vater und sohn – und der mensch dahinter

OhserWerkausgabeU1_lay5.inddWer von Euch kennt noch die Vater und Sohn-Geschichten? Das sind kleine Bildergeschichten, in denen ein recht knubbliger Vater mit Schnauzbart und Glatze und ein pfiffiger kleiner Junge originelle „Lösungen“ für teilweise absurde Alltagssituationen finden.

In meiner Kindheit gab es mehrere Anzeigenblätter, Magazine und Tageszeitungen, die regelmäßig eine Vater und Sohn-Geschichte abdruckten, heute trifft man die beiden eher selten an. Dafür rückte neulich und endlich ihr Erfinder stärker in den Fokus: der Zeichner, Karikaturist und Illustrator Erich Ohser alias e.o.plauen.

Im Film „Erich Kästner und der kleine Dienstag“ spielte Erich Ohser als Freund von Erich Kästner eine so große wie tragische Rolle: der stets gut gelaunte Meister am Zeichenstift wurde nämlich von „Blutrichter“ Roland Freisler zum Tode verurteilt und nahm sich in der Nacht vor der Hinrichtung selbst das Leben.

Bis zum Ende seines Lebens behielt Ohser eine integre und zutiefst mitfühlende Haltung, was ihn im Grunde zu einem zeitlosen Vorbild macht. Zeitlos genial ist auch seine Kunst. Wer mehr über den Ausnahme-Künstler und seine Arbeit wissen möchte:

im Südverlag erschien kürzlich eine großformatige und schwergewichtige Werkausgabe von Erich Ohser, die neben seinen Lebensstationen einen Querschnitt des „an bildnerischen Themen und zeichnerischen Techniken so vielgestaltigen Werkes“ zeigt. Darunter auch bisher unveröffentlichte Arbeiten.

Die Kunsthistorikerin Dr. Elke Schulze und Biografen gehen Ohsers Lebens- und Wirkspuren nach und zeichnen das Bild eines Künstlers, dessen Begabung es ist, „so zu tun, als habe er keine“! Dass er dennoch als begnadeter Künstler in die Kunstgeschichte eingeht, ist dem unbestechlichen Kunstwollen, der fast manischen zeichnerischen Ausdauer und der spielerischen Experimentierfreudigkeit Ohsers zu verdanken.

Aufgewachsen an der böhmisch-sächsischen Grenze, wird der junge Erich Ohser auf Wunsch seiner Eltern Schlosser. Doch bald ziehts ihn nach Leipzig an die Akademie: er  will unbedingt Zeichner werden! Bereits ein Jahr später stellt der Student zum ersten Mal aus. Es folgen Aufträge für die Plauener Volkszeitung und Illustrationen für die Bücher seines neuen Freundes Erich Kästner.

„Ohser ist beliebt, intelligent, hat Charme, kann aber auch seine Meinung äußern, manchmal sogar recht heftig und grob“, ist zu lesen. Ein Charakter, der sich in seinen Arbeiten spiegelt und der ihm später unterm Regime der Nationalsozialisten schließlich in erschütternder Weise zum Verhängnis wird.

Doch zuvor ist Ohser einer der bekanntesten Berliner Künstler, illustriert für nahmhafte Tageszeitungen, Zeitschriften und Autoren, darunter die Hauszeitung der Büchergilde Gutenberg, die Neue Leipziger Zeitung und auch für die sozialdemokratische „Vorwärts“.

Die beiden Erichs verbringen viel Zeit in Cafés, wo sie Zeitgenossen wie Bertholt Brecht, Otto Dix, Egon Erwin Kisch, Carl von Ossietzky, Max Pechstein, Joachim Ringelnatz , Ernst Rowohl, Kurt Tucholsky oder Billy Wilder treffen. Überall ist Ohser als freier Mitarbeiter tätig, das Einkommen wechselt ständig und ist selten üppig.

1934 wird seine Aufnahme in den Fachausschuss der Pressezeichner im Reichsverband der deutschen Presse aus politischen Gründen abgelehnt – die Nazis haben Ohsers bissige Karikaturen vor der Machtergreifung nicht vergessen. Eine Entscheidung, die faktisch einem Berufsverbot gleichkam.

Trotzdem gelangte Ohser noch unter Naziherrschaft zu festem Honorar und großer Bekanntheit: unterm Pseudonym e.o.plauen – eine Kombination aus seinen Initialien und seiner Heimatstadt – veröffentlicht er bis 1937 seine Vater und Sohn-Geschichten.

„Ich bin als Sohn geboren und habe mich im Laufe der Jahre zum Vater emporgearbeitet – habe sozusagen von der Pike auf gedient. Die Vater und Sohn-Zeichnungen sind Erinnerungen an meine Kindheit, ausgelöst durch die Freude am eigenen Sohn“, erklärt Ohser in unvergleichlicherweise Weise seine „Kompetenz“ und den Erfolg der humoristischen Bildergeschichten.

Zu denen gibt es bald jede Menge „Merchandising“, wie man heute sagen würde: Vater und Sohn kommen als Schoko- und Porzellanfiguren auf den Markt, das Duo prangt auf Servietten, Aschenbechern, Anstecknadeln, Keksdosen, Abziehbildern und Sandspielformen und an Fasching „sieht man die ersten Vater und Sohn-Kostüme“.

1936 trifft Erich Ohser trotz aller Berühmtheit das zweite Berufsverbot – vermutlich aufgrund einer neidvollen Intrige. Das Verbot wird recht schnell wieder aufgehoben, doch von jetzt an muss Ohser – wie übrigens alle prominenten Künstler dieser Zeit – auch für das Winterhilfswerk der NSDAP zeichnen.

Auch als viele Künstler-Kollegen schon im Ausland sind: Emmigrieren kam weder für Kästner noch für Ohser in Frage! Und so verneint er die Anfrage einer Pariser Zeitschrift, nach Paris zu kommen und dort zu arbeiten und nimmt stattdessen schweren Herzens das Angebot an, für die Wochenzeitung „Das Reich“ zu illustrieren.

Hier kommt Ohser nicht drum herum, reißerische Propaganda-Illustrationen abzuliefern. Waren bereits die Zeichnungen fürs Winterhilfswerk ermüdend, so wurde seine neue Tätigkeit zunehmend zur unterträglichen Last.

1943 wird Ohsers Atelier ausgebombt, seine Wohnung ist durch einen Bombenangriff bereits schwer beschädigt – der Künstler zieht mit seinem alten Freund Erich Knauf nach Kaulsdorf, an den östlichen Stadtrand von Berlin. Um einer Zwangs-Evakuierung des gemeinsamen Sohnes Christian zu entkommen, lebt Ohsers Frau Marigard seit einiger Zeit bei Bekannten in Reichenbach an der Fils. Ohser will später nachkommen.

Doch es kommt anders: fast gleichzeitig mit den beiden Erichs zieht das Ehepaar Schultze ins Kaulsdorfer Haus. Bruno Schultz ist Herausgeber des Magazins „Das deutsche Lichtbild“, er und seine Frau treten als freundliche Leute auf. Nicht im Traum hätten Ohser und Knauf damit gerechnet, dass ihre Nachbarn – warum auch immer – Spitzel der Gestapo waren.

Wenige Wochen nachdem Marigard und Christian in Berlin zu Besuch waren und Erich Ohser ebenfalls entschied, die Stadt bald zu verlassen, werden er und Knauf denunziert und in einem auffallend eiligen Strafverfahren zum Tod verurteilt. Nach seinem Freitod wird Ohsers Urne zuerst in Reichenbach beigesetzt, nach Kriegsende aber nach Plauen in die Familiengrabstätte der Ohsers überführt.

In Plauen erinnert heute auch das Erich Ohser Haus an den weltweit berühmten Sohn der Stadt: im Haus befindet sich die e.o.plauen-Galerie mit zeitgenössischen Ausstellungen, eine halbjährlich wechselnde Dauerausstellung mit Werken von Erich Ohser sowie das Erich Ohser-Archiv. Fotografien, Schriftstücke und vom Künstler selbst entworfenes Mobiliar machen sein wechselvolles Leben anschaulich.

Eine beeindruckende Vita, ein einzigartiges Werk!

„Erich Ohser alias e.o.plauen. Die Werkausgabe“, 336 Seiten mit 450 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen, 26,3 x 31,4 cm Hardcover mit Schutzumschlag, 49 Euro 90, Südverlag

 

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