tomatenpesto und ingwersenf

pesto_und_senfHeute gestehe ich mal was, das mir manchmal ein bisschen peinlich ist: ich bin völlig verrückt nach Dips und Saucen, Pesto, Pasten, Senf und Aufstrichen. Sie passen einfach zu fast allem: zur Rohkostmöhre, zu Pasta sowieso, zu Dinkel, Grünkern, Buchweizen ebenso wie zum frisch gebackenen Brot. Und da ich überwiegend Gerichte mit maximal zwei Hauptzutaten koche, geben Pesto, Pasten & Co. so gut wie jedem Essen Charakter und Pfiff und sorgen für immer neue Geschmackserlebnisse!

Einen kleinen Nachteil haben die leckeren Alleskönner allerdings: sie sind in guter Qualität nicht gerade billig und wenn der Bedarf wie bei mir überdurchschnittlich hoch ausfällt, kann das leicht ins Geld gehen. Deshalb mache ich vieles bereits selbst und da kam mir die Neuerscheinung „Tomatenpesto und Ingwersenf“ gerade recht:

Susanne Oswald stellt abwechslungsreiche Rezepte für Senfe und Senfsaucen, für Dips und Würzmischungen vor – von salzig bis süß ist für jeden Geschmack etwas dabei. Das Buch beinhaltet eine kleine Senfkunde – ich wusste gar nicht, dass Senf soviele wertvolle Inhaltsstoffe hat – und wie man ihn aus Senfkörnern selbst machen kann. Das behalte ich ich mir allerdings für später vor.

Für den Anfang habe ich ein paar Rezepte umgesetzt, die mit mittelscharfem Senf schnell angerührt sind – Curry- Tomatensenf zum Beispiel. Und ich habe etwas gemacht, das ich sonst tunlichst vermeide: ich habe Geschmackskombinationen ausprobiert, die ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte!

Das Rezept für Erdnuss-Senf mit Erdnuss, Zitrone, Honig, Cayenne und Kreuzkümmel war so ein Fall. Obwohl die Autorin meinte, der Senf sei sofort einsetzbar, muss ich sagen, dass sich meine neue „Aromenmischung“ am Anfang nicht so recht gegen den mittelscharfen Senf durchsetzen konnte. Mag sein, dass es auch an der Senfmarke lag.

Nach einem Tag ziehen lassen, schmeckte der Erdnuss-Senf allerdings überraschend: die Erdnussbutter nahm dem Senf angenehm exotisch die scharfe Spitze, die Zitrone sorgte für leicht fruchtige Frische, während die Gewürze eine zünftige Basis legten, die vom Honig elegant abgerundet wurde. Ich spreche in der Vergangenheit, der Senf war nämlich ganz schnell weg 😉

Da ich einen Großteil der Zutaten nun eh zuhause hatte, reichte es noch gut für die Bananen-Erdnuss-Sauce, die ebenfalls mit Honig und Zitrone verfeinert wird. Statt sie wie empfohlen zu Pfannkuchen und Vanilleeis zu servieren – bestimmt auch sehr lecker!-, ist die Sauce in meiner Küche zum Beispiel ein prima Begleiter fürs Morgenmüsli.

Wenn meine Kräuter im Garten soweit sind, probiere ich auch den „Salatspaß“, eine Gewürzmischung mit Liebstöckel, Dill, Schnittlauch, Petersilie & Co. Außerdem steht das Kichererbsenmus auf dem Zettel, mit dem ich künftig einige Vesperbrote und Mitnahme-Doppeldecker zu bestreichen gedenke!

Auch der Kokos-Senf, die Ananas-Minz-Sauce und die Auberginen-Knoblauch-Paste klingen so, als ob ich sie dringend mal testen sollte…Hoffe, ich konnte Euch ebenfalls in die Küche locken um Senf, Saucen, Würzmischungen und Pasten zu rühren – Ihr könnt ja bei Gelegenheit einen Kommentar hinterlassen, welches Eure Lieblingskreation geworden ist!

P.S. Auch als Mitbringsel sind Pesto, Senf und Gewürze natürlich eine tolle Sache!

Susanne Oswald „Tomatenpesto und Ingwersenf. Senf, Dips, Gewürzmischungen selber machen“, 72 Seiten mit vielen Farbfotos, Hardcover, 14 Euro 99, Thorbecke Verlag

 

müsliriegel und fruchtschnitten selbst gemacht

978-3-7995-1149-0„Eigener Herd ist Goldnes wert“. Ich finde solche Sprichwörter ja oft fade und manchmal auch längst überholt, aber das hier, scheint mir doch ein zeitlos-wahres zu sein! Vor allem für Vegatarier, Veganer, Rohköstler und andere „kulinarische Abweichler“ ist die eigene Küche ein Refugium: hier muss ich niemandem erklären, warum ich auf Rinderbraten, Produkte aus Palmfett oder auf Eier verzichte, wenn ich sie nicht gerade von den Hühnern der Nachbarin nebenan bekomme.

Doch was ist unterwegs? Ich bin viel auf Kunsthandwerkern zu finden und da ist gutes Essen oft teuer: manchmal schaffe ichs ja, mir vorher noch frisches Brot zu backen und Doppeldecker zu schmieren oder einen Kartoffelsalat in die „Tupper“ zu bekommen, aber meistens wirds ein vergleichsweise teures Produkt vom nächstegelegenen Supermarkt, das mir an Markttagen dem Magen füllt.

Auf Schoko- und Müsliriegel habe ich schon lange verzichtet: zu süß und vor allem – ebenfalls viel zu teuer! Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als der Thorbecke Verlag dieses Buch auf den Markt brachte: „Müsliriegel und Fruchtschnitten – gesund, köstlich, selbst gemacht“ zeigt mit 15 Rezepten, wie der Lieblingsriegel schnell und einfach in der eigenen Küche zubereitet wird.

Aus Honig, Butter, Haferflocken, Chiasamen, Ölsaaten und Nüssen, Schokolade, Trockenfrüchten, Vanille und anderen Gewürzen entstehen Powerriegel, Müsli-Cookies Fruchtbites und Fruchtbars für jeden Geschmack. Wer ohne Gepufftes und Crunch-Effekt nicht mag, mischt einfach gepuffte Quinoa und Cornflakes in die Masse und schon knusperts und knackts noch mehr am Gaumen!

Ich konnte mich zuerst nicht so richtig entscheiden zwischen all den verführerischen Kreationen wie Erdnuss-Salz-Karamell-Riegel, Apfeltraum mit Zimt, Pekanuss & weißer Schokolade und Nougat-Haselnuss-Riegel und so habe ich höchst motiviert mit dem Rezept angefangen, für das ich die meisten Zutaten im Haus hatte.

Einmal am Wiegen und mischen, kamen schnell noch ein paar Zutaten – wie Sesamsaat – dazu, dann kam die Masse daumendick aufs Backblech. Zuerst war ich skeptisch, ob das alles einigermaßen fest wird und vor allem: obs auch schmeckt! Nach einer halben Stunde Backzeit war es soweit: ich konnte goldbraun gebackene Nuss-Bananen-Sesam-Mischung tatsächlich in Riegel schneiden.

Zwar wurde mein persönlicher Powerriegel nicht ganz so knusprig wie ich dachte, aber es war auf jeden Fall ein Riegel mit fester, kerniger Konsistenz und ich glaube, je nachdem, wie viele „weiche“ Zutaten im Rezept drin sind, ist in Sachen Knusprigkeit und mit leicht verlängerten Backzeit noch was rauszuholen…

Leider hat mein Riegelvorrat nicht all zu lange gehalten, sie haben auch zuhause einfach zu lecker geschmeckt und ich hatte beim Vernaschen ein richtig gutes Gewissen! Aber ich weiß ja, wie ich ganz schnell neue Backen kann – spätestens für den  Frühjarsmarkt im März startet die nächste Produktion. Rechtzeitig.

Auch die beiden „herzhaften“ Rezepte – Tomaten-Käse-Pinienkern-Rauten und Oliven-Parmesa-Cracker – klingen, als sollte ich sie dringend ausprobieren!

Nileen Marie Schaldach „Müsliriegel & Fruchtschnitten – gesund, köstlich, selbst gemacht“, 64 Seiten mit tollen Fotos, Hardcover, Thorbecke Verlag

 

brühe – ein klassiker wird trendy

978-3-7995-1098-1Gemüsebrühe hat bei mir immer Saison: ob heiß gekocht in der kalten Jahreszeit, als Geschmacksgrundlage für Grünkern, Gerstengraupen & Co und – weil ich bisher allermeisterns die pulverisierte Version von Alnatura verwendet habe – gerne auch als Streuwürze aufs Butterbrot.

Jetzt hab ich durch ein Buch von Vicki Edgson und Heather Thomas aus dem Thorbecke Verlag erfahren, dass Brühe DER neue Gesundheitstrend in den USA und Großbritannien sind. Ich zitiere bewusst nicht „aus“, denn so lange ich denken kann, war Brühe auch hierzulande einfach unverzichtbar – gerade in Schwaben, dem Ländle findiger Resteköche, kreativer Suppen-Kasper und Freunden vielseitiger Eintöpfe und Aufläufe.

Trotzdem finde ich das Buch klasse, denn es würdigt endlich ein oft unterschätztes Küchenprodukt: vor allem selbst gekochte Brühe ist voller Nährstoffe, leicht verdaulich und einfach gesund für Haut, Darm, Gelenke und Immunsystem und sie passt zu ziemlich jeder Ernährungsform. Und obwohl ich seit rund zwei Jahren so vegan wie möglich lebe, muss ich zugeben: es gibt kaum ein besseres Hausmittel bei Grippe als eine duftend-heiße Hühnerbrühe!

Brühe ist einfach und schnell gemacht und: sie kann auch prima auf Vorrat gekocht werden. Dass sie gleichzeitig noch die Seele nährt, brauch ich niemandem zu erzählen, der schon mal an einem kalten Wintertag eine dampfende Tasse aromatischer Brühe ausgelöffelt hat.

Weil also Brühe soo toll ist, darf das Buch meiner Meinung nach auch einfach „Brühe“ heißen. Dass sie neuerdings als Powerfood gehandelt wird – geschenkt! Nach einer wirklich kurzen, aber sehr informativen Einführung über Brühe als Naturheilmittel gehts auch gleich los mit zehn Rezepten für die „wichtigsten“ Brühen:

zwar klingen Klassische Rinderbrühe, Markknochenbrühe, Wildgeflügel-, Krustentier- und Fischbrühe super lecker – und genau so sehen sie auf den Fotos von Food-Stylistin Jennifer Joyce und Fotografin Lisa Lindner aus! -, ich werde mit der Gemüsebrühe rundum glücklich.

Außerdem habe ich vor Kurzem die fantastische Zwiebelgemüsebrühe für mich entdeckt. Vor allem der gute Schuss Weißweinessig der in beide Brühen reinkommt, macht für mich den ganz besonderen Hochgenuss. Ab jetzt wird ganz klar öfter geschnippelt!

Bei jedem Brühenrezept stehen zwei, drei schnelle Tipps für saisonale, geschmackliche oder etwas nahrhaftere Abwandlungen, und wer seine Lieblingsbrühe neu entdecken möchte, findet in den Folgekapiteln 50 großartige Rezepte für Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte sowie für Reis und Getreidegerichte, bei denen Brühe eine Hauptrolle spielt:

zum Beispiel Französische Zwiebelsuppe, Kürbis-Limabohnen-Suppe mit Tarka, Rote-Bete-Suppe mit Meerrettichsahne, Dinkel mit Wildpilzen, Dal mit gegrillten Süßkartoffeln oder Perlgraupen mit Röstgemüse und Tahini-Sauce (steht bei mir als nächstes auf der Liste).

Einige Gerichte vertragen für meinen Geschmack ohne Weiteres eine Gemüse- statt der angegebenen Fleischbrühe, beim Radicchio-Risotto stehen beispielweise beide Varianten im Rezept. Nie wäre darauf gekommen, dass der rote Salat und Reis eine äußerst spannende Kombi abgeben. Oder gar, dass ein Schuss Wermut die leicht bittere Geschmacksnote des Radicchios wunderbar abrundet.

Dazu die leicht-fruchtige Säure des Weißweins – genau mein Ding! Dieses Risotto hab ich ratzfatz alleine gefuttert, es war Liebe auf den ersten Biss! Mit Rezepten für raffinierte Saucenklassiker auf Brühenbasis schließt das Brühenbuch, das mir sicher noch eine ganze Weile lang schmackhafte Inspirationsquelle sein wird…

Vicki Edgson, Heater Thomas „Brühe. Powerfood für Genuss, Gesundheit & Wohlbefinden“, 176 Seiten, Hardcover, 19 Euro 99, Thorbecke Verlag

küchle, curry und carpaccio

U_Becker_KuechleCurryCarpaccio_03.inddEssen ist mehr als Nahrungsaufnahme – das weiß jeder, der sich nur ein bisschen mit dem Thema beschäftigt (hat). Jetzt zeigt ein neues Kochbuch aus dem Silberburg-Verlag, wie lecker nachhaltiges Kochen sein kann und welch gute Synergien allein durch bewusstes Essen entstehen.

„Küchle, Curry und Carpaccio“ von Marianne Becker und Claudia Mocek ist nicht einfach nur eine weitere Rezeptesammlung: das schön gestaltete Buch gibt einen spannenden Einblick in die „Kochzentrale“ der Akademie Bad Boll – ein Seminarzentrum, in dem zehntausenden Seminarteilnehmern pro Jahr bis Mitte der 1980er bedenkenlos Konservengemüse und Tütensuppe aufgetischt wurden.

Das hat sich nachhaltig geändert – im wahrsten Sinne des Wortes: irgendwann „hatten es  die damalige Hauswirtschaftsleiterin Ingrid Hess und Studienleiter Jobst Kraus satt, ihren Gästen „fade und ressourcenintensiv produzierte Gerichte anzubieten“ und sie beschlossen: Die Küche bleibt im Dorf!

Mit gutem Willen und viel Engagement bewies das Küchenteam, dass auch in einer Großküche schmackhafte, ökologisch und sozial verträgliche Kochkultur möglich ist. Es danken vor allem die Seminarteilnehmer, denen das sechsköpfige Küchenteam mit handwerklichem Geschick, Kreativität und Liebe zu den Produkten vom Frühstück bis zum Abendessen genussvolle, abwechslungsreiche Gerichte serviert.

Aber auch der örtliche Metzger profitiert von seinem „geläuterten“ Stammkunden und bereut es nicht, nach anfänglichem Zögern auf Fleisch aus biologischer Tierhaltung umgestellt zu haben. Wie weit die positiven Effekte einer nachhaltigen Ernährung tatsächlich reichen, erklären kurz, gut verständlich und praxisnah zum Beispiel der Ernährungswissenschaftler Dr. Klaus Seitz, die Vorsitzende des BUND Baden-Württemberg Dr. Brigitte Dahlbender sowie zahlreiche Landwirte, Erzeuger und Lieferanten.

Auch die jeweilige Saison und das aktuelle Angebot der Lieferanten wird auf dem Speisezettel berücksichtigt: gibts beim Gemüsehändler viele Zucchini, kennt das Küchenteam bestimmt ein leckeres Rezept für die grünen Strauchfrüchte.

Durch die Umstellung am Kochtopf wurde die Küche ganz nebenbei zum pädagogischen Partner der Akademiearbeit, denn die Evangelische Akademie Bad Boll „steht für Begegnung und Diskurs: In Tagungen und Projekten bringt sie politisch Verantwortliche, Betroffene, Bürger, Wissenschaftler sowie Vertreter der Zivilgesellschaft an einen Tisch“, schreiben die Autoren im Vorwort.

Pro Jahr sind das insgesamt fast 30 000 Gäste, die in Tagungen nicht mehr theoretisch über Welternährung, Umwelt- und Entwicklungspolitik diskutieren, um sich anschließend Braten zweifelhafter Herkunft einzuverleiben, nein: hier kann sich nun jeder Gast selbst im Speisesaal selbst davon überzeugen, dass Nachhaltigkeit und Genuss wunderbar Hand in Hand gehen können.

Und weil in der Akademie auch andere Bereiche ökologisiert wurden – ein Großteil des verbrauchten Stroms wird selbst erzeugt, die Toiletten spülen mit Regenwasser und der Akadmie-Dienstwagen ist ein Elektroauto – ist sie seit 2003 ein nach der Öko-Audit-Verordnung EMAS zertifizierter Betrieb. Die Küche erhielt ihr Bio-Zertifikat schon lange vorher.

Nun stellen Marianne Becker und Claudia Mocek das Bad Boller Erfolgsrezept mit einem zweiten Kochbuch vor (das erste ist schon seit langer Zeit vergriffen!). Mit appetitlichen Fotos von Valentin Marquardt und Martina Waiblinger, mit kreativen Kochideen sowie kurzen Erfahrungsberichten – zum Beispiel von Studienleiter Jobst Kraus – macht das Buch Lust auf knackfrische Zutaten und raffiniert abgestimmte Gerichte, die nach Jahreszeit geordnet sind.

Meine Favoriten: Weißkrautcurry mit Kartoffelwürfeln, Badische Grünkernsuppe, Grünkernküchle mit gebackenem Hokkaido (ja, ich steh halt ziemlich auf die leicht rauchige Note von Grünkern…) und irgendwann wage ich mich ganz bestimmt an die Kohlrouladen mit würziger Couscousfüllung und Kräutersauce…

Keine Angst: das Buch ist nicht nur was für Körnerfans! Bei Melonen-Gurkensalat, Süß-Saurer Asia-Gemüsepfanne, Zanderfilet auf Tagliatelle, Kürbis-Spinatstrudel mit Feta, Kirschauflauf oder Cassiscreme ist sicher für jeden Geschmack etwas dabei. Lassts Euch schmecken!

Marianne Becker, Claudia Mocek „Küchle, Curry und Carpaccio. Nachhaltig leckere Rezepte aus der Akademie Bad-Boll“, 160 Seiten, Hardcover, 19 Euro 90, Silberburg-Verlag

stuttgarter charakterköpfe

U_Betz_Stuttgarter Charakterkoepfe_04.inddZu den „Helden des Südwestens“ passen prima die „Stuttgarter Charakterköpfe“: markant, haargenau und sehr persönlich – so portraitieren Wilhelm Betz und Uwe Bogen  Stuttgarter, die ihre Stadt nennenswert prägen und mitgestalten. Dabei sind Unternehmer, Moderatoren, Entertainer, Kabarettisten, (Sterne-)Köche, Opernsänger, Jazzgitarristen, Tanzlegenden, Fußballspieler, Intendanten und Schulleiter, Winzer, Autoren und last but not least Fotografen aller Genres.

Die Auswahl ist bekennend subjektiv und dem portraitgeschulten Interesse von Wilhelm Betz geschuldet. Immerhin gab es das Schwarzweiß-Fotoprojekt „Stuttgarter Charakterköpfe“ mitsamt Ausstellung bereits vor der Buchausgabe. Und bevor sich meine Leserinnen, wie ich anfänglich selbst, ein bisschen echauffieren – die Frage, warum im Buch nur Männer vorkommen, beantwortet Uwe Bogen gleich im Vorwort:

Wilhelm Betzens spezielle Aufnahmetechnik und Nachbearbeitung zeigt jede Pore überdeutlich, während sich weibliche Eitelkeit eher mit weichem Licht und wohlwollender Reusche wohlfühlt. Trotzdem trau(t)en sich – wie ich aus allererster Hand erfahren habe – auch einige Stuttgarterinnen und ihre Portraits erscheinen noch dieses Jahr in der weiblichen Ausgabe der Stuttgarter Charakterköpfe.

Doch zurück zu den männlichen Stuttgartern! Da die einzigartigen Bilder von Wilhelm Betz im Grunde für sich sprechen, konzentriert sich Uwe Bogen in den knappen Begleittexten aufs Wesentliche: auf die Stärken und Schwächen des jeweils Portraitierten, was er an Stuttgart liebt, was ihn im Kessel ärgert und was er sich für die Landeshauptstadt wünscht.

Und da zeigt sich schnell, dass eine Schwäche je nach Situation zur Stärke werden kann und umgekehrt. Auch bei den Wünschen wird rasch klar: der immer noch spürbare Minderwertigkeitskomplex der „Kehrwochen“-Metropole Stuttgart, schier blinde Bau- und Abrisswut sowie Staus und Feinstaubbelastung tun der Stadt und ihren Bewohnern einfach nicht gut – da sind sich Vincent Klink,  Gerhard Raff, Bernd Kreis, Werner Schretzmeier, Herbert Joos, Richard Böhmer, Cornelius Hauptmann und Gert Aldinger einig!

Und da ist derzeit guter Rat teuer, wenn schon der Einzelhandel vor der Stadtverwaltung aktiv wird und Lösungen anbietet. „Das“ mit dem Vfb, mit dem große Literaturfestival – ein Wunsch von Wolfgang Schorlau – sowie mehr Kunst und Kultur wie Werner Schretzmeier visioniert, scheint derzeit eher machbar. Und wer Stuttgart kennt, weiß, dass der Status „Kulturhauptstadt“ nicht von ungefähr kam, sondern dem unermüdlichen Engagement vieler Charakterköpfe zu verdanken ist.

„Stuttgarter Charakterköpfe“ ist eine eindrucksvolle Fotogalerie für zuhause, mit ganz persönlichen Ein- und Ausblicken – ein Buch, das man immer wieder gerne durchblättert. Genau deshalb bin ich jetzt schon sehr gespannt auf die „Lady-Edition“.

Wilhelm Betz, Uwe Bogen „Stuttgarter Charakterköpfe“, 128 Seiten, 60 Schwarzweiß-Fotos, Hardcover, 29 Euro 90, Silberburg-Verlag

helden des südwestens

U_Moritz_Helden_06.inddWas haben Sepp Herberger, Jogi Löw, Boris Becker und Steffi Graf gemeinsam? Sie sind Helden des Südwestens! Keine Angst – Rainer Moritz widmet sein neues gleichnamiges Buch nicht nur Sportgrößen aus Baden-Württemberg, sondern denkt an alle Großen, die Generationen von Südwestlern ein Gefühl von Heimat und Zusammengehörigkeit gaben, die noch lebendig in Erinnerung sind und es vermutlich noch lange bleiben.

Dazu zählen neben den erwähnten Sportassen natürlich Stars wie Gotthilf Fischer, Andrea Berg oder Anneliese Rothenberger, der zapplige Kabarettist Mathias Richling, der schlagfertige Harald Schmidt, der „Schwaben-Columbo“ Bienzle, der unersetzliche Nachtcafé-Moderator Wieland Backes oder der unerschrockene Remstal-Rebell Helmut Palmer, dem jedes noch so kleine Mäuerle und jeder Bürgersteig reichte, um Fußgängerzonen, Marktplätze oder auch Eingänge von öffentlichen Gebäuden zu seiner ganz persönlichen Speakers‘ Corner zu machen.

Und ja, er hatte was zu sagen, der Obstbauer aus Geradstetten, wetterte gegen die damals ungebrochene „Willkürherrschaft“ der CDU und wurde mit schwäbisch-humoristischen Reimen das selbst ernannte gute Gewissen vernobter Parteibonzen und Vetterles-Wirtschaftsbürgermeistern.

Apropos Bürgermeister: Hannes und der Bürgermeister, das kongeniale Komödien-Duo aus der Mäulesmühle sowie Häberle und Pfleiderer dürfen natürlich nicht fehlen. Und wo wir gerade bei Duos sind: ich hab Werbung im regionalen Vorabend-Programm des Ersten vor allem wegen den legendären Werbetrennern Äffle und Pferdle geguckt.

Weitere unvergessene Comic-Helden und eine äußerst clevere Werbestrategie waren Lurchi und seine Freunde – auch wenn die Schuhe noch gut waren, musste so manche Mutter unbedingt zu Salamander, damit der Nachwuchs ans ersehnte neue Lurchi-Heft kam. Gerade fällt mir ein: ich hatte doch tatsächlich drei gebundene Lurchi-Bücher mit fast allen Episoden, die ich heiß und innig geliebt habe. Lurchi fehlt, gar keine Frage!

Wenns um Erinnerungen geht, dürfen Gerüche und Geschmäcker nicht fehlen, deshalb bekamen auch Knorr & Maggi ein Kapitel – ohne die Glutamatbombe Aromat und die braune Speisewürze war ein Sonntagsessen noch vor gar nicht langer Zeit undenkbar!

Laugenbrezel, Maultaschen und Spätzle stehen in der Helden-Riege heute noch in der ersten Reihe, sogar die Capri-Sonne – im Grunde ein undefinierbares „Fruchtsaftgetränk mit Orangensaft“ im einzigartigen Standbodenbeutel – schaffte es in die Helden-Galerie des Südwestens.

Besonders witzig fand ich das Kapitel übers Henkelesglas: dass ein mit Trollinger oder Lemberger gefülltes Henkelesglas ein „Mediationsstifter“ ist, wie Rainer Moritz schreibt, das spürte ich schon als Kind irgendwie. Kurios fand ich, dass das Henkelesglas 2005  Thema beim Matheabi wurde:

als Rotationskörper war es Grundlage für einen anspruchsvollen Funktionsterm und eine diffizile Berechnung, mit der die exakte Position der Eichmarke beim 250 cm³-Glas bestimmt wurde. Außerdem interessierte den baden-württembergischen Schuldienst, wieviel Kubikzentimeter Glas für ein Henkelesglas ohne Henkel benötigt wird.

Weil nirgendwo so viele Patente und Erfindungen angemeldet werden wie in Baden-Württeberg, hat auch der schier unverwüstliche Fischer-Dübel einen Platz im Buch gefunden, gefolgt von der bei Sammlern heiß geliebten Märklin-Eisenbahn, von Daimler, Porsche und hochwertigen Stofftieren der Firma Steiff.

Und weil auch immaterielle Helden zum Lebensgefühl im Ländle gehören, hat Rainer Moritz „Schwäbische Grüße“ – also südwestliche Schimpfvielfalt – mit aufgenommen, an die  legendären SDR-Radiosendungen „Schlagerskala“ und „Sie wünschen – Wir spielen“ gedacht und die Abendserien „Oh Gott Herr Pfarrer“ und „Die Fallers“ nicht vergessen.

Auch wenn die Sympathieverteilung bei den jeweils vorgestellten Protagonisten äußerst subjektiv  ausfallen wird: Dieses Buch trägt seinen Titel mit Fug und Recht und ist ein facettenreiches, unterhaltsames Helden-Kompendium, das wohl jedem Leser aus dem Ländle sowie Freunden unseres Südweste(r)ns Spaß machen wird!

Wer den Autor live erleben möchte: am kommenden Donnerstag um 20 Uhr stellt Rainer Moritz seine Helden im Theaterschiff Heilbronn vor.

Helden des Südwestens. Was wir lieben. Lurchi, Löw und Laugenbrezel.“, 176 Seiten, Querformat gebunden, 19 Euro 90, Silberburg-Verlag