vom affenwerner bis zur wilhelma

Dass Stuttgart einen der schönsten Zoos in ganz Europa hat, düfte sich herum gesprochen haben. Dass hier 1812 der erste Zoo der Welt öffnete, ist dagegen nicht bekannt – die Menagerie von König Friedrich I. wurde vier Jahre später schon wieder geschlossen, deshalb zählt sie offenbar nicht. Doch es folgten zahlreiche weitere, zum Teil spektakuläre Unternehmungen, heimische und exotische Tiere zu zeigen: In seinem Buch „Vom Affenwerner bis zur Wilhelma“ präsentiert Jörg Kurz unterhaltsame, aber auch erschreckende Fakten und Geschichten über „Stuttgarts legendäre Tierschauen“.

produktbild_978-3-7630-2701-9_U1_Stuttgarter_Zoos_n Nachdem Friedrichs königliches Bärengehege im Graben des Alten Schlosses also nicht gilt, muss die Gründung des ältesten, heute noch existierenden Zoos der Welt, wohl der österreichischen Kaiserin Maria Theresia zugeschrieben werden. Sie ließ 1752 auf der Anlage des Wiener Schlosses Schönbrunn allein zum Vergnügen des Hofes einen zoologischen Garten einrichten. Doch zurück nach Stuttgart wo nicht viel später der Affenwerner seine ganz eigene Bühne betritt.

Von seinen Eltern übernahm der Hotelfachmann und Tierfreund ein gut gehendes Café in der Sophienstraße, das er allerdings seinem Bruder überließ. Nur wenige Meter weiter erfüllte er sich einen langgehegten Traum: er baute einen Tierpark, in dem zuerst Pfauen, Fasane, Pelikane, Störche, Flamingos, Reiher und bunte Papageien krächzten und stolzierten. Später kamen ein Braunbären-Paar, der Löwe Mustafa sowie Seehunde, Kängurus, Hirsche und ein Vogel Strauß dazu.

Affenwerner war ein waghalsiger Dompteur und ging gerne mit einem Leopard an der Leine an den Tischen seiner Gäste vorbei. Als der württembergische König Wilhelm I. mit seinen Töchtern den Zoo besuchte, soll Werner mehrmals seinen Kopf in den geöffneten Rachen seines Löwen gesteckt haben. Er starb allerings viel später im März 1970 und ein Teil seiner Tiere wurde vom gerade entstehenden Nill’schen Tierpark übernommen.

Zimmermeister Johannes Nill zog in einem Gehege Tiere auf – verletzte Rehkitze, Füchse oder Dachse. Eine Attraktion für viele Stuttgarter Bürger, die am Sonntagnachmittag gerne mit ihren Kindern zu Besuch kamen. Nill eröffnete deshalb 1866 das Ausflugslokal „Zum Hirschgarten“ und später, im Juli 1971, den ersten Zoo in Stuttgart.

Mit der Zeit erweiterte er den Tierbestand und so waren hier auch Menschenaffen zu sehen, der Haltung damals noch schwierig und verlustreich war. Nills Sohn, dem Tierarzt Adols Nill, gelang es, die Sterblichkeit der Affen so zu vermindern, dass sogar der bekannte Hamburger Tierpark Hagenbeck seine Affen zum Überwintern in den Stuttgarter Norden brachte. Außerdem konnte Adolf Nill einige seltene Tierarten nachzüchten, darunter Schabrackentapire, Ameisenbären oder Somailstrauße.

Am Ende tummelten sich in Nills Zoologischem Garten rund 500 Tiere in 170 Arten, auch Affenwerners Braunbärin Mascha hatte hier ein Zuhause gefunden und brachte mehr als 50 kleine Bären zur Welt. Besonders kurios war übrigens eine haarlose dottergelbe Kuh, die Johannes Nill vor dem Schlachthaus gerettet hatte. Unumstrittener Publikumsliebling war Elefant Peter, der allerdings nach einer Verletzung so starke Schmerzen litt, dass er erschossen werden musste.

Nills Tiergarten war auch ein Paradies für Maler. Für Studierende der Kunstaka war es Pflicht, hier Tierstudien zu betreiben. Neben Friedrich Specht – ein früher Wegbegleiter von Johannes Nill – war Fritz Lang wohl der erfolgreichste. Seine Farbholzschnitte von Nills Vögeln wurden von großen Museen in Wien und London gekauft. Auch die Vorlage des berühmten Steiff Teddies soll Richard Steiff in Nills Tierpark entdeckt haben.

Auf Nills Völkerwiese wurden statt wilder Tiere exotische Völker präsentiert: die erste Gruppe waren Angehörige des südchilenischen Ona-Stammes, der heute ausgestorben ist. Malbaren aus Indien balancierten auf hohen Bambusstangen, Tunesen präsentierten sich mit typischer Tracht, mit Waffen, Werkzeugen und Musikinstrumenten, Südseeinsulaner führten Tänze und Zeremonien auf. Heutzutage muten solche Völkerschauen eher merkwürdig an, Vermutlich ein Grund, weshalb die Performance-Truppe Monstertruck dieses Thema in einer umstrittenen Inszenierung mit behinderten Menschen aufgreift.

In Nills Tiergarten ging es weiter mit circenzischen Shows, die das Geschäft beleben sollten. Als größte Sensation galt die Löwendompteuse Miss Claire Heliot, die fast zehn Jahre lang für Auftritte nach Stuttgart kam und auch das württembergische Königspaar begeisterte. Nach einer Verletzung zog sich die Löwenbändigerin ins Privatleben zurück und zog zuerst nach Leonberg, später ins Stuttgarter Bohnenviertel, wo sie bei einem Bombenangriff ihre letzten Habseligkeiten verloren hat. Sie wurde oft bei Tierpräparator Merkle in der Esslinger Straße gesehen, doch das ist eine Geschichte für die nächste Rezension 😉

Tierlaute und Gestank waren nicht jedermanns Sache: die Klagen aus der Nachbarschaft häuften sich und im Gemeinderat wurde die Verlegung des Zoos diskutiert. Nach einem Giftanschlag auf Nills Wasservögel war für den Zoodirektor das Maß voll: er verkaufte seine Tiere schweren Herzen und schloss den Tierpark für immer. Spontan entstand ein Komitee zur Errichtung eines neuen zoologischen Gartens und die Stadt stellte sogar 500 000 Mark Startkapital, doch das Projekt scheiterte zunächst an der Platzfrage.

Während des ersten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren gab es wichtigeres als einen Zoo, doch der 1921 gegründete „Verein Tiergarten“ griff die Idee wieder auf und plante einen Zoo im Rosensteinpark, den das Staatsministerium aus Gründen des Denkmalschutzes ablehnte.

So kam es, dass ein neuer Tiergarten auf der Doggenburg eröffnete. Hier gab es Löwen, Tiger, Bären ein indisches Elefantenmädchen sowie Vergnügungen aller Art: die Cannstatter Schriftstellerin Sophie Tschorn schuf die erste schwäbische Rundfunkfigur, das „Gretle von Strümpfelbach“, das hier 1933 zu Gast war. Hier starteten Heißluftballons, es gab ein Restaurant, Kinderfeste wurden gefeiert, eine Bärenrevue, Kamelreiten und Kutschfahrten waren beliebte Attraktionen. 1938 endete die Ära Doggenburg aus finanziellen Gründen.

Bevor die Wilhelma öffnete, gab es noch das so genannte Affenparadies auf dem Kochenhof-Gelände, das von der Witwe König gegründet und betrieben wurde. Der Bestand an Tieren war zwar weniger exotisch als in den vorherigen Tiergärten, doch hier verkehrte eine Liliputbahn und die Kinder liebten es, auf Esel Bimbo zu reiten und kleineren Tieren wie Enten, Ziegen, Gänse und Perlhühnern nahe zu sein. Im Affenparadies gings manchmal drunter und drüber, junge Löwen und Wildschweine spazierten schon mal durchs Affengehege, die Nachbarschaft erschrak über entflohene Giftschlangen im Garten.

Das Affenparadies wurde 1935 vermutlich während der Vorbereitungen für die Reichsgartenschau geschlossen. Der Krieg verhinderte den Bau eines neuen Zoos und so mauserte sich erst später der ehemalige königliche Rückzugsort, die Wilhelma vom luxuriösen Park zum öffentlichen botanischen Garten, und schließlich zu einem der schönsten zoologischen Gärten Europas.

Geplant war das nicht: zuerst feierte der umtriebige Gartenbauexperte Albert Schöchle mit seiner Orchideensammlung sowie mit Blumen- und Kakteenausstellungen furiose Erfolge – dafür heimste er bei der Reichsgartenschau 20 Goldmedaillen ein. Der Zweite Weltkrieg setzte der Erfolgsgeschichte eine Zäsur: Albert Schöchle wurde einberufen und die Wilhelma in einer Oktobernacht fast vollständig zerstört. Doch Schöchle kehrte zurück und baute statt seltener Blumen erstmal Gemüse für die Stuttgarter Krankenhäuser an. Nach und nach konnten mit einem Minimum an Material die Gewächshäuser repariert und die Wilhelma zur Azaleenblüte im Frühjahr 1949 wieder eröffnet werden.

Um seine Besucher nicht an den beliebten Killesbergpark zu verlieren, kam Schöchle auf die Idee, die Wilhelma mit Tierausstellungen in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Alles begann mit einer Aquarienschau, die allein an einem Pfingstwochendende 40 000 Menschen sehen wollten. Schlangen und Reptilien begleiteten eine evolutionsgeschichtliche Ausstellung im Museum für Naturkunde, es folgten „Tiere deutscher Märchen“, die in der Wilhelma zu sehen waren. Eine Ausstellung mit dem Verein der Vogelfreunde brachte Greif- und Wasservögel, Kolibris und Kraniche in den botanischen Garten, mit nachfolgenden Schauen kamen Löwen, Zebras, Giraffen und Strauße dazu.

Die Stuttgarter Finanzbehörde war alles andere als begeistert, doch die Besucherzahlen stiegen und der Tierbestand trotz mahnender amtlicher Schreiben auch. Heute nennt man Leute wie Schöchle PR-Genies und weil er wohl auch ein liebenswertes Schlitzohr – oder herausragend diplomatisch? – war, verdankt die Stadt dem Kemptener ihren attraktiven zoologisch-botanischen Garten.

Noch 1958 schrieb die Stuttgarter Zeitung „Das Land Baden-Württemberg baut den Stuttgartern keinen Tiergarten“, doch Schöchles „Kreation“ war bereits so bekannt und beliebt, dass sich die Landesregierung 1960 zu diesem „untergeschobenen Kind“ bekannte und die Wilhelma zum einzigen Zoo machte, der vollständig von einem Bundesland getragen wurde. Tierhäuser wurden ausgebaut, Spezialisten für die Tierpflege eingestellt. 1961 erweiterte man in den Rosensteinpark.

1967 entstand das damals modernste Aquarium und Terrarium Europas und der beliebte Seelöwe Tristan kam in die Wilhelma. Die Fütterungs-Shows mit Schimpansin Sonny waren echte Besuchermagneten an die ich mich noch schwach erinnern kann. Die Aufregung um den kleinen Eisbär Wilbär ist mir dagegen noch gut im Gedächtnis.

Als Albert Schöchle 1970 die Wilhelma altershalber verließ, übergab er seinem Nachfolger, dem langjährigen Mitarbeiter Wilbert Neugebauer, einen gut geführten Zoo. Bis heute kamen ein Insektarium, ein Schaubauernhof, eine Bärenanlage, ein Amazonienhaus und 2013 ein neues Menschenaffenhaus dazu. Heute versteht sich die Wilhelma als Öko-Zoo mit dem Ziel, Tiere und Pflanzen eines gemeinsamen Lebensraumes in möglichst naturnahem Landschaftsbild zu zeigen. Auf 30 Hektar leben etwa 10 000 Tiere in 1150 Arten.

Seit 1975 erhalten Kinder und Jugendliche aus Baden-Württemberg in der Zooschule anschaulichen Bio-Unterricht. Nachzuchtprogramme sollen gefährdete Tierarten erhalten. „Sicher wäre es besser, wie viele Kritiker sagen, die Wildtiere in ihren Heimatländern zu schützen.“ Wo sie aber bereits durch Rodung, Wilderei, Zivilisationsdruck oder Kriege bedroht sind, sei ein artgerechter Zoo die zweitbeste Lösung, schreibt Jörg Kurz auf der letzten Seite seiner Neuerscheinung.

Man mag Zoos mögen oder nicht, interessant ist diese umfassende Geschichte der Stuttgarter Tiergärten auf jeden Fall.

Jörg Kurz „Vom Affenwerner bis zur Wilhelma“, 120 Seiten mit 180 Abbildungen, gebunden, 19 Euro 95, belser verlag

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