die schwarze hofmännin – ein bauernkriegsroman

3017_270x172_2053Sie ist eine „einfache“ Bäuerin, doch das hält sie nicht davon ab, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen, notfalls auch mit Waffengewalt: als „Schwarze Hofmännin“ geht Margarethe Renner im 16. Jahrhundert in die Landesgeschichte Baden-Württembergs ein.

Mit seinem historischen Roman „Die Schwarze Hofmännin“ widmet ihr Klemens Ludwig jetzt eine späte „Biografie“. Es ist die Zeit, in der sich Unerträgliches und lang aufgestaute Kritik an herrschenden Verhältnissen und deren Vertreter entlädt:

Martin Luther nagelt seine Reformthesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg und unter der Flagge des Bundschuhs rotten sich Leibeigene und Bauern zusammen, um gegen die Willkürherrschaft des Adels zu rebellieren.

Schon als kleines Mädchen lernt Margarethe Renner diese Willkür kennen und hassen. Bei einer Hetzjagd des Hans Truchsess von Waldburg verliert ihr Bruder sein Leben – niemand aus der Jagdgesellschaft hielt es für nötig, Hilfe zu leisten, die dem kleinen Philipp sehr wahrscheinlich das Leben gerettet hätte.

Damals ahnt Margarethe noch nicht, dass sie bereits einem ihrer größten Widersacher begegnet ist: Der Truchsess von Waldburg war als besonders glühender „Bauernhasser“ bekannt, der sich selbst als Vertreter der göttlichen Ordnung sah, die es mit allen Mitteln zu verteidigen galt.

Zuerst scheint Margarethes Leben allerdings in einigermaßen „normalen“ Bahnen zu verlaufen. Zwar hält sie sich am liebsten im Wald bei ihrer Freundin, der Hebamme und Kräuterfrau Luise auf und kann sich schlecht in „standesgemäße“ und religiöse Normen fügen, doch schließlich beugt sich Margarethe und folgt der Bedingung ihrer Eltern: sie heiratet den Böckinger Peter Abrecht.

Noch vor ihrer Hochzeit wird Margarethe bei einem Ritual auf dem Michaelisberg von Luise und einigen anderen weisen Frauen „eingeweiht“: sie glauben, Margarethe ist berufen, das „zeitlose Wissen“, das von der Kirche immer heftiger bekämpft wird, zu bewahren und im Geheimen weiter zu geben.

Mit ihrer Initiation nimmt Margarethe dieses Erbe an. Und sie fasst den Entschluss, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, komme was wolle!

Auch nach ihrer Heirat interessiert sich Margarethe mehr für alles, was mit  Bauernrebell Jos Fritz und der Bundschuh-Bewegung zu tun hat, statt für das, was sittsame Frauen normalerweise tun. Doch Peter Abrecht ist ein kluger Kopf und verständnisvoller Ehemann und befürwortet wie seine Frau die „Sache der Bauern“ und die sich anbahnenden Reformen.

So ist es Margarethe möglich, ein Stück ihres Lebensweges gemeinsam mit ihrem Angetrauten zu gehen und bald gehören auch Kinder zur kleinen Familie. Doch der Plan ihrer Eltern, geht nicht auf: auch in der liebevollen Ehe findet Margarethe keine Ruhe. Der Widerstand gegen den Adel und der Befreiungskampf der Bauern scheint das passende Wirkungsfeld ihrer inneren Berufung.

Margarethe und ihr Mann suchen die Nähe aufständischer Führer und schließlich hat Margarethe immer öfter Visionen, die sich direkt auf die politische Bewegung von unten beziehen. Als sie in einer Vision eine Verschwörung erkennt, riskiert sie Kopf und Kragen, um die Aufständischen zu warnen – es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Margarethe für „etwas Höheres“ ihr Leben aufs Spiel setzt.

Statt ruhiger zu werden, eifert sie immer glühender und hartnäckiger für den Freiheitskampf des Bundschuh und auch was die Beziehung zu Luise angeht, bleibt ihr Mann Peter außen vor. Doch auch er widersetzt sich – wie viele Böckinger – als der Rat der Stadt Heilbronn immer drastischere und willkürliche Forderungen stellt. Eh schon am Rande der Erschöpfung wird er zur Haft im Kerker verurteilt.

Seine Frau setzt alles daran, ihn zu befreien, immer riskanter werden ihre Manöver und längst genießt Margarethe mehr Ansehen als viele Männer. Obwohl Peter auf freien Fuß kommt, erholt er sich nicht mehr von den Strapazen der Vergangenheit: gebrochen an Leib und Seele stirbt er und „all das Wichtige, das im Margarethe noch hatte sagen wollen, blieb unausgesprochen“.

Getroffen vom Tod ihres Mannes, soll sie der Stadt Heilbronn als Ausgleich für den Verlust des Leibeigenen eine Kuh überlassen, Sohn Phillip soll zwei Wochen Frondienst leisten. Das Maß ist voll.

Als Margarethe aufgrund einer Intrige selbst in Haft kommt, bricht sie schließlich alle Brücken hinter sich ab und verschreibt sich endgültig dem Bauernaufstand, der sich immer mehr zuspitzt und schließlich in blutigen Schlachten ausgefochten wird. Mit ihrem Bauernheer wird Margarethe Renner als Schwarze Hofmännin zu einer bekannten Gallionsfigur des Freiheitskampfes im Südwesten des 16. Jahrhunderts.

Bildreich und packend erzählt Klemens Ludwig die gründlich recherchierte Lebensgeschichte einer Frau, die wie kaum eine Zweite aus ihrer Zeit heraus ragt – mit diesem atmosphärisch und emotional dichten Roman wird ein Stück Landesgeschichte hautnah lebendig.

Klemens Ludwig „Die Schwarze Hofmännin“, 352 Seiten, kartoniert, 12 Euro 90, Silberburg-Verlag

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jürgen seibolds neuer: „völlig bedient“

3019_270x171_2055Inge hat die Faxen dicke: nicht genug, dass ihr Gottfried als Bestatter eh schon täglich mit Toten zu tun hat, nein, er muss sich auch noch in seiner Freizeit mit Toten beschäftigen – als Hobbyermittler in Mordfällen nämlich. Dabei will sie endlich einen Tanzkurs mit ihm machen. Ein scheinbar aussichtsloses Unternehmen.

Eines Tages kommt Inge ganz überraschend doch zu ihrem Paar-Tanzkurs – allerdings aus ganz anderen Gründen als gewünscht! Während seine Beziehung diesmal Spitz auf Knopf steht, ist Bestatter Gottfried Froelich in Jürgen Seibolds neuem Baden-Württemberg-Krimi als „Freizeit-Kommissar“ weitaus erfolgreicher:

in Winterbach wurde eine junge Frau erschlagen. Die Studentin jobbte aushilfsweise bei einem Winterbacher Catering-Unternehmen und war eine talentierte Tänzerin. Auch am Abend vor ihrem Tod verdrehte sie den Männern bei einer brasilianischen Party reihenweise den Kopf. Klar, dass aufdringliche Grapscher, eifersüchtige Ehefrauen und Kolleginnen da nicht ausbleiben.

Doch reichen Eifersucht und verletzte Eitelkeit als Mordmotiv? Froelichs Bandkollege Alex Maigerle und sein Team von der Waiblinger Krip ermitteln jedenfalls in alle Richtungen. Auch Gottfried schaltet sich – offiziell unerlaubt – in den Fall ein und fördert Brisantes zu Tage. Immerhin hat er vom Vater der ermordeten Studentin den „Auftrag“, Licht ins Dunkel zu bringen.

Froelich nimmt sich zuerst den Professor vor, mit dem die tote Laura eine Affäre hatte – der Mann ist nicht gerade ein Sympathieträger. Seine Frau übrigens auch nicht. Ein  Kommilitone macht sich als Stalker verdächtig, die Chefin des Cateringunternehmens für das Laura gearbeitet hat, scheint ebenfalls dringend etwas verbergen zu wollen und auch in der Tanzschule erschnüffelt Frolich eine mögliche Spur.

Jürgen Seibold schenkt seinem Protagonisten diesmal wirklich nichts: eine – mal mehr, mal weniger schöne Überraschung – jagt die nächste und kurz vor Ende plagen Froelich zum ersten Mal schwere Zweifel, ob er als Hobbyermittler wirklich so hilfreich ist, wie er bisher immer dachte.

Es geht also rund zwischen Waiblingen und Esslingen und ganz nebenbei erlebt auch Froelichs Vorgänger Richard Sanfftleben auf seine alten Tage noch sein blaues Wunder.

Ein spannend-humorvoller neuer Fall mit viel Lokalkolorit – für Froelich-Fans und alle, die es werden wollen!

Jürgen Seibold „Völlig bedient„, 304 Seiten, kartoniert, 12 Euro 90, Silberburg-Verlag

 

totengräberspätzle – skurriler schwabenkrimi

i4_978-3-7408-0065-9Ein neuer Bestatter ist in der Stadt – auf dem Dach seines „Geschäftswagens“ ist ein überdimensionierter, knallbunter Sarg montiert, auf der Wagenseite funkelt ein grellroter Claim: „Jim Blitz – Bestattungen, die Spaß machen!“ So lässt Harald J. Marburger den „Neuen“ im Krimi „Totengräberspätzle“ am Friedhof vorbeifahren, wo gerade die gesamten Honoratioren bei einer Trauerfeier versammelt sind.

Jim Blitz heißt eigentlich Henning Lindhorst und bringt Verblichene nicht nur unter die Erde, sondern inszeniert jedes Begräbnis als unvergessliches Event. All inkklusive. Auch in der schwäbischen Kleinstadt Muggenpfuhl, wo er mit seiner massiv gepiercten Tochter Julia heimisch werden will, findet der ungewöhnliche Bestatter schnell neue Kunden, auch wenn hier vergleichsweise wenig Todesfälle zu verbuchen sind.

Johann Gottesacker rauft sich die Haare: er ist Bestatter in dritter Generation in Muggenpfuhl und vor allem – bisher der einzige. Und dann eröffnet dieser Lindhorst sein Event-Bestattungsunternehmen auch noch genau auf der anderen Straßenseite. In einem kleinen runden, einladenden Glaspavillon berät die Konkurrenz nun also die strömende Kundschaft.

Eine Hippiebestattung mit Gitarrensarg für Großmutter? Kein Problem! Die Beerdigung bekam sogar Sendezeit im Lokalprogramm von Südwest 3. Auch die Beerdigung der Großeltern des Dorfbäckers – beide zu ihrer Zeit rüstige Weltumsegler – war eine Sensation:

der Hinterbliebene entschied sich für das „Explorer-Setting, heißt: die beiden Leichen wurden mit weißem Kletterseil in einen roten Fallschirm geschnürt, auf einen lappländischen Schneeschlitten gepackt und inklusive zwei Paar Ski verbrannt.

Sieht also nicht gut aus für den ehemaligen Bestattungs-Platzhirsch Gottesacker, der zudem ganz gern mal ein paar Euro für sich einsackte, in dem er furnierte Sperrholzsärge „veredelte“ und als Eichensärge für teuer Geld an den Mann und die Frau brachte. Aufgefallen ist der Schwindel, als einer dieser präparierten Särge den Sargträgern aus den Händen rutschte und im Grab auseinander brach.

Nicht genug, dass Gottesacker ernsthafte Konkurrenz bekommt, seine finanzielle Situation war schon vorher nicht sonderlich rosig und auch sein Sohn Anselm, ein langhaariger Außenseiter, macht ihm nicht gerade Freude. Kein Wunder setzt er alle Hebel in Bewegung, als in Muggenpfuhl ein Mafiaboss beerdigt werden soll. Da ist es ihm auch herzlich egal, dass eigentlich Kollege Lindhorst den Zuschlag für die Trauerfeier bekommen hat.

Wer die Story jetzt schon aberwitzig findet, wird in den weiteren Kapiteln des Schwaben-Krimis sein blaues Wunder erleben, denn es startet nicht nur ein trickreicher Wettbewerb um die Mafiosi-Leiche, die ganze Sache bringt auch jede Menge Profikiller und einen unerbittlichen italienischen Kommissare nach Muggenpfuhl: hier gehts nicht nur um eine Bestattung, sondern um eine Menge Kokain.

Was sich die Bestatter einfallen lassen (müssen), um heil aus dem Fall rauszukommen, welche Rolle der Bestatter-Nachwuchs dabei spielt, ob die Täter ebenfalls davon kommen oder nicht, erzählt Harald J. Marburger so humorvoll, leicht und fantasiereich wie pointiert.

Auch wenn zart besaitete Leser vermutlich nicht alle Gags so richtig lustig finden, ist „Totengräberspätzle“ ein zwar makabres, aber dennoch großes Lese-Vergnügen. Das liegt ziemlich sicher daran, dass der Autor seine Erfahrungen als Polizeiübersetzer, Filmemacher, Musiker, Porzellanverkäufer, Cutter, Werbetexter und Simultandolmetscher in den Krimi einfließen ließ und so trotz aller Wahnwitzigkeiten eine runde Story ablieferte.

Harald J. Marburger „Totengräberspätzle“, 432 Seiten, broschiert, 12 Euro 90, emons:verlag

gnadensee – ein bodenseekrimi

3020_270x171_2056Das Leben geht gern mal verschlungene Wege und oft ist etwas ganz anders, als es aussieht – in Ingrid Zellers neuem Krimi „Gnadensee“ kommt beides, besser: „älles zamma“, wie man in Schwaben so sagt.

Lona Mende ist die einzige Tochter reicher Eltern – klingt an sich gut, ist es in diesem Fall aber nicht: Lonas Vater starb bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht, der Täter wurde nie gefasst. Lona kam als Beifahrerin mit zwei gebrochenen Rippen und Gehirnerschütterung davon.

War das Verhältnis zu ihrer Mutter, schon vorher nicht von Herzlichkeit geprägt, wurde es nach dem Unfall noch unerfreulicher: zum einen bringt Lonas Mutter ihre Tage nur mehr mit Beruhigungstabletten hinter sich, zum anderen gibt sie ihrer Tochter die Schuld am Tod des Vaters.

Lona fühlt sich allein in ihrem Familienvilla-Appartement auf Reichenau und wird von Alpträumen geplagt. Ihr einziges Glück: die Beziehung zu Dirk Reisacher, mit dem Lona wohl die große Liebe gefunden hat. Ihre einzige Freundin: Andrea Strobl, die sie seit ihrer Jugend kennt.

Auch an Lonas 24stem Geburtstag ist es Andrea, die vormittags auf ein Glas Sekt vorbei schaut – den Abend will Lona mit Dirk verbringen. Doch sie wartet vergebens. Und wir Leser ahnen, warum:

in einem sehr spannenden, vierseitigen Prolog werden wir Zeuge eines brutalen Kidnappings und der Verdacht liegt spätestens an Lonas Geburtstag nahe, dass Dirk das Opfer ist. Klar, dass Dirks Verschwinden zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte wird und wir Leser machen uns mit Lona auf Spurensuche…

In Dirks Wohnung trifft Luna auf einen aggressiven Fremden, der behauptet Dirks Vater zu sein und Dirks Laptop mitnehmen möchte. Lona rettet sich und den Laptop und schaltet die Polizei ein.

Und sie lernt Dirks Schwester kennen, die nicht nur eine merkwürdige SMS von ihrem Bruder bekommen hat, sondern auch in Meersburg in einem Tattoo-Studio arbeitet, das – so viel kann ich gut verraten – ihrem mehr als undurchsichtigen Freund gehört.

Eine ganz heiße Spur führt schließlich nach Island, wo Lona sowieso ein paar Tage mit Dirk verbringen wollte. Weil Dirk immer noch verschwunden ist, fliegt Lona schweren Herzens mit Andrea nach Reykjavic.

Hier lernt sie den Bruder von Dirks bestem Freund Brynjar kennen und sie muss sich mit dem Gedanken auseinander setzen, dass Dirk mit Chrystal Meth zu tun haben könnte. Ist Dirks bester Freund ein Junkie?

Jetzt nimmt die Sache richtig Fahrt auf: zwischen Konstanz, Reichenau und Reykjavic, zwischen Familienvilla, Studenten-WG und Tattoo-Studio entwickelt sich ein nervenzerfetzender Kriminalfall, an dessen Aufklärung – und Vertuschung – die unterschiedlichsten Personen beteiligt sind.

Ingrid Zellner platziert die Mosaiksteinchen zum Gesamtbild in absolut perfektem Timing und schickt den Leser mitsamt Protagonistin auf eine emotionale Achterbahnfahrt der besonderen Art – mit dem einen oder anderen Looping zu viel:

der Plot ist spannend, kurvenreich, hochkomplex und gut choreographiert, da gibts gar nichts, allerdings ist die Ereignisdichte gegen Ende für meinen Geschmack etwas zu hoch, um noch realistisch zu wirken. Der Spannungsbogen ist stark genug, um auch ein paar Übertreibungen tragen zu können, ich habs allerdings schon leicht knacken hören. Konkret:

die Story hätte für mich ein, zwei Nebenschauplätze eigentlich nicht gebraucht um rund zu sein. Mir ist allerdings auch klar, dass ein Buch natürlich weniger Effektmöglichkeiten bietet als ein Fernsehkrimi – da muss es hier und da vielleicht ein bisschen „dicker“ kommen, um durchgängig fesselnd zu sein.

Im Fall von „Gnadensee“ ist der dramaturgische Parforceritt aber grundsätzlich gelungen. Ein außergewöhnlich oppulenter, vielschichtiger, dennoch klarer und nebenbei auch „junger“ Baden-Württemberg-Krimi. Lesenswert.

Ingrid Zellner „Gnadensee“, 320 Seiten, kartoniert, 12 Euro 90, Silberburg-Verlag

der bodensee wimmelt

2875_800x599_2005 In der kalten Jahreszeit ist es auch am Bodensee ruhiger, doch kaum lassen sich warme Sonnenstrahlen blicken, wimmelt es an Uferpromenaden, in Altstadtgässchen und auf dem See selbst von Urlaubern, Ausflüglern und Wassersportler. Und beim Stichwort „wimmeln“ kommt ein neues Kinderbuch aus dem Silberburg-Verlag ins Spiel:

vor drei Jahren ließ der Verlag die beliebte Tradition der Wimmelbücher wieder aufleben. In der Erstausgabe wimmelte es natürlich in der Landeshauptstadt, Wimmelbücher aus der Wilhelma, vom Fernsehturm, aus Backnang, Heidelberg, vom Schwäbischen Wald, vom Schwarzwald und von der Schwäbischen Alb folgten.

„Der Bodensee wimmelt“ ist nun also die „südlichste“ und die sechste von Grafikerin Tina Krehan illustrierte Wimmelbuch-Ausgabe. Schon auf dem Titel gibt es viel zu entdecken: in Friedrichshafen fährt gerade der Katamaran ein, Kinder malen auf die Straße, essen Eis, fahren Rad und ein Kind macht gerade Seifenblasen, während ein anderes auf der Seifenlauge ausrutscht. Klar, dass der Zeppelin nicht fehlen darf – er schwebt mit Würde über der Gesamt-Szenerie.

Nächste Station: die Unteruhldinger Pfahlbauten. Hier wird ein Dach repariert, Vater und Sohn drehen eine Runde im Tretboot, jemand rettet mit dem Paddel einen Hut und am Ufer haben Sonnenanbeter und Badenixen ihren Spaß. Weiter gehts zur Insel Mainau. Und da siehts genau so aus, wie ichs ja immer befürchte und deshalb zuhause bleibe: es pilgern Massen über die selbstverständlich wunderschöne Blumen-Insel.

Kinder ziehts vor allem in den Streichelzoo und auf den Abenteuerspielplatz, die Inselbahn tuckert am Ufer entlang, ein Koch tischt leckeren Gugelhupf auf und jemand bessert die Abgrenzung am Baumbeet aus. Wie auf allen Seiten, lohnt es sich auch hier, genau hin zu schauen. Viele Details erkennt man erst auf den zweiten, dritten oder vierten Blick:

rechts unten fischt nämlich jemand eine Flaschenpost aus dem Wasser, links oben kauft jemand eine Postkarte und am ganz unteren Bildrand klettert jemand ziemlich weit auf einen Baum.

Tina Krehan kommt fast ganz ohne Text aus und trotzdem ist schnell klar, wo sich „Leser“ gerade befinden: in Meersburg zum Beispiel durch den Blick vom See aufs charakteristische Stadtpanorama, Überlingen kann nicht zuletzt durch die Therme gut verortet werden, die Insel Reichenau stellt sich mit Gewächshäusern und Campingplatz vor.

Bregenz ist weniger durch die Stadt, als durch seinen Alpenwildpark und die Pfänderbahn vertreten, glanzvoller Höhepunkt im Buch ist eine funkelnde Feuerwerk-Szene beim Konstanzer Seenachtsfest, in der sogar die SWR3-Bühne zu sehen ist. Die hintere Buchklappe ziert eine Luftansicht von Lindau vor Alpenkulisse.

Besonderen Spaß macht es, die dicken Kartonseiten mit kleinen Kindern umzublättern, aber auch Erwachsene werden ihren Spaß am Bodensee-Wimmelbuch haben. Vor allem, wenn sie ihre Lieblingsorte von ganz neuen Seiten sehen.

Tina Krehan „Der Bodensee wimmelt“, 16 Seiten mit ganzseitigen Farbillustrationen, Pappbilderbuch, 14 Euro 90, Silberburg-Verlag

inspiration pur: handmade kultur

2017_02_mit_heft-600x759Selber machen liegt im Trend: mit Schleifpapier und Farbe werden langweilige Möbel shabbychic, wer auf sich hält macht seine Grußkarten mit Embossing-Technik selbst, das gute alte Fotobuch heißt jetzt Scrapbook und wird mit gestanzten Papierformen und weiteren „Zutaten“ aufgehübscht und die selbst gekochte Marmelade wird kunstvoll verpackt zum besonderen Mitbringsel.

Auch Handarbeitsklassiker wie Nähen oder Häkeln sind beliebt wie selten und erfahren einfallsreiche Trends. Selbst Makramee kann sich wieder sehen lassen! Kaum ein Material bleibt ungenutzt:

derzeit liegen zwar Kork und Beton ganz vorne, auch Holz ist schwer angesagt, aber auch Dornröschenschläfer wie Draht, Filz, Serviette, Peddigrohr oder Speckstein präsentieren sich von völlig neuen Seiten.

Kerzen gießen, Bücher und Schachteln binden, Origami-Sterne falten, Papier schöpfen, Linoldrucke gestalten – auch mich hat die DIY-Welle voll erfasst und spült mich an immer neue Ufer. Die nächsten Experimente stehen schon auf der Liste: Seifen machen und Reliefgießen!

Bei aller kunterbunter Kreativität und Probierlust: ganz ohne Inspiration von außen geht es nicht! Das Internet bietet da schier endlose Quellen und Ideen, aber grade wenns um „Handarbeit“ geht, darfs gern mal etwas Haptisches sein. Das DIY-Magazin Handmadekultur zum Beispiel.

Keine Angst: Redaktion und Leser tauschen sich selbstverständlich auch in der virtuellen Community aus, aber es macht halt trotzdem Spaß, im neuen gedruckten Magazin zu blättern.

Neue Trends und Ideen, Selbermacher- und Handwerker-Portraits, Buch- und Blogvorstellungen, Links zu interessanten Seiten und Themen, Anleitungen, Schnittmuster, Rezepte, Termine und Kolumnen: hier gibts wirklich alles was das Crafter-Herz begehrt!

Das Magazin ist so kreativ und vielfältig wie die Szene selbst, auch kulinarische Trends werden aufgegriffen. Und würde ich Kraut, Karotten & Co. nicht schon länger fermentieren – ich hätte sicher nach dem Portrait über Ferment-Fan Alexis damit angefangen.

Ich stell mir das gar nicht so einfach vor, bei all den Trends und Möglichkeiten den Überblick zu behalten und dann noch bestimmte Techniken, Materialien und Ideen fürs aktuelle Heft auszuwählen.

Obwohl die Redaktion das immer ganz gut gewuppt hat, erscheint das gedruckte Magazin seit Juli 2017 nicht mehr regelmäßig. Dafür ist die bestens vernetzte Onlinegemeinde lebendig wie eh und je. Und: die Freude über ein neue Ausgabe ist eben um so größer – schaut mal rein! Wann die erscheint und vieles mehr erfahrt Ihr auf www.handmadekultur.de

mias welt der farben

ha2767_gWelche Farbe hat eigentlich ein Kuss? Das fragt sich Mia auch!

Mit ihrem Fahrrad braust Mia gerne durch die Gegend. Sie liebt Schwalben, Erdbeertörtchen und Geschichten, die ihre Mama erzählt. Was Mia am allerliebsten mag? Malen!

Mit ihrem Pinsel taucht sie ein die Welt der Farben: Mia weiß, wie sie rote Marienkäfer, einen blauen Himmel und gelbe Bananen malt. Auch bei Raketen, Pinguinen oder Gorillas weiß Mia genau, welche Farben sie verwenden kann. Aber ein Kuss?

Ist er vielleicht rot wie Spaghettisoße? Eher nicht – rot wird man doch auch vor Wut. Ist er grün – wie Krokodile? Gelb wie Sonnenblumen und Honig? Braun wie Herbstlaub oder weiß wie Schnee? Rosa wie Mias Lieblingstörtchen oder blau wie Wasser? Nein, jedesmal passt was nicht für Mia. Sie ist ratlos. Jetzt kann nur noch Mama helfen!

Mit ihrem Buch „Welche Farbe hat ein Kuss?“ hat die katalanische Autorin Rocio Bonilla ein kleines Gesamtkunstwerk geschaffen: Pfiffige Texte und liebevoll-lebendige Illustrationen nehmen kleine Leser mit in Pias Gefühlswelt und ins Reich der Farben, wo sich Pflanzen, Tiere und andere Wesen tummeln.

Abwechslungsreiches Handlettering und eine verspielte Seitenaufteilung unterstützt die kreativ-inspirierende Anmutung des Buches. Auf der letzten Seite gibts sogar Platz zum Selbstmalen, außerdem liegt ein Poster bei: es zeigt ein lustiges Motiv aus Mias Farbenwelt und hat am linken Rand ein Zentimetermaß, auf dem Mama und Papa markieren können, wie groß ihre Nachwuchskünstler geworden sind.

Ich glaube, fast jedes Mädchen und ganz viele Jungs möchten Mia unbedingt als neue Freundin haben!

Rocio Bonilla „Welche Farbe hat ein Kuss?“, 32 Seiten, Hardcover im Querformat, durchgehend farbig illustriert, 15 Euro, Jumbo Verlag