schmäh: die wiener antwort auf den irrsinn der welt

schmaehWien ist eine meiner Lieblingsstädte – das liegt an der extrem hohen „Kulturdichte“, am morbiden Charme und einzigartigen Flair der Stadt. Vieles gibt es exklusiv und ausschließlich nur hier und würde einen „Export“ vermutlich kaum ohne schwere Qualitätseinbußen überleben – die Heurigen zum Beispiel, der typische Wiener Würstelstand, der Opernball und, natürlich, der berühmte Wiener Schmäh!

Ob beim Bäcker, auf dem Markt, im Treppenhaus oder Taxi, auf der Parkbank oder in der Straßenbahn: der Schmäh rennt immer und überall, wie Edwin Baumgartner in seinem Buch „Schmäh – die Wiener Antwort auf die Dummheit der Welt“ aufzeigt. Eine echte Schmähschrift also, die der Wiener Feuilletonist da verfasst hat. Immer liebevoll natürlich, aber durchaus handfest und kernig.

Auch wenn Baumgartner gleich am Anfang gesteht: „Was der Schmäh wirklich ist, das weiß Keiner genau“, auch wo das Wort „Schmäh“ herkommt, darüber lässt sich nur spekulieren, so hat er ihn dennoch als Kind schon eingeatmet und er erkennt einen Schmähtandler, von weitem, nicht erst , wenn er vor ihm steht.

Schmähtandler oder Schmähführer – sie können beide auch weiblich sein – sind Menschen, bei denen der Schmäh besonders gut rennt. Die ein Talent dafür haben, Geschichten zu erzählen, bei denen ungeübte Zuhörer nicht wissen, ob sie wahr oder schlicht gelogen sind. Außer, der Erzähler macht mit einer offensichtlichen Bemerkung klar: ich erzähl euch puren Schmäh.

Herausragende, überregional bekannte Schmähtandler sollen laut Baumgartner der Kreisler und der Moser gewesen sein. Wobei: pur ist der Schmäh ja selten! Fast immer reichert er eh schon abenteuerliche bis aberwitzige Geschichten und Anekdoten an oder ist so selbsterfüllend, dass er sogar im echten Leben Folgen nach sich zieht.

Überhaupt ist der Schmäh nur schwer aufzuhalten, wenn er mal rennt, da gibt ein Wort das andere, da kanns schon passieren, dass eine Geschichte am Würstelstand anfängt und ganz woanders wieder aufhört. Und das Codewort „schmähohne“ – was übersetzt soviel heißt wie: „wirklich wahr“ – setzt der ganzen Schmähgschicht oft genug die Krone auf, weil Ahnungslosen damit allzugern noch der allerdickste Bär aufgebunden wird.

„Der Schmäh kommt unauffällig. Er kommt leise. Der Schmäh kann eine mit Charme erzählte ganz und gar wahre Geschichte sein und eine faustdicke Lügengeschichte – die aber, bitteeee, auch mit Charme erzählt“, so Baumgartner. „Ohne Charme kein Schmäh, der Charme ist eine Grundbedingung.“

Wie man da durchblickt? „Im Zweifelsfall ist es Schmäh, was nach Schmäh klingt“, empfiehlt Edwin Baumgartner seinen geneigten Lesern auf Seite 30 und hinterlässt immer noch weitaus mehr Fragen als Antworten. Deshalb steht der Schmäh außerhalb von Wiens auch in keinem allzu guten Ruf.

Aber:  „Erzählen ist der halbe Schmäh. Um einen ganzen draus zu machen, braucht es nichts als Schmäh“, klärt Baumgartner auf. Weshalb die Bezeichnung „Witz“ auch nicht annähernd beschreiben könnte, was der Schmäh tatsächlich ist, obwohl der jiddische Witz dem Schmäh in vielem nahe kommt. „Plauderei“ kommt eher hin. Auf jeden Fall entsteht ein Schmäh aus der Situation und ist – bei allem Witz – gelebte Philosophie.

„Weil der Schmäh die Leichtigkeit eines G’schichterls betont, schert er sich nicht drum, ob da jetzt jedes Wort wahr ist“, kommt der Autor zu einer weiteren Grundvoraussetzung des Schmähs: wenn der Schmäh rennen soll, bedarf es des gegenseitigen Einverständnisses zwischen Schmähführer und Zuhörer:

„Das G’schichterl verweht ja sowieso, Hauptsach, es macht grad im Moment des Erzählens allen eine Freud, den Zuhörern genau so wie dem Erzähler selbst.“ Eine einfache Ja-Nein-Antwort widerspricht allem, was Schmäh ist, bringt es der Autor ausschließend auf den Punkt.

Auf guten 200 Seiten nähert sich Edwin Baumgartner dem Phänomen Schmäh erzählend von allen Seiten, erinnert sich an seine Kindheit und Jugend und man merkt, es macht ihm a Riesenfreud, die kleine Abhandlung über den Schmäh. Was wiederum mich erfreute.

Sehr launig fand ich die Einteilung der verschiedenen Schmähvarianten – es gibt beispielsweise den Lavendelschmäh, den Ansachschmäh oder den billigsten von allen, den Safaladischmäh -, die Kapitel über den ganzen, den halben, den doppelten und weitere Schmähtandler sowie die verschiedenen Intermezzi in verschiedensten „Schmäh-Biotopen“, kurze Gespräche im Originaldialekt geschrieben.

Eine allgemeingültige Definition vom Schmäh gibt es vom schmäherfahrenen Autor auch auf den letzten Seiten nicht, dafür ein Anmerkungsverzeichnis, in dem die ärgsten Wiener Dialekt-Begriffe erklärt sind. Denn ohne Dialekt rennt er nicht, der Schmäh – manchmal funktioniert der Schmäh auf Hochdeutsch, in der Hauptsache aber nicht, wie einige beherzte, urkomische Übersetzungsversuche des Autors zeigen.

Für den „grantelnden Wiener, der die Todessehnsucht in den Genen hat“, ist der Schmäh jedenfalls geradezu überlebenwichtig, denn der Schmäh „entfaltet oft heilende Wirkung“, vor allem aber: er beseitigt Probleme – weil er nie den geraden Weg nimmt, sondern immer den, „der das Leben ein bisserl besser macht“.

Ob gradraus oder nicht: Edwin Baumgartners „Schmähschrift“ ist ein Meilenstein deutsch-wienerischer Völkerverständigung und ein großes Vergnügen. Schmähohne.

Edwin Baumgartner „Schmäh. Die Wiener Antwort auf die Dummheit der Welt“, 240 Seiten, Klappenbroschur, 16 Euro, claudius Verlag

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