summer queen & maiden blush. obstportraits des 19. jahrhunderts

978-3-7995-1417-0Sybille Merian, Malerin und Naturforscherin, gilt seit dem 17. Jahrhundert als berühmteste weibliche Vertreterin naturkundlicher Malerei – dass sie nicht die Einzige war, die meisterhafte botanische Bilder malte, zeigt einmal mehr Stephanie Hauschilds neues Buch „Summer Queen & Maiden Blush“, in dem sie wunderschöne „Obstportraits gemalt von Frauen des 19. Jahrhunderts“ versammelt.

„Gerade auf dem Gebiet der Wasserfarbmalerei und der botanischen Kunst gab es auch in früheren Jahrhunderten gar nicht so wenige Frauen“, weiß die Autorin und Herausgeberin. „Deren Leben und Werk fanden jedoch lange Zeit wenig Beachtung, weil ihre Bilder dem kunsthistorisch weniger attraktiven Bereich der Gebrauchsgrafik zugeordnet werden, weil sie Auftragsarbeiten für Fachbücher waren.

Und weil sie zumeist am heimischen Arbeitsplatz und nicht in exotischen Ländern entstanden.“ So schlummerte beispielsweise in der Abteilung für seltene Bücher und Handschriften der US-Amerikanischen National Agriculture Library in Beltsville, Maryland eine einzigartige Sammlung fein gemalter Obstdarstellungen aus dem United States Departement of Agriculture, kurz: USDA.

Dass die Bibliothek diese „USDA Pomological Watercolor Collection“ im Jahr 2010 digitalisierte, machte diesen ganz besonderen Schatz weiblicher Kunstproduktion erstmals einem großen Publikum zugänglich, steht für eine neue Wertschätzung dieser Kunstform und ermöglichte das Erscheinen des Buches.

1862 von Abraham Lincoln als „Bureau of Agriculture“ in Washington gegründet, entwickelte sich die pomologische Abteilung des USDA zum heutigen US-Landwirtschaftsministerium. Ende des 19. Jahrhunderts war es eine zentrale Aufgabe dieser Behörde, Pflanzen und Samen zu sammeln sowie Statistiken über Ernteerträge und Düngemethoden zu erstellen.

1886 entstand innerhalb des USDA die pomolgische Abteilung, die sich seither dem Obstanbau widmet. Viele Farmer verlegten sich auf den Obstanbau, um dem wachsenden Nahrungsbedarf der amerikanischen Bevölkerung gerecht zu werden, neue Obstsorten wurden entwickelt, die an regionale klimatische Bedingungen und Bodenverhältnisse angepasst wurden.

Die Züchter griffen auch auf Obstsorten zurück, die durch Expeditionen eingeführt oder aus Europa importiert wurden. Alle Sorten und Arten wurden in Jahrbüchern und Forschungspublikationen veröffentlicht. Um diese Publikationen nützlicher zu machen, wurden sie illustriert.

„Dafür beauftragte das USDA zwischen 1886 und 1942 Künstler und Künstlerinnen, die die neu eingeführten Sorten und Arten möglichst exakt darstellten“, so Stephanie Hauschild. Die Farbfotografie war einfach noch nicht weit genug entwickelt. Großartig, denn diesem Umstand sind die mehr als 7500 prächtigen Wasserfarbbilder zu verdanken, die für das USDA entstanden.

21 namentlich bekannte Künstlerpersönlichkeiten waren als Illustratoren in der pomologischen Abteilung beschäftigt, neun von ihnen waren Frauen – das zeigen die Signaturen der jeweiligen Werke auf den genormten, 16 x 25 Zentimeter großen Blättern mit schwarzer Umrahmung und handschriftlicher Sortenbezeichnung.

Detailgetreu gemalte Äpfel, Birnen, Zitronen, Pekanüsse, Kirschen, Erdbeeren oder Tomaten: „Diese präzise, am Gegenstand orientierte Arbeit in kleineren Formaten und damit vermeintlich anspruchslose Kopistenarbeit wurde jahrhundertelang in der männlich bestimmten Kunstwelt Frauen als künstlerisches Betätigungsfeld zugestanden“, so Stephanie Hauschild.

Und meist waren es Pflanzen, die in Öl oder Wasserfarbe abgebildet wurden. „Sind aber Malerinnen, die einen Apfel oder eine Erdbeere präzise darstellen, nun echte Künstlerinnen oder sind sie Illustratorinnen?“ fragen viele angesichts der teilweise fast schon hyperrealen Abbildungen. Tatsächlich erscheinen die handwerklich perfekten Fruchtzeichnungen recht einheitlich.

Doch bei allem Realismus offenbart ein zweiter und dritter Blick zahlreiche künstlerische Details, die typisch für die jeweilige Malerin sind, zum Beispiel in der Pinselführung, bei der Reihenfolge und Intensität des Farbauftrags, bei Schattierungen, Perspektiven und Wahl des Motiv-Ausschnitts.

„Auch 100 Jahre nach ihrer Entstehung wirken die Fruchtdarstellungen aufregend und ungewöhnlich“, da gebe ich Stephanie Hauscheld recht. Die Abbildungen faszinieren beim Durchblättern immer wieder aufs Neue, eben aufgrund der Kunstfertigkeit der Malerinnen. Außerdem: Heutzutage zerfließen die Grenzen zwischen Kunst und Illustration immer mehr – oft bestimmt lediglich der Zweck der Zeichnung, welchem Genre sie zugeordnet wird.

Neben den wunderbaren Bildern gefällt mir an Stephanie Hauschilds Buch, dass sie auch die Biografien und beruflichen Werdegänge der Künstlerinnen beleuchtet, soweit eben bekannt. Exkurse in Ateliers und Kunstgeschichte sowie Literaturtipps runden den hochwertig gestalteten Kunstband ab, der die zu Unrecht vergessenen Künstlerinnen würdigt.

Stephanie Hauschild „Summer Queen & Maiden Blush. Obstportraits gemalt von Frauen des 19. Jahrhunderts“, 160 Seiten mit 160 Abbildungen, Hardcover, 26 Euro, Thorbecke Verlag