free your food – vegan essen ohne soja

Free-your-Food-Larissa-Haesler.19259Vom „Konstanzer Gemüsegarten“ im vorigen Post ist es nur ein kleiner Sprung zum heutigen Buchtipp: „Free Your Food – Clean Eating“. Ich gebs zu: vom Titel war ich angezogen und befremdet zugleich. Vom Buch selbst bin ich mittlerweile begeistert: Ernährungswissenschaftlerin Larissa Häsler stellt nämlich 80 köstliche Rezepte vor, die ganz ohne tierische Produkte, raffiniertem Zucker,  industriell verarbeiteten Zutaten oder Sojaprodukte auskommen.

Damit geht die junge Veganerin noch einen Schritt weiter als viele ihrer veganen „Kollegen“, die ganz selbstverständlich auf Tofu & Co. ausweichen. Mir schmecken Sojaprodukte – von Sojadrinks über Sojadesserts bis zum Bratling mit Tofu hab ich sie gerne und reichlich konsumiert. Allerdings nach einer Weile auch bemerkt, dass mein Magen sie nur schwer verdauen konnte.

Deshalb bin ich froh, nach und nach Alternativen gefunden zu haben und dabei sind Rezepte und Tipps wie die in „Free Your Food“ wirklich hilfreich.

Über die Vorteile und den Geschmacksreichtum von veganer Ernährung ist in den vergangenen Jahren viel gesagt worden, deshalb beschränkt sich Larissa Häsler auf die Basics. Wer sich schon ein kleines bisschen mit dem Thema beschäftigt hat, wird eh wissen, dass vegane Ernährung nicht gleichzusetzen ist mit zwanghaftem Verzicht und jeden Tag Salat und Möhren.

Im Gegenteil: die Natur liefert eine derartige Vielfalt an gesunden, leckeren und schon immer veganen Lebensmitteln, dass es einfach Spaß macht, sie in immer neuen Kombinationen und Zubereitungen auf den Teller zu bringen. Idealerweise kommen Zucchini, Rote Beete & Co. ohne Zusatzstoffe aus und enthalten in Bioqualität auch deutlich weniger Gifte als konventionell angebautes Obst und Gemüse.

Dass Kondensstreifen, Autoabgase und so manch andere Zivilisationserscheinung vor Biofeldern halt machen, halte ich für eine Illusion. Aber ökologisch Erzeugtes besitzt die nötige eigene Reinigungskraft, um mit solchen Belastungen fertig zu werden.

Aber zurück zum Buch: mehr als fünf Seiten braucht die Autorin nicht um zu erklären, warum sie keine Sojaprodukte verwendet. Nur soviel: nicht jeder verträgt sie und die Anbaumethoden und ihre Begleiterscheinungen sind mittlerweile in vielen Fällen mehr als fragwürdig.

Statt dessen wachsen Hülsenfrüchte sprichwörtlich in Hülle und Fülle, versorgen uns Fleischverzichtler mit Proteinen, sie sind lange lagerfähig, lassen sich vielseitig kombinieren und schmecken einfach toll.

Natürlich gehören auch Hülsenfrüchte nicht zur Kategorie „besonders leicht verdaulich“, aber kleiner Tipp von Larissa: Einweichen, eine Prise Natron ins Kochwasser und passende Gewürze machen Bohnen, Linsen und Kichererbsen sehr viel bekömmlicher als ohne. Angeblich passt sich bei regelmäßigem Verzehr auch die Darmflora an die an.

Es folgen ein paar Worte zu Fetten, Kohlehydraten, Proteinen und Superfoods, Grünen Smoothies, zu Rohkost und gesundem Lifestyle an sich und schon gehts in die Küche. Ach ja, eine übersichtliche Tabelle zeigt, welche Rezepte komplett rohköstlich, gluten- und/oder nussfrei gehalten sind.

Frisch, bunt, kreativ und mit phantasievollen Namen – so präsentieren sich Larissa Häslers Kochkünste und Gerichte und wer sich darauf einlässt, wird mit neuen Geschmackserlebnissen belohnt. Einige Zubreitungen sind mir etwas zu exotisch, aber bei den Frühstücks-Ideen verdient das Fünf-Minuten-Frühstück Little Miss Sundshine – Minze und Zitrone treffen Pfirsich, Maracuja und Bananen – seinen Namen zu Recht.

Die Zebracreme sieht nach einem Traum aus Himbeere und Mango aus, die steht auf jeden Fall auf der ToDo-Liste, ebenso das Morgenmuffel-Müsli und der Schoko-Orangen-Grießbrei Lady in Black.

Ein Kapitel ist Smoothies und leckeren Drinks gewidmet, ein weiteres beschäftigt sich mit Snacks, Suppen und Salaten, darunter schnelle Leinsamenbaguettes mit Dinkelmehl, rohe Chinarollen mit minzig-scharfem Dip und die bewährte Kürbissuppe bekommt dieses Mal Gesellschaft von Brokkoli und/oder Kichererbsen, je nach Gusto.

Als Salatfan freue ich mich natürlich über den Quinoa-Powersalat mit Sprossen, bei den Hauptgerichten verführen mich die Bulgur-Bällchen nach griechischer Art. Meine absolute Lieblingsspezialität ist das Ofengemüse mit Knoblauchtunke – es erfordert wenig Vorbereitung, dampft sich im Backofen gar und schmeckt einfach umwerfend. Statt der vorgestellten Variante kommen bei mir zu den Kartoffeln auch Kürbis, Gurke und Tomate aufs Backblech und beim Topping darf ebenfalls experimentiert werden.

Was ich unbedingt probieren muss sind die Sobanudeln – weil aus Buchweizen hergestellt -mit Tomaten-Pestosoße und bei den Süßspeisen die Green-Smoothie-Icecream und die Kürbis-Cantuccini (Ihr merkt schon…😉

Ich finde Free Your Food ist eine erfrischend-leichte Inspiration für die gesunde Küche, da vermisse ich wirklich keine Fertigpizza, Sojawürstchen oder Pulverpudding.

Lust aufs Nachkochen bekommen? Hier die Infos zum Buch:

Larissa Häsler „Free Your Food – Clean Eating. Mit über 80 köstlich veganen, sojafreien Rezepten“, 240 Seiten, Integralband, 19 Euro 80, Unimedica im Narayana Verlag

tägermoos – ein deutsches stück schweiz

Umschlag_Tägermoos_Final.inddDas Thema „Grenzen“ wird zwischen Ankara und Hammerfest derzeit ja heftigst neu diskutiert – um so erstaunlicher mutet da ein Stückchen Land mitten in Europa an, auf dem die Territorialfrage seit Jahrhunderten, sagen wir mal: flexibel gehandhabt wird – das Tägermoos.

Wie ein kleines Dreick schiebt sich das Tägermoos direkt an der Konstanzer Stadtgrenze ins Thurgauer Land – ursprünglich ein morastiges Gebiet, um das sich keiner so recht kümmern wollte, ist es heute ein fruchtbarer Obst- und Gemüsegarten, auf dem größtenteils Bio-Lebensmittel angebaut werden.

Um 1900 mit dem Ochsenpflug, heute selbstverständlich mit Maschinenkraft, bewirtschaften vor allem „Paradieser“ Familien das etwa 150 Hektar große Gebiet, über das die Eidgenossen seit 1499 – als der Schweizerkrieg endete und der Frieden von Basel geschlossen wurde – nie mehr so recht die Souveränität erlangt haben. Kurz zum Verständnis: das „Paradies“ ist eine ehemalige Konstanzer Vorstadt, die aus einer dörflichen Fischer- und Bauernsiedlung hervorgegangen ist.

Von der mangelhaften Souveränität der Eidgenossen profitiert die Stadt Konstanz, die sich das Gebiet und einige Hoheitsrechte anfänglich erkauft und später – obwohl politisch selbst mehr als einmal arg gebeutelt – erfolgreich verteidigt hat. Man muss einfach die ganze wechselhafte Geschichte lesen, um das Gerangel im Tägermoos einigermaßen nachvollziehen zu können.

Richtig spannend erzählt Tobias Engelsing die bisweilen äußerst skurrile Historie vom „deutschen Stück Schweiz“ in seinem neuen Buch „Das Tägermoos“, ein liebevoll und pfiffig aufgemachter Band mit zahlreichen historischen Abbildungen und Fotos.

Obwohl dem Paradies recht nahe, ging es im Tägermoos oft gar nicht paradiesisch zu: verwaltungstechnisch gehörte das Tägermoos zwar irgendwann zur Schweiz, doch Konstanz oblag und obliegt in Teilen immer noch die Polizeihoheit und die Besteuerung des Landstriches.

Es gab Streit um Weiderechte, Steuereinnahmen, um Schifffahrtsrechte, um Mautgebühren für Kutschen, Pferde, Ochsenkarren und Fußgänger. Betrüger erschienen nicht vor schweizer Gerichten, weil die Rechtsprechung übers Tägermoos allein den Konstanzer zustehe.

Gefangene nutzten die rechtlich oft ungeklärte Situation, um bei Überführungen die Polizisten zu verwirren und zu flüchten und der Wirt vom Gasthof „Trompeterschlössle“ zahlte keine Steuern, weil die spätere badische Regierung „Liegenschaften und ihre Besteuerung“ anders definierte als die Thurgauer Regierung.

Einmal, da gab es ganz klare Grenzen: als die Nationalsozialisten das Tägermoos innerhalb von Stunden rigoros abriegelte und es in den Folgejahren strenge Grenzkontrollen auf beiden Seiten gab, da mussten auch die „Paradieser“ Bauern ihre Passierscheine vorzeigen, um überhaupt ihre Felder bewirtschaften zu können.

Zwar konnten die Nazis das Territorium einzäunen – den freiheitsliebenden Geist der Bauern konnten sie nicht einsperren. Und je mehr die Zöllner kontrollierten, um so erfinderischer wurden die Paradieser, wenns ums Schmuggeln ging – denn Hunger kannten in den Kriegsjahren fast alle.

Also brachten die Frauen Schokolade in ihren Unterröcken über die Grenze, so manches Fuhrwerk hatte neben Gemüse auch Kaffee, Kakao, Tee oder Tabak geladen, sogar ein eigens gegrabener Schmuggeltunnel soll entdeckt worden sein.

Trotz aller verwaltungstechnischen, politisch-juristischen und territorialen Rangeleien gab und gibt es jedoch zahlreiche gemeinsame Projekte, Freundschaften und Kooperationen im sowie rund ums Tägermoos. Viel bedrohlicher als fehlende Grenzen ist der Strukturwandel für das Naherholungsgebiet:

Waren es im Sommer 1630 die Schweden, die übers Tägermoos die Stadt Konstanz angriffen, sind es heute Autobahnen und Straßen, Sportplätze und Industriegebiete die den „schweizer-deutschen Gemüsegarten“ bedrohen und nicht nur an dessen Rändern nagen. Dazu kommt, dass vielen Gärtnerfamilien der Nachwuchs fehlt und gleichzeitig immer mehr Konkurrenz auf den Markt drängt.

Auch im Paradies ist nichts mehr wie es war: 1994 verschwand die letzte Kuh des Stadtteils, statt Misthäufen gibts jede Menge parkende Autos vor den Häusern und statt Sensengedengel tönt rauer Porschesound durch die Straßen. Langsam aber sicher drohen die letzten grünen Wiesen mit Beton versiegelt zu werden.

Nicht zuletzt wünscht Thurgau endlich eine verbindliche Revision des Staatsvertrages – verständlich. Genau so verständlich, dass die Konstanzer ihre Mitwirkungsrechte an der Thurgauer Raumplanung nicht so einfach aufgeben wollen.

„Angesichts des aktuell zunehmenden Siedlungsdrucks, der auf dem Tägermoos lastet, ist schließlich die Schutzfunktion des bisherigen Rechtszustands nicht zu unterschätzen“, schreibt Tobias Engelsing am Ende des Buches.

„Der Verzicht auf die alten Rechte oder gar der in früheren Beratungen immer wieder ins Spiel gebrachte Verkauf des Tägermooses an den Kanton Thurgau würde selbst bei bester Gesinnung der heute Regierenden auf lange Sicht die Gefahr einer Überbauung deutlich erhöhen.

So gesehen hat das staatsrechtliche Kuriosum Tägermoos, so überholt und bizarr es erscheinen mag, noch eine sehr wünschenswerte Nebenwirkung: es schützt ein großes Stück Grünland vor der unwiederbringlichen Zerstörung durch Überbauung.“

Bleibt zu hoffen, dass dieses Buch dazu beiträgt, das bemerkenswerte Kultur- und Naturgut Tägermoos zu erhalten.

Tobias Engelsing „Das Tägermoos. Ein deutsches Stück Schweiz“, 192 Seiten mit ca. 180 Abbildungen, Hardcover, 19 Euro 90, südverlag

 

„schätzle“ im stuttgarter umland

978-3-95451-855-5Für alle, die ihren Urlaub zuhause verbringen, hab ich heute einen heißen Tipp: nach 111 außergewöhnlichen Läden, Shops und Gschäftle in Stuttgart, hat sich Autorin Gabriele Kalmbach in der Region umgeschaut und stellt in ihrem neuen Buch „111 Orte im Stuttgarter Umland die man gesehen haben muss“ vor.

Von skuril bis spektakulär, von geschichtsträchtig bis gegenwärtig, von Geheimtipp bis zum Gemeindeliebling: die ausgesuchten „Spezialitäten“ spiegeln Erfinderreichtum, Naturschönheiten und Kunstschaffen im Ländle wieder – alphabetisch nach Städten und Gemeinden geordnet, lassen sich so gerade im Sommer schöne kleine Touren zusammen stellen.

Los gehts auf dem Fratzenweg, der am Wohnhaus und Atelier des Künstlers Adelbert Bachofer beginnt und am Uhlbergturm endet: auf zweieinhalb Kilometer begleiten freundliche, freche oder unheimliche „Fratzen“ die Wanderer und Spaziergänger – insgesamt drei Dutzen hat der Bilderhauer in Baumrinden gebannt.

Zwar verkraften die Bäume ihre „Exponate“ ganz gut, zur Nachahmung ist das Projekt trotzdem nicht empfohlen. Und für die Ewigkeit dürften die Kunstwerke auch nicht sein: nach und nach verschließen die Bäume ihre „kunstvollen“ Narben mit neuem Rindengewebe.

Das Ziel des Weges, der Uhlbergturm, ist übrigens selbst einer der vorgestellten Orte, die imme wieder einen Besuch wert sind: bei klarer Sicht bietet der 469 Meter hohe Aussichtsturm freien Panoramablick auf die „blaue“ Silhouette der Schwäbischen Alb, unten gibts eine Grillstelle und Vesperplätze im Grünen.

Weiter gehts im Buch auf dem Schurwald und zum Zuchthäusle war für mich der Weg nicht weit: ein paar Hausecken weiter, wurden in dieser winzigen Zelle nicht nur Verbrecher, sondern auch ledige Mütter bei Wasser und Brot eingesperrt – gut, dass dieses Mauerverließ heute nur noch von Spinnen bewohnt wird.

Als nächstes besuch ich die Dorfkirche in Krummhardt: die ist nämlich im Gegensatz zu vielen süßlich-prunkvollen Barocktempeln oder ehrfurchtgebietenden gotischen Kathedralen mit farbig-fröhlichen Blütenmalereien ausgestattet – für mich als Blumenliebhaberin natürlich besonders interessant!

Auch Bebenhausen kann ich mit gutem Gewissen für einen Ausflug weiter empfehlen: die begehbare Klosteranlage gehört zu den schönsten in ganz Baden-Württemberg (die Kräuterführung im Klostergarten am besten gleich mitbuchen!), die Nebengebäude sind nach wie vor von ihren ehemals königlichen Bewohnern geprägt:

Hier leckte König Wilhelm II. seine Wunden, nachdem er von seinen Untertanen trotz überlieferter Bürgernähe in die Wüste geschickt wurde, vertrieb sich die Zeit mit Jagen und ließ sein „Landschloss“ 1898 nach modernsten Standards umbauen. Ein besonderes Schmuckstück ist die Schlossküche mit ihrem imposanten Herd, dem Speiseaufzug sowie den Nebenräumen, die als Speisekammer, Spülzimmer oder zum Silber putzen genutzt wurden.

Wer schon im Schönbuch ist, kann sich im Schreibturm des Klosters über die wilden Geschichten des „Ranzenpuffers“ amüsieren und sich im Informationszentrum über den ältesten und kleinsten Naturpark im Ländle informieren.

Der Landkreis Ludwigsburg hat ebenfalls viel zu bieten: den Besigheimer Skulpturenpfad zum Beispiel, das Hexenwegle, das Schwätzgässle und den Japangarten, das Laufwasserkraftwerk bei Poppenweiler, das renaturierte Neckarbiotop Zugwiesen, ein hübsches Schlosstheater, Schloss Favorite, das Palais Grävenitz oder das ziemlich neue, von HG Merz gestaltete MIK, ein modernes Museum in barocken Mauern.

Apropos Museum: davon gibts natürlich reichlich zwischen Freiberg und Aichtal. Das Museum Ritter zeigt analog zum Firmenmotto quadratische Kunst, im Fleischermuseum Böblingen gehts um die Wurst und das Museum Sophie La Roche ist Deutschlands erster Erfolgsautorin gewidmet.

Der Schorndorfer Apothekenkeller entführt in die Zeit der „Pillendreher“, in der Villa Rustica gehts um Landleben der alten Römer, das Bonbon-Museum in Vaihingen an der Enz gefällt nicht nur Naschkatzen und „Die Korber Köpfe“ gestatten eine Skulpturenschau im Grünen.

Das Schnapsmuseum befindet sich im ältesten Gebäude Bönnigheims, das Fürstengrab in Eberdingen-Hochdorf dokumentiert „Luxus und Lifestyle der Kelten“, im Esslinger Bahnwärterhaus neben den Gleisen werden neue Formen der Kunstvermittlung erprobt und im FilderStadtMuseum gibts unter anderem einen originalen Tante-Emma-Laden zu bestaunen.

Auf den Fildern lockt zudem ein Spaziergang durch die Bürgergärten, bürgerschaftlich gepflegte Grünflächen, die die Landesgartenschau überlebt haben, durch die Kastanienallee bis zum Scharnhauser Schlössle mit seinem Amortempel. Noch ein paar Meter weiter überdauert ein „Vulkanembryo“ die Zeit.

Genau so malerisch wie das Körschtal präsentiert sich das Siebenmühlental mit seinen eigentlich elf Mühlen – einige davon sind bewirtschaftet, die Eselsmühle ist in der Region regelrecht berühmt für ihre Backwaren in Demeter-Qualität, für sein „Bio-Café“ und den naturköstlichen Mühlenladen. Wer an Sommertagen auf der Terrasse ein Stück Kuchen genießt, kann den Kühen beim Grasen zuschauen und sich wirklich wie im Urlaub fühlen!

Last but not least lohnt sich ein Abstecher ins Remstal: in der Skybar in Schorndorf lassen sich in luftiger Höhe leckere Cocktails genießen, die Galerie Stihl entzückt Kunstliebhaber und Papierfans mit Arbeiten aus und auf Papier, die mittelalterliche Stadtmauer mit dem 1 Meter 10 breiten Wehrgang ist quasi ein begehbares Museum und in Weinstadt-Beutelsbach dreht sich alles um den Armen Konrad.

Für den optimalen Überblick sind im Anhang alle vorgestellten Orte in Umgebungskarten eingezeichnet, Gabriele Kalmbach gibt bei jedem Portrait Tipps zur Anfahrt und für weitere Abstecher in der nächsten Umgebung. Na dann – nichts wie rein ins Umland, da gibts auch für „Eigsessene“ noch vieles zu entdecken!

Gabriele Kalmbach „111 Orte im Stuttgarter Umland die man gesehen haben muss“, 240 Seiten, broschiert, 16 Euro 95, emons:

 

 

 

 

 

 

 

der dorfschulmeister

2589_800x506_1466Endlich Sommerferien – ich hab ja keine Kinder, deshalb erfahr ich meistens über Facebook, dass sich Bekannte in Lehrberufen über Ferien freuen.

Klar, kann ich mich an meine eigene Schulzeit erinnern – die hab ich mir so angenehm wie möglich gemacht und ehrlich gesagt beneide ich Schüler von heute nicht, die vor lauter Leistungsdruck gar nicht mehr wissen, wie ihnen geschieht.

Wie war das eigentlich ganz am Anfang, als auf dem Dorf noch alle Generationen in einer Schulklasse saßen? Als freie Tage vor allem dann wichtig waren, wenn die Heuernte anstand? Als Schläge, Kopfnüsse und Tatzenhiebe auch im Unterricht als probate Erziehungsmittel galten?

In seinem Buch „Der Dorfschulmeister“ zeichnet Gerd Friederich ein lebendig-farbiges Bild von den Anfängen des heutigen Schulwesens – vor Kurzem erschien im Silberburg-Verlag die Taschenbuchausgabe des bislang vergriffenen historischen Romans.

Zwar gehören rüde Züchtigungsmethoden tatsächlich der Vergangenheit an, doch glauben wir dem Hirnforscher Gerald Hüther, haben Beurteilungs- und Benotungssysteme fast die gleiche Wirkung wie körperliche Gewalt – zumindest aktivieren sie die selben Bereiche im Gehirn, so der Wissenschaftler.

Auch Romanprotagonist Hansjörg Rössner sah viele Schulbräuche anders als die damalige Lehrmeinung: statt die besten Schüler nach vorne zu setzen, wie es die Schulordnung verlangte, setzte er die Kleinsten in die ersten Reihen – damit die überhaupt was sehen!

Auf Tatzen, Stockhiebe und Kopfnüsse verzichtete er standhaft, dafür brachte er ganzheitliche Kreativ-Projekte auf den Weg, wie man heute sagen würde. Er unterstützt Schüler aus ärmlichen Verhältnissen und setzt sich für kindgerechtere Lehrmethoden ein.

Dabei hatte der junge Lehrer eigentlich ganz andere Pläne: als ältester Sohn rechnet er fest damit, den elterlichen Hof zu übernehmen und ist völlig konsterniert, als ihm die Mutter eines Tages eröffnet, dass sie ihm eine Lehrstelle beim Pfarrer besorgt hat. Über die Gründe dieser Entscheidung schweigen sich die Eltern zunächst beharrlich aus.

Nach heftigen Wutanfällen und Trotzreaktionen fügt sich der Rössnerbub ins Unvermeidliche und entwickelt sich bald zum echten Lehrertalent. Von Eltern, Schülern und weitsichtigen Vorgesetzten wird er geschätzt, von schulpolitischen Bürokraten kritisiert und schließlich strafversetzt – in seiner neuen Heimat Hohenlohe beginnt nicht nur sein beruflicher Aufstieg, sondern auch seine ganz persönliche Spurensuche.

Auf den ersten Blick könnte das Sujet des Romans etwas trocken anmuten, doch Gerd Friederich entwirft eine spannende Lehrer-Biographie, die höchst interessante und anschauliche Einblicke in die Entwicklung des Schulwesens gibt. Der idealistische und sympathische Hansjörg Rössner haucht dem eher furchterregenden Schüleralltag auf den Fildern freudvolleres Leben ein:

Nicht nur im Königreich Württemberg war die Schulpolitik um 1850 vor allem Sache der Kirche: Der Pfarrer ist gleichzeitig Schulvorstand, bildet Lehrer aus und bereitet sie für die Aufnahmeprüfung in Klosterschulen vor, zum Beispiel fürs berühmte Tübinger Stift.

Von Montag bis Freitag unterrichten die Nachwuchslehrer, am Wochenende fegen sie den Hof, läuten die Kirchenglocken und ziehen die Uhr am Kirchturm auf. Hansjörg Rössner muss sogar beim Mesnerdienst helfen.

In altersübergreifenden Klassen war Biblische Geschichte „Hauptfach“ – neben Schreiben, Lesen und Rechnen – und „der himmlische Vater“ galt als „einzig wahrer, allerhöchster und allgemeiner Erzieher der Menschen“.

Im sonntäglichen Kirchenkonvent wurde besprochen, wer geboren wurden und gestorben ist, wer den Gottesdienst geschwänzt hat oder im Wirtshaus betrunken randalierte und welche Schüler wegen ungebührlichem Verhalten mit der Weidenrute bestraft werden sollen. „Zum Lehrer gehört der Stock und zur Erziehung das Geschrei und die Tränen der Kinder“, so lautete das traurige Dogma.

Dass manche Lehrer nebenher noch Landwirtschaft betrieben um nicht zu verhungern, änderte sich erst im Zuge verschiedenster Reformen. Übrigens hatten viele Eltern große Angst davor, dass ihre Kinder klüger werden als sie selbst.

Mit seiner Vorstellung von „besseren Schulen“ und dass jedes Kind seinen eigenen Weg beim Lernen gehen darf, wäre Hansjörg Rössner in vielen Kollegien heute noch ein Exot – zu seiner Zeit war er nicht nur für den Schulinspektor eine Provokation: der versetzt den sanften Rebell kurzerhand ins Oberamt Gerabronn, wo der Fürst von Hohenlohe-Winterhausen das Patronatsrecht ausübt.

Was zunächst als „Strafe“ gedacht ist, entwickelt sich zur Erfolgsgeschichte. Und während in Frankreich die Republik ausgerufen und in Frankfurt um eine demokratische Verfassung gerungen wird, kämpft Hansjörg Rössner für die deutschlandweite Einheitsschule, wird äußerst beliebter Chorleiter und recherchiert nicht nur für diverse Dorf-Chroniken sondern auch in ganz eigener Sache…

„Der Dorfschulmeister“ ist ein kleines Stück lebendige Landesgeschichte, die auch heute noch ständig hinterfragt werden sollte, um optimale Bildungs-Wege für die Zukunft zu finden.

Gerd Friederich „Der Dorfschulmeister“, 416 Seiten, kartoniert, 14 Euro 90, Silberburg-Verlag

 

ein museumsführer fürs stuttgarter lapidarium

lapidarium_museumsfuehrerAls ich das erste Mal im Stuttgarter Lapidarium war, konnte ich kaum glauben, dass es mitten in der Stadt einen solchen Ort gibt: Hinter einer ganz hübschen, aber wenig auffälligen Mauer eröffnet sich ein großzügiger Garten, der wie ein magischer Ort wirkt – ein großartig gefliester Wandelgang mit einer „Antikenwand“ begrenzt das Lapidarium nach Süden, nach Norden entfaltet sich eine kleine Parklandschaft mit altem Baumbestand, Zierhecken und -sträuchern, Brunnen, Treppen und Mauern und mit zahlreichen Steindenkmälern der Stadt, die hier einen stilvollen Platz bekommen haben.

Hier versammeln sich Überreste zerstörter Gebäude, Skulpturen, Inschriften, Grabplatten und Fragmente von Torbögen vor malerischer Kulisse – mehr als 200 Exponate machen das Lapidarium zu einer Art steinernem Bilderbuch und zum einzigen Freilichtmuseum der Landeshauptstadt, das mittlerweile auch als besonders inspirierende Kultur-Oase gilt.

Der Museumsführer „Städtisches Lapidarium“ aus dem Silberburg Verlag erzählt jetzt die Geschichte dieses außergewöhnlichen und musealen Gartens und schließt so manche Wissenslücke die beim einen oder anderen Besucher entstanden sein dürfte. Zwar gab es bisher eine Webseite und einen Wiki-Eintrag, die allerdings nur eine kurze Infoübersicht  boten.

„In stilvoller Halbhöhenlage residieren sozusagen die wertvollen Steinzeugen aus vorigen Jahrhunderten – es hätte kein besserer und schönerer Platz für die eindrucksvollen Reste historischer Baukultur und künstlerischer Steinmetzarbeit gefunden werden können, als der idyllische Park in der Mörikestraße“, schreibt Werner Koch, Vorsitzender des Vorstands PRO STUTTGART- Verkehrsverein e.V. in seinem Vorwort.

„Keine andere Stadt verfügt über eine ähnlich vielfältige Sammlung in einer solchen, dazu noch historischen Gartenanlage. Dieser Park fasziniert einheimischen und auwärtige Besucher in gleichem Maße.“ Der neue Museumsführer eignet sich deshalb als Vorbereitung für einen Besuch und/oder als Erinnerung an einen der schönsten Orte in Stuttgart.

Angefangen hat alles damit, dass der einflussreiche Stuttgarter Unternehmer Gustav Siegle unter anderem große Teile des Hügels zwischen Reinsburg- und Mörikestraße kaufte und dort zuerst eine Ville baute, die allerdings im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Ihr folgte ein Wohnhaus für Siegles älteste Tochter Margarethe und deren Mann, später die Gartenanlage, die Schwiegersohn Karl Ostertag-Siegle im Stil italienischer Renaissance-Villengärten gestalten ließ.

Die meisten Steindenkmäler der Anlage stammen aus der Zeit der Altstadtsanierung, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts rund 200 alte Gebäude für den Neubau des Rathauses abgebrochen wurden – noch heute ein schmerzvoller Verlust für das architektonische Herz der Stadt. Die Gebäudeteile wurden gesammelt und vorerst im Kreuzgang des ehemaligen Dominikanerklosters in der Hospitalstraße aufgestellt.

Niemand wusste genau, was sich da versammelte und niemand fühlte sich für die Sammlung zuständig. Tatsächlich wurden das gesamte Gebäude und fast die ganze Sammlung im Krieg zerstört – die wenigen Stücke, die gerettet werden konnten, fanden schließlich ihren Platz im „wiedergeborenen“ Lapidarium: Der liberale Journalist Gustav Wais durfte während der NS-Zeit nicht schreiben und widmete sich in dieser beruflichen Zwangspause der Stadtgeschichte. Er war seit 1947 Mitglied der Kommission zur Erhaltung von Kunstwerken und mahnte in einem Schreiben an Bürgermeister Arnulf Klett die Wiederaufrichtung eines städtischen Lapidariums an.

Dem Engagement des rührigen Journalisten ist es zu verdanken, dass fünf Jahre nach Kriegsende das neue Städtische Lapidarium im historischen Siegle-Garten eröffnet werden konnte. Gustav Wais leitete das Lapidarium auch bis zu seinem Tod, seither wird es vom Stadtarchiv Stuttgart verwaltet. Die Sammlung umfasste vor allem den Kreuzgang des Dominikanerklosters, die historischen Trümmerreste, Kunstwerke aus der Villa Berg sowie während des Krieges im Wagenburgtunnel eingelagerte Teile. 1995 kamen weitere Stücke dazu, zum Beispiel aus Privatbesitz.

lapidarium

Foto: Lapidarium Stuttgart

Gustav Wais legte 1954 außerdem eine Inventarliste an, die 50 Jahre später auf Wunsch der interessierten Öffentlichkeit von Dr. Axel Klumpp und Restauratorin Juliane Weigele aktualisiert wurde. Die Erläuterungen zur Antikensammlung im Wandelgang übernahm Jutta Ronke vom Landesdenkmalamt.

Auf 114 Seiten informiert der Museumsführer über Herkunft der Grabinschriften, Gebäudefragmente, Putten, Brunnenfiguren, Säulen, Wasserspeier, Türschluss-Steine, Reliefs, Prunkschalen und Figuren, die dem Lapidarium seinen besonderen Reiz verleihen – darunter der Ritter vom Alten Rathaus, die Brunnenfiguren Hermes und Pallas Athene, eine marmorne Siegesgöttin, das Relief, Türsturz und Türfragment, ein Sockelstück und Kapitell vom Neuen Lusthaus sowie zwei Vasen und eine „Skandalöse Venus“ aus dem Garten der Villa Berg.

Auch ein Fragment von Danneckers „Nymphengruppe“, Reliefs vom Hauptportal der Technischen Hochschule, die Gründungstafel vom Bebenhäusener Hof, das Portal vom Gasthof „König von England“ – wo illustre Gäste wie Jean Paul oder Frédéric Chopin übernachtet haben sollen – sowie ein Torflügel vom Rosensteinpark und Fragmente vom ehemaligen Königstor sind hier zu sehen.

Um die Übersicht vor Ort zu erleichtern verbergen sich in der Klappenbroschur vorne ein kleiner Ausschnitt der Stadtkarte und hinten ein Übersichtsplan des Lapidariums, in dem die Nummern der Exponate am jeweiligen Standort eingezeichnet sind.

Zwei Links verweisen auf kurze Filme, die über das Lapidarium gedreht wurden: Studierende der Fachschule für Farbe und Gestaltung drehten die Doku „Das steinerne Bilderbuch Stuttgarts“, der Film „Und lebte Tage wie in Rom“ von Steffen Jahn wird musikalisch begleitet vom Stuttgarter Kammerorchester.

Die Filme, einen virtuellen Rundgang, Führungs- und Veranstaltungstermine gibt es auf www.lapidarium-stuttgart.de

Stadtmuseum Stuttgart / PRO STUTTGART e.V.(Hrsg.) „städtisches lapidarium. museumsführer“, 120 Seiten, zahlreiche Farb- und Schwarzweiß-Fotos, broschiert, 9 Euro 90, Silberburg-Verlag

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außergewöhnliche frauen und männer aus baden-württemberg

braun_frauen_bawueSie waren besonders, eigenwillig, fortschrittlich oder tragisch – so beschreibt Adrienne Braun mutige Weiber, die sie in ihrem neuen Buch „Künstlerin, Rebelling, Pionierin – 20 außergewöhnliche Frauen aus Baden-Württemberg“ portraitiert.

Nun sind historische Daten, Fakten und Jahreszahlen oft trocken und fade, doch die Stuttgarter Kunstkritikerin und Kulturjournalistin schafft es mühelos, den Biografien ihrer Protagonistinnen Leben einzuhauchen – zum Beispiel indem sie sich hier und da eine Spekulation erlaubt.

Tatsächlich finde ich die Frage hochinteressant, wie sich beispielsweise die resolute und erfolgreiche Bankerin Karolin Kaulla fühlte, als sie 1770 den Posten des gerade gehängten Joseph Süß Oppenheimer übernommen hat? Wie viele Liebschaften gab es im Leben dieser herausragenden Frauen, die in keinem Geschichtsbuch, in keiner Korrespondenz oder mündlichen Erzählung überliefert sind? War es diesen Frauen bewusst, dass sie mit ihren Kämpfen und mit ihrem Wirken „Geschichte schreiben“?

Adrienne Braun lässt zum einen bekannte Damen wie Berta Benz,  Gretel Bergmann oder Margarethe Steiff lebendig, einzigartig und mutig vor den Kulissen ihrer Zeit agieren und widmet sich zum anderen auch ungewöhnlichen Frauen, deren Lebenswege mittlerweile fast vergessen sind.

Agathe Streicher zum Beispiel, eine unerschrockene Ärztin die sich an des Kaisers Krankenbett traute, obwohl die männlichen Kollegen deshalb Gift und Galle spuckten. Die Ulmer Bürger mögen sie und Agathes Praxis floriert – ihr guter Ruf reicht weit über die Stadtgrenze hinaus. Nicht nur die Adligen – darunter die Prinzessin von Hohenzollern – auch die Geistlichkeit bevorzugt es, von der Ulmer Ärztin behandelt zu werden. So der Bischof von Speyer oder der Probst von Trient.

Agathe Streicher vertritt ihre Überzeugungen nicht nur in Sachen Naturmedizin, sondern in allen Lebensbereichen, setzt sich beispielsweise für Religionsfreiheit ein: in ihrem Haus treffen sich Anhänger des verbannten Luthergegners Caspar von Schwenckfeldund und am liebsten würde man die Ärztin gleich mit verbannen. Doch keiner traut sich so recht. Als sie in ihrem Testament die wenigen Verbliebenen der vertriebenen Streichersekte sowie Waisenkinder und Obdachlose bedenkt, wird sie nach ihrem Tod allerdings hemmungslos als Ketzerin gebrandmarkt und ohne kirchlichen oder städtischen Segen einfach verscharrt.

Katharina Kepler, die streitsüchtige, aber auch gebildete und vielseitig interessierte Mutter des berühmten Astronomen, war dagegen nie beliebt. Trotzdem stand ihr der Sohn zur Seite, als sie jahrelang als Hexe denunziert und tatsächlich auch verurteilt wird. Vermutlich ein wichtiger Grund, warum sie nach 14 Monaten Gefängnis frei kommt – die meisten ihrer Leidensgenossinnen starben auf dem Scheiterhaufen.

Auch Maria Andreae war ein „Kräuterweib“: die Apothekerin erzieht ihre Kinder alleine und experimentiert mit Arzneien, Säften und Heilgetränken. Sie sei eine Frau wie ein Mann gewesen, herzensgebildet, arbeitsam und hart im Nehmen und als die Kinder aus dem Haus sind startet sie „karrieremäßig“ durch. Herzogin Sybilla holte sie als Apothekermagd nach Stuttgart und Maria war vermutlich die erste baden-württembergische Apothekerin mit Festanstellung.

Maria und die Herzogin verstehen sich gut, teilen gleiche Werte und die Apotheke avanciert zur fürstlichen Wohlfahrtseinrichtung, in der Arme kostenlos behandelt werden. Durch ihre strenge Frömmigkeit und ihr soziales Engagement sei sie im Lauf der Zeit jedoch hart und kalt geworden, erzählten die Leute. Zumindest habe sie beim Tod ihres ermordeten Sohnes Jakob keine einzige Träne geweint.

Pünktlich, gründlich, bodenständig – auch Friederike Luise Löffler machte Karriere. Als Kochbuchautorin. Sie ist erste Köchin am herzoglich-württembergischen Hof und ihr Kochbuch wird 38 mal neu aufgelegt.

1700 Rezepte hinterlässt die passionierte Hausfrau und Autorin bei ihrem Tod im Jahr 1805 und ich erinnere mich genau: auch bei meiner Mutter stand noch lange ein dunkelgrünes Löffler-Kochbuch im Bücherregal.

Ebenfalls spannend: die Geschichte der erfolgreichen Portraitmalerin Ludovike Simanoviz, die hart erarbeitete Erfolgs-Story der satirischen Scherenschneiderin Luise Duttenhofer, die Charakterstudien von der originellen und raffinierten Starautorin Ottilie Wildermuth oder der Kleinkrieg einer ganzen Stadt gegen die emanzipierte Dichterin Isolde Kurz.

Tragisch enden allerdings die schwermütige Dichterin Karoline von Günderrode – sie erdolcht sich aus enttäuschter Liebe – sowie die abenteuerliche Kriegsfotografin Gerta Taro und Widerstandskämpferin Sophie Scholl.

Mit einem Portrait der Sopranistin Anneliese Rothenberger – 1924 in Mannheim geboren, einer der ersten Fernsehstars und nach dem Krieg eine der berühmtesten deutschen Frauen überhaupt – endet Adrienne Brauns lesenswerte Spurensuche. Und wir Leserinnen sind erleichtert, dass es heutzutage für Frauen um vieles einfacher ist, die ureigene Berufung zu finden und leben zu können – mit Sicherheit auch ein Verdienst der vielen Künstlerinnen, Rebellinnen und Pionierinnen früherer Zeiten.

20_maenner_bawueErgänzend zu Adrienne Brauns Heldinnen erzählt Beate Karch in ihrem neuen Buch vom „Erfinder, Schöngeist, Visionär“ und portraitiert „20 außergewöhnliche Männer aus Baden-Württemberg“.

Obwohl es Männer allgemein ein bisschen einfacher hatten ihren Lebensweg zu gehen, steckten auch sie oft genug in gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit oder kämpften gegen kleingeistige Vorurteile – zum Beispiel der vom Pech verfolgte Flugpionier Albrecht Ludwig Berblinger, der ausdauernde Autoerfinder Carl Benz, der ehrgeizige Astronom Johannes Kepler, eigenwillige Avantgardist Oskar Schlemmer oder der sendungsbewusste Sozialreformer Georg Kropp. Ein Buch über berauschende Höhenflüge und tiefe Niederlagen, über bescheidene Anfänge und großartige Erfolge.

Übrigens: Adrienne Brauns Lesung startet heute abend um 19.30 Uhr wegen Unwetterwarnung nicht wie angekündigt im Lapidarium, sondern im Kulturzentrum Merlin.

Adrienne Braun „Künstlerin, Rebellin, Pionierin – 20 außergewöhnliche Frauen aus Baden-Württemberg, 158 Seiten, Hardcover, 18 Euro

Beate Karch „Erfinder, Schöngeist, Visionär – 20 außergewöhnliche Männer aus Baden-Württemberg“, 172 Seiten, Hardcover, 18 Euro

beide Bücher erschienen im südverlag

zwischen fallers, tanz und varieté: kostümbildnerin claudia flasche

claudia_flascheWenn Sonntag abends „Die Fallers“ laufen, fiebern zahlreiche Fans der „schwäbischen Lindenstraße“ vor dem Fernseher mit: wie geht’s mit Martin gesundheitlich weiter? Und wird der Gemeinderat das Marketing-Konzept für den Premium Wanderweg „Wonnepfad“ akzeptieren? Dass die Schwarzwald-Familiengeschichten vom Fallerhof so authentisch rüber kommen, liegt zum großen Teil an der Kostüm-Ausstattung.

Mit welchem Outfit sich die privat oft extravagant gekleidete Schauspielerin Ursula Cantieni in eine überzeugende Bäuerin Johanna Faller verwandelt, das entscheidet Claudia Flasche: seit der ersten Staffel gehört die Kostümbildnerin zum Filmteam und stellt die Garderobe von Hermann, Johanna, Karl & Co. aus deren persönlichem Serien-Fundus zusammen. Meistens arbeitet Claudia Flasche jedoch hinter Theaterkulissen: seit rund 25 Jahren sorgt sie dafür, dass auf der Bühne alle Schauspieler das „Richtige“ anhaben – vom Slip bis zum Hut. Sie legt fest, welche Farben und Formen die Kostüme haben und welche Materialien verwendet werden.

Ich verstehe meine Arbeit als Kostümbildnerin so, dass ich die Inszenierung unterstreiche: setze ich einen Gegenpol oder schwinge ich mit? Außerdem soll das Kostüm dem Schauspieler eine Form geben, mit der er sich optimal in die Rolle finden kann“, sagt Claudia Flasche, „wobei am Ende natürlich ein gutes Gesamtbild auf der Bühne zählt.“ Meistens arbeitet sie mit einem Team, das sich kennt und vertraut und genießt dann große kreative Freiheit.

1.Ensemble_Laterne©ThS„Trotzdem muss ich einige Dinge im Auge behalten: was nutzt schon ein besonders originelles Kostüm, wenn der Schauspieler darin nicht agieren kann oder sich anderweitig nicht verstanden fühlt?“, sagt Claudia Flasche. „Zum Zweiten dürfen die Umzüge nicht viel Zeit in Anspruch nehmen – wenn wie neulich bei einer Peer Gynt-Inszenierung 100 Rollen von insgesamt 16 Schauspielern gespielt werden, ist das ein ganz wichtiger Aspekt!“

Auch das Budget spielt eine Rolle. „Deshalb stellt sich immer die Frage: welche Möglichkeiten habe ich? Wie kann ich mit kleinen Mitteln das Beste heraus holen?“ Denn mindestens so wichtig wie der Etat ist die Ästhetik. Und last but not least muss die Schneiderin mit der Pflege der Kostüme zurecht kommen: „Sie muss die Kostüme auch dann noch bügeln, wenn ich schon lange weg bin, denn mit der Premiere ist meine Arbeit an der jeweiligen Produktion beendet.“

Ganz am Anfang steht zunächst einmal das Stück – beim Lesen entstehen erste Ideen. Dann kommt der Raum ins Spiel: steht der Entwurf für Kulisse und Bühnenbild, erarbeitet Claudia Flasche das Konzept fürs Kostümbild. In engem Dialog mit dem jeweiligen Regisseur wird der Entwurf festgelegt – meist ein Vierteljahr vor der Premiere. Spätestens bei der ersten Hauptprobe muss alles fertig sein, beim Fernsehen entsprechend früher. „Wenn ich da nach dem Andrehen merke: die Bluse hätte vielleicht doch rot statt gelb sein sollen, ist es schlicht zu spät. Beim Theater kann ich während der Proben ganz gut sehen, ob was verändert werden muss.“

KostümbildnerIn ist kein geschützter Beruf und auch wenn es so klingt: Kostümbildner müssen nicht zwingend nähen können. Zwar gibt es den Studiengang Bühnen- und Kostümbild, viele Kostümbildner sind jedoch Quereinsteiger. Claudia Flasche hat eine Ausbildung an einer Stuttgarter Modeschule in der Tasche – schneiderische Kenntnisse sind tatsächlich kein Nachteil bei der täglichen Arbeit.

„Große Häuser haben zudem fast alle eine Schneiderwerkstatt und einen Gewandmeister, kleineren Bühnen fehlt schlicht das Budget dafür“, erklärt Claudia Flasche. „Beim Theater der Altstadt, wo ich einmal im Jahr arbeite, gibt es aber zum Beispiel eine feste Schneiderin, die einige Sachen anfertigen oder auch ändern kann. Vieles wird gekauft oder stammt aus dem Fundus, nur in ganz seltenen Fällen, nähe ich die Kostüme selber. Kostümbildner machen eben in erster Linie Entwürfe und sorgen dafür, dass die Kostüme da sind.“ Trotzdem hat dabei jeder seinen eigenen Stil: Claudia Flasche bezeichnet sich als Puristin. „Bei mir gibt’s keine Rüschen und Chichi“, sagt die Stuttgarterin und lacht.

Inspiration holt sich Claudia Flasche auf Reisen, bei der Architektur, in Kirchen, Museen, Galerien oder auf der Straße – hier entstehen Trends zuerst. „Wir arbeiten durchaus im Zeitgeist: wenn in einem Stück zum Beispiel Hipster auftreten, dann müssen die eben so aussehen, wie Hipster heute aussehen – früher haben wir für diese Authentizität viel in Bibliotheken recherchiert, heute geht das natürlich im Internet.

Ich liebe das Fantasievolle und Künstlerische meiner Arbeit und das breite Spektrum das sie mir bietet: von Artistik über Film, Tanz, Theater und Oper bis Zirkus kann ich jede Sparte bedienen.“

Foto: Theatersommer Ludwigsburg