tägermoos – ein deutsches stück schweiz

Umschlag_Tägermoos_Final.inddDas Thema „Grenzen“ wird zwischen Ankara und Hammerfest derzeit ja heftigst neu diskutiert – um so erstaunlicher mutet da ein Stückchen Land mitten in Europa an, auf dem die Territorialfrage seit Jahrhunderten, sagen wir mal: flexibel gehandhabt wird – das Tägermoos.

Wie ein kleines Dreick schiebt sich das Tägermoos direkt an der Konstanzer Stadtgrenze ins Thurgauer Land – ursprünglich ein morastiges Gebiet, um das sich keiner so recht kümmern wollte, ist es heute ein fruchtbarer Obst- und Gemüsegarten, auf dem größtenteils Bio-Lebensmittel angebaut werden.

Um 1900 mit dem Ochsenpflug, heute selbstverständlich mit Maschinenkraft, bewirtschaften vor allem „Paradieser“ Familien das etwa 150 Hektar große Gebiet, über das die Eidgenossen seit 1499 – als der Schweizerkrieg endete und der Frieden von Basel geschlossen wurde – nie mehr so recht die Souveränität erlangt haben. Kurz zum Verständnis: das „Paradies“ ist eine ehemalige Konstanzer Vorstadt, die aus einer dörflichen Fischer- und Bauernsiedlung hervorgegangen ist.

Von der mangelhaften Souveränität der Eidgenossen profitiert die Stadt Konstanz, die sich das Gebiet und einige Hoheitsrechte anfänglich erkauft und später – obwohl politisch selbst mehr als einmal arg gebeutelt – erfolgreich verteidigt hat. Man muss einfach die ganze wechselhafte Geschichte lesen, um das Gerangel im Tägermoos einigermaßen nachvollziehen zu können.

Richtig spannend erzählt Tobias Engelsing die bisweilen äußerst skurrile Historie vom „deutschen Stück Schweiz“ in seinem neuen Buch „Das Tägermoos“, ein liebevoll und pfiffig aufgemachter Band mit zahlreichen historischen Abbildungen und Fotos.

Obwohl dem Paradies recht nahe, ging es im Tägermoos oft gar nicht paradiesisch zu: verwaltungstechnisch gehörte das Tägermoos zwar irgendwann zur Schweiz, doch Konstanz oblag und obliegt in Teilen immer noch die Polizeihoheit und die Besteuerung des Landstriches.

Es gab Streit um Weiderechte, Steuereinnahmen, um Schifffahrtsrechte, um Mautgebühren für Kutschen, Pferde, Ochsenkarren und Fußgänger. Betrüger erschienen nicht vor schweizer Gerichten, weil die Rechtsprechung übers Tägermoos allein den Konstanzer zustehe.

Gefangene nutzten die rechtlich oft ungeklärte Situation, um bei Überführungen die Polizisten zu verwirren und zu flüchten und der Wirt vom Gasthof „Trompeterschlössle“ zahlte keine Steuern, weil die spätere badische Regierung „Liegenschaften und ihre Besteuerung“ anders definierte als die Thurgauer Regierung.

Einmal, da gab es ganz klare Grenzen: als die Nationalsozialisten das Tägermoos innerhalb von Stunden rigoros abriegelte und es in den Folgejahren strenge Grenzkontrollen auf beiden Seiten gab, da mussten auch die „Paradieser“ Bauern ihre Passierscheine vorzeigen, um überhaupt ihre Felder bewirtschaften zu können.

Zwar konnten die Nazis das Territorium einzäunen – den freiheitsliebenden Geist der Bauern konnten sie nicht einsperren. Und je mehr die Zöllner kontrollierten, um so erfinderischer wurden die Paradieser, wenns ums Schmuggeln ging – denn Hunger kannten in den Kriegsjahren fast alle.

Also brachten die Frauen Schokolade in ihren Unterröcken über die Grenze, so manches Fuhrwerk hatte neben Gemüse auch Kaffee, Kakao, Tee oder Tabak geladen, sogar ein eigens gegrabener Schmuggeltunnel soll entdeckt worden sein.

Trotz aller verwaltungstechnischen, politisch-juristischen und territorialen Rangeleien gab und gibt es jedoch zahlreiche gemeinsame Projekte, Freundschaften und Kooperationen im sowie rund ums Tägermoos. Viel bedrohlicher als fehlende Grenzen ist der Strukturwandel für das Naherholungsgebiet:

Waren es im Sommer 1630 die Schweden, die übers Tägermoos die Stadt Konstanz angriffen, sind es heute Autobahnen und Straßen, Sportplätze und Industriegebiete die den „schweizer-deutschen Gemüsegarten“ bedrohen und nicht nur an dessen Rändern nagen. Dazu kommt, dass vielen Gärtnerfamilien der Nachwuchs fehlt und gleichzeitig immer mehr Konkurrenz auf den Markt drängt.

Auch im Paradies ist nichts mehr wie es war: 1994 verschwand die letzte Kuh des Stadtteils, statt Misthäufen gibts jede Menge parkende Autos vor den Häusern und statt Sensengedengel tönt rauer Porschesound durch die Straßen. Langsam aber sicher drohen die letzten grünen Wiesen mit Beton versiegelt zu werden.

Nicht zuletzt wünscht Thurgau endlich eine verbindliche Revision des Staatsvertrages – verständlich. Genau so verständlich, dass die Konstanzer ihre Mitwirkungsrechte an der Thurgauer Raumplanung nicht so einfach aufgeben wollen.

„Angesichts des aktuell zunehmenden Siedlungsdrucks, der auf dem Tägermoos lastet, ist schließlich die Schutzfunktion des bisherigen Rechtszustands nicht zu unterschätzen“, schreibt Tobias Engelsing am Ende des Buches.

„Der Verzicht auf die alten Rechte oder gar der in früheren Beratungen immer wieder ins Spiel gebrachte Verkauf des Tägermooses an den Kanton Thurgau würde selbst bei bester Gesinnung der heute Regierenden auf lange Sicht die Gefahr einer Überbauung deutlich erhöhen.

So gesehen hat das staatsrechtliche Kuriosum Tägermoos, so überholt und bizarr es erscheinen mag, noch eine sehr wünschenswerte Nebenwirkung: es schützt ein großes Stück Grünland vor der unwiederbringlichen Zerstörung durch Überbauung.“

Bleibt zu hoffen, dass dieses Buch dazu beiträgt, das bemerkenswerte Kultur- und Naturgut Tägermoos zu erhalten.

Tobias Engelsing „Das Tägermoos. Ein deutsches Stück Schweiz“, 192 Seiten mit ca. 180 Abbildungen, Hardcover, 19 Euro 90, südverlag

 

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