schierlingstod – ein reformationskrimi

2927_270x171_2023Mitten in den Wäldern um Karlsruhe liegt das Kloster Frauenalb – heute nur mehr eine beeindruckende Klosterruine, beginnt in dieser badischen Idylle Simone Dorras Reformations-Krimi „Schierlingstod“ und für die Nonne Fidelitas von heute auf morgen ein völlig neues Leben…

Der Klostergarten ist Fidelitas Refugium – hier erwirbt sie fundierte Kenntnisse der Kräuterheilkunde. Ein Wissen, das auch Gräfin Johanna zu Gute kommt, denn die junge Nonne kennt ein wirksames Mittel gegen Gelenkschmerzen, unter denen die Gattin Wilhelms von Eberstein bisweilen leidet.

Als Gräfin von Eberstein nach Cannstatt reist und nicht auf die Behandlungen der heilkundigen Nonne verzichten will, verlässt Fidelitas das Kloster unter Tränen. In Cannstatt knetet sie am Vormittag die Gelenke der Gräfin, den Nachmittag kann sie weitgehend so verbringen, wie sie möchte.

Oft geht Fidelitas dann Kräuter sammeln, zum Beispiel Wasserschierling am Neckarufer, dessen Wurzeln sie für kühlende Umschläge verwendet. „Bald“, denkt Fidelitas auf dem Heimweg, „ist Bruno von Eberstein hier, die Gräfin kann mit ihm klären, was sie zu klären hat, und wieder abreisen“.

Doch statt einer schnellen Heimkehr ins Kloster kommt alles anders: tatsächlich taucht der Lieblingssohn der Gräfin einige Tage später in Cannstatt auf und das Entsetzen ist groß, als er eines Morgens tot in seiner Kammer liegt. Das ganze Haus ist in Aufruhr und Gräfin Johanna vergräbt sich schmerzerfüllt in ihrer Kammer. So sehr hat sie sich eine politisch profitable Heirat für ihren Sohn gewünscht. Nun ist er tot.

Zur gleichen Zeit weilt Valentin Schmieder in Cannstatt. Der protestantische Theologe aus Tübingen besucht seine Schwester und trägt einen Brief für Gräfin Johanna bei sich – ihr jüngster Sohn Otto studiert in Tübingen und bat den Magister, den Brief zu überbringen.

An der Tür trifft Valentin Schmieder auf Fidelitas – trotz Trauerfall geraten der Protestant und die couragierte katholische Ordensschwester in einen verbalen Schlagabtausch. Kein Wunder, die neue religiöse Strömung spaltete ganze Familien.

Als Otto von Eberstein vom Tod des Bruders erfährt, reitet er selbst nach Cannstatt und bittet Valentin Schmieder, zu ermitteln: Fidelitas hatte festgestellt, dass Bruno von Eberstein mit Schierling vergiftet worden ist. Dummerweise gerät die kluge Nonne damit selbst unter Verdacht…

Nicht gerade begeistert nimmt Valentin Schmieder den Auftrag an und auch die Gräfin ist nicht erfreut über die Ermittlungen – sie fürchtet, der Ruf ihrer Familie ist am Ende der Untersuchung ebenfalls vergiftet. So stochert der Magister in einem Nebel aus Schweigen und Geheimnissen.

Die Ergebnisse seiner Befragungen sind enttäuschend und schon in zwei Wochen reist die Gräfin mit ihrem Gefolge wieder ins Badische. So kommt er nicht weiter. Valentin Schmieder reist nach Tübingen zurück, wo sich ebenfalls unerfreuliche Dinge ereignen.

Dann taucht plötzlich Philipp von Eberstein, der älteste Sohn der Gräfin, in Cannstatt auf, Fidelitas verschwindet und als Valentin Schmieder einer heißen Spur folgt, gerät er selbst in Lebensgefahr…

Ein komplexer, intelligenter und fesselnder Krimi mit einem außergewöhnlichen Ermittlerduo, starken Haupt- und Nebenfiguren, abwechslungsreicher Dramaturgie, stimmiger Auflösung und authentisch historischem Hintergrund. Eine der besten Neuerscheinungen zum Reformationsjahr. Unbedingt lesenswert!

Simone Dorra liest übrigens am kommenden Montag, 16. Oktober, 19.30 Uhr, in der Gemeindebücherei Schwaikheim.

Simone Dorra „Schierlingstod“, 440 Seiten, kartoniert, 14 Euro 90, Silberburg-Verlag

 

 

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beherzte schwestern – südwestdeutsche klosterschwester aus sechs jahrhunderten

U_Keuler_BeherzteSchwestern_05.inddMissgunst und Intrigen, Machthunger und Vorteilsnahme, soziale Kontrolle, aufdringliche Kirchenväter und eindringliche Soldaten, aber auch Mystisches und Wundersames – allen, die glauben, dass das Leben im Kloster stets ruhig und friedlich verläuft, erzählt Dorothea Keuler in ihrem Buch „Beherzte Schwestern“ fundiert recherchierte Klostergeschichten, die zum Teil spannender als jeder Krimi sind!

Vor allem aber stellt sie südwestdeutsche Klosterfrauen in den Mittelpunkt, die ihr Schicksal ganz und gar nicht gottergeben jemand anderem überließen, sondern beherzt in die eigenen Hände nahmen.

Nachdem Klöster über Jahrhunderte wichtige und zum Teil machtvolle Institutionen waren, sind die meisten heute nur mehr schöne Baudenkmäler, die besichtigt werden. Über das Leben zwischen Kirche, Konvent, Refektorium, Klostergarten und Schlafsaal erfährt man meist nur bei Führungen. Tatsächlich war der Alltag in einem Kloster so komplex und vielschichtig wie vor den Klostertüren. Vor allem für Frauen:

„Es wurde nicht nur gebetet, gesunden und jubiliert“, schreibt die Autorin Vorwort. Vielmehr bot das Kloster für Frauen „über Jahrhunderte die einzige Möglichkeit, Bildung zu erlangen oder Macht auszuüben. Und seit es Klöster gab, standen sie im Spannungsverhältnis zwischen andächtiger Versenkung und Verweltlichung. Das sorgte für Konfliktstoff.

Auch die ‚Krisen und Katastrophen der Welt draußen‘ brachten Unruhe ins kontemplative, das heißt beschauliche Klosterleben.“ Wie sehr es auch gemenschelt haben mag: Klöster waren vor allem im Mittelalter eine fremde, faszinierende Welt und der Alltag bestimmt von – mehr oder weniger – strengen Regularien, aber auch von beachtlicher Frömmigkeit, von außergewöhnlichem Zusammenhalt und Mut der Ordensfrauen in schweren Zeiten.

Nach einer kleinen, aber sehr aufschlussreichen Einführung in die Geschichte der Frauenklöster, stellt Dorothea Keuler in lebendigen Portraits einige besonders tapfere Nonnen, Schwestern, Chorfrauen und Stiftsdamen vor. Darunter „Frauen, die sich in der Not zu helfen wussten“, wie Gertrud von Ortenberg, die erst als Witwe ein „Beginenleben“ begann.

Auch „Frauen, die den Mund aufmachten oder zur Feder griffen“ lernen wir kennen, wie die Chronistinnen Magdalena Kremer aus dem Dominikanerinnenkloster in Kirchheim oder die Villinger Klarisse Juliane Ernst, deren Kriegschronik packend die Bedrohung und Ereignisse während der Belagerung durch die Württemberger und Schweden beschreibt , die schließlich trotz aller Gegenwehr ein normales Klosterleben unmöglich machten.

Nicht immer beschrieben die Chronistinnen rein weltliche Bedrohungen  – gerade während der Reformation kam es auch in den Klöstern selbst zu heftigen Auseinandersetzungen und religiösen Spaltungen, weil nicht jede fromme Ordensfrau  die „Segnungen“ der neuen geistigen Strömung annehmen wollte.

Als die Obrigkeit im Frühjahr 1556 im Pforzheimer Dominkanerinnekloster sogar die Heilige Messe und den Besuch von katholischen Geistlichen verbot, den Schwestern Gesänge und Gebete in Latein untersagte und obendrein noch jede Woche einen evangelischen Pfarrer schickte, widersetzten sich die 46 Dominikanerinnen der „Umerziehung“ vehement und nahmen eine lange Leidenszeit auf sich, wie das „Tagebuch der Schikanen“, die Reformationschronik der Eva Magdalena Neyler schildert.

Und Maria Monika Hafner pranger Misstände im eigenen Kloster, dem Augustiner-Chorfrauenstift Inzigkofen, an: nach dem Tod der alten Pröbstin ist Hafners Welt ganz und gar nicht mehr in Ordnung, zu fremd sind ihr die Sitten unter der Nachfolgerin. Ihr 400 Seiten starker „Beschwerdebrief“ an den Klostervisitator beschreibt detailliert die Verfehlungen der neuen Pröbstin sowie die Sünden einiger Mitschwestern.

Von einem lauten „Schwätzmarkt“ ist die Rede, weil sich viele Schwestern nicht mehr an Gebetszeiten und Schweigegebot halten. Chorgesang und Messe seien schlecht aufeinander abgestimmt, so dass der Priester mit der Liturgie nicht weiter komme und warten muss, bis der lange „beschwerliche Gesang und das Orgelspiel ein Ende nehmen“.

Überhaupt verzögere das lange Musizieren den gesamten weiteren Tagesablauf und die Musikerinnen selbst seien oft kraftlos von den körperlichen Anstrenungen des Singens und Musik machens. Auch die Chorleiterin bekommt ihr Fett weg – Schwester Monika wirft ihr vor, dass sie allzu ungestüm die Orgel schlage, was zu fürchterlichem Geschrei und Durcheinander, und bei einigen Chorfrauen zu Lachen, Verdruß und Brechung des Stillschweigens führe.

Nicht zuletzt prangert die Beschwerdeführerin die „Hochleistungsfrömmigkeit“ an, die mit der neuen Pröbstin im Stift Einzug gehalten habe, weil plötzlich „alle möglichen Handreichungen und Gefälligkeiten nach Rosenkranz-Tarif abgegolten“ werden.

Doch auch wirklich Wundersames ist aus Klöstern zu hören: im zweiten Portrait beschreibt Dorothea Keuler „Die reine Lust der Margareta Ebner“, eine Chorschwester in Maria Medingen bei Dillingen an der Donau, die – unterstützt von einer Mitschwester – mysthische Offenbarungen und Gnadenerweise überlieferte, die sie von Gott erhielt.

Margareta Ebner verzichtete nach ihrem Eintritt ins Kloster auf Fleisch und Fisch, später auch auf Obst, badete nicht und benutzte keine Seife. Später zieht sie sich in selbst auferlegtes Schweigen zurück, ist oft schwer krank und nimmt kaum mehr am klösterlichen Leben teil, allein „das Kruzifix bekam eine überwältigende Bedeutung für sie…ständig trug sie ein Kreuz um den Hals“.

Da beugte sich Christus eines Tages im Traum zur Margareta hinunter „und bot mir sein geöffnet Herz zum Kuße und tränkte mich mit seinem Blut daraus, und da empfing ich also kraftvoll große Gnade und Süßigkeit, die lange nachhielt“, zitiert die Autorin aus den Aufzeichnungen der Mystikerin.

Insgesamt zehn Frauenportraits erzählen anschaulich vom klösterlichen Alltag und der Geschichte der Klöster im Südwesten Deutschlands bis zur Säkularisation, die für viele Schwestern den Sprung in ein völlig anderes Leben, aber keineswegs das Ende der Klöster bedeutete.

Ein außergewöhnliches Buch mit interessanten, tiefen Einblicken in „eine fremde, faszinierende Welt“.

Dorothea Keuler „Beherzte Schwestern. Südwestdeutsche Klosterfrauen aus sechs Jahrhunderten“, 200 Seiten, Hardcover, 19 Euro 90, Silberburg-Verlag

lena liest ums leben

MM-Lena-3d_600x600Es gibt Dinge im Leben, die sieht man nicht und spürt sie doch – Liebe zum Beispiel oder Strom. Und dann gibt es Dinge, die sehen auf den ersten Blick völlig anders aus, als sie in Wirklichkeit sind.

Um beide Phänomene geht es in Manfred Mais neuem Kinder-Roman „Lena liest ums Leben“. Wie immer versteht es der Autor, mit Leichtigkeit und klaren Worten die wirklich wichtigen Dinge im Leben in eine wunderbare Geschichte zu verpacken.

Denn Lena liest ums Leben. Und das sprichwörtlich: ihr Vater ist krank. Zwar glauben die meisten zu wissen, was er hat und tröten das auch laut in die Welt hinaus, tatsächlich wissen nicht mal die Ärzte, um welche lebensbedrohliche Krankheit es sich handelt.

Für die muntere Elfjährige und ihre Mutter ist es schrecklich mit anzusehen, wie schwach der Mann geworden ist und hilflos müssen sie mit ansehen, wie sich sein Zustand verschlechtert. Doch Lena sträubt sich mit aller Kraft dagegen, sich an diesen „neuen“ Papa zu gewöhnen, der nur mehr im Bett liegen und kaum etwas essen kann.

„Wir machen Papa wieder gesund“, sagt sie zu ihrer Mutter, „sag Du das auch!“ Und sie hat auch einen Plan, wie das gehen soll: sie liest ihm vor. Ja, sie liest die Geschichte vom geheimnisvollen Erfinder weiter, eine Aufgabe, die bisher eigentlich immer ihr Papa vor dem Einschlafen übernommen hat.

Und sie hat eine Absprache mit dem lieben Gott: er hat ihr im Traum gesagt, dass es ein Heilmittel gibt und sie hat es tatsächlich gefunden. Jetzt muss Gott sein Versprechen einhalten und Papa gesund machen! Von ihrer Abmachung erzählt Lena niemand. Nicht einmal ihrer Mutter. Sonst – so ist sie überzeugt – ist der ganze magische Plan gefährdet.

Manchmal kann sie nur ganz kurz lesen, weil ihr Papa sehr schwach ist und nicht lange zuhören kann. Aber Lena gibt nicht auf! Und so verflechten sich zwei Erzählstränge zu einem: der geheimnisvolle Erfinder und seine Geschichte werden zum festen Teil in Lenas Beziehung zu ihrem Papa, der sich tatsächlich zu erholen scheint und eines Tages sogar seinen ganzen Teller leer isst!

Wie der geheimnisvolle Erfinder siehst sich auch Lena plötzlich miesen Vorurteilen und all zu gedankenlosen, oft sogar gemeinen Mitmenschen gegenüber und „der Hexer“ Martin Maier – so nennen ihn angstvolle Nachbarn, nur weil er ein buntes Haus und wilde Kunstobjekt im Garten hat – tut Lena alles, um an das Gute zu glauben und sich weiterhin mit aller Kraft dafür einzusetzen.

Ein kluges und feinsinniges Buch für große und kleine Kinder, mit einer spannenden Geschichte mitten aus dem Leben.

Manfred Mai „Lena liest ums Leben“, 176 Seiten, Hardcover, 14 Euro 95, Fabulus-Verlag

 

knuspriger südwesten

2878_248x210_2008Flachswickel, Hefezopf, Träubleskuchen, Mutscheln, Seelen und Kimmicher: die Backtradition im Südwesten Deutschlands ist vielfältig und sie wird liebevoll gepflegt! Das beweisen auch die zahlreichen Rezepte, die SWR4-Hörer für Michael Braniks neues Buch „Knuspriger Südwesten“ eingereicht haben: vom Remstäler Bauernbrot über Sauerkrautbrot und Schwäbischen Napfkuchen bis zum Brotsalat ist alles dabei, was knuspert und lecker schmeckt.

Nach Rezepten aus dem Beeren- und Gemüsegarten dreht sich in diesem neuen Band der Reihe „SWR4 Branik kocht“ alles um „Köstliche Rezepte rund ums Brot aus baden-württembergischen Küchen“. Auch die Landfrauen sind wieder mit von der Partie: Beate Krieg, Landesgeschäftsführerin des Landfrauenverband Württemberg-Baden, erzählt auf den ersten Seiten Spannendes zur Kulturgeschichte des Brotes sowie zur alten und neu erwachten Backhauskultur im Ländle. Auch ich hab übrigens bei der Recherche für meine beiden „Brot-Artikel“ (vorherige Posts) von ihrem Wissen profitiert!

Dann gehts auch schon an den Backofen: im ersten Kapitel stehen „Klassische Brote“ im Mittelpunkt – zahlreiche Bauernbrot-Varianten sind zu entdecken, Weiß- und Schrotbrote, aber auch Dinkeljoghurtbrot oder Buttermilch-Haferbrot. Erika Schluchter von Schluchters Weinstube in Pfedelbach hat sogar ihr Besenbrot-Rezept verraten.

Nicht nur Schwäbisches kommt mit Braniks Rezeptsammlung auf den Vesperteller: Liebhaber werden sich über das Rezept fürs Norddeutsche Schwarzbrot freuen und mediterrane Alternativen wie Fladenbrot und Ciabatta fehlen selbstverständlich auch nicht.

Die „Brote mit Pfiff“ im zweiten Kapitel überraschen mit außergewöhnlichen Zutaten: Riesling, Bier, Nüsse, Honig, Schinken, Oliven, Zwiebeln, Sauerkraut, verschiedene Kräuter und sogar Füllungen sorgen für neue Geschmackserlebnisse.

Das dritte Kapitel ist den süßen Brotvarianten gewidmet: beliebte Klassiker wie Hefekranz und Hefezopf, Mutscheln, Neujahrsbrezeln, Flachswickel, Magenbrot und Schnitzbrot mischen sich mit Kürbis-Rosinenbrot und fruchtigen Broten mit Apfel, Banane & Co. Es folgen die heiß ersehnten Laugenbrezeln, Seelen, Weckle und Brötchen mit teilweise überraschenden Geschmacksnoten, wie bei den Badischen Winzerschnecken.

Eine schwäbische Rezeptsammlung wäre nicht vollständig ohne Tipps und Tricks zur Resteverwertung und so findet sich auch in „Knuspriger Südwesten“ ein Kapitel für „Leckere Brotrestle“: Ofenschlupfer mit Äpfeln, Badischer Kirschplotzer, Tessiner Brottorte, aber auch Brotsalat, Brotaufläufe, Klöße und Knödelrezepte machen Lust aufs Ausprobieren!

Für Pesto- und Pastenliebhaber wie mich hat Herausgeber Michael Branik noch das Extrakapitel „Herzhafte Aufstriche“ angehängt – zum Beispiel mit Tomatenpesto, Obazda oder Möhren-Käse-Aufstrich und sobald meine Zucchini reif sind, teste ich auf jeden Fall das Rezept für die Zucchinicreme von Ilse Braitmaier aus Horb am Neckar!

Da ich offenbar den Einsendeschluss verpasst habe, kleiner Tipp am Rande: ich back neuerdings ja gerne zwei Brennesselstängel ins Brot – im Mixer kleingehackt brennen sie nicht mehr, im Teig verrührt und einfach mitgebacken, geben sie dem Brot eine ganz besondere Note.

Michael Branik „Knuspriger Südwesten. Köstliche Rezepte rund ums Brot aus baden-württembergischen Küchen“, 128 Seiten, kartoniert, 9 Euro 90, Silberburg-Verlag

geschmackvoll gesellig: renaissance im backhaus

Teig kneten, Feuer machen, „schwätza“ und duftende Brotlaibe aus dem Ofen holen – Brot backen im Backhäusle ist ein Erlebnis für alle Sinne! Zugegeben: ganz ohne Arbeit geht’s auch hier nicht, aber den Backprozess mitzuerleben, der unvergleichliche Röst-Geschmack, die rösche Kruste und die lange Haltbarkeit der Brote entschädigen den Aufwand mehr als genug.

Nicht nur der Geschmack spricht fürs Selber backen: „Wir wissen genau, was in unserem Brot drin ist“, sagt Ernst Lutz aus Aichwald – mit seiner Partnerin Ester Bäder wartet er gerade gespannt darauf, wie die Brote geworden sind. Ein kurzer Blick durch die Klappe zeigt: die 14 Laibe gedeihen prächtig!

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Viele Backhäusle in der Region waren vom Verfall oder Abriss bedroht, doch glücklicherweise erlebt die Backhaustradition derzeit einen wahren Boom! Zahlreiche Landfrauenvereine, Volkshochschulen, Backhäuslesgruppen und -vereine backen regelmäßig, pflegen und verwalten die historischen Backhäuser, geben Backkurse für Erwachsene und Kinder.

Entstanden sind die liebenswerten Gemeinde-Backhäuser aufgrund einer feuerpolizeilichen Verordnung von 1808 – immer wieder kam es beim Obstdörren, Backen und Wäsche waschen zu verheerenden Bränden, so dass diese Arbeiten aus privaten Haushalten verbannt werden sollten. Offiziell wurde diese Verordnung nie aufgehoben, doch kehrten die Damen mit Aufkommen von Waschmaschinen und elektrischen Backöfen in die eigenen vier Wände zurück. Dass Backhäuser nun eine Renaissance erleben, hat mehr als nostalgische Gründe:

„Der Backtag war früher und ist heute noch ein schönes interaktives Erlebnis“, weiß Karin Haupt von der vhs ökostation im Stuttgarter Norden. „Die traditionellen Backhäuser waren Kommunikationsorte im Dorf. Es waren Treffpunkte für gemeinschaftliche Arbeit – man hatte Zeit, sich auszutauschen. Das ist sicher ein Grund, warum unsere Backkurse an der Ökostation so beliebt sind.“

Oder wie Frank Buchner vom Backhausverein Stuttgart-Heumaden erklärt: „Sie können natürlich ihr Brot zu Hause backen, das habe ich auch schon gemacht. Aber das Ergebnis ist nicht vergleichbar mit dem, was in einem großen Holzbackofen möglich ist – da ist schon eine ganz andere Hitze vorhanden.“ Dazu komme, dass immer mehr Menschen großes Interesse an bewusster Ernährung haben. Wenn man dann in seinem Stadtteil die Möglichkeit habe, nach guter alter Tradition, mit hochwertigen Zutaten und den eigenen Händen so ein Grundnahrungsmittel selber herzustellen, sei das schon eine tolle Sache.

„Wenn Sie mal einen Hefezopf aus unserem Backhaus gegessen haben, lassen sie jeden anderen stehen, das bekommen Sie zu Hause nicht hin und zu kaufen gibt es so was auch nicht – ganz ehrlich!“, schwärmt der passionierte Hobbybäcker. Seine Backgruppe nutzt die Restwärme des Ofens sogar zweimal im Jahr um zu kochen: „Einmal im Sommer, dann sitzen alle draußen vor dem Backhaus, und einmal in der Adventszeit, wo wir alle dicht gedrängt bei Kerzenschein im warmen Backhaus einen gemütlichen Abend verbringen.“

Die klassischen Backhaus-Erzeugnisse wie Holzofenbrot, Salzkuchen, Flachswickel oder Obstkuchen sind nicht nur bei den Bäckern selbst beliebt: auch bei Weihnachtsmärkten, Straßen- und Kirbe-Festen kommen Gäste immer öfter in den Genuss von Dinnete & Co. aus dem örtlichen Backhaus. Viele Backhausbetreiber finanzieren mit dem Verkauf von Selbstgebackenem die Instandhaltung ihrer charmanten Backstuben.

Gut Brot will Weile haben und der erfolgreiche Umgang mit dem Holzbackofen fordert von den Bäckerinnen und Bäckern Erfahrung und Fingerspitzengefühl: „Ich habe etwa ein halbes Jahr gebraucht, bis ich wusste, wann die Brote und Hefezöpfe fertig sind“, erinnert sich Frank Buchner.
In vielen Backgruppen entwickelt sich mit der Zeit eine Art Aufgabenverteilung: „Die einen sind zuständig für den Teig, die anderen fürs Einheizen des Ofens – wir haben einen sehr guten Heizer, auf den wirklich Verlass ist“, sagt Frank Buchner.

Erfahrene Backhausnutzer haben so ihre Tricks, um auch mal ohne Thermostat die richtige Temperatur zu finden: „Wenn man nicht weiß, wie heiß der Ofen ist, legt man einfach eine Zeitung rein – fängt sie an zu brennen, verbrennt auch das Brot. Bräunt sie nur, wird auch das Brot schön braun“, verrät Esther Bäder. Sie und ihre Schwester Ruht Kuhnke sind mit Brot aus dem Backhäusle aufgewachsen: schon die Großmutter war im Krummhardter Backhäusle zugange und gab ihre Erfahrungen an die nachfolgenden Generationen weiter.

Jeder Backgang ist anders. Allein die Jahreszeiten mit unterschiedlicher Luftfeuchtigkeit machen einen Unterschied beim Heizen des Ofens. „Früher war der Ofen praktisch immer warm, da haben sechs Krähle auf jeden Fall gereicht, sagt Susanne Wimpf von den Landfrauen in Schorndorf-Berglen. Krähle, das sind die Reisigbündel, mit denen der Ofen geheizt wird. Susanne Wimpf schwört auf Buchenholz, „das brennt schnell an“. Auch knackdürre Obstbaumzweige, Birken- und Rebenholz sind willkommen.

Oft kommt das Holz vom Gemeindeförster und einige haben noch Obstbaumstückle, gebunden werden die Zweige von den Bäckern selbst. Esther Bäder nutzt dafür den Krählesbinder ihrer Großmutter. Außerdem ist sie in der privilegierten Situation, im eigenen Schuppen immer genug Krähle lagern zu können. Eingeheizt wird einen Tag vorher oder früh morgens am Backtag – hat der Ofen Betriebstemperatur, werden die Brote „eingeschossen“, also mit dem Teigschieber in den Ofen gebracht. Mit der Resthitze gelingen Hefezöpfe, Zwetschgenkuchen und Feingebäck.

Nachbarn riechen den Backtag schon von Weitem: dann ziehen Duft- und Rauchschwaden durch die Straßen. Die meisten tolerieren, manche genießen es. In Esslingen-Sulzgries allerdings waren Anwohnerbeschwerden über Rauchbelästigung so massiv, dass der Backhausbetrieb 1986 eingestellt und das Gebäude ins Freilichtmuseum Beuren versetzt wurde, wo es Museumsmitarbeiter und Mitgliedern des Fördervereins weiter nutzen.

Um die Freude am gemeinschaftlichen Backen auch künftig zu erhalten, lassen sich einige Betreiber deshalb von Anwohnern vertraglich zusichern, dass diese nicht gegen Rauch- und Geruchsbelästigung vorgehen. Bestimmt gibt’s dafür auch hin und wieder mal ein frisch gebackenes Holzofenbrot – gemeinsam schmeckts halt einfach besser!