heimat alpstein – bauernmalerei rund um den säntis

9783878001065_RGBDie nächste Etappe meiner „Rezensionsreise“ zum Jahresanfang führt von der Schwäbischen Alb noch ein bisschen höher zu unseren Schweizer Nachbarn: zum Alpstein, ins Appenzeller Land. Seinen erfinderischen, eigenwilligen und naturverbundenen Bewohnern und ihrer Kunst widmet Tobias Engelsing seinen Bild-und Textband „Heimat Alpstein – Appenzeller und Toggenburger Bauermalerei“, der im Südverlag erschienen ist.

Und weil man künstlerische Strömungen am besten vor ihrem kulturellen und entwicklungsgeschichtlichen Hintergrund verstehen kann, beginnt der Autor sein Buch mit der Geschichte eines selbstbewussten Landes.

Streitbar, findig, heiter und eigen – so beschreiben mittelalterliche Zeitgenossen und später auch reisende Literaten die Appenzeller und selbst nach dem sie Eidgenossen wurden, widersetzte sich das Völkchen rund um den Säntis gerne mal (unverhältnismäßigen?) Forderungen ihnen nicht genehmer Äbte, weigerte sich überhaupt, die eigenen Traditionen für „Moden“ zu opfern.

Tatsächlich durchpflügt bis heute „kein Meter Bundesautobahn die Appenzeller Auen, kein Schienenkilometer der Schweizerischen Bundesautobahn verläuft über das Land der beiden Halbkantone“, weiß Tobias Engelsing. „Appenzell Innerrhoden ist nach Basel-Stadt der Kanton mit der zweitkleinsten Fläche, und mehr als die Hälfte dieser Fläche wird noch immer landwirtschaftlich genutzt.

Selbst für uns feldwaldwiesen-verwöhnte Baden-Württemberger eine fast paradiesische Vorstellung! Es kommt noch besser: „Elemente der demokratischen Selbstorganisation, Besonderheiten der Alpwirtschaft, volkskundliche Bräuche und Eigentümlichkeiten der Kultur – wie etwa die hier vorgestellte Bauernmalerei – prägen scheinbar bruchlos über die Jahrhunderte das Selbstverständnis der Appenzeller.

Ich komme angesichts von Ver-MCDonaldisierung unserer Innenstädte, Monsanto-Tomaten und Genderwahn wirklich ins Schwärmen, auch wenn ich weiß, dass Alpwirtschaft alles andere als eine wildromantische Angelegenheit ist, sondern im Gegenteil, harte Arbeit. Überhaupt sollte ich das vermutlich alles gar nicht sagen, um nicht in den Verdacht der „Volkstümelei“ zu geraten.

Ich tus trotzdem, auch wenn ich weiß, dass Appenzell selbstverständlich ebenfalls Gewerbezentren mit Hightech-Betrieben hat – weil ichs beeindruckend und faszinierend finde, das Selbstfindung, Entschleunigung und Naturverbundenheit in Zeiten, in denen Globalisierung immer öfter aus negativen externen Effekten besteht, mehr als Modewörter sondern echte innere Haltung sein können. Und dass daraus Zufriedenheit resultieren kann. Wie die Appenzeller beweisen.

So gesehen, spiegelt sich bis heute in der Kunst der Halbkantone Appenzell und Toggenburg ein unverzerrtes Selbstverständnis, das von außen auch Bestätigung findet.

Neben bekannt schmackhaftem Käse und kunstvollen Stickereien hat sich hier eine Bauernmalerei entwickelt, die, im Kern naiv, zu Beginn vor allem Traditionen wie die Alpfahrt, Alpfeste, Viehschauen und später auch Szenen aus dem bäuerlichen Alltag zeigt, Meist mit Säntiskette als Hintergrundkulisse.

Vor allem der Kuh kommt eine zentrale Rolle zu, sowohl im Alltag selbst als auch in der Bauernmalerei, weshalb der preußische Arzt und Reiseschriftsteller Johann Gottfried Ebel im 18. Jahrhundert ironisch feststellte:

„Die Kuh im Appenzellerland genießt mehr Achtung und befindet sich glücklicher als Millionen Menschen in Europa.“ In dieser leicht spöttischen Bemerkung steckt meiner Meinung nach eine ganz besondere Weisheit, die wir gerade in der westlichen Welt oft zu vergessen scheinen: wie wir Tiere behandeln, so gehen wir über kurz oder lang auch mit unseren Mitmenschen um.

Bei einem Blick in die meisten Mastbetriebe und Schlachthöfe sollte uns deshalb das nackte Grauen packen, fast leider sehen wir im Normalfall lediglich das zellophanverpackte Steak im Tiefkühlregal des Supermarktes. Ich schweife ab. Und trotzdem sind es genau auch diese ursprünglichen Werte, die die lang belächelte Bauernmalerei nun verstärkt in den Interessensfokus des akademischen Kunstbetriebs rücken.

Zur zeitlichen Einordnung: „Die Bauernmalerei reicht von den Werken der Klassiker ds 19. Jahrhunderts bis zur Nostalgie- oder Bauernmalerei unserer Zeit“, konstatiert Tobias Engelsing. „Der Zeitraum der eigentlichen appenzellisch-toggenburgerischen Bauernmalerei umfasst rund zweihundert Jahre. Die Wurzeln reichen jedoch deutlich weiter zurück.“

Neben Gemälden auf Papier und Holz sowie Gremplertafeln gehören zwischen 1550 und 1680 auch sehr beliebte Glasmalereien, ab etwa 1700 bemalte Möbel und ab 1800 so genannte Sennenstreifen dazu. Letztere wurden gerne über die Stalltür gehängt. Auch im Sennbetrieb genutzte Gegenstände wurden bemalt, daher zum Beispiel die „Fahreimerbödeli“.

Um 1900 endete die Phase der „klassischen Bauernmalerei“ – gleichzeitig entdeckten die  jungen Künstler des Expressionismus die Bauernmalerei für sich: sie suchten neue Wege, um die Wirkung ihrer Bilder zu verstärken, bewunderten die Ausdruckskraft archaisch lebender Völker und machten Sammler auf die Appenzeller Naiven aufmerksam.

Ein breites Verständnis für die Ostschweizer Bauernmalerei entstand in den 1930er- und 40er- Jahren. Vom nationalsozialistischen Deutschland, vom faschistischen Italien und von besetzten Ländern unter deutscher Fremdherrschaft bedroht, ging der Blick nach Innen – in der Folge machten die Landesausstellung 1939 und die Ausstellung „Schweizerische Volkskunst“ 1941 die Appenzeller Bauernmalerei landesweit bekannt.

„Die Bauernmaler waren plötzlich keine belächelten Originale mehr, sondern ernstzunehmende künstlerische Stimmen aus dem Volk“, so Engelsing. „Die Nachfrage nach Erzeugnissen bäuerlich-naiver Kunst ist seither stetig gewachsen und mit ihr wuchs das Angebot. Und bis heute finden die bekannten, alten Bildmotive der Senntumsmalerei immer noch neue und schöpferische Ausdrucksformen“

Bauernmalerei aus Appenzell und Toggenburg wird mittlerweile auch in den historisch-volkskundlichen Museen der Ostschweiz gesammelt, dokumentiert und gezielt erworben. Im Buch sind zahlreiche Werke als Farb- und Schwarzweißfoto vertreten, ergänzt von historischen Aufnahmen und Abbildungen.

Portraits der bedeutendsten Maler runden die Kunstgeschichte rund um den Säntis ab, zum Beispiel von Bartholomäus Lämmler, dessen „typische Lämmlerkühe“ sehr beliebt waren. Oder von Johannes Müller, der ganze Generationen von Bauernmalern inspiriert und beeinflusst hat.

Die einzige Frau, der als klassisch bezeichneten Bauernmalerei, war Barbara Aemisegger-Giezendanner, im Volksmund bis heute s‘ Giezedanners Babeli genannt. Ihre Werke fallen vor allem durch eine „zeichnerisch präzise und detaillierte Maltechnik“ auf, weiß Tobias Engelsing.

„Heimat Alpstein“ entstand übrigens als Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung, die bis Dezember im Rosgartenmuseum Konstanz zu sehen war – ein außergewöhnliches Zeitdokument mit einzigartigen kulturellen Einblicken und überraschenden Impulsen. Nicht nur für Kunstliebhaber!

Tobias Engelsing (Hrsg.) „Heimat Alpstein. Appenzeller und Toggenburger Bauernmalerei“, 208 Seiten mit 250 Abbildungen, Hardcover, 19 Euro 90, Südverlag

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