‚em charly sei tante

Studenten-Klamotte mit Kultur-Schock light:

„’Em Charley sei Tante“ in der Komödie im Marquardt

Die „Schwäbische Komödie“ zur Weihnachtszeit hat an den Schauspielbühnen Stuttgart bereits Tradition: dieses Jahr kündigt „’Em Charley sei Tante“ ihren Besuch in der Komödie im Marquardt an. Allein der Titel lässt vermuten, dass Brandon Thomas‘ Komödien-Klassiker aus dem 19. Jahrhundert eine nachhaltige Überarbeitung erfahren hat.

Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt und durch zahlreiche Verfilmungen bekannt: Charley und sein Studienfreund sind schwer verliebt. Doch um den Herzensdamen bei einem Treffen näher zu kommen, brauchen sie eine Anstandsdame. Eigentlich sollte Charleys Tante diesen Part übernehmen. Blöd, dass sie in letzter Minute absagt.

Dass das „Date“ trotzdem statt findet, ist einem Freund der beiden Studenten zu verdanken, der sich für die Rolle der Sittenwächterin in Frauenkleider wirft und beim Stelldichein anwesend ist. Die „Travestie-Notlösung“ als Dreh- und Angelpunkt der Komödie sorgt selbstverständlich für weitere Verwirrungen.

Damit „’Em Charley sei Tante“ auch in Zeiten von Speed-Dating und Twitter glaubwürdig ist, lässt Regisseur Stephan Bruckmeier einen Geschäftsmann aus dem arabischen Raum auftreten. Und so verwundert es nicht, dass dessen bildschöne, Kopftuch und Schleier tragende Nichten dem strengen Onkel wenig widersprechen und eine Verabredung mit zwei fremden Studenten geradezu eklatant wäre.

Gleichzeitig bringt diese „kulturelle Frischzellenkur“ elegant und zum Teil urkomisch ganz aktuelle Konflikte in die beliebte Studenten-Klamotte: „Die Tatsache, dass ein strenger muslimischer Geschäftsmann sich in eine verkleidete Frau verliebt und sie heiraten möchte, hat doch wirklich komödantisches Potential“, sagt Stephan Bruckmeier, der selbst zwischen Deutschland und Kenia pendelt.

Am Ende löst sich der Schwindel auf und nicht nur der Betrogene erkennt sich selbst als Opfer kultureller Dogmen: Auch die beiden Mädchen verbreiten Aufbruchstimmung, indem sie ihre Wünsche durchsetzen und das Leben in die eigenen Hände nehmen.

„Toleranz bedeutet ja, Verständnis für Dinge aufzubringen, die man nicht versteht. Deshalb versuche ich, fremde Kulturen zuerst einmal neutral zu betrachten und ich wünsche mir, dass wir mit dem Thema Menschenrechte insgesamt subtiler umgehen, nichts vorschnell in richtig und falsch einteilen“, sagt der Regisseur, bei dem sich das Thema Menschenrechte wie ein roter Faden durch alle Theaterprojekte zieht.

„Trotzdem erkenne ich zum Beispiel auch, wie aberwitzig es ist, dass Frauen in Arabien keinen Führerschein machen dürfen.“ Mit dem Finger auf andere zu zeigen, bringe allerdings keinen Schritt weiter. „Wir müssen erkennen, dass jedes Problem auf der Welt unser eigenes sein könnte“, ist Bruckmeier überzeugt.

Gleichzeitig müssten nachhaltige Veränderungen idealerweise aus dem eigenen Kulturkreis heraus erfolgen. „Wir behandeln nun diese Themen, soweit sie in einer Komödie möglich sind, und ich glaube, wir haben eine ganz gute moderne Spielfassung gefunden, die politisch und trotzdem lustig ist.“

Stephan Bruckmeiers Bühnenbild passt ebenfalls zur modern-schwäbischen Variante von Charleys Tante: Das Publikum erlebt die zum Teil grotesken Situationen im Wohnzimmer einer „besseren Stuttgarter Wohngegend“. Hier treffen sich nicht nur die Studenten bei Wein und Pizza, sondern im weiteren Verlauf der Verwirrungen auch Akteure, die besser nicht aufeinander treffen sollten.

Maßgeblich an der Neufassung beteiligt war Monika Hirschle, die am Ende nicht nur als Charleys „echte“ Tante auftritt, sondern dem Stück mit ihrer schwäbischen Übersetzung eine gute Portion Lokalkolorit verpasste.

„Ein Stück ins Schwäbische zu übersetzen ist im Grunde genau so viel Arbeit, wie in eine fremde Sprache“, sagt die Stuttgarter Schauspielerin, Sprecherin, Autorin und Theaterregisseurin und erklärt auch gleich wieso: „Wenn ich einen hochdeutschen Text Eins-zu-eins ins Schwäbische übersetze, stimmt der komplette Satzbau einfach nicht mehr, da sind die Schwaben eigen.“

Dafür bringe der Dialekt mehr Charme ins Stück und gerade bei Charleys Tante sei der Humor durch die schwäbische Adaption noch ein bisschen „knitzer“ geworden, verrät Monika Hirschle mit einem Augenzwinkern.

Vorstellungstermine und weitere Infos: www.schauspielbuehnen.de

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