viel mehr von Tieren und sind sogar unserem Erbgut ähnlicher als der Pflanzenwelt. Denn eines machen Pilze am allerliebsten: sie fressen! Diese Erkenntnis löste einen Paradigmenwechsel in der Pilzforschung aus und die Welt der Pilze hält sowohl für Wissenschaftler als auch für Sammler und Pilzliebhaber noch unzählige Erkenntnisse und Überraschungen bereit.

Samtfußrübling, Runzelwerpel, Frostschneckling, Nebelkappe, Herbstlorchel, Ritterling und Herkuleskeule, Flaschenstäubling, Frauentäubling oder Kahler Krempling – Pilze haben nicht nur kuriose Namen sondern ebensolche Eigenschaften. Und Pilze sind allgegenwärtig – sie leben auf unserer Haut, im Weltall und in den Tiefen des Ozeans und sie leisten Unglaubliches.

Sie können Wüsten beleben, Frost und Radioaktivität trotzen, heilende und tumorhemmende Stoffe bereit stellen und Rauschzustände verursachen. Der Zunderschwamm war wohl das erste „Feuerzeug“ der menschlichen Geschichte und lässt sich auch heute prima zum Feuermachen verwenden. Ohne Pilze gebe es kein Bier und keinen Hefeteig.

Fast 90 Prozent aller Pflanzen paktieren mit Pilzen, gehen wundersame Symbiosen mit einem oder mehreren Pilzen ein, weiß der Autor. Diese Partnerschaft kann eher äußerlich sein oder aber die Pflanze lässt den Pilz bis in ihre Zellinneres vordringen.

Durchs Networking zwischen Pflanzen und Pilzen – die so genannte Mykorrhizierung – erhalten Pflanzen ein besseres Wurzelsystem und damit eine höhere Zufuhr von Wasser, Phosphat und anderen Nährstoffen. Der Pilz bekommt als Gegenleistung Zucker – meist Glukose. Außerdem funktioniert das Pilznetzwerk wie ein Kommunikationssystem. „Keine Orchidee könnte ohne die Hilfe eines Pilzes das Licht der Welt erblicken“, so  Hofrichter zum teilweise überlebensnotwendigen Netzwerken mit Pilzen.

Doch es wird noch spannender: Ein ganz bestimmter Pilz, der Physarum, hilft Verkehrsplanern, den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu finden. Auf ihrem Weg zu neuen Ufern wahren die Pilze außerdem ein optimales Gleichgewicht zwischen Redundanz und Effizienz. Japanische und englische Forscher entwickelten sogar einen Roboter, der von diesem Schleimpilz gesteuert wird.

Auch in Sachen Größe sorgen Pilze für Verblüffung: „Genau so viel wie vier ausgewachsene Blauwalweibchen von je 150 Tonnen wiegt ein im Jahr 2000 entdeckter Hallimasch im US-Bundesstaat Oregon“, weiß Hofrichter und schreibt dem Riesenpilz ein Alter von 2400 Jahren zu.

Nicht zuletzt sind essbare Pilze eine schmackhafte Bereicherung in unserer Küche. Selbst in dieser Rolle sorgen sie für Superlative -einem Bieter aus Hongkong waren zwei Trüffel eine stolze Summe wert: die beiden Feinschmeckerpilze kamen bei einer Auktion in Italien mit einem Gesamtgewicht von 950 Gramm für 90 000 Euro unter den Hammer.

Auch Ameisen und Termiten kooperieren beim Essen gerne mit Pilzen, die Insekten legen in ihren unterirdischen Höhlenbauten regelrechte Pilzfarmen an. Nicht alle Pilze sind unsere Freunde, einige richten in ihrem Fresswahn laut Robert Hofrichter Milliardenschäden an, sie produzieren gesundheitsgefährdende Gifte und können ganz Ernten vernichten.

Unterm Schnitt profitieren wir aber nach wie vor von unserer jahrtausende alten Beziehung zu unterschiedlichsten Pilzen und werden auch in den kommenden Jahren sicher noch viel Hilreiches und Erstaunliches über die fressenden Lebewesen erfahren. Gerade wenns um Recycling geht, aber vor allem in Sachen Kooperation können wir von den Vernetzungsweltmeistern noch einiges lernen…

Robert Hofrichter „Das geheimnisvolle Leben der Pilze. Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt“, 240 Seiten mit Farbfotos, Hardcover, 19 Euro 99, Gütersloher Verlagshaus

 

 

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