gebt der wildnis das wilde zurück!

Der Mensch entdeckt seine Wurzeln wieder! Ob Grasrootsbewegung oder Bio-Möhre: je mehr sich Städte ausbreiten und Grünflächen zubetoniert werden, desto stärker wächst die Sehnsucht nach unberührter Natur, nach Stille und ursprünglicher Erholung.

fero Und während die einen ihre Wanderschuhe schnüren und andere ihre Dachterrasse begrünen, erzählt Michael Wachtler in seinem neuen Buch „Gebt der Wildnis das Wilde zurück“ in allen Farben der Jahreszeiten so einfach, schön und aufrüttelnd die Geschichte von Fèro, einem Kräuterkundigen, der in und mit der Natur lebt, ihre Sprache und dadurch die Geschichte seiner Heimat versteht. Und der sich bedingungslos für ihren Erhalt einsetzt.

In eine kinderreiche Familie geboren, wuchs Ferruccio Valentini bereits mitten in den Dolomiten fern jeglicher Zivilisation auf. Kühe melken, Heu einbringen, Äpfel- und Birnbäume pflegen gehörten von Kindheit an zu Fèros täglichen Tätigkeiten.

Bei Tierheilern lernt er Wert und Wirkung der Kräuter kennen und schätzen und bald setzt er sie – frisch oder getrocknet – selbst ein. Mit gekochter Gerste, Malvenkraut und Wermut rettet er ein Kalb vor dem sicheren Tod. Mit 17 kümmert er sich intensiv um die Obstbäume der Familie und lernt, dass die Bäume und Früchte immer klar zu erkennen geben, was ihnen fehlt. Es folgen Jahre als Senner auf der Alm und eines Herbsttages zieht Féro „ohne Not“ an den Tovelsee. Er ist dort der einzige Bewohner.

Hier will er ein „Beobachter der Landschaft und der Zeit“ werden, durchstreift tagelang und kilometerweit die Berge und Wälder, trifft Bären, folgt Rehen, Gemsen, Hasen, Adler und Auerhähnen und dringt immer tiefer in das Wesen der ihn umgebenden Flora und Fauna ein. Er wird ein Teil ihrer Art zu leben, ein Teil ihres Wesens.

„Was bringt ein flüchtiger Aufenthalt in Rom, New York, Tokio oder London, wenn man nicht imstande ist, den Berg oder den Baum vor der eigenen Haustür zu erkennen?“, ist der Naturverbundene überzeugt. „Meine Werkhalle war der Lebensraum der Bäume und Sträucher. Als Maschinen und Werkzeuge benutzte ich nur meine Hände. Ich sammelte Kräuter, Pflanzen, Pilze und Beeren, um mich davon zu ernähren“, so Fèro.

Die Suche ist oft mühsam, doch schmeckt nicht jede Beere, jede Frucht von Baum oder Strauch direkt in die Mund geführt nicht immer noch am besten? Das „gezähmte“ Obst der Supermärkte schmeckt dagegen fad.

Schnell arbeiten musste ich nie, dafür aber beständig. So war meine Zeit immer gut gefüllt. Die Wildnis verwöhnte mich – und ich lernte jeden Tag dazu.“ Féro verstand es meisterhaft, ganz alleine in der Wildnis zu überleben. „Die wenigsten Menschen beherrschen die Kunst des Beobachtens, genau so wie es immer weniger echte Wanderer gibt“, stellt er fest.

„Nur wer im Wald den Wald sieht, ist ein echter Wanderer. Die meisten können das nicht mehr. Wer in dunklen Zimmern sitzt, quält sich. Ihm fehlen die Abwechslungen der Natur. Lasst den Menschen ihre Neugierde. Gerade den Kindern. Die Natur hat noch niemanden verjagt, der aufrecht in sie gegangen ist.“

Gier und Gerichtsurteile

Als die Dolomiten 2009 zum UNESCO Naturerbe erklärt werden, gerät der einfache Naturmensch Féro ins Fadenkreuz von Investoren, Justiz und Polizei. Von heute auf morgen werden uralte Felsen gesprengt, hier sollen Hotels und Infrastruktur für Touristen entstehen, die stickige Büros und Vorstadtgärten für ein paar Tage gegen „Wildnis“ eintauschen möchten. Mit Vollpension versteht sich.

Die Maßnahmen, Verbote und Repressalien denen sich Fèro wegen seiner klaren und einfachen Worte gegen die Bauwut gegenüber sieht, spotten jeder Beschreibung. Doch auch als ihm schließlich der Besuch zum eigenen Haus verboten wird, setzt er sich ungebrochen für den Erhalt der ursprünglichen Landschaft ein, hält Vorträge, teilt sein Wissen über Pflanzen und natürliche Zusammenhänge.

„Nicht jene sollten das Land nutzen dürfen, die es erben, sondern jene, die am meisten Freude daran haben“, findet Fèro. „Uns fehlt das Abenteuer des Suchens und Findens. Vom Wilden sollten wir lernen. Es enthält unendlich viel Ursprünglichkeit und Wissen.“

Doch welchen Sinn ergibt es, die gesamte Natur zu kultivieren? Warum lassen wir ihr nicht ihre Ursprünglichkeit? Warum wollen wir von ihrer Originalität nicht mehr lernen? Heute muss etwas Gewinn bringen, um als geeignet eingeschätzt zu werden. Was ist die Folge? Unsere Gebäude sind überdimensioniert, wir brauchen unnötig viel Kleidung, wir essen maßlos, wir verbrennen das Öl, das Jahrmillionen in der Erde lag, konstatiert der Autor.

Wie anders dagegen Fèros Philosophie: Jeder Fleck auf den Wildäpfeln sah für ihn aus wie eine Auszeichnung, war ein Merkmal für das Individuelle einer jeden Frucht.

Wie weit sind wir also weg vom Garten Eden und wie kommen wir wieder rein? Die Angst vor der Wildnis abschütteln, die Natur und ihre Lebewesen beobachten lernen, ist einfach, meint Fèro und gibt stellt nicht nur ein paar seiner liebsten Kräuter und Rezepte, sondern auch ein paar Tipps mit auf den Weg, für alle, die wahrhaftig back to the roots wollen:  „Befreit euch. Sucht möglichst andere Wege der Rückkehr als jene, auf denen ihr schon am Hinweg wart. Beginnt eure Wanderungen nicht am Parkplatz. Lasst Euch nicht vom Wetterbericht lenken. Nehmt keine Telefone und Kopfhörer mit, keine Ortungsgeräte und keine Karten der Wegnetze. Versucht am besten, auf Wegen zurück zu kommen, wo ihr niemals wart. An jene Wanderungen werdet ihr euch ein Leben lang erinnern. Man braucht nicht in ferne Welten zu schweifen, um Neuland zu entdecken. Meist genügen einige Schritte abseits der ausgetretenen Pfade.

Fortgeschrittenen “Wilden” empfiehlt der Kräuterkundige: “Lasst uns in die Wälder und Wiesen ziehen, um das zu suchen, was uns wirklich ernährt. Nahrung, die unseren Geist füllt, gibt es in der Zivilisation selten. In der Wildnis wartet sie nur auf uns,” ermutigt der Kräuterkundige.

Und plötzlich wird einem bewusst: was so einfach klingt, kommt angesichts von Hochhäusern, Shoppingmalls, U-Bahnnetzen, mehrspurigen City-Autobahnen und schwindenden Grünflächen einer echten R(E)volution gleich, die sicher von manchem mitleidigen Lächeln oder sogar Kopfschütteln begleitet wird. Trotzdem hoffe ich, dass dieses Buch noch viele interessierte Leser findet, sich genau so bereichert, bestätigt und in vielen Fragen schlicht ratlos fühlen wie ich.

Aber eigene Lösungen zu finden, hat ja noch nie geschadet. Und wer weiß, hätte Fèro plötzlich doch in der Stadt leben müssen, er wäre eventuell ein begeisterter Urban-Gardener gewesen…

Ganz klar ein Lieblingsbuch des Jahres!

Michael Wachtler „Gebt der Wildnis das Wilde zurück! Ein Mann der Berge kämpft für die Natur“, 226 Seiten, Integralband, 19 Euro 99, Kosmos Verlag

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