mythische dichterorte: literarische spaziergänge rund um stuttgart

52069X2Eos42DjGuHK_600x600Es gibt Orte, die vor allem wegen ihres „literarischen genius loci“ bekannt sind – das Wengerthäuschen der Droste-Hülshoff in Meersburg ist so ein Ort, aber auch rund um Stuttgart gibt es regelrechte „Wallfahrtsorte“ für Literaturfans: das winzige Geburtsthaus von Friedrich Schiller zum Beispiel lockt jährlich zahlreiche Besucher nach Marbach.

„Ab wann ist ein Ort ein mythischer Dichterort?“ fragt Andrea Hahn im Vorwort ihres Buches „Mythische Dichterorte“ und sie hat sich die Auswahl für ihr Werk nicht einfach gemacht. Auch wenn mir die „Dichterbezüge“ am einen oder anderen vorgestellten Platz oder Gebäude ein kleines bisschen bemüht erscheinen:

dieses Lese- und Ausflugsbuch ist wirklich spannend und inspirierend! Neben Infos, die meist in jedem Stuttgartführer zu finden sind, habe ich jede Menge Neues aus der literarischen Landschaft rund um Stuttgart erfahren, zauberhafte Orte und bisher unbekannte Geistesgrößen kennen gelernt.

Warum uns beispielsweise der Landwirt, Pazifist, Lyriker und Autor Christian Wagner aus dem „schwäbischen Grübelwinkel“ Leonberg in Gedichtbänden so gut wie nie begegnet, ist schon ein Mythos an sich. Um so interessanter, was Andrea Hahn über den Mann heraus fand, der testamentarisch verfügte, dass sein Haus und Garten nach seinem Ableben ein Ort sein soll, „wo bei Schneefall ständig Vögel gefüttert werden.

Wo weder Gift noch Schlinge gelegt werden darf. Wo jedem Jäger, in welcher Form er sich auch präsentiere, der Eintritt versagt sein soll.“ Genau so halte ichs auch! Deshalb für mich wohl die berührendste Episode aus dem Kapitel „Leonberg“, wo auch Johannes Kepler sowie Friedrich Wilhelm Joseph Schelling oder Schillers Mutter Elisabeth Dorothea Spuren hinterlassen haben.

Dass Hermann Hesse seiner Geburtsstadt Calw eine äußerst zwiespältige Zuneigung entgegenbrachte, ist spätestens seit der Verfilmung von „Die Heimkehr“ bekannt. Neu war für mich die Familiengeschichte sowie Hesses Kindheit und Jugend in der Fachwerkstadt.

Auch weitere Stationen Hermann Hesses zeichnet Andrea Hahn detailreich und lebendig nach. Für Romantiker jedenfalls eine überzeugende Empfehlung, die Stadt an der Nagold und wenigstens das Hesse-Museum zu besuchen! Nicht weniger romantisch präsentiert sich der Hölderlin-Turm in Tübingen, wo der Dichter selbst allerdings eher schwere Stunden erlebte.

Wenn wir gerade in Tübingen sind, dürfen das Kloster Bebenhausen und die Wurmlinger Kapelle nicht unerwähnt bleiben – beliebte Ausflugsziele später berühmter „Stiftler“ wie Ludwig Uhland, Wilhelm Hauff oder Georg Herwegh. Auch Literaten wie Justinus Kerner oder Eduard Mörike  verbrachten hier unbeschwerte Stunden und ließen sich vom besonderen Geist und der schönen Aussicht zu neuen Versen inspirieren.

Weitere Sehenswürdigkeiten des literarischen Spaziergangs sind beispielsweise die Festung auf dem Hohenasperg, wo nicht wenige schreibende Freigeister eingekerkert waren. Oder das Kloster Lorch mit der Strahlkraft einer kunstsinnigen Stauferdynastie, die unter anderem Friedrich Schiller faszinierte. Sowohl Schiller als auch Mörike lebten einige Jahre in Lorch und kannten das Kloster noch in seinem ursprünglichen Zustand.

Mit gut recherchierten Anekdoten, historischen Abbildungen und schönen Farbfotos zu insgesamt 28 Stationen machen Autorin Andrea Hahn und Fotograf Chris Korner Lust auf literarisch-poetische Erkundungstouren. Eine Übersichtskarte und der Serviceteil im Anhang erleichtern die Planung. Und handlich wie das Buch ist, passt es gut in jeden Rucksack. Viel Spaß!

Andrea Hahn, Chris Korner „Mythische Dichterorte“, 192 Seiten, Hardcover, 22 Euro 99, Silberburg-Verlag

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