geschmackvoll gesellig: renaissance im backhaus

Teig kneten, Feuer machen, „schwätza“ und duftende Brotlaibe aus dem Ofen holen – Brot backen im Backhäusle ist ein Erlebnis für alle Sinne! Zugegeben: ganz ohne Arbeit geht’s auch hier nicht, aber den Backprozess mitzuerleben, der unvergleichliche Röst-Geschmack, die rösche Kruste und die lange Haltbarkeit der Brote entschädigen den Aufwand mehr als genug.

Nicht nur der Geschmack spricht fürs Selber backen: „Wir wissen genau, was in unserem Brot drin ist“, sagt Ernst Lutz aus Aichwald – mit seiner Partnerin Ester Bäder wartet er gerade gespannt darauf, wie die Brote geworden sind. Ein kurzer Blick durch die Klappe zeigt: die 14 Laibe gedeihen prächtig!

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Viele Backhäusle in der Region waren vom Verfall oder Abriss bedroht, doch glücklicherweise erlebt die Backhaustradition derzeit einen wahren Boom! Zahlreiche Landfrauenvereine, Volkshochschulen, Backhäuslesgruppen und -vereine backen regelmäßig, pflegen und verwalten die historischen Backhäuser, geben Backkurse für Erwachsene und Kinder.

Entstanden sind die liebenswerten Gemeinde-Backhäuser aufgrund einer feuerpolizeilichen Verordnung von 1808 – immer wieder kam es beim Obstdörren, Backen und Wäsche waschen zu verheerenden Bränden, so dass diese Arbeiten aus privaten Haushalten verbannt werden sollten. Offiziell wurde diese Verordnung nie aufgehoben, doch kehrten die Damen mit Aufkommen von Waschmaschinen und elektrischen Backöfen in die eigenen vier Wände zurück. Dass Backhäuser nun eine Renaissance erleben, hat mehr als nostalgische Gründe:

„Der Backtag war früher und ist heute noch ein schönes interaktives Erlebnis“, weiß Karin Haupt von der vhs ökostation im Stuttgarter Norden. „Die traditionellen Backhäuser waren Kommunikationsorte im Dorf. Es waren Treffpunkte für gemeinschaftliche Arbeit – man hatte Zeit, sich auszutauschen. Das ist sicher ein Grund, warum unsere Backkurse an der Ökostation so beliebt sind.“

Oder wie Frank Buchner vom Backhausverein Stuttgart-Heumaden erklärt: „Sie können natürlich ihr Brot zu Hause backen, das habe ich auch schon gemacht. Aber das Ergebnis ist nicht vergleichbar mit dem, was in einem großen Holzbackofen möglich ist – da ist schon eine ganz andere Hitze vorhanden.“ Dazu komme, dass immer mehr Menschen großes Interesse an bewusster Ernährung haben. Wenn man dann in seinem Stadtteil die Möglichkeit habe, nach guter alter Tradition, mit hochwertigen Zutaten und den eigenen Händen so ein Grundnahrungsmittel selber herzustellen, sei das schon eine tolle Sache.

„Wenn Sie mal einen Hefezopf aus unserem Backhaus gegessen haben, lassen sie jeden anderen stehen, das bekommen Sie zu Hause nicht hin und zu kaufen gibt es so was auch nicht – ganz ehrlich!“, schwärmt der passionierte Hobbybäcker. Seine Backgruppe nutzt die Restwärme des Ofens sogar zweimal im Jahr um zu kochen: „Einmal im Sommer, dann sitzen alle draußen vor dem Backhaus, und einmal in der Adventszeit, wo wir alle dicht gedrängt bei Kerzenschein im warmen Backhaus einen gemütlichen Abend verbringen.“

Die klassischen Backhaus-Erzeugnisse wie Holzofenbrot, Salzkuchen, Flachswickel oder Obstkuchen sind nicht nur bei den Bäckern selbst beliebt: auch bei Weihnachtsmärkten, Straßen- und Kirbe-Festen kommen Gäste immer öfter in den Genuss von Dinnete & Co. aus dem örtlichen Backhaus. Viele Backhausbetreiber finanzieren mit dem Verkauf von Selbstgebackenem die Instandhaltung ihrer charmanten Backstuben.

Gut Brot will Weile haben und der erfolgreiche Umgang mit dem Holzbackofen fordert von den Bäckerinnen und Bäckern Erfahrung und Fingerspitzengefühl: „Ich habe etwa ein halbes Jahr gebraucht, bis ich wusste, wann die Brote und Hefezöpfe fertig sind“, erinnert sich Frank Buchner.
In vielen Backgruppen entwickelt sich mit der Zeit eine Art Aufgabenverteilung: „Die einen sind zuständig für den Teig, die anderen fürs Einheizen des Ofens – wir haben einen sehr guten Heizer, auf den wirklich Verlass ist“, sagt Frank Buchner.

Erfahrene Backhausnutzer haben so ihre Tricks, um auch mal ohne Thermostat die richtige Temperatur zu finden: „Wenn man nicht weiß, wie heiß der Ofen ist, legt man einfach eine Zeitung rein – fängt sie an zu brennen, verbrennt auch das Brot. Bräunt sie nur, wird auch das Brot schön braun“, verrät Esther Bäder. Sie und ihre Schwester Ruht Kuhnke sind mit Brot aus dem Backhäusle aufgewachsen: schon die Großmutter war im Krummhardter Backhäusle zugange und gab ihre Erfahrungen an die nachfolgenden Generationen weiter.

Jeder Backgang ist anders. Allein die Jahreszeiten mit unterschiedlicher Luftfeuchtigkeit machen einen Unterschied beim Heizen des Ofens. „Früher war der Ofen praktisch immer warm, da haben sechs Krähle auf jeden Fall gereicht, sagt Susanne Wimpf von den Landfrauen in Schorndorf-Berglen. Krähle, das sind die Reisigbündel, mit denen der Ofen geheizt wird. Susanne Wimpf schwört auf Buchenholz, „das brennt schnell an“. Auch knackdürre Obstbaumzweige, Birken- und Rebenholz sind willkommen.

Oft kommt das Holz vom Gemeindeförster und einige haben noch Obstbaumstückle, gebunden werden die Zweige von den Bäckern selbst. Esther Bäder nutzt dafür den Krählesbinder ihrer Großmutter. Außerdem ist sie in der privilegierten Situation, im eigenen Schuppen immer genug Krähle lagern zu können. Eingeheizt wird einen Tag vorher oder früh morgens am Backtag – hat der Ofen Betriebstemperatur, werden die Brote „eingeschossen“, also mit dem Teigschieber in den Ofen gebracht. Mit der Resthitze gelingen Hefezöpfe, Zwetschgenkuchen und Feingebäck.

Nachbarn riechen den Backtag schon von Weitem: dann ziehen Duft- und Rauchschwaden durch die Straßen. Die meisten tolerieren, manche genießen es. In Esslingen-Sulzgries allerdings waren Anwohnerbeschwerden über Rauchbelästigung so massiv, dass der Backhausbetrieb 1986 eingestellt und das Gebäude ins Freilichtmuseum Beuren versetzt wurde, wo es Museumsmitarbeiter und Mitgliedern des Fördervereins weiter nutzen.

Um die Freude am gemeinschaftlichen Backen auch künftig zu erhalten, lassen sich einige Betreiber deshalb von Anwohnern vertraglich zusichern, dass diese nicht gegen Rauch- und Geruchsbelästigung vorgehen. Bestimmt gibt’s dafür auch hin und wieder mal ein frisch gebackenes Holzofenbrot – gemeinsam schmeckts halt einfach besser!

unser täglich brot – eine kleine brotgeschichte

Brot ist mehr als ein Lebensmittel: seit Jahrtausenden stehen Brot und Getreide als Symbol für das Leben schlechthin. Wie nachhaltig der Mensch mit einem seiner wichtigsten Kulturgüter verbunden ist, macht schon die Sprache deutlich: zwar essen wir nur höchst selten unser Brot „im Schweiße unseres Angesichts“, vor brotloser Kunst werden Studienanfänger aber immer noch gerne gewarnt.

Wer bei Wasser und Brot einsaß, hatte wenig zu lachen, glücklich dagegen kann sich schätzen, wer einen großzügigen Brötchengeber hat oder zum Einzug Brot und Salz geschenkt bekommt. Doch die Bibel weiß auch: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Gerade Deutschland gilt als „Land des Brotes“: Ob Roggenmischbrot, Weizenfladen, Emmerbrötchen oder Dinkelseele – Deutschland ist Weltmeister der Brotvielfalt! Rund 300 Brotsorten und über 1200 verschiedene Kleingebäcke bieten Großbäckereien, mittelständische Bäckerbetriebe und handwerkliche Backstuben hierzulande an.

Auch wenn mittlerweile zahlreiche andere Lebensmittel auf den Tisch und in die Tüte kommen, steht „unser täglich Brot“ noch immer hoch im Kurs: zum Frühstück oder zum Abendessen und auf Betreiben von TV-Köchin Sarah Wiener noch möglichst viele Generationen lang als gesundes Pausenbrot für die Schule.

Die Geschichte des Brotes beginnt mit der neolithischen Revolution vor rund 12.000 Jahren, also mit dem Prozess, bei dem aus Jägern und Sammlern Sesshafte werden, die Vieh züchten und Urgetreide kultivieren. „Von da an waren ehemalige Nomaden in der privilegierten Lage, das ganze Jahr über Nahrung zu lagern“, weiß Dr. Isabel Greschat, Leiterin des Ulmer Museums der Brotkultur. Damit entstehen Abhängigkeiten.

Getreide wird zur Lebensgrundlage der menschlichen Kultur und nicht nur im alten Ägypten galt: wer die Getreidevorräte kontrollierte, hatte Macht. Bei Grabfunden entdeckten Archäologen gekeimte Getreidekörner in Sarkophagen – als „Wegzehrung für die Verstorbenen“, als Symbol für Werden und Vergehen, für den ewigen Kreislauf des Lebens. Vom „fruchtbaren Halbmond“ aus entwickelt sich die Brotkultur über die ganze Welt.

Die deutsche Brotvielfalt hat ihren Ursprung in mittelalterlichen Kleinstaaten, wo neben zahlreichen landestypischen Bräuchen auch regionale Backwaren entstanden: zum Beispiel Gebildbrot mit historischen Darstellungen, Springerle mit familiären Motiven, Brezeln in unterschiedlichsten Variationen, Dresdner Christstollen oder der Frankfurter Stutzweck und die Neujahrsbrezel zum Jahreswechsel. Und welches Paar startet ohne eine – am besten mehrstöckige – Hochzeitstorte in die Ehe?

In kaum einer anderen Stadt wird die traditionelle Brotkultur so gepflegt wie im schwäbischen Reutlingen: noch heute treffen sich Männer am ersten Donnerstag nach Dreikönig zum „Mutscheln“ und würfeln aus, wer die Mutschel mit nach Hause nehmen darf.

Über die Bedeutung des salzigen Mürbteiggebäcks kursieren mehrere Geschichten: „Für die einen symbolisiert die Mutschel eine Schützenscheibe“, so der Reutlinger Bäcker Hubert Berger, „andere halten sie für den Stern von Betlehem und manche sagen, sie steht für die Achalm mit ihren Teilgemeinden und der geflochtene Kranz sei die Goldkette, die angeblich dort vergraben liegt.“

Auch der „Schiedwecken“ – eine Fleischpastete im Blätterteig – sowie mit Zwiebeln und Speck belegte „Vochezen“ und der Reutlinger Kimmicher haben ihren festen Platz im Jahreskalender. Einige Kilometer weiter entdeckte Günther Weber eine alte Tradition für sich: der „Holzofenflüsterer“ vom Zwiefaltener Lorettohof versieht seinen Bauernbrotteig mit kreuzförmigen Einschnitten.

„Ich bin zwar nicht religiös, aber dieses alte Dankritual inspiriert mich und sorgt nebenbei dafür, dass sich der Laib schön nach allen vier Seiten öffnet.“ Der Vollblutbäcker gönnt sich selbst einen vergleichsweise bescheidenen Luxus: im elterlichen Bäckerhaushalt kam immer das übrig gebliebene Brot vom Vortag auf den Tisch, „deshalb ist frisches warmes Brot etwas ganz Besonderes für mich“, schwärmt Günther Weber. Bauchweh hat er davon übrigens noch nie bekommen.

mit adrienne braun durch stuttgart

lieblingsorte_stgtStuttgart mausert sich: die ehemals als kächelig belächelte Kehrwochenmetropole ist auf dem besten Weg zur Boom-Stadt! Die Kreativbranche hat längst die Umsätze der hier ansässige Auto-Industrie erreicht, seit Stuttgart 21 weiß der Rest der Republik, dass als bräsig abgestempelte Halbhöhenbewohner auch anders können und das neue Dorotheenviertel gefällt sogar den Stuttgartern selbst.

Es ist nämlich keineswegs so, dass es die vielen – meist seelenlosen – Neubauklötze sind, denen die Landeshaupstadt ihre steigende Beliebtheit verdankt, vielmehr sind es die gewachsenen Eigenheiten und liebevoll gepflegten Kostbarkeiten, die den Charme der Stadt ausmachen.

Die wildromantischen Stäffele etwa, die vielen Plätze, auf denen die Stuttgarter neuerdings bei den ersten Sonnenstrahlen ihre „südländische Streetcredibility“ unter Beweis stellen oder der pulsierende Schlossplatz mit seinen eindrucksvollen königlichen Bauten und die durchaus reizvolle Kulturmeile mit dem Haus der Geschichte, der Staatsgalerie, dem Großen und Kleinen Haus, also mit den Bühnen der Staatstheater Stuttgart.

Jetzt legt Adrienne Braun als gebürtige Hessin eine ganz persönliche Liebeserklärung an Stuttgart vor: in ihrem Buch „Adrienne Braun. Lieblingsorte Stuttgart“ nimmt sie die Leser mit an bekannte und eher heimliche Ecken, an belebte oder ganz stille Plätze und sie sieht so manche Stuttgart-Institution aus ganz eigenen Blickwinkel.

Ja, sie schaut und hört genau hin, die Kolumnistin und Autorin, beobachtet zum Beispiel, dass am Schillerplatz nicht nur der Hackenporsche „untertourig holpert“ sondern so mancher Getriebene in der Abendsonne die Seele baumeln lässt. Außerdem können an diesem „wohlproportionierten“ Platz auch Stuttgart-Kenner noch so manches neue alte Detail entdecken.

Adrienne Brauns Stuttgartführer lebt von diesen humorig-hintersinnigen Beobachtungen: dass die Wilhelma einer der schönsten zoologisch-botanischen Gärten Europas ist, wissen wir schon lange! Dass Besucher hier den größten Magnolienhain nördlich der Alpen erleben können, dass hier zahlreiche Tiere ohne „offiziellen Wohnberechtigungsschein“ zuhause sind und dass Bonobo & Co. im neuen Affenhaus sogar unzüchtige Filme schauen, sind dagegen echte Neuigkeiten.

Bei aller Postkartenidylle vergisst Adrienne Braun nicht, die etwas weniger schönen Seiten der Sonntagmittags-Familien-Glücks zu schildern. Oder findet Ihr es gut, dass stolze Wildkatzen stumpf ins Leere schauen und im Schaubrüter zahlreiche Hühnerküken so ganz ohne ihre schnäbelnde Glucke auf die Welt kommen?!

Die Nachfrage bestimmt bekanntlich das Angebot, da kann man vielen Zoodirektoren nicht mal allein den schwarzen Peter zuschieben – auch in der Markthalle kommt aus dem Sortiment, was die wählerische Kundschaft allzulange meidet. In der malerischen Jugendstilhalle gibts Delikatessen und Gaumenfreund aus aller Welt, auch Wilhelm II. von Württemberg ließ es sich hier schmecken, während seine vierbeinigen „Spitzbuben“ Ali und Rubi an Frackschößen rissen und Leute ankläfften.

Und wo wir gerade beim Essen sind: warum Adrienne Braun so gerne im „Goldenen Drachen“ speist, ist nach eben diesem kulinarisch-philosophischen Kapitel leicht nachvollziehbar.

Warum sie gern ins Porsche-Museum geht, am liebsten im Sportzentrum Waldau schwitzt, den Ausblick von der Karlshöhe mag, das handtuchschmale Haus der Katholischen Kirche schätzt und einen Ausflug zur Eselsmühle empfiehlt – diese Geschichten sind ebenfalls so unterhaltend wie allgemeinbildend. Zumindest wenns um Stuttgart geht!

Die vielen Farbfotos von Martin Stollberg beleuchten die Stadt zudem aus neuen Perspektiven und sorgen dafür, dass Adrienne Brauns Lieblingsorte keine reinen Phantasiegebilde bleiben.

Spätestens nach dem letzten Kapitel, in dem die Autorin hinreißend beschreibt, wie sie seit ihrer Gymnasialzeit hingebungsvoll die korrekte Aussprache von „Fernsäh“, „hälinge“, „Gruschd“ und „groddemäßig“ übt, erbarmt sich das Herz des schwäbischen Lesers und beschließt, dass es „ofanga Zeid wär“, Adrienne Braun aufgrund ihrer Herkunft „nemme als Reig’schmeckte“ zu bezeichnen!

Fazit: ein weiterer Stuttgartführer, den es durchaus noch gebraucht hat!

Adrienne Braun „Lieblingsorte Stuttgart“, 184 Seiten mit 40 Farbfotografien, Hardcover, 19 Euro 95, emons:

 

 

 

 

 

„der nackte wahnsinn“ im theater der altstadt

Acht Türen, zwei Stockwerke, zwei Perspektiven, eine Treppe und jede Menge Sardinen: eigentlich klar, dass ein Stück wie „Der nackte Wahnsinn“ ein aufwändiges Bühnenbild braucht! „Es ist nicht übertrieben: wir sprechen von der Mutter aller Komödien“, sagt Katharina Scholl vom Theater der Altstadt und schmunzelt vielsagend – das Stück verlangt nicht nur von den Schauspielern Höchstleistungen in Sachen Stunt und Timing: bei allem gekonnten Slapstick bekommen auch die Theatermacher und Zuschauer ihr „Fett weg“.

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Allein der Titel des Stücks spricht derzeit wohl vielen aus der Seele – da tun zweieinhalb Stunden pure und gleichzeitig meisterhafte Unterhaltung zur Abwechslung wirklich gut. Das dachte man sich auch im Theater der Altstadt und setzte zum zweiten und letzten Mal Martin Königs gefeierte Inszenierung von „Der nackte Wahnsinn“ auf den aktuellen Spielplan. Ehebruch, Steuerhinterziehung, Einbrecher und die vielzitierte Leiche im Keller: Michael Frayns Komödien-Klassiker verspricht Eskalationen am laufenden Band.

Eigentlich geht’s nur um ein Tourneetheater, das ein neues Stück probt, also um Theater im Theater, doch das Chaos übernimmt Regie, wenn sich auf der Bühne Menschen treffen, die sich eigentlich nicht begegnen sollten, wenn acht Türen auf die Sekunde genau aufgehen und zuknallen, sich vor allem weibliche Ensemblemitglieder ständig wegen des Regisseurs in die Haare kriegen und am Ende überall glibbrige (Kunst-)Sardinen herum fliegen.

Alle Beteiligten sind mit ganzem Körpereinsatz mit Schadensbegrenzung beschäftigt und scheitern doch kläglich: das Publikum wird von Autor Michael Frayn fast zur Schadenfreude gezwungen und kassiert kurz vor dem Schenkel klopfen unerwartet kleine Seitenhiebe. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, spielt das atemberaubend rasante Stück einmal vor und einmal „hinter“ der Bühne: „Da wir als kleines Theater keine Drehbühne haben, haben sich die Bühnenbildner eine raffinierte Lösung ausgedacht, die von den Schauspielern selbst gedreht werden kann“, verrät Dramaturgin und Pressesprecherin Katharina Scholl – Leonie Mohr und Hannes Hartmann beweisen beim reduzierten und gleichzeitig aufwändigen Bühnenbild für „Der nackte Wahnsinn“ also einmal mehr, dass sie ihr Handwerk meisterhaft beherrschen.

Außer dass es allen Beteiligten großen Spaß macht, ist es „für die Kollegen wirklich unglaublich anstrengend“, so Katharina Scholl: Mehr als zwei Stunden lang geht’s treppauf treppab, Tür auf Tür zu – das ist schon alleine körperlich eine besondere Herausforderung. Genau diese Einsatz- und Spielfreude macht die Komödie aber auch sehenswert.

Da die Besetzung gleich geblieben ist wie in der vergangenen Spielzeit, mussten die Schauspieler nur wenige Male proben – doch bei allem großartigen Klamauk und Boulevard ist eines klar: „Der nackte Wahnsinn“ funktioniert allein durch perfektes Timing. Autor Michael Frayn beobachtet präzise, übertreibt schamlos und bringt seine Beobachtungen pfeilgenau auf den Punkt. „Auch als Theatermacher sitzt man dann unten und denkt in manchen Momenten: Aha, ertappt“, gibt Katharina Scholl zu.

Mit Mühe bringt die Theatertruppe im ersten Akt das Stück im Stück zu Ende, doch auf der „echten“ Bühne steigert sich die Spannung, bis im dritten Akt der nackte Wahnsinn tobt. Oder wie Katharina Scholl es nennt: „Eine Komödie mit hohem Niveau, sowohl schauspielerisch als auch literarisch – das Publikum erlebt einfach unglaublich gute Unterhaltung!“

Foto: Theater der Altstadt

stuttgarter charakterköpfe

U_Betz_Stuttgarter Charakterkoepfe_04.inddZu den „Helden des Südwestens“ passen prima die „Stuttgarter Charakterköpfe“: markant, haargenau und sehr persönlich – so portraitieren Wilhelm Betz und Uwe Bogen  Stuttgarter, die ihre Stadt nennenswert prägen und mitgestalten. Dabei sind Unternehmer, Moderatoren, Entertainer, Kabarettisten, (Sterne-)Köche, Opernsänger, Jazzgitarristen, Tanzlegenden, Fußballspieler, Intendanten und Schulleiter, Winzer, Autoren und last but not least Fotografen aller Genres.

Die Auswahl ist bekennend subjektiv und dem portraitgeschulten Interesse von Wilhelm Betz geschuldet. Immerhin gab es das Schwarzweiß-Fotoprojekt „Stuttgarter Charakterköpfe“ mitsamt Ausstellung bereits vor der Buchausgabe. Und bevor sich meine Leserinnen, wie ich anfänglich selbst, ein bisschen echauffieren – die Frage, warum im Buch nur Männer vorkommen, beantwortet Uwe Bogen gleich im Vorwort:

Wilhelm Betzens spezielle Aufnahmetechnik und Nachbearbeitung zeigt jede Pore überdeutlich, während sich weibliche Eitelkeit eher mit weichem Licht und wohlwollender Reusche wohlfühlt. Trotzdem trau(t)en sich – wie ich aus allererster Hand erfahren habe – auch einige Stuttgarterinnen und ihre Portraits erscheinen noch dieses Jahr in der weiblichen Ausgabe der Stuttgarter Charakterköpfe.

Doch zurück zu den männlichen Stuttgartern! Da die einzigartigen Bilder von Wilhelm Betz im Grunde für sich sprechen, konzentriert sich Uwe Bogen in den knappen Begleittexten aufs Wesentliche: auf die Stärken und Schwächen des jeweils Portraitierten, was er an Stuttgart liebt, was ihn im Kessel ärgert und was er sich für die Landeshauptstadt wünscht.

Und da zeigt sich schnell, dass eine Schwäche je nach Situation zur Stärke werden kann und umgekehrt. Auch bei den Wünschen wird rasch klar: der immer noch spürbare Minderwertigkeitskomplex der „Kehrwochen“-Metropole Stuttgart, schier blinde Bau- und Abrisswut sowie Staus und Feinstaubbelastung tun der Stadt und ihren Bewohnern einfach nicht gut – da sind sich Vincent Klink,  Gerhard Raff, Bernd Kreis, Werner Schretzmeier, Herbert Joos, Richard Böhmer, Cornelius Hauptmann und Gert Aldinger einig!

Und da ist derzeit guter Rat teuer, wenn schon der Einzelhandel vor der Stadtverwaltung aktiv wird und Lösungen anbietet. „Das“ mit dem Vfb, mit dem große Literaturfestival – ein Wunsch von Wolfgang Schorlau – sowie mehr Kunst und Kultur wie Werner Schretzmeier visioniert, scheint derzeit eher machbar. Und wer Stuttgart kennt, weiß, dass der Status „Kulturhauptstadt“ nicht von ungefähr kam, sondern dem unermüdlichen Engagement vieler Charakterköpfe zu verdanken ist.

„Stuttgarter Charakterköpfe“ ist eine eindrucksvolle Fotogalerie für zuhause, mit ganz persönlichen Ein- und Ausblicken – ein Buch, das man immer wieder gerne durchblättert. Genau deshalb bin ich jetzt schon sehr gespannt auf die „Lady-Edition“.

Wilhelm Betz, Uwe Bogen „Stuttgarter Charakterköpfe“, 128 Seiten, 60 Schwarzweiß-Fotos, Hardcover, 29 Euro 90, Silberburg-Verlag

helden des südwestens

U_Moritz_Helden_06.inddWas haben Sepp Herberger, Jogi Löw, Boris Becker und Steffi Graf gemeinsam? Sie sind Helden des Südwestens! Keine Angst – Rainer Moritz widmet sein neues gleichnamiges Buch nicht nur Sportgrößen aus Baden-Württemberg, sondern denkt an alle Großen, die Generationen von Südwestlern ein Gefühl von Heimat und Zusammengehörigkeit gaben, die noch lebendig in Erinnerung sind und es vermutlich noch lange bleiben.

Dazu zählen neben den erwähnten Sportassen natürlich Stars wie Gotthilf Fischer, Andrea Berg oder Anneliese Rothenberger, der zapplige Kabarettist Mathias Richling, der schlagfertige Harald Schmidt, der „Schwaben-Columbo“ Bienzle, der unersetzliche Nachtcafé-Moderator Wieland Backes oder der unerschrockene Remstal-Rebell Helmut Palmer, dem jedes noch so kleine Mäuerle und jeder Bürgersteig reichte, um Fußgängerzonen, Marktplätze oder auch Eingänge von öffentlichen Gebäuden zu seiner ganz persönlichen Speakers‘ Corner zu machen.

Und ja, er hatte was zu sagen, der Obstbauer aus Geradstetten, wetterte gegen die damals ungebrochene „Willkürherrschaft“ der CDU und wurde mit schwäbisch-humoristischen Reimen das selbst ernannte gute Gewissen vernobter Parteibonzen und Vetterles-Wirtschaftsbürgermeistern.

Apropos Bürgermeister: Hannes und der Bürgermeister, das kongeniale Komödien-Duo aus der Mäulesmühle sowie Häberle und Pfleiderer dürfen natürlich nicht fehlen. Und wo wir gerade bei Duos sind: ich hab Werbung im regionalen Vorabend-Programm des Ersten vor allem wegen den legendären Werbetrennern Äffle und Pferdle geguckt.

Weitere unvergessene Comic-Helden und eine äußerst clevere Werbestrategie waren Lurchi und seine Freunde – auch wenn die Schuhe noch gut waren, musste so manche Mutter unbedingt zu Salamander, damit der Nachwuchs ans ersehnte neue Lurchi-Heft kam. Gerade fällt mir ein: ich hatte doch tatsächlich drei gebundene Lurchi-Bücher mit fast allen Episoden, die ich heiß und innig geliebt habe. Lurchi fehlt, gar keine Frage!

Wenns um Erinnerungen geht, dürfen Gerüche und Geschmäcker nicht fehlen, deshalb bekamen auch Knorr & Maggi ein Kapitel – ohne die Glutamatbombe Aromat und die braune Speisewürze war ein Sonntagsessen noch vor gar nicht langer Zeit undenkbar!

Laugenbrezel, Maultaschen und Spätzle stehen in der Helden-Riege heute noch in der ersten Reihe, sogar die Capri-Sonne – im Grunde ein undefinierbares „Fruchtsaftgetränk mit Orangensaft“ im einzigartigen Standbodenbeutel – schaffte es in die Helden-Galerie des Südwestens.

Besonders witzig fand ich das Kapitel übers Henkelesglas: dass ein mit Trollinger oder Lemberger gefülltes Henkelesglas ein „Mediationsstifter“ ist, wie Rainer Moritz schreibt, das spürte ich schon als Kind irgendwie. Kurios fand ich, dass das Henkelesglas 2005  Thema beim Matheabi wurde:

als Rotationskörper war es Grundlage für einen anspruchsvollen Funktionsterm und eine diffizile Berechnung, mit der die exakte Position der Eichmarke beim 250 cm³-Glas bestimmt wurde. Außerdem interessierte den baden-württembergischen Schuldienst, wieviel Kubikzentimeter Glas für ein Henkelesglas ohne Henkel benötigt wird.

Weil nirgendwo so viele Patente und Erfindungen angemeldet werden wie in Baden-Württeberg, hat auch der schier unverwüstliche Fischer-Dübel einen Platz im Buch gefunden, gefolgt von der bei Sammlern heiß geliebten Märklin-Eisenbahn, von Daimler, Porsche und hochwertigen Stofftieren der Firma Steiff.

Und weil auch immaterielle Helden zum Lebensgefühl im Ländle gehören, hat Rainer Moritz „Schwäbische Grüße“ – also südwestliche Schimpfvielfalt – mit aufgenommen, an die  legendären SDR-Radiosendungen „Schlagerskala“ und „Sie wünschen – Wir spielen“ gedacht und die Abendserien „Oh Gott Herr Pfarrer“ und „Die Fallers“ nicht vergessen.

Auch wenn die Sympathieverteilung bei den jeweils vorgestellten Protagonisten äußerst subjektiv  ausfallen wird: Dieses Buch trägt seinen Titel mit Fug und Recht und ist ein facettenreiches, unterhaltsames Helden-Kompendium, das wohl jedem Leser aus dem Ländle sowie Freunden unseres Südweste(r)ns Spaß machen wird!

Wer den Autor live erleben möchte: am kommenden Donnerstag um 20 Uhr stellt Rainer Moritz seine Helden im Theaterschiff Heilbronn vor.

Helden des Südwestens. Was wir lieben. Lurchi, Löw und Laugenbrezel.“, 176 Seiten, Querformat gebunden, 19 Euro 90, Silberburg-Verlag