wälder in baden-württemberg

3002_270x197_2038„Wenn man in den Wald eintritt, so ist es, als trete man in das Innere einer Seele“, sagte der Dichter Paul Claudel und für ihr Buch „Wälder in Baden-Württember“ betrat Fotografin und Waldbesitzerin Ulrike Klumpp viele Waldseelen im Ländle.

Der Schwarzwald charakterisiert ihre Heimat und auf ihrer Reise durch sechs weitere Wuchsgebiete entdeckte sie die vielfältige Schönheit baden-württembergischer Wälder – aber auch, wie sich Umwelt nicht zuletzt durch Eingriffe des Menschen verändert.

Auch Co-Autorin Gabriele Wicht-Lückge ist fest mit dem Wald verwurzelt. „Seit über 20 Jahren werden die meisten Wälder in Baden-Württemberg naturnah bewirtschaftet“, weiß die Forstwissenschaftlerin und Waldbauchefin von ForstBW.

„Der vorliegende Bildband zeigt, dass naturnah bewirtschafteter Wald fasziniert und dass die Produktion des begehrten und nachwachsenden Rohstoffes Holz mit hohen ökologischen Wertigkeiten zusammen gehen kann.“

Gemeinsam stellen die beiden Forstexpertinnen und Waldliebhaberinnen Waldschönheiten aus verschiedenen Gebieten vor. Großformatige Aufnahmen beleuchten Biotope unter dichten Waldkronen im Odenwald, in der nordbadischen Rheinebene, im Neckarland, im Schwarzwald und Baar-Wutach-Kreis, auf der Schwäbischen Alb sowie im Alpenvorland und Bodenseegebiet.

Mit von der Waldpartie war übrigens Sebastian Schreiber von ForstBW, der die Buchentstehung durch wichtige Impulse, Networking und begleitende Kommunikation möglich machte.

Jeder der genannten Landstriche hat seine besonderen Waldformen und gibt die Kapiteleinteilung des Bildbands vor: im Hochwasser des Rheins gedeihen Auenwälder, der Odenwald ist für seine „Mischsaat“ und seine Lärchenpopulation bekannt, die Weißtanne fühlt sich vor allem im Schwarzwald wohl und der Schönbuch im Neckarland ist Heimat von zahlreichen monumentalen Eichen-Naturdenkmalen.

Wegen seines kühl-feuchten Klimas gilt das Baar-Wutach-Gebiet als „Schwäbische Taiga“, hier dominieren Fichten, Tannen und Kiefern. Die Schwäbische Alb begeistert mit vielfältigen Buchenwäldern und Wachholderheiden, in Oberschwaben teilen sich die Bäume ihren Lebensraum mit charakteristischen Moorlandschaften und am Bodensee gedeihen strukturreiche Waldgebiete.

Zitate und kurze Infotexte begleiten die großartigen Aufnahmen der Waldlandschaften, Baumkronen- und Wipfelpanoramen, von Schneewäldern und vom besonderen Lebensraum Waldboden. Beim Durchblättern geht – zumindest mir – unwillkürlich das Herz auf, mit Spannung und Freude wird die nächste Seite erwartet.

Oder ums mit Kafka zu sagen (S. 186): „In den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte.“ Und weil die Wenigsten Zeit dazu haben, gibts dieses auffallend schöne Buch, das man immer wieder zum Genießen und Sinnieren in die Hand nehmen kann.

Urike Klumpp, Gabriele Wicht-Lückge „Wälder in Baden-Württemberg“, 192 Seiten mit 93 Farbfotos, Hardcover, 34 Euro 90, Silberburg-Verlag

 

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wie pilze aus dem boden schießen…

023_08676_175605_xxlHeuer ist ein gutes Pilzjahr meldet die Presse landauf landab – so viele und vor allem so große Exemplare habe es lange nicht gegeben. Als Pilz des Jahres rückte der leckere Pfifferling in den Fokus der Medien. Dabei erfuhren wir, dass der Röhrenpilz neben seinem feinen Geschmack auch eine wichtige Funktion im Ökosystem hat. Nicht nur beim „Recycling“ spielen Pilze nämlich ganz vorne mit.

Robert Hofrichter erzählt in seinem Buch „Das geheimnisvolle Leben der Pilze“ zum Teil unglaubliche Pilz-Geschichten. Fast alle wissenschaftlich fundiert natürlich. Auf einer humorvollen Reise durch die Welt der Pilze kommt Erstaunliches zutage, denn das, was wir im allgemeinen als Pilz erkennen – in der Regel sind es Pilzhüte im Wald – ist nur die halbe Wahrheit. Der viel größere Teil des komplexen Pilznetzwerkes liegt für uns unsichtbar unter der Erde oder im Holz und funktioniert wie das Internet des Waldes.

Pilze sind kein Gemüse wie lange angenommen wurde. Sie haben viel mehr von Tieren und sind sogar unserem Erbgut ähnlicher als der Pflanzenwelt. Denn eines machen Pilze am allerliebsten: sie fressen! Diese Erkenntnis löste einen Paradigmenwechsel in der Pilzforschung aus und die Welt der Pilze hält sowohl für Wissenschaftler als auch für Sammler und Pilzliebhaber noch unzählige Erkenntnisse und Überraschungen bereit.

Samtfußrübling, Runzelwerpel, Frostschneckling, Nebelkappe, Herbstlorchel, Ritterling und Herkuleskeule, Flaschenstäubling, Frauentäubling oder Kahler Krempling – Pilze haben nicht nur kuriose Namen sondern ebensolche Eigenschaften. Und Pilze sind allgegenwärtig – sie leben auf unserer Haut, im Weltall und in den Tiefen des Ozeans und sie leisten Unglaubliches.

Sie können Wüsten beleben, Frost und Radioaktivität trotzen, heilende und tumorhemmende Stoffe bereit stellen und Rauschzustände verursachen. Der Zunderschwamm war wohl das erste „Feuerzeug“ der menschlichen Geschichte und lässt sich auch heute prima zum Feuermachen verwenden. Ohne Pilze gebe es kein Bier und keinen Hefeteig.

Fast 90 Prozent aller Pflanzen paktieren mit Pilzen, gehen wundersame Symbiosen mit einem oder mehreren Pilzen ein, weiß der Autor. Diese Partnerschaft kann eher äußerlich sein oder aber die Pflanze lässt den Pilz bis in ihre Zellinneres vordringen.

Durchs Networking zwischen Pflanzen und Pilzen – die so genannte Mykorrhizierung – erhalten Pflanzen ein besseres Wurzelsystem und damit eine höhere Zufuhr von Wasser, Phosphat und anderen Nährstoffen. Der Pilz bekommt als Gegenleistung Zucker – meist Glukose. Außerdem funktioniert das Pilznetzwerk wie ein Kommunikationssystem. „Keine Orchidee könnte ohne die Hilfe eines Pilzes das Licht der Welt erblicken“, so  Hofrichter zum teilweise überlebensnotwendigen Netzwerken mit Pilzen.

Doch es wird noch spannender: Ein ganz bestimmter Pilz, der Physarum, hilft Verkehrsplanern, den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu finden. Auf ihrem Weg zu neuen Ufern wahren die Pilze außerdem ein optimales Gleichgewicht zwischen Redundanz und Effizienz. Japanische und englische Forscher entwickelten sogar einen Roboter, der von diesem Schleimpilz gesteuert wird.

Auch in Sachen Größe sorgen Pilze für Verblüffung: „Genau so viel wie vier ausgewachsene Blauwalweibchen von je 150 Tonnen wiegt ein im Jahr 2000 entdeckter Hallimasch im US-Bundesstaat Oregon“, weiß Hofrichter und schreibt dem Riesenpilz ein Alter von 2400 Jahren zu.

Nicht zuletzt sind essbare Pilze eine schmackhafte Bereicherung in unserer Küche. Selbst in dieser Rolle sorgen sie für Superlative -einem Bieter aus Hongkong waren zwei Trüffel eine stolze Summe wert: die beiden Feinschmeckerpilze kamen bei einer Auktion in Italien mit einem Gesamtgewicht von 950 Gramm für 90 000 Euro unter den Hammer.

Auch Ameisen und Termiten kooperieren beim Essen gerne mit Pilzen, die Insekten legen in ihren unterirdischen Höhlenbauten regelrechte Pilzfarmen an. Nicht alle Pilze sind unsere Freunde, einige richten in ihrem Fresswahn laut Robert Hofrichter Milliardenschäden an, sie produzieren gesundheitsgefährdende Gifte und können ganz Ernten vernichten.

Unterm Schnitt profitieren wir aber nach wie vor von unserer jahrtausende alten Beziehung zu unterschiedlichsten Pilzen und werden auch in den kommenden Jahren sicher noch viel Hilreiches und Erstaunliches über die fressenden Lebewesen erfahren. Gerade wenns um Recycling geht, aber vor allem in Sachen Kooperation können wir von den Vernetzungsweltmeistern noch einiges lernen…

Robert Hofrichter „Das geheimnisvolle Leben der Pilze. Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt“, 240 Seiten mit Farbfotos, Hardcover, 19 Euro 99, Gütersloher Verlagshaus

 

 

jede woche eine neue „waldgeschichte“

978-3-7995-1165-0Die Deutschen und ihr Wald – ein uraltes Thema und eine lange, innige Beziehung! Gerade im Herbst ist ein Waldspaziergang besonders reizvoll und sinnlich: das bunte Laub, das an Bäumen leuchtet oder auf dem Boden raschelt, der Duft von feuchtem Waldboden und nicht zuletzt der Pilzreichtum an manchen Stellen machen den Aufenthalt im Wald zu einem ganz besonderen Erlebnis. Wer Glück hat, trifft zudem einen zwitschernden oder vierbeinigen Waldbewohner.

Neue Forschungen beweisen: ein Waldspaziergang wirkt tatsächlich heilend! In Mecklenburg-Vorpommern entstehen derzeit „Heilwälder“ zu Therapiezwecken, in denen Menschen Bewegungsübungen machen und Bäume umarmen können.

Auch wenn ich noch überlege, ob ich die „Einrichtung Heilwald“ wirklich notwendig finde – dass Waldluft gut für Lunge, Herz, Haut und Psyche ist, glaube ich sofort. Ein führender japanischer Wissenschaftler hat sogar heraus gefunden, dass allein beim Anblick eines Waldes der Cortisol Spiegel um 13,4 Prozent sinkt. Wahrscheinlich wohne ich deshalb so gerne auf dem Schurwald!

Und obwohl ich den Wald direkt vor Fenster und Haustüre habe, komme ich gar nicht so oft zum Spazieren gehen, wie ich mir das eigentlich wünsche…Um so mehr freue ich mich über einen der neuen Thorbecke Wochenkalender, der 2018 dem Thema Wald gewidmet ist und mit dem die Waldbewohner direkt zu mir nach Hause kommen!

Jede Woche wartet eine neue kleine „Waldgeschichte“ auf mich, im Januar lerne ich beispielsweise die Rotbuche, die Stieleiche und den Baummarder näher kennen, im Februar treffe ich den Waldkauz vom vorigen Post wieder und die Anis-Tramete stellt sich vor – ein Baumpilz der Holz abbaut und dessen wertvolle Inhaltstoffe für andere Organismen verwertbar macht. Farne, Rehe und Eidechsen dürfen in einem Waldkalender natürlich nicht fehlen und auch der Siebenschläfer und das Eichhörnchen bekommen einen würdigen Platz.

Was diesen Wald-Kalender – wie alle anderen Thorbecke Kalender – so liebenswert macht, sind die historischen Abbildungen auf jedem Kalenderblatt: detailreiche, naturgetreue farbige Kupferstiche oder Farblitographien bilden Flora und Fauna des Waldes auf besonders schöne Weise ab. Ein Kalender, über den sich jeder Naturliebhaber freut und den man auch nach dem 31. Dezember 2018 gerne behält!

Thorbeckes Waldkalender 2018, 56 Seiten, Spiralbindung, 20 Euro, Thorbecke Verlag

 

coole käuze

978344015292858cbda43e4879_600x600Er ist perfekt getarnt, ein unglaublich guter Jäger und gleichzeitig so niedlich wie ein Kuscheltier: der Waldkauz. Noch gute zwei Monate fliegt er als Vogel des Jahres auf lautlosen Schwingen durch sein Revier und spielt gemeinsam mit Bart- und Steinkauz, Habichts-, Sperlings- und Raufusskauz die Hauptrolle im Buch „Coole Käuze“.

Obwohl Käuze zu den Eulen gehören, wirken sie im Gegensatz zu ihren eleganten großen Artgenossen eher „unbeholfen, verschroben und eigenbrötlerisch“, schreibt Bernhard Ziegler im Vorwort und erklärt damit, warum unzugängliche, unangepasste Menschen oft als Kauz oder kauzig bezeichnet werden.

Seine Liebe zum Kauz an sich teilt der Reutlinger Biologe und Umweltpädagoge mit den beiden Fotografen Dietmar Nill und Torsten Pröhl – mit außergewöhnlichen, wunderbaren Aufnahmen und berührenden Texten geben die drei Kauzliebhaber in ihrem gemeinsamen Buch „Coole Käuze“ seltene Einblicke in die nachtaktive Welt dieser Vögel.

Mit ihren großen runden Köpfen und ebensolchen Augen erfüllt der Kauz das Kindchenschema perfekt, weshalb die meisten Menschen Käuze herzig finden – vorausgesetzt, sie halten den Schnabel, denn ihr nächtlicher markanter Ruf klingt nicht gerade heimelig und wird nicht umsonst gerne in Krimis und Gruselfilmen verwendet.

Dass der Waldkauz und seine Verwandten alles andere als gruselig sind, wird schnell klar, wenn Bernhard Ziegler sie als liebevolle, aufmerksame Vogel-Paare und Eltern, als wichtige Bewohner des Biotops Wald und nicht zuletzt als bedrohte Tierart vorstellt.

Mit Kindheitserinnerungen an Beobachtungs-Nachmittage im Unterholz, Erfahrungs-Berichten von zahlreichen Fotopirschen und wissenschaftlichen Erkenntnissen bringen uns Autor und Fotografen eine Vogelart näher, die wir eher hören als sehen, was nicht zuletzt daran liegt, dass die meisten Käuze erst am späten Nachmittag munter werden.

Viel Geduld und Hingabe waren notwendig, um dieses eindrucksvolle Buch entstehen zu lassen, das hoffentlich viele viele Leser begeistert und davon überzeugt, sich für den Erhalt von Brutrevieren einzusetzen, wann und wo immer möglich. Es wäre ein unbeschreiblicher Verlust, wenn wir Käuze – und viele andere Tiere – in Zukunft nur mehr in gedrucktem Wort und Bild erleben könnten.

Torsten Pröhl, Dietmar Nill, Bernhard Ziegler „Coole Käuze. Die verborgene Welt der besonderen Eulen“, 160 Seiten mit 150 zauberhaften Farbfotos, Hardcover, 16 Euro 99, Kosmos Verlag

der flug des jagdfalken

3016_270x169_2052Baden-Württemberg gilt als burgenreiches Land und vor allem auf der Schwäbischen Alb begegnet man ihnen auf Schritt und Tritt: gut erhaltene oder „ruinierte“ Herrschaftssitze früherer Grafen, Fürsten und Könige thronen erhaben auf Zeugenbergen oder Felsvorsprüngen und sind beliebte Aussichtspunkte für Wanderer.

Die Wenigsten wissen über die Historie der Bauwerke Bescheid – irgendein Staufer wird wohl der Bauherr gewesen sein, haben die meisten so im Hinterkopf. Selbst wer in der Nähe solch geschichtsträchtiger Bauten wohnt, beklagt oft Wissenslücken über das einstige Leben hinter den „sagenhaften“ Mauern.

Bei Dietrich Weichold ist es anders: der Autor wohnt mit seiner Familie in Ammerbuch-Entringen, hat „von dort eine gute Sicht auf Schloss Hohenentringen, die Geburtsstätte des Georg von Ehingen“.

Er tauchte in den vergangenen Jahren tief in die Geschichte(n) derer von Hohenentringen ein und schrieb mit seinem kürzlich veröffentlichten Roman „Der Flug des Jagdfalken“ quasi eine späte – zum Teil fiktive – Biographie vom „Jergle“, wie Georg von Ehingen in jungen Jahren von Verwandten und Freunden genannt wurde.

Nach einigermaßen unbeschwerten Kinderjahren im Schönbuch, begann für Georg von Ehingen – sehr zum Leidwesen seiner Mutter – 1435 in Innsbruck die Ausbildung zum Ritter. Die Ausbildung ist hart und vor allem in der Anfangszeit plagt den jungen Knappen das Heimweh.

Wegen seiner sensiblen, nachdenklichen Art, avanciert der Exilschwabe schnell zum Höfling mit feinen Sitten. Und zum Frauenliebling! Schließlich muss er den Innsbrucker Hof sogar wegen einer wenig standesgemäßen Liaison verlassen.

Obwohl er bereits als einer der besten Kämpfer des Landes gerühmt wird, würde Georg am liebsten nach Hause zurück kehren. Doch sein Vater hat den Familiensitz Hohenentringen nach dem Tod seiner Frau und Georgs Mutter Agnes verkauft und lebt zurück gezogen in bescheideneren Verhältnissen.

Als wagemutiger Kämpfer stellt sich Georg von Ehingen fortan in den Dienst mächtiger Herrscher und tritt an, das Christentum zu verteidigen – wo immer nötig. Seine Reisen führen ihn zuerst nach Prag,  wo Junker Georg gemeinsam mit seinem künftigen Freund Georg von Ramseiden, kurz: „Ramseider“, im Dom den Ritterschlag erhält.

Georg kämpft in Spanien, Portugal und auf Rhodos gegen die „Ungläubigen“, geht sogar auf Wunsch seines Vaters auf Pilgerreise durchs Gelobte Land. Kein Gegner ist im zu übermächtig, keine Herausforderung zu groß.

Und während Georgs Freund Ramsauer in friedlichen Zeiten die Annehmlichkeiten am Hof ihrer jeweiligen Gastgeber genießt, kämpft Georg von Ehingen mit sich selbst. „Es gibt nichts Edles im Krieg – auch wenn wir für die Christenheit kämpfen“, hat Ramsauer schon lange erkannt. Doch Georg quält immer noch die ehrgeizige Sorge: sollte er nicht viel mehr Schlachten für das Christentum schlagen?

Nach zahlreichen Kriegen warten auf Georg bei Granada schließlich einige Schlüsselerlebnisse, die aus dem glühenden Gotteskrieger endgültig einen Zweifler machen, der seine einstigen Ideale immer mehr in Frage stellt…

Ich finds ja besonders charmant, dass Dietrich Weichold sich direkt vor der Haustür  inspirieren ließ und seine Leser nun auf Spuren des schwäbischen Reichsritters Georg mit auf Lesereise nimmt. Nicht nur die Motivation macht den Roman zu einem außergewöhnlichen Lese-Erlebnis, auch die Geschichte selbst liest sich spannend wie ein Krimi.

Dietrich Weichold „Der Flug des Jagdfalken“, 496 Seiten, kartoniert, 14 Euro 90, Silberburg-Verlag

 

 

 

 

 

schierlingstod – ein reformationskrimi

2927_270x171_2023Mitten in den Wäldern um Karlsruhe liegt das Kloster Frauenalb – heute nur mehr eine beeindruckende Klosterruine, beginnt in dieser badischen Idylle Simone Dorras Reformations-Krimi „Schierlingstod“ und für die Nonne Fidelitas von heute auf morgen ein völlig neues Leben…

Der Klostergarten ist Fidelitas Refugium – hier erwirbt sie fundierte Kenntnisse der Kräuterheilkunde. Ein Wissen, das auch Gräfin Johanna zu Gute kommt, denn die junge Nonne kennt ein wirksames Mittel gegen Gelenkschmerzen, unter denen die Gattin Wilhelms von Eberstein bisweilen leidet.

Als Gräfin von Eberstein nach Cannstatt reist und nicht auf die Behandlungen der heilkundigen Nonne verzichten will, verlässt Fidelitas das Kloster unter Tränen. In Cannstatt knetet sie am Vormittag die Gelenke der Gräfin, den Nachmittag kann sie weitgehend so verbringen, wie sie möchte.

Oft geht Fidelitas dann Kräuter sammeln, zum Beispiel Wasserschierling am Neckarufer, dessen Wurzeln sie für kühlende Umschläge verwendet. „Bald“, denkt Fidelitas auf dem Heimweg, „ist Bruno von Eberstein hier, die Gräfin kann mit ihm klären, was sie zu klären hat, und wieder abreisen“.

Doch statt einer schnellen Heimkehr ins Kloster kommt alles anders: tatsächlich taucht der Lieblingssohn der Gräfin einige Tage später in Cannstatt auf und das Entsetzen ist groß, als er eines Morgens tot in seiner Kammer liegt. Das ganze Haus ist in Aufruhr und Gräfin Johanna vergräbt sich schmerzerfüllt in ihrer Kammer. So sehr hat sie sich eine politisch profitable Heirat für ihren Sohn gewünscht. Nun ist er tot.

Zur gleichen Zeit weilt Valentin Schmieder in Cannstatt. Der protestantische Theologe aus Tübingen besucht seine Schwester und trägt einen Brief für Gräfin Johanna bei sich – ihr jüngster Sohn Otto studiert in Tübingen und bat den Magister, den Brief zu überbringen.

An der Tür trifft Valentin Schmieder auf Fidelitas – trotz Trauerfall geraten der Protestant und die couragierte katholische Ordensschwester in einen verbalen Schlagabtausch. Kein Wunder, die neue religiöse Strömung spaltete ganze Familien.

Als Otto von Eberstein vom Tod des Bruders erfährt, reitet er selbst nach Cannstatt und bittet Valentin Schmieder, zu ermitteln: Fidelitas hatte festgestellt, dass Bruno von Eberstein mit Schierling vergiftet worden ist. Dummerweise gerät die kluge Nonne damit selbst unter Verdacht…

Nicht gerade begeistert nimmt Valentin Schmieder den Auftrag an und auch die Gräfin ist nicht erfreut über die Ermittlungen – sie fürchtet, der Ruf ihrer Familie ist am Ende der Untersuchung ebenfalls vergiftet. So stochert der Magister in einem Nebel aus Schweigen und Geheimnissen.

Die Ergebnisse seiner Befragungen sind enttäuschend und schon in zwei Wochen reist die Gräfin mit ihrem Gefolge wieder ins Badische. So kommt er nicht weiter. Valentin Schmieder reist nach Tübingen zurück, wo sich ebenfalls unerfreuliche Dinge ereignen.

Dann taucht plötzlich Philipp von Eberstein, der älteste Sohn der Gräfin, in Cannstatt auf, Fidelitas verschwindet und als Valentin Schmieder einer heißen Spur folgt, gerät er selbst in Lebensgefahr…

Ein komplexer, intelligenter und fesselnder Krimi mit einem außergewöhnlichen Ermittlerduo, starken Haupt- und Nebenfiguren, abwechslungsreicher Dramaturgie, stimmiger Auflösung und authentisch historischem Hintergrund. Eine der besten Neuerscheinungen zum Reformationsjahr. Unbedingt lesenswert!

Simone Dorra liest übrigens am kommenden Montag, 16. Oktober, 19.30 Uhr, in der Gemeindebücherei Schwaikheim.

Simone Dorra „Schierlingstod“, 440 Seiten, kartoniert, 14 Euro 90, Silberburg-Verlag

 

 

beherzte schwestern – südwestdeutsche klosterschwester aus sechs jahrhunderten

U_Keuler_BeherzteSchwestern_05.inddMissgunst und Intrigen, Machthunger und Vorteilsnahme, soziale Kontrolle, aufdringliche Kirchenväter und eindringliche Soldaten, aber auch Mystisches und Wundersames – allen, die glauben, dass das Leben im Kloster stets ruhig und friedlich verläuft, erzählt Dorothea Keuler in ihrem Buch „Beherzte Schwestern“ fundiert recherchierte Klostergeschichten, die zum Teil spannender als jeder Krimi sind!

Vor allem aber stellt sie südwestdeutsche Klosterfrauen in den Mittelpunkt, die ihr Schicksal ganz und gar nicht gottergeben jemand anderem überließen, sondern beherzt in die eigenen Hände nahmen.

Nachdem Klöster über Jahrhunderte wichtige und zum Teil machtvolle Institutionen waren, sind die meisten heute nur mehr schöne Baudenkmäler, die besichtigt werden. Über das Leben zwischen Kirche, Konvent, Refektorium, Klostergarten und Schlafsaal erfährt man meist nur bei Führungen. Tatsächlich war der Alltag in einem Kloster so komplex und vielschichtig wie vor den Klostertüren. Vor allem für Frauen:

„Es wurde nicht nur gebetet, gesunden und jubiliert“, schreibt die Autorin Vorwort. Vielmehr bot das Kloster für Frauen „über Jahrhunderte die einzige Möglichkeit, Bildung zu erlangen oder Macht auszuüben. Und seit es Klöster gab, standen sie im Spannungsverhältnis zwischen andächtiger Versenkung und Verweltlichung. Das sorgte für Konfliktstoff.

Auch die ‚Krisen und Katastrophen der Welt draußen‘ brachten Unruhe ins kontemplative, das heißt beschauliche Klosterleben.“ Wie sehr es auch gemenschelt haben mag: Klöster waren vor allem im Mittelalter eine fremde, faszinierende Welt und der Alltag bestimmt von – mehr oder weniger – strengen Regularien, aber auch von beachtlicher Frömmigkeit, von außergewöhnlichem Zusammenhalt und Mut der Ordensfrauen in schweren Zeiten.

Nach einer kleinen, aber sehr aufschlussreichen Einführung in die Geschichte der Frauenklöster, stellt Dorothea Keuler in lebendigen Portraits einige besonders tapfere Nonnen, Schwestern, Chorfrauen und Stiftsdamen vor. Darunter „Frauen, die sich in der Not zu helfen wussten“, wie Gertrud von Ortenberg, die erst als Witwe ein „Beginenleben“ begann.

Auch „Frauen, die den Mund aufmachten oder zur Feder griffen“ lernen wir kennen, wie die Chronistinnen Magdalena Kremer aus dem Dominikanerinnenkloster in Kirchheim oder die Villinger Klarisse Juliane Ernst, deren Kriegschronik packend die Bedrohung und Ereignisse während der Belagerung durch die Württemberger und Schweden beschreibt , die schließlich trotz aller Gegenwehr ein normales Klosterleben unmöglich machten.

Nicht immer beschrieben die Chronistinnen rein weltliche Bedrohungen  – gerade während der Reformation kam es auch in den Klöstern selbst zu heftigen Auseinandersetzungen und religiösen Spaltungen, weil nicht jede fromme Ordensfrau  die „Segnungen“ der neuen geistigen Strömung annehmen wollte.

Als die Obrigkeit im Frühjahr 1556 im Pforzheimer Dominkanerinnekloster sogar die Heilige Messe und den Besuch von katholischen Geistlichen verbot, den Schwestern Gesänge und Gebete in Latein untersagte und obendrein noch jede Woche einen evangelischen Pfarrer schickte, widersetzten sich die 46 Dominikanerinnen der „Umerziehung“ vehement und nahmen eine lange Leidenszeit auf sich, wie das „Tagebuch der Schikanen“, die Reformationschronik der Eva Magdalena Neyler schildert.

Und Maria Monika Hafner pranger Misstände im eigenen Kloster, dem Augustiner-Chorfrauenstift Inzigkofen, an: nach dem Tod der alten Pröbstin ist Hafners Welt ganz und gar nicht mehr in Ordnung, zu fremd sind ihr die Sitten unter der Nachfolgerin. Ihr 400 Seiten starker „Beschwerdebrief“ an den Klostervisitator beschreibt detailliert die Verfehlungen der neuen Pröbstin sowie die Sünden einiger Mitschwestern.

Von einem lauten „Schwätzmarkt“ ist die Rede, weil sich viele Schwestern nicht mehr an Gebetszeiten und Schweigegebot halten. Chorgesang und Messe seien schlecht aufeinander abgestimmt, so dass der Priester mit der Liturgie nicht weiter komme und warten muss, bis der lange „beschwerliche Gesang und das Orgelspiel ein Ende nehmen“.

Überhaupt verzögere das lange Musizieren den gesamten weiteren Tagesablauf und die Musikerinnen selbst seien oft kraftlos von den körperlichen Anstrenungen des Singens und Musik machens. Auch die Chorleiterin bekommt ihr Fett weg – Schwester Monika wirft ihr vor, dass sie allzu ungestüm die Orgel schlage, was zu fürchterlichem Geschrei und Durcheinander, und bei einigen Chorfrauen zu Lachen, Verdruß und Brechung des Stillschweigens führe.

Nicht zuletzt prangert die Beschwerdeführerin die „Hochleistungsfrömmigkeit“ an, die mit der neuen Pröbstin im Stift Einzug gehalten habe, weil plötzlich „alle möglichen Handreichungen und Gefälligkeiten nach Rosenkranz-Tarif abgegolten“ werden.

Doch auch wirklich Wundersames ist aus Klöstern zu hören: im zweiten Portrait beschreibt Dorothea Keuler „Die reine Lust der Margareta Ebner“, eine Chorschwester in Maria Medingen bei Dillingen an der Donau, die – unterstützt von einer Mitschwester – mysthische Offenbarungen und Gnadenerweise überlieferte, die sie von Gott erhielt.

Margareta Ebner verzichtete nach ihrem Eintritt ins Kloster auf Fleisch und Fisch, später auch auf Obst, badete nicht und benutzte keine Seife. Später zieht sie sich in selbst auferlegtes Schweigen zurück, ist oft schwer krank und nimmt kaum mehr am klösterlichen Leben teil, allein „das Kruzifix bekam eine überwältigende Bedeutung für sie…ständig trug sie ein Kreuz um den Hals“.

Da beugte sich Christus eines Tages im Traum zur Margareta hinunter „und bot mir sein geöffnet Herz zum Kuße und tränkte mich mit seinem Blut daraus, und da empfing ich also kraftvoll große Gnade und Süßigkeit, die lange nachhielt“, zitiert die Autorin aus den Aufzeichnungen der Mystikerin.

Insgesamt zehn Frauenportraits erzählen anschaulich vom klösterlichen Alltag und der Geschichte der Klöster im Südwesten Deutschlands bis zur Säkularisation, die für viele Schwestern den Sprung in ein völlig anderes Leben, aber keineswegs das Ende der Klöster bedeutete.

Ein außergewöhnliches Buch mit interessanten, tiefen Einblicken in „eine fremde, faszinierende Welt“.

Dorothea Keuler „Beherzte Schwestern. Südwestdeutsche Klosterfrauen aus sechs Jahrhunderten“, 200 Seiten, Hardcover, 19 Euro 90, Silberburg-Verlag