das wesen der pflanze

9783258080789Eines der schönsten Bücher die 2018 erschienen sind, ist für mich „Das Wesen der Pflanze“ von Helen und William Bynum – eine Sammlung botanischer Skizzenbücher aus sechs Jahrhunderten, darunter Werke von Apothekern, Geistlichen, Handelsreisenden, Soldaten, Künstlern, Sammlern, Naturforschern und anderen Botanik-Liebhabern, die zum Teil ihr ganzes Leben dem Pflanzenstudium gewidmet haben. Kurzportraits stellen die Zeichner selbst vor und skizzieren deren Biographie.

Pflanzen waren begehrte Sammelobjekte und wichtige Rohstoffe für Medikamente – zwei gute Gründe, sie exakt zu zeichnen und bestimmen zu können. „Zu den frühesten anerkannten botanischen Skizzen zählt die Studie von drei Päonien des Malers und Druckers Martin Schongauer aus den frühen 1470er Jahren“, wissen die Autoren.

Für Kinderbuchautorin Beatrix Potter war Pflanzen zeichnen fast eine Obsession: „Immer ist da der unwiderstehliche Wunsch, alles Schöne zu kopieren, was das Auge erfasst. Warum genügt es uns nicht, es einfach anzuschauen? Ich kann mir nicht helfen, ich muss zeichnen, selbst wenn die Ergebnisse bescheiden ausfallen“, beschreibt die junge Miss Potter ihre Faszination für Natur.

Andere skizzierten exotische Pflanzen auf Forschungsreisen und für Handelsimperien, zum Zeitvertreib während einer Gefangenschaft, als Illustration für Publikationen und manche, weil sie aufgrund von Krankheiten oder anderen schicksalhaften Gegebenheiten kaum etwas anderes machen konnten.

Entsprechend sind Portraits und Werke eingeteilt: Kapitel eins „Im Feld“ stellt Abenteurer, Sammler, nebenberufliche Botaniker und offiziell beauftragte Pflanzenzeichner vor. Kapitel zwei portraitiert Wissenschaftler und Naturforscher an Instituten und in botanischen Gärten, Kapitel drei ist Mäzenen und Künstlern gewidmet und Kapitel vier stellt botanische Skizzen vor, deren Urheber aus reinem Zeitvertreib gemalt haben.

„Sollen Künstler Realismus anstreben und die Natur so darstellen, wie sie tatsächlich aussieht? Oder dürfen sie ihre Gefühle und Ansichten einfließen lassen und auf diese Weise von der Natur abstrahieren?  Was ist die bessere Quelle: Gedächtnis und Fantasie oder die direkte Betrachtung?“, fragte Maruyama Okyo. Die Skizzen-Auswahl im Buch deckt das gesamte Spektrum ab:

Die wunderschönen Zeichnungen entstanden auf Schreibblöcken, Spielkarten, Herbarbögen, Briefumschlägen oder losen Blättern, in Notizbüchern, Konten- oder Schulheften. Mit Bleistift, Öl- oder Aquarellfarben, mal mit Notizen mal ohne.

Die meisten Zeichner bevorzugten frische Pflanzen, andere arbeiteten mit getrockneten Zeichen-Objekten, viele Forscher, Handelsreisende und Abenteurer brachten von ihren Reisen nur schnelle Skizzen mit, die sie zuhause sorgfältig ausarbeiteten.

Viele Zeichner genossen die stimmungsvolle Atmosphäre im Gewächshaus, in botanischen Gärten – die ersten entstanden im 16. Jahrhunder in Italien – oder im eigenen Atelier, andere nahmen strapaziöse Abenteuer auf sich, um neue Pflanzen entdecken und zeichnen zu können.

Schlechtes Wetter, widriges Gelände, Begegnungen mit Piraten, Räubern und wilden Tieren hielten weder James August Grant noch Francis Masson von ihren Exkursionen ab.

Während Leonardo Da Vincis Skizzenbücher oder Carl von Linnés binäre Nomenklatur weltberühmt wurden, sind nicht viel weniger meisterhafte Pflanzenzeichner in Vergessenheit geraten . John Tylea zum Beispiel John Tylea. Oder ihre Zeichnungen verschwanden ganz: der Großteil von John Kirks Zeichnungen kenterte mitsamt seinem Kanu, er selbst kam mit dem Leben davon.

Für Margaret Mee waren Zeichenmaterialien, Pflanzenkörbe und eine Hängematte die wichtigsten Reiseutensilien und unbedingt zuerst zu retten, falls ein Exkursions-Schiff sinken sollte. Und sie reiste grundsätzlich mit geladenem Revolver.

Überhaupt bewegten sich begeisterte Botanikerinnen wie Sybille von Merian oder die Schwestern Harriett Scott und Helena Forde auf einem schmalen Grat: „Einerseits galt die Beschäftigung mit Naturkunde für Frauen als aktzeptabel, andererseits wagten sie sich in den von Männern dominierten Bereiche der professionellen Kunst vor“, so die Autoren.

Manche Skizzenbücher gammelten bis zu ihrer Wiederentdeckung auf dem Dachboden dahin, viele wurden im Freundeskreis oder bei Sammlertreffen gezeigt, einige Skizzen schafften es in Ausstellungen, botanische Lexika und Magazine. Aber auch Skizzen, die nicht für die Nachwelt gedacht waren, werden heute von Sammlern hoch geschätzt.

Eine der bedeudensten Sammlungen ist in Kew, den Royal Botanic Gardens im Südwesten Londons zuhause. Von hier stammen auch viele der Skizzen im Buch, die frühesten aus dem 15. Jahrhundert, als „offiziell“ die Erforschung der Natur begann, die neuesten aus dem späten 20. Jahrhundert.

Nicht nur Skizzen wurden den Betreibern von Kew Gardens vermacht: viele Sammler überließen den königlichen Botanikern auch ihre Pflanzensammlungen: William Burchells Schwester beispielsweise brachte nach seinem Tod mehr als 57 000 Arten nach Kew.

„Walter Hood Fitch entwickelte eine eigene Technik und setzte erstmals die Technik der Litographie für botanische Illustrationen ein“, erzählen die Autoren im Portrait auf Seite 156 – dank Litographien waren botanische Zeichnungen auch nach Erfindung der Fotographie bis ins 20. Jahrhundert bedeutend und sie erfahren derzeit eine Renaissance.

Denn auch wenn Fotografien zahlreiche Vorteile gegenüber einer aufwendigeren Zeichnung haben mögen: botanische Skizzen faszinieren mich immer wieder aufs Neue! Vermutlich, weil die Hingabe und Begeisterung, mit der sie entstanden, so deutlich zu spüren ist.  Oder wie der deutschte Botaniker Julius von Sachs meint: „Was du nicht gezeichnet hast, hast du nicht gesehen.“

Der Zeichner und Kunstkritiker John Ruskin – sein Portrait ist auf Seite 207 zu finden -, wollte „die Welt lehren, Schönheit zu schätzen. Wie der Dichter John Keats setzte er Schönheit und Wahrheit gleich, beides drückte sich für ihn in akkuraten Darstellungen der Natur aus“. Ähnlich empfinde ich, wenn ich Pflanzenfotos am Bildschirm bearbeite.

Deshalb ist „Das Wesen der Pflanze“ meiner Meinung nach ein balsamisches „Must Have“ für Kunst- und Pflanzenliebhaber und ein Schmuckstück für jedes Buchregal!

Helen & William Bynum „Das Wesen der Pflanze. Botanische Skizzenbücher aus sechs Jahrhunderten“, deutsche Übersetzung von Wiebke Krabbe, 296 Seiten mit 275 Farbillustrationen, Hardcover / Halbleinen, 49 Euro, Haupt Verlag

 

 

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