„denk ich an den bodensee…“

Weinberge bis ans Ufer, Wasser in allen Farb-Schattierungen, Obstplantagen, blumengeschmückte Inseln, Berggipfel in nächster Nachbarschaft, malerische Kirchen, historische Gässchen und verträumte Uferpromenaden: der Bodensee ist ein schönes Urlaubsziel und so manchen, der nicht dort wohnt, packt immer wieder mal die Sehnsucht…

Bosch-Bodensee_9783878000631-188x300 Wie schön die Gegend zwischen Radolfzell und Bregenz tatsächlich ist, haben zahlreiche Dichter, Schriftsteller, Philosophen und andere Geistesgrößen in früheren Jahrhunderten eher zufällig entdeckt. Um 1800 galt die Bodensee-Region nicht gerade als touristische Top-Adresse sondern eher als wirtschaftlich verwaiste Landschaft. Deshalb waren die meisten Herrschaften aus Manfred Boschs literarischer Anthologie „Denk ich an den Bodensee…“ vor allem in die Schweiz unterwegs, passierten den See auf dem Weg zu den Alpen, auf Europa-Rundreisen oder Touren entlang des Rheins.

So wie James Fenimore Cooper: der Autor des „Lederstrumpf“ reiste von Köln bis zum Rheinfall in Schaffhausen und sah den Bodensee eines Morgens „in der Ferne“. Nachmittags waren sie mit der Kutsche so nah, „dass die Räder unseres Wagens das Wasser desselben berührten. Eine anmuthigere Fahrt als diese lässt sich kaum denken“ jubelt Cooper in seinem Reisebericht. Bei Röschach machte die Kutsche halt und Cooper sah ein Bodensee Dampfboot, für ihn ein Wunderding, das ihn an die Schooner erinnert, die er zwanzig Jahre vorher auf dem Ontario und dem Erie-See gesehen hatte und die gleichsam „wie durch Instinct wickelwackelig segelten“.

55 Beschreibungen rund um den Bodensee versammelt der Herausgeber in dieser Neuerscheinung. Mal Gedicht, mal Reportage, mal Brief oder Reisebericht, mal Erzählung, Essay oder aufgeschriebene Erinnerung geben die Texte ein facettenreiches Bild vom Bodensee und seinen Ufern, von Berggipfeln, die sich in der Abendsonne röten und nicht selten feiert ein freier Geist in seinem Text die eidgenössischen antifeudalen Errungenschaften in Politik und Gesellschaft. Nicht selten kam es vor, dass diese „überraschenden“ Seebegegnungen so nachhaltig ausfielen, dass der Verfasser des Textes sich schließlich den Bodensee als neue Heimat oder zumindest als künftiges Dauer-Reiseziel aussuchte. Der älteste Text ist 250 Jahre alt, der neueste Bericht stammt von Hermann Kinder, der 1988 beichtete: „Der See hat mich am Haken.“

Zwei, die wohl am längsten am See wohn(t)en, sind Martin Walser und Annette von Droste-Hülshoff. Während sich Walser in seinem Essay mit Besitz- und Eigentumsverhältnissen auf und am Wasser auseinander setzt, gleicht der Bericht der Droste einem wahren Begeisterungssturm: in einem Brief an eine Freundin schildert sie lebhaft einen Spaziergang bei tosendem Wetter und der Leser kann sich bildlich vorstellen, wie die Schriftstellerin „gleich bergan in die Reben flüchten mußte“, wo sie sich „kümmerlich an den Pfählen fortlawierte bis Haltenau und dort wie ein verunglückter Luftballon ins Haus mehr plumpste als flatterte“. Wie stark das Unwetter wütete, zeigt die Tatsache, dass sie ihren dicken Rock „acht Tage lang nicht hat anziehen können, so lange hat er auf dem Boden trocknen müssen. Da mir das Abentheuer nicht geschadet hat, ists mir doch lieb den See einmahl in seiner tollsten Laune gesehen zu haben, um so mehr da es nur einmahl im Leben ist, denn ein anderes Mahl werde ich mich hüten!“ schreibt die Droste weiter und beteuert, Lachsforellen und Gangfische lieber selbst zu essen, als von ihnen gefressen zu werden.

Auch Kabarettist und Schauspieler Werner Finck verzeichnet einen turbulenten Aufenthalt am See, als er 1945 auf einer Reise nach Zürich an der schweizer Grenze in Kreutzlingen gründlich kontrolliert worden ist. Arthur Schopenhauer sah am Rheinfall mit Erstaunen die „brüllenden Gewässer als Wolcken von Schaum mit tobender Wuth herabstürzen“ und er fragt sich, ob „der Müller der hier wohnt…denck ich, durch das fortwährende Getöse taub u. halb toll werden“ müsse. Victor Hugo schien es in Schaffhausen sogar, als habe er den Rheinfall selbst im Gehirn.

Die Mehrheit der reisenden Literaten verbindet den Bodensee mit romantischen Erinnerungen: zwar findet der Hohenlohische Satiriker Karl Julius Weber, dass der Bodensee „für einen See zu groß und für ein Meer zu klein“ sei, findet aber trotzdem, dass man dem gegenüber den Genfer See „vergessen kann“. Selbst die Schönheiten Lissabons, Genuas, Neapels und Konstantinopels verblassen bei ihm gegen den Anblick des Bodensees, für ihn „der schönste, größte und lieblichste Anblick in ganz Deutschland“. Friedrich Hölderlin nennt Lindau in seinem Gedicht „Heimkunft“ glückselig, freut sich aber auch auf „die schönen Tale des Neckars“. Für Wilhelm Scholz, Sohn des letzten Finanzministers Bismarcks, gab es nichts Schöneres, als im Winter auf der Eisdecke des Gnadensees Schlittschuh zu laufen und die Journalistin und Schriftstellerin Renate Schostack radelte im Sommer lieber an den Bodensee als Urlaub am Mittelmeer zu machen.

Landschaftsmaler Joseph Anton Koch bringt seine Beobachtungen während einer Schifffahrt auf dem Bodensee auch in schwärmerischen Worten zum Ausdruck und konstatiert „Alles ist völlig Einheit im Mannichfaltigen“. Der anglikanische Geistliche und Historiker Wilhelm Coxe findet das Schweizer Ufer „ausserordentlich wild und romantisch“ und der Mediziner Johann Gottfried Ebel preist die „unverdorbnen, aber rohen Naturkinder Appenzells“, während Gerard de Nerval, ein Hauptvertreter der französischen Romantik Konstanz schnell und bei Nacht verlässt, aus Angst, es können alles nur ein prächtiger Traum gewesen sein.

Soviel Romantik ist freilich nicht jedermanns Geschmack und so beklagt sich beispielsweise Autor Ulrich Hegner darüber, dass er in Ebels „Anleitung in die Schweiz zu reisen“ keine halbe Stunde zurück legen kann, „ohne von Aufforderungen zu ‚weiten, prächtigen, herrlichen Aussichten, Standpunkten, reizenden und außerordentlichen Naturszenen‘ unterbrochen zu werden, dergleichen man denn doch anderswo auch schon gesehen, ohne daß daselbst so viel Aufhebens gemacht wird“. Hermann Bahr floh von seinem ärztlich verordneten Aufenthalt am Bodensee ans Meer nach Dalmatien und Theodor Heuss ärgert sich über den Autoverkehr auf dem Damm zur „Frommen Welt der Reichenau“.

Felix Mendelssohn-Bartholdy kam von einer Bildungsreise über die Schweiz nach Hause und empfand diesen Part seiner Wanderung „wie Egypten nach den sieben Plagen“ – es hatte vier Tage unaufhörlich geregnet und der Komponist hatte Mühe, Träger und Mitreisende für seinen Weg durch die vermatschte, teilweise sogar zerstörte Landschaft zu finden.

Kurt Badts erste Begegnung mit Einwohnern der Stadt Bodmann war für ihn so enttäuschend, dass der Maler und Kunstwissenschaftler am liebsten sofort wieder abgereist wäre. Nur die „Müdigkeit und die Menge der mitgeschleppten Koffer“ hinderte ihn daran. Die Enttäuschung wich schnell, denn „die Natur dagegen war prachtvoll“ und der Landschaft wegen ließ sich Badt später sogar am Bodensee nieder. Sehr viel versöhnlicher klingt René Schickeles „Abschied unter Sternschnuppen“, der Autor, Redakteur und Pazifist musste seine Heimat am schweizer Bodenseeufer um 1920 aus finanziellen Gründen verlassen.

Den dänischen Dichter Martin Andersen-Nexö begeisterte an seiner Wahlheimat unter anderem die schmackhaften Äpfel, während ihm die Menschen „merkwürdig wäßrig und kraftlos“ vorkamen. Er will sogar eine regelrechte Bodensee-Krankheit beobachtet haben, die viele Künstler befiel. Hauptsymptom war „eine Art Mangel an Tatkraft“, weshalb einige bedeutende Talente keine Arbeit zustande brachten. Sie taten lieber so wenig wie möglich, „trieben sich am Hafen und in den Straßen umher oder lungerten in der Buchhandlung des Verlages herum. Auf größere Aufgaben ließen sie sich gar nicht erst ein; sie haßten den Zwang, auch den, einge begonnene Arbeit zu beenden und entschuldigten sich damit, daß sie Revolutionäre seien“. Ob die zahlreichen Künstler die heute am Bodensee leben auch infiziert sind?

Manfred Boschs Bodensee-Anthologie liest sich unterhaltsam, wirft mal verklärte, mal kritische Blicke auf Dampfschiffahrt, Berggipfel & Co. und zeigt vor allem, wie sich die Region Bodensee im Lauf der Zeit verändert hat. Ein besonderes Buch über eine besondere Kulturlandschaft.

Manfred Bosch „Denk ich an den Bodensee…Eine literarische Anthologie“, 208 Seiten, Hardcover, 20 Euro, südverlag

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