stuttgarts zweitältester yoga-lehrer

Mit Asanas fit ins hohe Alter: Wieland Schmid ist Stuttgarts zweit-ältester Yogalehrer

Alles außer Lotussitz

Donnerstag abend, 20 Uhr: Andächtige Stille liegt in der Luft, während sich im gemütlichen Übungsraum der Sillenbucher St. Michaels-Gemeinde rund zehn Leute mehr oder weniger elegant ihre Arme und Beine verknoten. Die Übungen haben meist kurze Namen: Berg, Baum, Fisch, Schwalbe oder Flamme sind den geübten Teilnehmern der Yoga-Stunde längst in Fleisch und Blut übergegangen. Ganz vorne turnt nicht weniger andächtig: Wieland Schmid. Seit knapp 30 Jahren leitet der Pensionär aus Sillenbuch den Yoga- und Mediationskreis St. Michael und auch mit 82 Jahren macht er selbstverständlich noch jede Übung mit. „Außer den Lotus-Sitz, auf den muss ich seit meiner Knie-Operation leider verzichten“, sagt er ohne Bedauern. Sechs Übungsstunden absolviert er pro Woche, dazu eine Meditationsstunde im Zen-Stil. Auch zu Hause übt er täglich, dazu klingelt der Wecker jeden morgen um 5.30 Uhr. Nach 20 Minuten Früh-Yoga macht Wieland Schmid dann Frühstück und weckt seine Frau. Sie brachte den Yoga-Impuls vor vielen Jahren von einer Schönheitsfarm mit – das war 1969 und der erste Schritt einer langen spirituellen Reise. In der Yoga-Schule Stuttgart lernt das Ehepaar die Grundhaltungen, richtiges Atmen und wie man durch Konzentration ein inneres und äußeres Gleichgewicht halten kann.

Schnell bekommt Wieland das Angebot für eine Ausbildung zum Yogalehrer und nach kurzer Stippvisite ins Remstal übernimmt er schließlich den Yoga- und Mediationskreis in Sillenbuch. Es bleibt nicht beim physischen Üben: Wieland Schmid interessiert sich für die Philosophie hinter den Asanas, den Körperhaltungen. „Der Yoga-Weg führt zu einem Ziel: Einswerden mit der inneren Wirklichkeit. Alle Yoga-Stufen enden in der Mediation, dabei ist es völlig gleich, ob jemand an Gott, Buddha oder Allah glaubt, Yoga ist konfessionslos. Aber ich finde es ist gut, wenn der Yoga-Übende einen spirituellen Hintergrund hat, sonst bleibt es immer bei der Gymnastik“, ist Wieland Schmid überzeugt.

Über die Yoga-Haltung wird laut Wieland Schmid auch die innere Haltung beeinflusst, der Mensch hält sich aufrecht. Energieblockaden lösen sich, Selbstheilungskräfte, Selbstbewusstsein und Konzentrationsfähigkeit nehmen zu – optimale Voraussetzungen, sich für spirituelle Werte zu öffnen. Missioniert wird bei Wieland Schmid allerdings nicht. Weisheiten, Tipps und spirituelle Gespräche gibt’s ausschließlich auf Anfrage, auch der Lehrer selbst machte sich allein auf die Suche…

In den 70ern studierte Wieland Schmid den Buddhismus, lernt Lama Govinda kennen, reiste nach Ceylon und merkte zum einen, dass buddhistische Lehren für einen Westler fast immer eine „angelernte“ Geschichte bleibt, zum andern, dass viele Parallelen zum Christentum bestehen, dem sich Wieland Schmid auch wieder zuwendet. Er will seinen Glauben erleben. Im Franziskaner Kloster sitzt er tage- und stundenlang still, versucht, den ständigen inneren Dialog zur Ruhe zu bringen. „Irgendwann fällt einem tatsächlich nix mehr ein“, sagt er mit einem Schmunzeln. Sein Fazit: Erleuchtung muss sich einfach ergeben. Dabei könne sich die große Weisheit auch aus ganz kleinen Lichtern ergeben, die einem im Alltag so aufgehen.

„Trotzdem sind Ruhe und Stille wichtig, weil wir hier ja reichlich überdreht sind. Wir hetzen ununterbrochen, der Motor läuft immer, das verbraucht den Menschen. Yoga ist sicher ein Grund dafür, dass ich mich heute noch gut fühle“, sagt Schmid, der vieles tun kann, was einige Gleichaltrige aus gesundheitlichen Gründen schon lange aufgeben mussten. Tägliche Schreibtischarbeit zum Beispiel: Bereits mit 24 schrieb er seine erste Kurzgeschichte, 1946 wird er Volontär und Hilfsreporter bei der damaligen DANA, arbeitet später als Redakteur und freier Mitarbeiter für die dpa und veröffentlicht außerdem hunderte von Reiseberichten, Glossen und Reportagen, auch für den Deutschlandfunk.

Von ihm erscheinen zwei Kriminalromane, ein vergriffener Ratgeber „Yoga für Christen“ und in seinem neuesten Buch „Holundertage“ erzählt Wieland Schmid kleine Nachdenklichkeiten aus einem prallen Leben, das nicht nur während des zweiten Weltkriegs auch seine dunklen Seiten zeigte. „In all den Jahren habe ich gelernt: Die innere Einstellung ist das Wichtigste im Leben“, resümiert Wieland Schmid, der gerne noch reisen möchte, auch wenn es nicht mehr unbedingt die algerische Wüste sein muss. So lange es allerdings den kranken Haushund gibt, werden es vorerst Phantasiereisen bleiben.

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