zwischen schottland und entenhausen: rolf jost erfindet redpipe

Dudelei aus der Steckdose

Die rund zehn knallroten Ledersäckchen hängen im Arbeitszimmer – zwischen Mischpult, Bücherregal und Monitoren warten sie mit einem Loch im „Bauch“ auf ihr neues Innenleben: Die Elektro-Platine ist die größte Überraschung der elektrischen Dudelsäcke, mit denen der Markgröninger Erfinder, Instrumentenbauer, Donaldist und Dokumentarfilmer Rolf Jost derzeit den angelsächsischen Musikmarkt erobert.

Schottische Highlands, Männer im Kilt und – elektrische Dudelsäcke? Zugegeben: Wer auf traditonelle Unplugged-Bagpipes steht, wird die kleine Revolution aus Markgröningen auf den ersten Blick sehr spartanisch finden. Gerade mal eine Flöte hat die Redpipe, trotzdem flitzen die legendären Red Hot Chili Pipers bereits mit der neuartigen Sackflöte über die Bühne, In Extremo spielen einen Großteil ihrer geplanten CD mit der Redpipe ein und Stewart Mc Callum – seines Zeichens königlicher Dudelsack-Lieferant aus Glasgow- zeigt sich vom schwäbischen Erfindergeist angetan. Auch die Große Tierschau plant das Instrument in ihre Shows einzubauen. redpipes.eu Copyright: Rolf Jost

Das Prinzip der Redpipe ist denkbar einfach: Auf einer Elektronik-Platine sind Original-Dudelsacktöne abgespeichert, die trotz Kabelbetrieb für authentischen Klang sorgen, der sich problemlos in andere Tonarten tunen lässt und nachbarschafts-freundlich auf Flüsterlautstärke dimmbar ist. „Ein Dudelsack ist normalerweise auf die seltene Tonart Flat B gestimmt und eignet sich gerade mal für traditionelle keltische Lieder oder eben nur für Dudelsackspieler. Pop- und Rockmusik oder das Zusammenspiel mit anderen Musikern ging bisher einfach gar nicht“, erzählt Rolf Jost, der seinen ersten Dudelsack in den Siebzigern kaufte und nach Schottland fahren musste, um herauszufinden, wie der eigentlich gespielt wird.

So richtig glücklich wurde Jost mit seinem exotischen Instrument am Anfang nicht. „Irgendwann war es mir lästig immer alleine zu spielen und ich habe mir überlegt, wie man das Problem lösen kann.“ Rolf Jost wollte einen Dudelsack, mit dem man ACDC spielen kann. Für den Protoyp musste die Pumpe eines Blutdruckmessgeräts herhalten – einige Tests, mehrere Umbauten und zwei Jahre später – Jost erprobt sein „neues Baby“ sogar auf 2000 Metern Höhe – ist die Redpipe marktreif und besitzt sogar einen Midiausgang. Als Individualist ist ihm Massenproduktion eigentlich zuwider, aber Freunde bearbeiten den Tüftler so lange, bis er die ersten Bands anspricht und seine Redpipe für Übungszwecke zur Verfügung stellt. Die Nachfrage ist jetzt größer als erwartet. „Wer einen `richtigen` Dudelsack beherrscht, wird auch sofort auf der Redpipe spielen können, mit allen Vorteilen“, erklärt Rolf Jost den Erfolg. Dabei will er die klassische Variante keinesfalls ersetzen. Schade wäre das, findet er und empfiehlt das neue Instrument immer dort, wo sich Musiker spontan oder auf der Bühne treffen, wo das gesamte Notenspektrum und schneller Einsatz gefragt sind. redpipe Foto: Jost

Bis zur Erfindung des elektrischen Dudelsacks widmete sich Rolf Jost vor allem alten Holzinstrumenten. So baute er mit Grundschülern der Gustav-Sieber-Schule und ihrem Klassenlehrer Peter Hömseder zum Beispiel mittelalterliche Dulcimer, eine Art Zither aus den USA. Das „Saitenkinder-Projekt“ war nicht nur einzigartig und ziemlich teuer sondern auch recht erfolgreich, weshalb Rolf Jost gleich für eine Musik-AG verpflichtet worden ist. Vor kurzem entstand unter seiner Federführung außerdem ein Weihnachtsrap-Musikvideo auf dem Ludwigsburger Weihnachtsmarkt. Seine neueste musikpädagogische Idee ist ein Podcast-Projekt für die gesamte Schule. „Denn Kinder sind unserer Zukunft und Musik kann viel bewirken“, ist Rolf Jost überzeugt. herrn homseders musikalische klasse v.l.n.r.: Rolf Jost, Peter Hömseder, Horst Tögel und die ehemalige 4a der Gustav-Sieber-Schule, Foto: Bigy Jost

Der Tüftler ist ein Multitalent und will sich nicht auf eine Ausdrucksform beschränken und so kam
Rolf Jost in den 70ern zum Film – vor allem aus Liebe zur Technik. „Ich habe mein Leben lang nur das gemacht, was mir Spaß macht“, blickt Rolf Jost zurück und weiß genau: Sein Weg als Autodidakt wäre heute nicht mehr so problemlos möglich. Allerdings: Kein bekannter Filmemacher seiner Zeit hat je eine Film-Hochschule von Innen gesehen – es gab damals schlicht keine Filmakademien in Deutschland. Entsprechend seinem Motto „Man muss nicht alles lernen was man kann“ bastelt und experimentiert der junge Jost also ständig an irgendwas herum, beginnt eine technische Ausbildung und gönnt sich von seinem ersten Lehrlingsgehalt eine Super-8-Kamera, weil ihn die Technik fasziniert. In einer Media-Agentur entwickelt Jost einige Jahre später diverse Prototypen, kümmert sich einige Zeit lang um die ersten Großcomputer und hat bald genug von Brotjob, Stempelkarten und geregelten Arbeitszeiten – mit VW-Bus, Kamera und Frau Bigy will er die Welt entdecken. Er fährt mitten hinein in die Sahara und bringt Bilder mit, die in der Branche ankommen. Befreundete Filmer und Agenturen schanzen ihm von da ab ständig neue Aufträge zu. So produziert das Ehepaar bald Reiseberichte für Voxtours und macht sich einen Namen mit einfühlsamen Dokumentationen, die auf Arte oder im ZDF laufen.

Heute kümmert sich Rolf Jost am liebsten um eher unspektakuläre Themen – seine Filme über Pflanzen, Tiere, fremde Länder und besondere Menschen zeigen immer seinen anderen Blick auf die Dinge. Sorgen bereiten dem Perfektionisten höchtens lästige technische Mängel. So erfindet der Daniel Düsentrieb aus dem Glemstal kleine Heißluftballone die schwenkbare Kameras tragen oder Steadycams fürs Handgepäck. rolf jost Foto: Jost

Auch fotografiert hat Rolf Jost schon als Kind und verliebt sich außerdem sehr früh in die Geschichten von Donald Duck, die er sich vom Bruder vorlesen lässt. Vermutlich der Hauptgrund, warum Jost trotz aller Perfektionalität eher mit dem „friendly looser“ sympathisiert und sich mit Donaldisten zum neuesten Tratsch aus Entenhausen trifft. Wir groß ist Donald? Wer sind die Eltern von Tick, Trick und Track und warum kann Oma Ducks Knecht eigentlich ständig faul unterm Baum rumfläzen? Fragen, denen der nicht-eingetragene Verein am liebsten bei Donaldisten-Kongressen nachgeht. Der nächste steigt übrigens am 4. April 2009 im Löwensteinmuseum.

Rolf Jost fühlt sich eben in vielen Welten zuhause. www.redpipe.eu, www.emotion-film.de, www.saitenkinder.de, www.donald.org

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