von der werastraße in die internationalen charts

Gustl, der Selige oder: Der Erfinder der After Hour kommt aus Stuttgart

„Ein Interview?“ fragt Gustl Gensmantel am Telefon. „Aber es ist doch schon alles gesagt worden“, wehrt der Stuttgarter Musik-Produzent und Eventmanager ab.

Zwar sitzt der gebürtige Münchner in anderen Städten und Ländern weitaus öfter in Talkshows und gibt Zeitungsinterviews, doch auch in seiner Wahlheimat Stuttgart hat sich herum gesprochen, dass Gustl Gensmantel hier Anfang der 90er die After Hour an den Start gebracht hat – bis 14 Uhr weiter feiern nachdem die Türsteher der Lieblingsdisco in die Heia gegangen sind, zog damals Partypeople aus ganz Deutschland in die Landeshauptstadt.

Auch dass er als erster Techno-Raves und Ü-Parties in Stuttgart etabliert, die House-Szene mitentwickelt, weltbekannte Sänger entdeckt und produziert hat, „ist alles so lange her“ und Namedropping nicht sein Ding. „Lass uns lieber über heute reden“, sagt Gust Gensmantel das Interview doch zu und nestelt jetzt am Mischpult seines Studios rum: Bequemer Chefsessel, ein paar Musikzeitschriften, Mikros, Technik, Gitarren, das wars – hier wird in erster Linie Musik gemacht.

Liebevoll erzählt der Endvierziger von seinen Künstlern und aktuellen Projekten, zum Beispiel von Ray Martin, einem der besten Elvis-Imitatoren weltweit, vom Stuttgarter Liedermacher Jörg Hundsdörfer und plötzlich ist was zu hören: „Du weißt gar nichts“ singt eine Frauenstimme trotzig und erteilt Besserwissern mit eingängiger Hookline eine Abfuhr. „Das ist Iris – ein ganz normales Mädchen aus Ludwigsburg“, sagt der mehrfach presigekrönte Produzent über seinen erfolgreichsten Neuzugang. Als Unbekannte kam sie ins Studio, aktuell läuft ihr Song in zahlreichen Radio- und TV-Stationen Europas.

„Teilnehmer von Castingshows tun mir wirklich leid“, meint Gensmantel: „Monate lang werden sie hofiert und wenn die Show vorbei ist, fallen sie ins Nichts – ich will meine Künstler begleiten, auf die Branche vorbereiten.“ Sein Plattenvertrag für Michelle Bowers zeigt, dass ers ernst meint. In der sechsten Staffel von DSDS kam die damals 16-Jährige trotz Rheuma-Krankheit auf Platz 10, im Moment geht die Sängerin erst mal wieder zur Schule – die Branche kann sehr kurzlebig und überraschend sein.

Dass Gutsl Gensmantel ungern über die Vergangenheit redet, hat wohl damit zu tun, dass er seiner Zeit immer voraus war: In den 80ern eröffnet er Stuttgarts erstes Bräunungs- und ein Nagelstudio – „ich hab sogar selbst einen Kurs gemacht“, erinnert er sich lachend – sowie ein Fitness-Studio, das er mit sprechenden Hightech-Geräten ausstattet. „Die Leute konnten damals nichts damit anfangen“, merkt Gensmantel und wendet sich verstärkt der Musik zu, die ihn schon seit Kindertagen fesselt.

Als Sechsjähriger kommt Klein-Gustl zu den Müncher Chorknaben – mit rund 50 anderen Knirpsen lernt er im Internat nicht nur singen, sondern auch wie man sich in der feinen Gesellschaft benimmt: Wenn der Chor auf Tournee auch bei der Queen of England auftritt, wurden die singenden Knaben bei den englischen Lords untergebracht.“Wenn man von der Musik leben will, geht es nicht ohne Disziplin. Das habe ich eben früh gelernt“, beurteilt Gensmantel die Zeit heute.

Auch seine ersten Auftritte im schwarz-weißen Fernsehen stammen aus dieser Zeit: Nach dem Singen zogen die Chroknaben gleich noch die Lottokugeln. Bei Gensmantels zuhause gibt sich die Münchner Schickeria die Klinke in die Hand: O.W. Fischer war und Sepp Maier ist ein Freund der Familie und Vater Gensmantel – Schwabe und Besitzer einer großen Landschaftsgärtnerei – singt gemeinsam mit Zarah Leander schöne Lieder.

Als Gustl 15 ist, will der Vater wieder heim, die Familie zieht nach Stuttgart. Teenie Gustl wird Azubi im elterlichen Betrieb, die Faszination Musik bleibt. Also mischt der junge Gensmantel in der Stuttgarter Clubszene mit, organisiert Events, engagiert Stars und Newcomer – auch wenn es manchmal niemand interessierte: „Ich wollte einfach was machen. Damals gab es noch keine Schulen für Musikmanagement. Mit den Jahren habe ich aber alles gelernt, was ich übers Musikbusiness wissen muss, um erfolgreich zu sein.“

An Tagen, an denen es „nicht so läuft“ verpasst der „Club-Arzt“ Gensmantel mit seinem After-Hour-Konzept und diversen Eventreihen auch renommierten Clubs eine Frischzellenkur. Dann ändert sich die Clubszene: Flatrate-Parties toben und die großen Clubs weichen Bars – Gustl Gensmantel eröffnet schnell noch die erste Lounge in der Landeshauptstadt und bricht dann zu neuen Ufern auf, geht erst mal nach Tibet ins Kloster. „Das war mir nach drei Monaten zu ruhig“, sagt er schmunzelnd. Also zurück nach Deutschland: Gustl Gensmantel zieht in die Baustelle Römerkastell, gründet sein erstes Label „Underground Promotion“.

Später übernimmt er „Mystical Hunter Records“, verlegt seinen Geschäftssitz endgültig in die Werastraße, richtet zusätzlich eine Vocal-Schule, einen Musikverlag und die Event-Agentur VPM Promotions ein. Insgesamt komponiert und produziert er über 500 Songs, die weltweit Charts erobern und downgeloaded werden. „Ich hab viel gesehen und gemacht, manche bezeichnen mich als selig“, resümiert Gustl Gensmantel – auch für das Buch, das er gerade über sein Leben schreibt. Anfragen für die Filmrechte liegen bereits vor.

Ganz innen fühlt sich der Hobbykoch und Freizeitgärtner immer noch als Münchner Kindl, das Stuttgart zwischen Besuchen bei der Echo-Verleihung, Tourneen und Presseterminen aber sehr zu schätzen weiß: „Ich lebe auf der Wangener Höhe, gehe dort gerne mit meinem Husky-Wolf-Mischling Nelson spazieren“, gibt er aus seinem Privatleben preis. Stuttgarts niedrige Kriminalitätsrate sei angenehm und das große Kreativ-Potential, aus dem leider fast nichts gemacht wird. „Da sehe ich mich schon als Förderer“, sagt Gensmantel. Ganz nach seinem Lebensmotto: „Ich freue mich, wenn ich Menschen etwas geben kann und lebe jeden Tag so gut ich kann, denn ich nehme nichts mit ins Grab.“ www.mh-records.de

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